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einestages

Schlacht von Mogadischu

Als Amerikas Stahlvögel stürzten

Sie kamen in einer Friedensmission und landeten im Guerillakrieg: 1993 sollten US-Soldaten Uno-Truppen in Somalia schützen. Doch "Operation Irene" endete in einem Desaster mit Hunderten Toten - und wurde zum Trauma für die amerikanische Öffentlichkeit.

Corbis
Von
Mittwoch, 02.10.2013   16:05 Uhr

Nur eine Stunde, hatte man den nervösen Männern gesagt. Länger sollte die Operation nicht dauern. Unter der grellen Sonne Somalias machten sich die Soldaten am Nachmittag des 3. Oktober 1993 einsatzbereit. Männer aus den Eliteverbänden der Army Rangers, der Delta Force und auch vier Navy Seals. Soldaten, die zu den Besten der US-Streitkräfte gehörten. Voll unruhiger Erwartung saßen sie in Transport-Hubschraubern und Geländewagen und warteten auf den Einsatzbeginn. Ihr kommandierender General William F. Garrison ging herum und wünschte den Soldaten in breitem texanischen Akzent Glück. Aber auch eine Warnung gab er jedem mit: "Sei vorsichtig!".

Ziel ihrer Mission war die Festnahme zweier führender Gefolgsleute des Warlords Mohammed Farah Aidid in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Seit Aidids Männer pakistanische Uno-Soldaten getötet hatten, war er der erklärte Feind der Uno-Mission in Somalia, an der sich auch die USA mit Kampftruppen beteiligten.

Kurz nach halb vier kam endlich der Einsatzbefehl. Die später nach dem Startcode auch als "Operation Irene" bezeichnete Mission hatte begonnen. Vier Kampfhubschrauber vom Typ AH-6, vier Hubschrauber MH-6 Little Bird und acht UH-60 Black Hawks stiegen in den Himmel auf, am Boden setzten sich neun Humvees und drei Lkw in Bewegung. Insgesamt 160 Männer brachen zur Jagd nach Aidids Schergen auf - ein Aufgebot, das deutlich machte, welchen Stellenwert der Einsatz für das US-Militär hatte.

Ihr Ziel befand sich nur wenige Flugminuten entfernt: Ein Gebäude nahe dem Hotel Olympic in Mogadischu. Die MH-6-Hubschrauber sollten vier Teams zu je vier Mann der Delta Forces absetzen, deren Aufgabe es war, das Gebäude zu stürmen und die Verdächtigen festzunehmen. Die Army Ranger sollten sich an vier Punkten des Gebäudes aus ihren Black Hawks abseilen und die Gegend gegen feindliche Kämpfer sichern. Der Fahrzeugkonvoi schließlich hatte die Gefangenen und die US-Soldaten abzutransportieren.

Zunächst schien alles glatt zu laufen: Ein Army Ranger verletzte sich beim Abseilen, sonst ging alles nach Plan. Die Delta Force meldete aus dem gestürmten Gebäude, die gesuchten Männer befänden sich in Gewahrsam. Doch dann nahm "Operation Irene" eine unerwartete Wendung - und endete in einer Katastrophe, die 18 US-Soldaten und Hunderte Somalis ihr Leben kosten sollte.

Auf dem Weg in die Katastrophe

Aidids Milizionäre hatten aus den sechs vorherigen Überraschungsangriffen der Amerikaner gelernt - und gingen diesmal gut vorbereitet zum Gegenangriff über. Mit Megaphonen stachelten sie zudem die Bewohner des Viertels zum Angriff auf. Schon nach wenigen Augenblicken wurden die Amerikaner von allen Seiten in Feuergefechte verwickelt. Ein Soldat wurde niedergeschossen. Über Funk kam eilig die Frage nach seinem Zustand. Die knappe Antwort: "Er ist tot". Dann Schweigen. Mittlerweile herrschte Chaos, überall Schüsse, im Gewirr der Straßen liefen bewaffnete Somalis umher. Die nächste Hiobsbotschaft traf ein: Die Milizionäre hatten mit Panzerfäusten Jagd auf die Bodenfahrzeuge gemacht und einen der Laster gesprengt. Immer mehr Verwundete waren im Gewirr der Straßen Mogadischus zu beklagen, niemand behielt den Überblick. Doch es kam noch schlimmer.

"Ein Vogel ist getroffen. Ein Vogel ist getroffen", meldete ein Army Ranger panisch. Er hatte gesehen, wie ein Milizionär mit einer Panzerabwehrgranate einen Black Hawk vom Himmel holte. Auch General Garrison beobachtete in der Kommandozentrale live über Hubschrauberkameras, wie "Super Six One" zu Boden ging. Gleich nach dem Abschuss machten sich somalische Kämpfer auf den Weg zur Absturzstelle, um mögliche Überlebende gefangen zu nehmen - oder zu töten.

Für die Somalis waren die Hubschrauber ein Symbol amerikanischer Überlegenheit. Sie griffen stets blitzschnell aus der Luft an und waren bereits wieder auf dem Rückweg, ehe die somalischen Milizen überhaupt wussten, wie ihnen geschah. Eine dieser Maschinen vom Himmel geholt zu haben, war für die Kämpfer ein riesiger Triumph über die verhassten Amerikaner.

Die Lage der US-Soldaten verschlimmerte sich weiter: Kurz nach "Super Six One" wurde der Black Hawk "Super Six Four" ebenfalls getroffen und kam herunter. Gleichzeitig erlebte der Konvoi am Boden eine Höllenfahrt durch Mogadischu unter Dauerbeschuss, versuchte sich durch Straßensperren zu kämpfen und wurde sogar von Frauen und Kindern angegriffen. Vergeblich suchten die Fahrzeuge einen Fluchtweg aus der Stadt. Doch die Kämpfer der Miliz wollten ihre Beute um keinen Preis entkommen lassen. Die Operation drohte im völligen Desaster zu enden.

Mündungsfeuer erhellte die Nacht

Dabei hatte der Einsatz in Somalia eigentlich vielversprechend angefangen: Eine Uno-Mission hatte versucht, die Nahrungsversorgung des Landes wieder sicherzustellen, das durch einen verheerenden Bürgerkrieg seit 1991 Zehntausende Hungertote zu beklagen hatte. Um ihren Einsatz gegen die miteinander verfeindeten Milizen in Somalia abzusichern, hatte die Uno auch Truppen entsandt, die USA waren daran beteiligt. Als die ersten US-Soldaten am 9. Dezember 1992 an der Küste des Bürgerkriegslandes gelandet waren, hatte sie noch das Blitzlichtgewitter neugieriger Journalisten begrüßt. Bald aber war es zur Konfrontation zwischen den Uno-Truppen und Aidids Miliz "Somali National Alliance" gekommen, die mehr als 20 pakistanische Uno-Soldaten getötet hatte. Und so war die Jagd nach dem Warlord eröffnet worden.

Am 3. Oktober 1993, als die Black Hawks vom Himmel stürzten, schien sich die Situation umzukehren: Aidid jagte jetzt die Amerikaner. Die US-Einsatzgruppe, immerhin ein Bestandteil der mächtigsten Armee der Welt, wurde in den Straßen von Mogadischu von ein paar tausend somalischen Milizionären bedrängt. Die Amerikaner kämpften um ihr nacktes Überleben. Und die Nacht rückte allmählich näher.

Erst jetzt gelang es General Garrison, einen effektiven Vorstoß nach Mogadischu zu organisieren - mit Hilfe malaysischer und pakistanischer Uno-Truppen, die ihm Panzer und gepanzerte Transporter zur Verfügung stellten. Fast 100 Fahrzeuge fuhren in Mogadischu ein. Der Lärm war ohrenbetäubend, als sich der Rettungskonvoi aus allen Rohren feuernd den Weg freikämpfte und das Mündungsfeuer die Dunkelheit erhellte.

Tote durch die Straßen geschleift

Der Konvoi teilte sich schließlich. Eine Gruppe schlug sich in Richtung der Absturzstelle von "Super Six One" durch und konnte die Überlebenden und den Konvoi befreien. Mühsam kämpfte sich der zweite Teil des Rettungstrupps durch verminte Straßensperren zur Absturzstellestelle von "Super Six Four" durch. Dort erwartete die Retter ein Bild des Schreckens: Blutspuren, Kleiderfetzen und jede Menge Patronenhülsen - aber keine Spur von den sechs vermissten Amerikanern.

Die schlimmste Entdeckung aber sollte noch folgen: Bald flimmerten über die Fernsehgeräte Bilder, wie die entkleideten Leichen toter G.I.s unter dem Beifall eines wütenden Mobs von Somaliern durch die Straßen Mogadischus geschleift und geschändet wurden. In ihrer Wut plädierten einige US-Piloten dafür, hinzufliegen, alles kurz und klein zu schießen und die Leichen ihrer Kameraden zu bergen. Der Vorschlag wurde abgelehnt. Nur eine gute Nachricht gab es: Der Pilot von "Super Six Four", Michael Durant, hatte überlebt und war gefangen genommen worden. Etwa eine Woche später wurde er freigelassen.

Der Schock bei den Amerikanern, die in dem Bewusstsein gekommen waren, dem Land zu helfen, saß tief. Statt dafür zu sorgen, dass die somalischen Menschen Essen und Wasser erhielten und Milizen entwaffnet wurden, sahen sie sich jetzt einem ausgewachsenen Guerillakrieg gegenüber. "Operation Irene" erhielt aufgrund ihres katastrophalen Fazits bald den Beinamen "Schlacht von Mogadischu". 18 tote amerikanische Soldaten, ein toter Soldat aus Malaysia und unzählige Tote auf somalischer Seite hatte der Einsatz gekostet.

Hollywood entdeckt das Massaker

"Wie konnte das geschehen?", soll Präsident Bill Clinton bei Bekanntwerden der Horrornachrichten bestürzt gefragt haben. Die öffentliche Unterstützung in den USA für den humanitären Einsatz schlug ins Gegenteil um. "Die Leute, die amerikanische Tote durch die Straßen geschleift haben, sahen nicht besonders hungrig aus in den Augen der Texaner", brachte ein US-Senator die Stimmung auf den Punkt. Schon bald zeigte der Stimmungsumschwung Folgen: Die USA leiteten ihren Rückzug aus Somalia ein.

Acht Jahre später brachte der Regisseur Ridley Scott das Drama von Mogadischu 2001 auf die Kinoleinwand. "Black Hawk Down" lautete der Titel, der im deutschen die pathetische Ergänzung "Kein Mann bleibt zurück" erhielt. Treffend war sie nicht: Wahrscheinlich mehr als 1000 Tote hatte "Operation Irene" hinterlassen.

insgesamt 15 Beiträge
Dennis Idaczyk 04.10.2013
1.
Guter Film darüber: Black Hawk Down zeigt die US Niederlage in Somalia!
Guter Film darüber: Black Hawk Down zeigt die US Niederlage in Somalia!
Kai Heinrich 04.10.2013
2.
"Trauma für die amerikanische Öffentlichkeit"? Wenn in den USA ein Bus verunglückt, ein Kind Amok läuft oder eine Bombe hoch geht wird sogleich von der traumatisierten Seele der US-Amerikaner geschrieben. [...]
"Trauma für die amerikanische Öffentlichkeit"? Wenn in den USA ein Bus verunglückt, ein Kind Amok läuft oder eine Bombe hoch geht wird sogleich von der traumatisierten Seele der US-Amerikaner geschrieben. Passieren weit schlimmere Dinge in irgendeinem anderen Land dieser grossen Erde wird höchsten von geschockten Hinterbliebenen berichtet. Wieso hat die USA eine so empfindsame Seele und andere Länder nicht? Ich glaube kein wenig das solche Dinge eine gleich ganze Nation erschüttern, auch wenn immer so was scheinbar unreflektiert geschrieben wird.
Lorenzo Barese 04.10.2013
3.
Ähm... eine Operation Irene gab es nie! Das Codewort zum Start des Einsatzes war "Irene" - sonst nichts. Der Einsatz selber hieß "Operation Gothic Serpent" und ging aus "Operation Restore Hope" [...]
Ähm... eine Operation Irene gab es nie! Das Codewort zum Start des Einsatzes war "Irene" - sonst nichts. Der Einsatz selber hieß "Operation Gothic Serpent" und ging aus "Operation Restore Hope" hervor.
Vanessa Schmidt 04.10.2013
4.
Da man getötete Feinde selten mitnimmt, traf der Untertitel sehr wohl zu.
Da man getötete Feinde selten mitnimmt, traf der Untertitel sehr wohl zu.
Peter Thomsen 04.10.2013
5.
Wo bleiben jetzt die "Stahlvögel" aus der Überschrift? Ich erwartete Neuigkeiten über die Bauweise von Flugzeugen und Hubschraubern. Bisher hatte ich gelernt, dass die aus Aluminium bestünden. Habe ich da was [...]
Wo bleiben jetzt die "Stahlvögel" aus der Überschrift? Ich erwartete Neuigkeiten über die Bauweise von Flugzeugen und Hubschraubern. Bisher hatte ich gelernt, dass die aus Aluminium bestünden. Habe ich da was verpasst?

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