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einestages

Schurken-Show beim Wrestling

Hans Schmidt, die deutsche Bestie

In den Fünfzigerjahren gab er das Scheusal, den finsteren Nazi. Die US-Medien schäumten, deutsche Diplomaten wurden nervös. Doch an Hans Schmidt, dem Wrestling-Brutalo, war wenig echt.

Dave Burzynski/ SLAM! Wrestling
Von
Montag, 11.06.2018   10:17 Uhr

Das war selbst dem Sportreporter zu viel. Jack Brickhouse riss seinem Interviewpartner das Mikro weg: "Für mich ist das Gespräch beendet!"

Kaltschnäuzig hatte der Athlet kurz zuvor erklärt, dass ihm Sportlichkeit gar nichts bedeute, er Fans hasse und nur ein Ziel habe: "Ich werde den Titel gewinnen und ihn nach Deutschland zurückbringen, wo er hingehört", ließ Hans Schmidt das amerikanische Fernsehpublikum im August 1953 wissen. Zuvor war der Profi-Wrestler durch Unflätigkeiten aufgefallen. Er hatte einen Schiedsrichter attackiert, im Ring mit Stiefeln auf Gegner eingetreten und einem Kontrahenten einen Stuhl über den Kopf geschlagen.

Reporter attestierten ihm Nazi-Gebaren, auch weil er der US-Flagge demonstrativ den Rücken kehrte und stur sitzen blieb, wenn die amerikanische Nationalhymne gesungen wurde.

Acht Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs schockierte Hans Schmidt mit seinem brutalen Verhalten die Öffentlichkeit. Brickhouse nannte ihn eine "moralische Belastung für sein Vaterland". Zuschauer forderten Präsident Eisenhower auf, Schmidt auszuweisen. In den USA sei "kein Platz für einen Sportler, der sich weigert, den Code anzuerkennen, der dieses Land groß gemacht hat", schrieb die Zeitung "The Oneonta Star" und wünschte ihm "gute Reise".

Riesenerfolg als "Mattenstrolch"

Der Skandal blieb auch der Bundesregierung nicht verborgen. Das Bonner Außenamt müsse sich nun "auf diplomatischer Ebene" mit dem Fall Hans Schmidt befassen, berichtete der SPIEGEL im September 1953. Energisch werde jetzt die Herkunft des Mannes untersucht.

Für deutschstämmige US-Bürger waren die Vorfälle so unangenehm, dass sie um ihren Ruf in der neuen Heimat fürchteten. Schmidt war angeblich 1925 in München geboren und hatte als Gymnasiast Unterricht im Boxen, Hochsprung und Ringen erhalten. Sein Vater, so berichteten US-Medien, soll Direktor einer Kruppschen Rüstungsfabrik gewesen sein, er selbst zunächst Kradmelder im Krieg, dann Bomberpilot, bis er über Frankreich abgeschossen worden und in Kriegsgefangenschaft geraten sei.

Fotostrecke

Wrestler Hans Schmidt: Das Geschäft mit dem Teufel im Ring

Eine Münchnerin, 1948 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, hatte das Fiesling-Auftreten derart schockiert, dass sie sich über ihn erkundigte. Beim bayerischen Ringerverband indes war Hans Schmidt unbekannt.

Kein Wunder. Denn geboren wurde der Kämpfer zwar tatsächlich 1925, allerdings in Joliette in der kanadischen Provinz Québec - als Guy Larose. Und zunächst war er unter diesem Namen als Sportler recht erfolgreich. Seine seltsame Verwandlung hatte mit dem Fach zu tun, in dem er arbeitete: "Professional Wrestling".

Der SPIEGEL beschrieb es als "verachtetes Rummelplatzvergnügen des Catch-as-catch-can" - mehr Show als Sport, darauf ausgelegt, Zuschauer mit fiktiven Charakteren bestmöglich zu unterhalten. Ausländische "Mattenstrolche" waren ein Klassiker in diesen Schaukämpfen, bei denen der Sieger bereits vorher feststand: eine Inszenierung von Gut gegen Böse, Schurken gegen Helden mit frei erflunkerten Biografien. Für die Kampftechniken galt: je gefährlicher, desto spektakulärer.

Verwandlung zum Fiesling

Anfangs war der junge Kanadier Guy Larose der Gute in diesem Spiel, ein Held, ein "Babyface". Bis sein Haupthaar lichter, sein Schädel schon im Alter von 26 Jahren kahl wurde. Wrestling-Shows waren in den USA das Fernsehereignis. Und da fiel der Kanadier 1951 einem Bostoner Promoter ins Auge. Paul Bowser entdeckte in dem 1,93 Meter großen und 110 Kilogramm schweren Glatzkopf mit dem strengen Gesichtsausdruck das ideale Scheusal - für die Rolle des hässlichen Deutschen.

Guy Larose kam die Verwandlung gelegen. In den USA hatte er erleben müssen, wie man über seinen französischen Namen spottete. Fortan mimte er als Hans Schmidt das personifizierte Böse - und zwar überaus überzeugend. Bald waren die Zuschauer sicher, dass sein Anti-Amerikanismus echt sein muss.

Frühes Wrestling: "Hans Schmidt" gegen "Killer Kowalski" (in Wahrheit beide Kanadier)

Mehr als einmal fand Larose alias Schmidt sein Auto nach der Show mit platten Reifen oder komplett demoliert. Die Polizei musste ihn eskortieren, weil der wütende Mob mit Hutnadeln auf ihn einstach, Zigaretten an ihm ausdrückte oder Feuerzeuge vor seinem Gesicht entzündete.

Dabei war Larose nicht der einzige Wrestler, der einen Deutschen verkörperte. "Kurt von Poppenheim" etwa hieß eigentlich Jake Pappenheim, Nachfahre eingewanderter Wolgadeutscher. Diese Figur wiederum inspirierte 1955 einen Sohn ungarischer Einwanderer, sich als "Karl Von Hess" zum NS-Sympathisanten zu stilisieren. Der Schweizer Edouard Probst, in Europa als Catcher Rene Lasartesse erfolgreich, gab in den USA "Ludwig von Krupp". Und bereits 1939 war der aus Milwaukee stammenden Frank Altinger vom preußisch-stolzen "Hans Schacht" zum Nazi-Verschnitt "Fritz von Schacht" mutiert. Die Kämpfe im Wrestling-Ring lebten vom Nationalismus, schreibt David Shoemakers in seinem Buch "The Squarded Circle: Life, Death and Professional Wrestling".

Hans Schmidt - genau wie der Massenmörder

Dennoch war dieser deutsche Rüpel eine Ausnahme: "Schmidt spielte eine Rolle in diesem Phänomen," so Shoemakers, "aber er entwickelte sie zu etwas viel Größerem - die Repräsentation des reinen Bösen." Keiner rührte derart an die offenen Wunden des Zweiten Weltkriegs, befeuerte nationale Vorurteile und das längst nicht ausgeräumte Misstrauen gegenüber den Deutschen.

Bei Veranstaltern wie beim Publikum kam das prächtig an: Der Kanadier konnte sich vor Angeboten kaum retten, stand bis zu acht Mal pro Woche im Ring. Die Rolle machte ihn zum wohl meistgehassten, zugleich zu einem der bestbezahlten Wrestler.

Aber warum ausgerechnet als Hans Schmidt? Wer war Hans Schmidt?

Es ist ein Allerweltsname. An welchen Hans Schmidt der Wrestling-Promoter dachte, als er seinen kanadischen Schützling 1951 so nannte, ist nicht überliefert.

Doch genau in diesem Jahr machte vor allem ein Hans Schmidt Schlagzeilen - in Deutschland wie auch in den USA: Als letzter von den Amerikanern zum Tode verurteilter Kriegsverbrecher stieg der frühere SS-Hauptsturmführer Hans Hermann Theodor Schmidt am 7. Juni 1951 in Landsberg am Lech zum Galgen hinauf. Um 2.30 Uhr öffnete sich die Falltür und beendete sein Leben. Es war die Hinrichtung eines Massenmörders, der im KZ Buchenwald als Adjutant des Lagerkommandanten auch für ungezählte Hinrichtungen zuständig war.

Trotzdem hatte unter anderem der Hauptausschuss seiner Heimatstadt Höxter über Jahre versucht, das Todesurteil von 1947 in eine Haftstrafe umzuwandeln, mit Ehrenerklärungen und Gnadengesuchen an den US-Kongress und Präsident Truman. Vergebens. Zu Hans Schmidts Beerdigung erschienen mehr als 5000 Menschen aus ganz Deutschland. Mitglieder der neonazistischen Sozialistischen Reichspartei (SRP) trugen den Sarg.

"Das ist ein Haufen Clowns"

Auf andere Weise zog auch der Wrestler Hans Schmidt große Menschenmassen an - wegen seines gespielten schändlichen Charakters. Dabei marschierte er nicht im Stechschritt, trug keine Hakenkreuzarmbinde. Seine Wirkung als vermeintlicher Nazi war subtiler. Das genügte damals.

Erst in den Sechzigerjahren sah man ihn bei Auftritten gelegentlich mit Wehrmachts-Stahlhelm, als er versuchte, mit Rivalen Schritt zu halten, die zur Provokation des Publikums inzwischen faschistisch salutierten. Für Fotos zeigte dann auch Hans Schmidt den Hitlergruß.

Ein weiteres Jahrzehnt später stieg Larose aus dem Geschäft aus. Statt Ringkampf wurde Tauchen seine neue Leidenschaft: "Es ist ein guter Sport, er ist real - nicht wie Wrestling", sagte er. Mit seiner Familie lebte Larose in Kanada, bis er am 26. Mai 2012 starb. Über seine Karriere sprach er nicht mehr so gern, modernes Wrestling schreckte ihn ab. "Ich schaue es ab und zu im Fernsehen, ärgere mich dann und will es nie mehr sehen! Das ist ein Haufen Clowns", sagte er dem Online-Magazin "Slam! Wrestling".

Als Larose seinen Job in den Siebzigern aufgab, hatte sich die Welt bereits verändert und mit ihr das Wrestling: Die fiesesten Schurken im Ring waren nunmehr Sowjetkommunisten.

insgesamt 3 Beiträge
Hans W Berghoff 11.06.2018
1.
Es wird kein bestimmter "Hans Schmidt" Vorbild gewesen sein. Der Künstlername entspricht etwa dem "GI John Doe", dem Symbolnamen des US-Durchschnittssoldaten
Es wird kein bestimmter "Hans Schmidt" Vorbild gewesen sein. Der Künstlername entspricht etwa dem "GI John Doe", dem Symbolnamen des US-Durchschnittssoldaten
Karin Sampers 12.06.2018
2. Und wieder zeigt es in erschreckenden Weise
die Verführbarkeit jedes Menschen. Ein gutes Schauspiel vorgetragen und die Massen lassen sich lenken und beherrschen. Damals nur lokal, heute durch Internet international unaufhaltbar. Dieser Mann hätte im schlimmsten Falle [...]
die Verführbarkeit jedes Menschen. Ein gutes Schauspiel vorgetragen und die Massen lassen sich lenken und beherrschen. Damals nur lokal, heute durch Internet international unaufhaltbar. Dieser Mann hätte im schlimmsten Falle mit einem Attentat auf seine Person rechnen müssen. Heute würde das einem Selbstmord gleichkommen. Fazit. Der Mensch hat nichts dazu gelernt. Er überlässt es immer noch anderen für sich zu denken...
Georg Rauch 12.06.2018
3.
Wrestling ist im Endeffekt doch nichts anderes als eine US-Form der Telenovela - die meiste Fans wissen das es mit Realität nicht viel zu tun hat.
Wrestling ist im Endeffekt doch nichts anderes als eine US-Form der Telenovela - die meiste Fans wissen das es mit Realität nicht viel zu tun hat.

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