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Mafiosi in Little Italy

New York im Griff der "Schwarzen Hand"

Die mysteriöse "Schwarze Hand" erpresste vor gut 100 Jahren italienische Einwanderer in New York. Polizist Joseph Petrosino setzte der Organisation schwer zu - bis die Mafia sich rächte.

UIG/Getty Images
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Freitag, 19.01.2018   12:00 Uhr

Die Welle heimtückischer Gewalt begann im Sommer 1903, zunächst nur in New York, später in den ganzen USA. Bomben explodierten, Menschen wurden auf offener Straße mit dem Tod bedroht.

Im New Yorker Stadtteil Little Italy entdeckten die Ermittler Leichen, die in Schornsteine gepresst worden waren und in der Sommerhitze verwesten. Meist hatten die Opfer Drohbriefe mit horrenden Lösegeldforderungen erhalten, denen eines gemeinsam war: Am Ende war mit Tinte ein Symbol aufgemalt - eine schwarze Hand.

Dann traf es die ersten Kinder. Am frühen Abend des 2. August 1903 verschwand der acht Jahre alte Antonio Mannino spurlos, nachdem er Bonbons in einem Süßwarenladen in Brooklyn gekauft hatte. Bald darauf erhielt sein Vater, ein reicher Bauunternehmer, Lösegeldforderungen mit dem Zeichen der "Schwarzen Hand". Krank vor Sorge legte er sich für eine Woche ins Bett.

"Ganz New York ist von diesem Verbrechen erschüttert", titelte die "St. Louis Post-Dispatch". Zeitungen von Los Angeles bis Chicago berichteten über den Fall. Weitere Kinder verschwanden - an einem einzigen Augusttag wurden 35 entführt. Antonio tauchte eine Woche später wieder auf; seine Eltern schwiegen darüber, was genau geschehen war. Die Polizei war jedoch sicher, dass der Vater Lösegeld gezahlt hatte.

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Mafia in den USA: New York im Griff der "Schwarzen Hand"

Inzwischen wurden geschätzte 90 Prozent aller italienischen Immigranten in New York erpresst. Die Furcht griff so sehr um sich, dass sogar ein Markt für Versicherungen gegen Angriffe der "Schwarzen Hand" entstand.

Die New Yorker blickten immer misstrauischer auf italienische Immigranten. Hatten 1850 erst rund 800 Italiener in der Stadt gelebt, waren es 1910 schon eine halbe Million. Viele Bürger forderten, die Einwanderung zu stoppen.

Die Wurzeln der "Schwarzen Hand" ließen sich bis ins Jahr 1750 nach Sizilien und in das damalige Königreich Neapel zurückverfolgen. Die Erpressungen in den USA betrieb ein weitverzweigter Clan sizilianischer Emigranten, der Vorläufer einer der fünf Familien der Cosa Nostra war.

Drohbriefe an Enrico Caruso

Der Druck auf das New York Police Department (NYPD) stieg. "Schafft mir sofort den Italiener her!", rief Polizeichef Theodore Bingham bei jedem neuen Fall. Gemeint war Joseph Petrosino - er war 1883 als einer der ersten Italiener zum NYPD gekommen und hatte schnell Karriere gemacht, ab 1895 als Leiter der Mordkommission.

Petrosino stammte aus dem süditalienischen Padula. 1874 war er als 14-Jähriger in die USA gekommen, mit 1,60 Meter eigentlich zu klein für den Polizeidienst und nur durch eine Sondergenehmigung aufgenommen worden. Er war auch sonst anders: Er galt als äußerst schweigsam, lachte nie, trug immer einen langen, dunklen Mantel und als Hut eine schwarze Melone.

Im Kampf gegen die "Schwarze Hand" griff Petrosino zu ungewöhnlichen Mitteln und wurde zu einem Pionier bei der Bekämpfung des organisierten Verbrechens. Er nutzte zahlreiche Verkleidungen, tarnte sich als Klempner, Gangster, orthodoxer Jude, blinder Bettler oder katholischer Priester. Und er hatte zunehmend Erfolg - in seiner Karriere schickte er Hunderte Ganoven auf den elektrischen Stuhl oder in das berüchtigte Gefängnis Sing Sing.

Hatte Petrosino einen besonders harten Fall zu lösen, hörte er zur Beruhigung Musik von Giuseppe Verdi, vor allem "La Traviata". Er war auch eng mit dem berühmten italienischen Tenor Enrico Caruso befreundet, der ebenfalls zum Opfer der "Schwarzen Hand" wurde: Als Caruso ein Gastspiel an der Metropolitan Opera gab, verlangten die Erpresser von ihm 2000 Dollar. Der Sänger bezahlte sofort.

Als das bekannt wurde, bekam Caruso unzählige weitere Drohbriefe. Auch die ersten Erpresser meldeten sich noch einmal - und verlangten diesmal 15.000 Dollar. Verzweifelt wandte sich Caruso an Petrosino, der bei einer fingierten Übergabe die Täter verhaften konnte.

Kommissar auf nicht ganz geheimer Mission

Petrosino blieb rastlos in seinem Kampf. Als Teil des NYPD gründete er die "italienische Truppe", eine zunächst fünfköpfige Spezialeinheit italienischstämmiger Polizisten. Sie hatte mächtige finanzielle Unterstützer, darunter die Milliardäre Andrew Carnegie und John D. Rockefeller, die italienische Handelskammer von New York wie auch die New Yorker Börse. In ihrem ersten Jahr verhaftete die Truppe Hunderte Täter der "Schwarzen Hand", die Zahl der Verbrechen in New York City sank kurzzeitig um 50 Prozent.

Schnell geriet Petrosino selbst ins Visier des organisierten Verbrechens. Die US-Gesetze sahen vor, dass Einwanderer bei Straftaten bis zu drei Jahre lang nach ihrer Einbürgerung zurück in ihre Heimat geschickt werden konnten. Petrosino überführte auch den sizilianischen Paten Vito Cascio Ferro, der 1901 illegal in die USA eingereist war, und verhaftete ihn wegen Geldfälschung und Erpressung. Noch bevor er auf das nächste Schiff nach Italien abgeschoben wurde, schwor Don Vito, sich zu rächen.

Um die Verbindungen zwischen sizilianischer Mafia und "Schwarzer Hand" aufzuklären, reiste Petrosino in streng geheimer Mission am 9. Februar 1909 nach Sizilien. Von seinem Einsatz wusste offiziell nur sein Vorgesetzter, Polizeipräsident Bingham. Doch ausgerechnet er brachte Petrosino in höchste Gefahr, indem er Journalisten des "New York Herald" vom Auftrag seines mutigsten Polizisten erzählte.

Als der Kommissar in Italien eintraf, wussten bereits Millionen US-Zeitungsleser davon. Und auch auf Sizilien wurde er längst erwartet.

In Palermo wollte Petrosino rasch einen Informanten treffen. Die Falle war bereits gestellt: Am Abend des 12. März 1909 hallten vor einem Restaurant auf der Piazza Marina vier Schüsse in die Finsternis, Petrosino war in den Rücken getroffen worden. Er selbst hatte offenbar nichts befürchtet und seinen Revolver im Hotel zurückgelassen.

Zahlreiche Menschen beobachteten den Mord, aber als sie von der Polizei befragt wurden, konnten sie sich an nichts erinnern. Tags darauf erhielt Petrosinos Einheit in New York einen anonymen Brief: Die "Schwarze Hand" bekannte sich zur Tat.

Die Leiche des Kommissars wurde auf einem Dampfschiff zurück nach New York gebracht. Als man den Sarg nach der Ankunft öffnete, brach seine Witwe entsetzt zusammen. Der Leichnam war überführt worden, ohne ihn vorher einzubalsamieren - es war die letzte und erniedrigende Rache der "Schwarzen Hand" an ihrem größten Widersacher.

Doch noch eine Spur

Der Tag der Beerdigung wurde zu einem öffentlichen Trauertag ausgerufen. 250.000 Menschen nahmen am Trauerzug teil - so viele wie nie zuvor beim Begräbnis eines New Yorker Polizisten. Die "New York Times" bezeichnete ihn als den "berühmtesten italienischen Detektiv weltweit", andere Blätter schrieben ehrfürchtig vom "italienischen Sherlock Holmes".

Über 100 Jahre blieb die Suche nach Petrosinos Mörder erfolglos, bis es doch eine Spur gab: 2014 führte die italienische Polizei die Operation "Apokalypse" aus, einen Antidrogen-Einsatz gegen die Mafia in Palermo. Einer der Beschuldigten war der Mafioso Domenico Palazzotto, der abgehört worden war und bei einem Treffen mit anderen Mafiosi auch über den Mord geredet hatte.

Palazzotto prahlte damit, dass Petrosino vom Onkel seines Vaters getötet worden sei. Im Auftrag von Vito Cascio Ferro - dem Paten, den Petrosino einst von New York nach Sizilien hatte abschieben lassen. Zweifel an dieser Version blieben jedoch bestehen; bis heute ist niemand für diesen Mord verurteilt worden.

Joseph Petrosino wurde zu einem der größten Helden des NYPD. An den Kampf des kleinen Polizisten gegen die "Schwarze Hand" erinnert in New York ein unscheinbarer Platz - der "Petrosino Square" im East Village - nicht weit entfernt von seinem wichtigsten Einsatzort in Little Italy.

TV-Doku über New Yorker Mafiosi Donnie Brasco

Foto: ZDF Enterprises

einestages-Autor Arne Molfenter arbeitet an einer neuen Biografie über das Leben von Joseph Petrosino.

insgesamt 6 Beiträge
helmut alt 19.01.2018
1. Diese Geschichte
wäre doch perfektes Filmmaterial. Ein echter Held und ein Trottel von Chef.
wäre doch perfektes Filmmaterial. Ein echter Held und ein Trottel von Chef.
Jörg Wetzel 19.01.2018
2. ...bis heute ist niemand für diesen Mord verurteilt worden.
Das wird wohl auch so bleiben. Der Onkel von Palazzottos Vater und sonstige verdächtige Zeitgenossen dürften ja mittlerweile das Zeitliche gesegnet haben.
Das wird wohl auch so bleiben. Der Onkel von Palazzottos Vater und sonstige verdächtige Zeitgenossen dürften ja mittlerweile das Zeitliche gesegnet haben.
muckusch 19.01.2018
3. Ein Segen ...
... dass wir in Deutschland trotz deren Globalisierung dank kontinuierlich abgebauter, dafür aber hochmotivierter und weltbestausgestatteter wie geschulter, angemessen bezahlter Polizei keine Mafia, keine organisierte [...]
... dass wir in Deutschland trotz deren Globalisierung dank kontinuierlich abgebauter, dafür aber hochmotivierter und weltbestausgestatteter wie geschulter, angemessen bezahlter Polizei keine Mafia, keine organisierte Kriminalität über ein paar osteuropäische Diebesbanden und kleine Drogendealer hinaus haben. Sonst könnte man glatt glauben, hinter BBI, Stuttgart 21, der Elbphilharmonie steckte die weltweit tätige Baumafia, die „Finanzkrise“ wäre der grösste Bankraub der Geschichte durch die Banker selbst unter dem Schutz von Politik und Presse und der zum VW-Skandal eingedampfte weltweite Schulterschluss der gesamten Autoindustrie mit Politik & Presse unterfiele ebenso der organisierten Kriminalität wie über 250.000 durch Krankenhauskeime bundesweit jährlich Geschädigte, davon 60.000 Todesfälle, und keine Anklage, kein Urteil, phantastisch, keine Kriminalität!
Archibald Douglas 20.01.2018
4. Seltsamer Artikel
In "geheimer Mission" unterwegs, und der Vorgesetzte informiert die Journalisten? Und in Italien wissen sie schon bei der Ankunft, worum es geht, und der Polizist wird dennoch nicht gewarnt? Soll man das wirklich [...]
In "geheimer Mission" unterwegs, und der Vorgesetzte informiert die Journalisten? Und in Italien wissen sie schon bei der Ankunft, worum es geht, und der Polizist wird dennoch nicht gewarnt? Soll man das wirklich glauben? Und das hier: "Zweifel an dieser Version blieben jedoch bestehen; bis heute ist niemand für diesen Mord verurteilt worden." Soll man das ernst nehmen? Hundertundneun Jahre nach dem Mord ist "immer noch niemand verurteilt worden? Also jetzt hofft man immer noch, jemanden verurteilen zu können? Ist so etwas möglich in der US-Justiz? Vielleicht die Urenkel verurteilen?
Christian Krentel-Seremet 22.01.2018
5. Witzig!
Merkwürdige Umstände. Polizeichef plaudert geheime Mission in der Zeitung aus. Und so praktisch, umgebracht in Italien, nicht in den USA, da braucht dann auch keiner mehr zu ermitteln. Problem gelöst. Ein Schelm, der Böses [...]
Merkwürdige Umstände. Polizeichef plaudert geheime Mission in der Zeitung aus. Und so praktisch, umgebracht in Italien, nicht in den USA, da braucht dann auch keiner mehr zu ermitteln. Problem gelöst. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

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