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einestages

TV-Helden mit Erziehungsauftrag

Als Knight Rider gegen Cannabis kämpfte

Stars wie He-Man, die Transformers oder Superman warben im US-Fernsehen für Obst, Hustenimpfungen und Weltfrieden. Manche der Clips waren lehrreich, andere schlicht bizarr.

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Montag, 04.12.2017   11:26 Uhr

Das Monstrum ist besiegt. Der Raubsaurier, der New York terrorisierte - Spider-Man hat ihn zum Zoo gebracht. In Spinnenseide verpackt. Nun ehrt der Bürgermeister ihn: "Für die Rettung unserer Stadt überreiche ich dir eine Belohnung von 400 Millionen..." "Entschuldigung!", unterbricht Spider-Man, "eigentlich hätte ich lieber eine Banane." Zu tosendem Jubel überreicht man ihm die Frucht. Er schwingt sich davon, und man hört: "Spider-Man liebt Bananen. Esst Obst - nascht schlau!"

Michael Knight hat etwas auf dem Herzen: "K.I.T.T.", sagt er seinem sprechenden Sportwagen, "ich will Kindern klarmachen, dass Drogen schlecht sind!" Das Auto pflichtet bei: "Über 100.000 kamen letztes Jahr wegen Drogen ins Krankenhaus." Eine ist Knight besonders suspekt: "Wusstest du, dass Marihuana die sexuelle Reifung beeinträchtigen kann?" K.I.T.T. rät: "Sag ihnen einfach: 'Illegale Drogen sind schlecht - lasst die Finger davon!'"

Die Zeit läuft ab. Batman und Robin sind gefesselt, die Bombe tickt. Doch da: Ein Fenster birst, herein hechtet Batgirl, um sie zu retten. Oder? Batman fleht: "Binde uns los!" Doch sie will diskutieren: "Ich arbeitet schon lange für dich, aber mein Lohn ist niedriger als Robins". Der verdreht die Augen. Sie insistiert: "Gleicher Job, gleicher Arbeitgeber - Gleichbezahlung für Männer und Frauen!" Batman grollt: "Keine Zeit für Scherze!" Doch sie erwidert, das sei kein Witz: "Das ist das Bundesgesetz für Gleichbezahlung!"

"Public service announcements" (PSA) nennt man in den USA solche honorarfrei produzierten Aufklärungsclips von Regierungs- und Nonprofit-Organisationen. Regelmäßig ermahnen sie im TV und Radio zu gesunder Ernährung, warnen vor Einbrechern oder Umweltverschmutzung.

Zwar sind ähnliche Formate auch in anderen Ländern bekannt - in Deutschland etwa durch die Verkehrssendung "Der 7. Sinn" oder die Kampagne "Gib AIDS keine Chance". Doch nirgends gehören die Clips so zur Popkultur wie in den USA. US-Journalistin Linda Wertheimer sagte es so: "Gäbe es eine Enzyklopädie des amerikanischen Gewissens, wäre sie in unseren Public service announcements zu finden." Und zu verdanken haben die USA dieses Gewissensarchiv der Kriegspropaganda.

Rassistischer Kaninchentanz

Die historischen Wurzeln der PSAs reichen zurück bis zum Amerikanischen Bürgerkrieg. Um ihn zu finanzieren, verkauften die Nordstaaten Kriegsanleihen per Zeitungsannoncen - von Zeitungen kostenfrei abgedruckt.

Die Methode war so erfolgreich, dass die USA auch bei folgenden Kriegen darauf zurückgriffen: Nach dem Eintritt in den Ersten Weltkrieg 1917 etwa suchte die Regierung Rekruten mit den berühmten "Uncle Sam"-Werbeplakaten, die Helfer kostenfrei herstellten. Im Zweiten Weltkrieg kam dann das Medium Film ins Spiel: So suchte etwa 1942 Bugs Bunny mit einem bizarren Blackfacing-Clip im Namen der USA nach Käufern von Kriegsanleihen.

Nach Kriegsende wurde die Produktion von PSAs institutionalisiert. Zuständig war der zu Kriegszeiten für Propaganda-Werbekampagnen verantwortliche "War Advertising Council", nun "Advertising Council" umgetauft. Auf Drängen Präsident Roosevelts unterstützte der Rat fortan auch zivile Kampagnen, immer öfter als TV-Werbespots. Berühmt wurde in den USA etwa das Maskottchen "Smokey Bear", das ab den Vierzigerjahren vor Waldbränden warnte.

Falsche Tränen der Industrie

Grundbedingung für diese zivilen PSAs war, dass sie einem als "gemeinnützig" anerkannten Ziel dienten. Allerdings waren die dafür gewählten Mittel mitunter so bizarr, dass die Clips eher unfreiwillig zum Kult wurden: Etwa, als das PSA "This is your brain on drugs" 1987 als fragwürdiges Bild für die Wirkung von Drogen auf das Gehirn ein brutzelndes Spiegelei wählte.

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Fotostrecke: "Pflanzen und Tiere respektieren!"

Die Federal Communications Commission verpflichtete US-Sender schließlich sogar, Berichte zu erstellen, wie viele PSAs sie wann sendeten. Das schmeckte vielen nicht: 1967 landete das Zerren um eine Quote für Anti-Zigaretten-PSAs vor Gericht. Das allerdings bestätigte nur, dass Sender "einen signifikanten Zeitraum" für solche Gesundheitsbotschaften bereitstellen mussten, ob sie nun wollten oder nicht. Künftig mussten für alle drei Zigarettenwerbungen ein Anti-Rauch-PSA gezeigt werden.

Nicht nur Sender und Industrie, auch Verbraucherverbände kritisierten in den Siebzigerjahren PSAs. Besonders eine Kampagne von 1971, die als "Crying Indian"-PSA in die Fernsehhistorie einging. Darin rudert ein amerikanischer Ureinwohner durch verdrecktes Wasser, um schließlich durch Müll an Land zu waten und sich mit einer Träne im Auge umzuschauen. Slogan: "People start pollution - people can stop it."

Das Skandalöse: hinter der Botschaft, dass jeder Bürger selbst zum Umweltschutz beitragen müsse, steckte ein Gremium aus Vertretern der größten Umweltverschmutzer der USA: etwa Allied Chemicals, US Steel oder American Can. Letztere, so John McDonough in seinem Buch "Advertising Age", hatten die Kampagne finanziert. Sie wurde ein frühes Beispiel für "Greenwashing".

Roboter gegen Keuchhusten

Trotz vielfältiger Kritik an PSAs verschwanden sie nicht. Im Gegenteil: Gerade in den Siebziger- und Achtzigerjahren kam es in den USA zu einer Blütezeit dieser Werbefilme - in denen nun auch oft aus Film und TV bekannte Figuren mitspielten: So machten beispielsweise im "Star Wars"-Fieber der späten Siebzigerjahre die Droiden C3-PO und R2-D2 Werbung gegen das Rauchen. Oder für Kinder-Keuchhustenimpfungen. Oder dafür, den Kühlschrank zu staubsaugen, um Energie zu sparen.

Das Fernsehen war nun voll gemeinnütziger fiktiver Helden: Während Kermit der Frosch für den Weltfrieden warb, demonstrierte Batman, wie man das Heimlich-Manöver ausführt, wenn sich jemand verschluckt.

Besonders Cartoon-Helden engagierten sich. In den Achtzigerjahren bürgerte es sich ein, direkt am Ende von Zeichentrickserien pädagogisch wertvolle Erziehungsclips einzublenden. So erklärten He-Man und die "Masters of the Universe" regelmäßig ihren jungen Zuschauern, wie man sich in der Natur zu verhalten hat oder was man eigentlich bei einem Erdbeben tut. Und "G.I. Joes" Kumpanen dozierten, wie man brennende Menschen löscht und warum man nicht mit Fahrrädern über abgerissene Stromleitungen springen sollte. Langsam, aber sicher mutierte das Kinderprogramm zur Unterrichtsstunde.

Eigentlich waren Stars in PSAs nichts Neues. Doch fiktive Helden boten einen großen Vorteil gegenüber realen Promis: Zwar reagierten die Zuschauer "sehr positiv" auf prominente Sprecher, erklärt Bill Goodwill, der seit Jahrzehnten PSAs produziert und die Website psaresearch.com betreibt. Doch sie könnten "moralische Probleme aufwerfen", wenn ihr Verhalten außerhalb der Kampagne nicht ganz so tadellos ausfalle.

So tauchte im Mai 2007 im Internet ein Clip von David Hasselhoff auf, der im "Knight Rider"-PSA so entschieden vor dem Drogenkonsum gewarnt hatte. Er lag sturztrunken und halbnackt auf dem Boden und versuchte, einen Hamburger zu essen, während seine entsetzte Tochter Taylor Ann ihm vorhielt: "Du hattest mir versprochen, keinen Alkohol zu trinken!" Das virale Video zog einen Skandal nach sich, durch den er sich als Alkoholiker outen musste und das Besuchsrecht für seine Töchter verlor. Der Slogan seines PSAs hatte sich zugleich bewahrheitet und auf zynische Weise gegen ihn gewendet: "Kindern klarmachen, dass Drogen schlecht sind."

Eine menschliche Blöße, die Spider-Man sich nie gegeben hätte. Der will schließlich nur Bananen.

insgesamt 5 Beiträge
Jan Mödden 04.12.2017
1. Unterhaltsam
Hey , Interessanter Artikel. Eine Sache bekomme ich nicht mehr aus dem Kopf seit ich das vorhin gelesen habe. Was ist damit gemeint , dass man Kühlschränke staubsaugen soll um Energie zu sparen ?
Hey , Interessanter Artikel. Eine Sache bekomme ich nicht mehr aus dem Kopf seit ich das vorhin gelesen habe. Was ist damit gemeint , dass man Kühlschränke staubsaugen soll um Energie zu sparen ?
Michael Kalus 04.12.2017
2. Naja nicht ganz
---Zitat--- Der Slogan seines PSAs hatte sich zugleich bewahrheitet und auf zynische Weise gegen ihn gewendet: "Kindern klarmachen, dass Drogen schlecht sind." ---Zitatende--- Er warnte vor "Illegalen [...]
---Zitat--- Der Slogan seines PSAs hatte sich zugleich bewahrheitet und auf zynische Weise gegen ihn gewendet: "Kindern klarmachen, dass Drogen schlecht sind." ---Zitatende--- Er warnte vor "Illegalen Drogen", Alkohol ist ja keine Illegale Droge und wie der Mensch weiss, wenn es Illegal ist bist Du sofort Tot oder lebst in der Gosse. Legale Drogen hingegen sind total harmlos. /s
Felix Hauck 04.12.2017
3.
Da fällt mir ein Clip aus den 50ern ein, in demes hieß man könne indem man sich unter nen Tisch wirft seine Überlebenschancen bei einer nuklearen Explosion erhöhen. Größtenteils Bullshit, wenn man sich vor Augen hält, was [...]
Da fällt mir ein Clip aus den 50ern ein, in demes hieß man könne indem man sich unter nen Tisch wirft seine Überlebenschancen bei einer nuklearen Explosion erhöhen. Größtenteils Bullshit, wenn man sich vor Augen hält, was für Kräfte bei der Zündung einer Atombombe am Werk sind. Nichtsdestotrotz wird dieser durch PSAs verbreitete Mythos bis heute teilweise den Menschen auf Hawaii oder in Japan erzählt.
Alexander John 05.12.2017
4. Wenn
Marihuana die sexuelle Reifung beeinträchtigen kann, was kann dann Alkohol? Da hätten sie den Hasselhoff doch auch nehmen können... DIese absurde Methode, um Kinder zu beeinflussen, hätten sie mal lieber bei Waffen, Alkohol [...]
Marihuana die sexuelle Reifung beeinträchtigen kann, was kann dann Alkohol? Da hätten sie den Hasselhoff doch auch nehmen können... DIese absurde Methode, um Kinder zu beeinflussen, hätten sie mal lieber bei Waffen, Alkohol und Opiaten durchziehen sollen, anstatt ihren Kindern zu erzählen, dass Gras schlecht sei. Und jetzt ist es in soviel Staaten ganz freigegeben, warum, wird der ein oder andere indoktrinierte bestimmt wissen wollen, währenddessen er Hustenmittel mit Opiaten einnimmt und seine 20 Waffen putzt. Wie inzwischen alle wissen, ist die Prohibition dummes Zeug gewesen, aber für irgentwas musste ja die Alkohol-Jäger-Truppe nach dem Ende dieser unsäglichen Zeit eingesetzt werden. Da kam Marihuana gerade recht...
Billie-Bob Basar 08.12.2017
5. Naja,
was so die Bildunterschriften angeht... Bild 9: "Black-Face Maske bei Bugs Bunny, das war aber eigentlich noch usus in dieser Zeit da die (offizielle) Rassentrennung in den USA ja erst Ende der 60er richtig voranging und [...]
was so die Bildunterschriften angeht... Bild 9: "Black-Face Maske bei Bugs Bunny, das war aber eigentlich noch usus in dieser Zeit da die (offizielle) Rassentrennung in den USA ja erst Ende der 60er richtig voranging und heute immer noch nicht dort richtig abgeschlossen ist. Bild 11 und 12: solche PSA Teile waren bis weit in die 70er hinein in fast jedem DC-Comic in den Staaten auf der Seiten im Anfangs- oder Endbereich ab ca. 1951 abgedruckt. Passt ja auch, da ja gerade bei den Superhelden die Herkunft, das Aussehen, die Rasse oder Religion eigentlich total egal ist. Wer könnte sowas besser rüberbringen als *der*Superheldenpfadfinder schlechthin. Bild 13: zeigt aber eindeutig einen Mogwai (Gizmo). Ein Gremlin wird "geboren" wenn man einem Mogwai nach Mitternacht etwas zu essen gibt, wobei sich schon damals die Frage entwickelte - wann ist eigentlich nach Mitternacht - immer Ortszeit?

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