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einestages

Björn Engholms Rücktritt vor 25 Jahren

Untergang an der Waterkant

Als Lichtgestalt der SPD hatte er gute Chancen, Kanzler Helmut Kohl abzulösen. Dann holte ihn eine Lüge aus der Barschel-Affäre ein - vor 25 Jahren legte Björn Engholm seine politischen Ämter nieder.

ullstein bild/Rainer Unkel
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Donnerstag, 03.05.2018   12:55 Uhr

Selten lagen in Politikerkarrieren steiler Aufstieg und jäher Fall so nah beieinander. Und das gleich doppelt - beim Amtsinhaber wie auch bei seinem Herausforderer. Die Barschel-Affäre zählt zu den größten Skandalen der bundesdeutschen Geschichte und erschütterte Schleswig-Holstein 1987: Mit einer Schmutzkampagne aus der Kieler Staatskanzlei, gefördert oder gedeckt durch den CDU-Ministerpräsidenten Uwe Barschel, sollte ein Wahlsieg des SPD-Spitzenkandidaten Björn Engholm um jeden Preis verhindert werden.

Die Schlüsselfigur war Reiner Pfeiffer, der als Barschels Medienreferent Engholm auszuspionieren und mit Falschinformationen zu denunzieren versuchte - von vermeintlicher Steuerhinterziehung über die Beschattung durch Detektive bis zu Hinweisen über angebliche Homosexualität und ein "ausschweifendes Leben mit dem weiblichen Geschlecht" des Sozialdemokraten. Über ein "Waterkantgate" berichtete der SPIEGEL bereits kurz vor der Landtagswahl am 13. September 1987, dann ausführlich mit der Titelgeschichte "Barschels schmutzige Tricks", die am Vorabend der Wahl bekannt wurde. Das löste ein politisches Erdbeben aus.

In einer Pressekonferenz gab Uwe Barschel am 18. September 1987 noch sein "Ehrenwort - ich wiederhole: Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort! -, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind". Als der Druck auf ihn wuchs, trat er zwei Wochen später zurück. Ein Reporter fand ihn am 11. Oktober 1987 tot in einer Badewanne des Genfer Hotels Beau Rivage. Barschel starb an Medikamentenvergiftung; ob Suizid oder Mord, ist bis heute umstritten . Die Ermittlungen wurden 1998 eingestellt.

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Engholms Rücktritt: Schubladen voller Geld - Triumph und Sturz

Bei den Landtags-Neuwahlen errangen die Sozialdemokraten im Mai 1988 die absolute Mehrheit. Den neuen Ministerpräsidenten Björn Engholm sahen seine Anhänger als Lichtgestalt, charismatisch und integer. Im Mai 1991 wurde der smarte Schöngeist zudem SPD-Bundesvorsitzender, die Nominierung als Kanzlerkandidat für die Bundestagswahl 1994 war nur noch Formsache - Engholm hatte gute Aussichten, CDU-Kanzler Helmut Kohl nach zwölf Regierungsjahren abzulösen.

Angeblich vom windigen Pfeiffer nichts gewusst

Doch im Frühjahr 1993 holte ihn die alte Geschichte wieder ein. Einräumen musste Engholm eine Falschaussage als Zeuge vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Aufklärung der Barschel-Affäre - in einem scheinbar nebensächlichen Detail, aber exakt neben der Wahrheit. Am 3. Mai 1993 legte der Hoffnungsträger der SPD alle politischen Ämter nieder, um "mein Land und meine Partei davor zu bewahren, mit meinem politischen Fehler identifiziert zu werden".

Engholm hatte sich mehrfach festgelegt, er habe bis zur SPIEGEL-Enthüllung nichts gewusst von Barschels Medienreferent Reiner Pfeiffer und dessen Diffamierungskampagne. Nun aber kam 1993 heraus, dass er zumindest fünf Tage früher informiert gewesen war. Sein Anwalt Peter Schulz hatte Engholm am 7. September mitgeteilt, was er selbst soeben vom SPD-Landesvorsitzenden Günther Jansen und von Pressesprecher Klaus Nilius erfahren hatte: dass Pfeiffer auspacken und Barschel belasten wolle.

Die zeitliche Differenz hatte für Engholm fatale Folgen: Aus nahezu nichtigem Anlass wurde aus dem Beinahekanzler in Bonn ein 53-jähriger politischer Frührentner in Lübeck. Erst der Triumph, dann der Sturz - und dabei hatte er noch Glück, dass die Lüge vor dem Ausschuss strafrechtlich gerade verjährt war.

Video (2007): "Da ist eine Sauerei passiert" - Erich Böhme, früherer SPIEGEL-Chefredakteur, über die Barschel-Affäre

Foto: dbate.de

"An mich, an ein Gremium meiner Partei hat sich Herr Pfeiffer nicht gewandt", hatte Engholm gleich nach Barschels pathetischem "Ehrenwort" vor der Presse beteuert. Es gebe nirgends, "weder beim Landesvorstand noch beim Fraktionsvorstand noch bei mir noch sonstwo eine erkennbare Anlaufstelle für Herrn Pfeiffer".

Am 9. Oktober 1987 erklärte Engholm zudem, er hätte den Wahlkampf vermutlich abgebrochen, wenn er von den Machenschaften erfahren hätte: "Ich bin meinem Herrgott dankbar, dass ich nicht unterrichtet gewesen bin (...) Ich hätte vermutlich auch mit Herrn Barschel keine der beiden Fernsehdiskussionen führen können im Bewusstsein, dass er vielleicht Urheber vieler dieser Dinge ist." Das zweite Fernsehduell lief indes, nachdem Anwalt Schulz ihn eingeweiht hatte.

"Ich hatte die Sache bis zum Stehkragen"

Seine Unkenntnis von Pfeiffer vor dem Wahltag bekräftigte Engholm sechsmal vor dem Untersuchungsausschuss bei einer mehrstündigen Befragung am 28. November 1987. Und hielt hartnäckig an der Legende fest. Noch 20 Jahre später im Deutschlandfunk sprach er von einer "Spontanantwort", die er auch bei der Autorisierung der Ausschussprotokolle nicht berichtigt habe, weil er "diese Scheißprotokolle, auf gut Deutsch gesagt, nicht mehr in die Hand genommen" habe: "Ich hatte die Sache bis zum Stehkragen."

Ans Licht kam die Falschaussage, als eine Ex-Geliebte Reiner Pfeiffers Anfang 1993 rachsüchtig der Illustrierten "Stern" petzte, dass Pfeiffer 50.000 Mark in bar von der SPD erhalten hatte - Pressesprecher Klaus Nilius überbrachte das Geld 1988 und 1989 in zwei Tranchen. Sofort kam ein Verdacht auf: Ist es Schweigegeld, womöglich durch Pfeiffer erpresst?

Der SPD-Landesvorsitzende Jansen behauptete, er habe für den Not leidenden Pfeiffer, der als Journalist keine Anstellung mehr bekam, Banknoten in seiner Küchenschublade gesammelt. Das klang bizarr und wurde weithin belächelt, von Jansen-Kennern indes für durchaus glaubhaft gehalten und nie widerlegt.

Kein "blitzartig überraschtes Opfer"

Wegen Jansens Geldsammelstelle sprach man fortan von der "Schubladenaffäre". Ein weiterer Untersuchungsausschuss versuchte in 241 Sitzungen, Fakten und Spekulationen zu sortieren. Er relativierte die Schuld Barschels an Pfeiffers Aktionen, da eine Anstiftung nicht zu beweisen sei; unbestreitbar bleibe aber, dass Barschel Mitarbeiter zu falschen eidesstattlichen Versicherungen genötigt hatte.

SPD-Zeugen sagten aus, dass Engholm schon Monate vor der Wahl über den Urheber einer anonymen Steueranzeige gegen ihn und seine Bespitzelung durch Detektive im Bilde gewesen sei. Die SPD sei also keineswegs "das blitzartige überraschte Opfer" gewesen, folgerte FDP-Politiker Bernd Buchholz, heute Wirtschaftsminister in Kiel.

Bis Engholm sich zum Rücktritt durchrang, vergingen im Frühjahr 1993 quälend lange Wochen. Öffentlich erklärte er, er habe sich nichts vorzuwerfen und wolle sich jetzt auf die Kanzlerkandidatur konzentrieren. Viele Genossen ermunterten ihn zum Durchhalten, andere drängten auf schonungslose Aufklärung, vor allem der Kieler SPD-Bundestagsabgeordnete Norbert Gansel.

Der Rücktritt wurde unausweichlich, als der SPIEGEL am 1. Mai 1993 über das Schulz-Engholm-Treffen schrieb. "Heckenschützen aus Bonn", haderte Engholm, hätten die Information lanciert, "als die Rücktrittsentscheidung schon getroffen war". Eine Woche später resümierte der SPIEGEL: "Als Anti-Barschel wollte Engholm mit der Distanz zur Politik Politik machen, wollte in die Geschichtsbücher eingehen als der Staatsmann, der Mensch geblieben ist. Nun ist er nur noch Mensch."

Engholms Nachfolgerin in Kiel und damit Deutschlands erste Ministerpräsidentin wurde Heide Simonis, als Kohl-Herausforderer trat Rudolf Scharping an und scheiterte krachend. Im November 1994 legte Engholm auch das Landtagsmandat nieder. Er zog damit die Konsequenz aus der Empörung über seinen Beratervertrag mit dem Energiekonzern PreussenElektra, Miteigner der Kernkraftwerke Brokdorf und Brunsbüttel - als Regierungschef hatte er für einen raschen Ausstieg aus der Atomenergie plädiert. In die Politik kehrte der einstige Hoffnungsträger nicht mehr zurück und engagierte sich fortan in kulturellen und wissenschaftlichen Institutionen.

Zum Autor

insgesamt 11 Beiträge
Frank Kampmann 03.05.2018
1. Im Vergleich zum Meineidkanzler...
scheinen Sozialdemokraten zu anständig für hohe Ämter...
scheinen Sozialdemokraten zu anständig für hohe Ämter...
nikolai hiel 03.05.2018
2. Ja, schade um Engholm.
Der war damals auch mein Favorit. Und der Beitrag: "Im Vergleich zum Meineidkanzler scheinen Sozialdemokraten zu anständig für hohe Ämter... . Dem kann ich nur zustimmen.
Der war damals auch mein Favorit. Und der Beitrag: "Im Vergleich zum Meineidkanzler scheinen Sozialdemokraten zu anständig für hohe Ämter... . Dem kann ich nur zustimmen.
Klaus Sam 03.05.2018
3. Ausgelassen
Ausgelassen haben Sie leider wie es mit Engholm weiterging. Ich habe Jahre später mit ihm ein Interview gesehen, da hat er erzählt dass sein Rücktritt als Kanzlerkandidat das Beste war, was ihm wiederfahren ist. Denn er hatte [...]
Ausgelassen haben Sie leider wie es mit Engholm weiterging. Ich habe Jahre später mit ihm ein Interview gesehen, da hat er erzählt dass sein Rücktritt als Kanzlerkandidat das Beste war, was ihm wiederfahren ist. Denn er hatte inzwischen bei der Industrie angeheuert, zu einem Gehalt das er als Bundeskanlzer nie verdienen konnte. Dazu noch ein Leben ohne ständige Beobachtung der Presse. Seine Lebensqualtität habe nach seiner politischen Laufbahn deutlich zugenommen. Das sollte doch eigentlich zu denken geben.
Kornelia Echzeller 03.05.2018
4. Rücktritte
Das waren noch Zeiten als Politiker von ihren Ämtern zurücktraten wenn sie Mist gebaut hatten. Heutzutage fiele so etwas keinem Politiker mehr im Traum ein - da klebt jeder an seinem Amt bis zur Selbstverleugnung
Das waren noch Zeiten als Politiker von ihren Ämtern zurücktraten wenn sie Mist gebaut hatten. Heutzutage fiele so etwas keinem Politiker mehr im Traum ein - da klebt jeder an seinem Amt bis zur Selbstverleugnung
Martin Schuldt 03.05.2018
5. Bei der CDx wäre das kein Thema gewesen
da wäre niemand darauf auch nur eingegangen.
da wäre niemand darauf auch nur eingegangen.

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