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einestages

Skurrile Schausteller

Freakshow 1900

Telepathie-Jongleure, Zwangsjackenbefreier, Eismenschen aus Kanada: Was heute Reality-TV erledigt, schafften vor hundert Jahren wandernde Schausteller - sie stillten die Sensationsgier des Volkes. Heute zeugen nur noch historische Postkarten von ihren Heldentaten. einestages zeigt die irrsten.

Sammlung Peter Weiss
Mittwoch, 19.08.2009   12:56 Uhr

In der Reihe "einestages-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem einestages-Archiv.

Das ganze Dorf strömt zusammen. Sie kommen aus den Häusern und von den Feldern, Alte und Junge, Frauen und Männer. Auf dem Marktplatz ist was los, da wird heute was geboten. Da ist einer, der läuft auf dem Kopf, so etwas hat keiner hier jemals gesehen! Und wirklich: Da läuft er! Rangelli, der Kopfkünstler! Er balanciert, hält das Gleichgewicht, und langsam bewegt er sich fort, den Kopf im Staube, in der linken Hand einen Hut, in der Rechten einen Stock. Das Publikum applaudiert, und Rangelli kommt zum Höhepunkt der Show: Er geht hinüber zur Brücke, das Dorf folgt ihm - und dann balanciert er über das Geländer, kopfüber und ohne Angst oder Schmerzen zu zeigen. Der Jubel ist groß. Die Zuschauer scharren sich um Rangelli, und viele davon kaufen ihm für fünf Pfennig eine Postkarte ab - zur Erinnerung an diesen Tag und zum Beweis, dass man ihn wirklich mit eigenen Augen gesehen hat: den "sensationellen KopfKünstler", wie er sich auf der Postkarte nennt.

Die Karte ist Rangellis Lohn. Er lebt von ihrem Verkauf wie viele Künstler, Artisten, Komödianten und Scharlatane, die zu Beginn des 20.Jahrhunderts über die Dörfer reisen oder in den Varietés der Großstädte auf der Bühne stehen. Die Postkarten sind oft das Einzige, das heute noch an sie erinnert. Niemand wüsste heute von Rangelli, gäbe es die Karte nicht, und es gäbe auch keine Lebenszeichen mehr von Mr. Ricardo, dem "Reifen-Schlüpfer und Schwertkünstler", dem "Excentrik Soubretten-Imitator" Arthur Zahlé oder gar von Groebaldi, dem telepathischen Jongleur.

Dass es gerade eine Postkarte ist, die das Publikum von ihren Auftritten nach Hause trägt, ist keinesfalls ungewöhnlich: In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg ist die bebilderte "Correspondenz-Karte" eine der schnellsten Möglichkeiten, sich mit Freunden und Verwandten auszutauschen. Die Post kommt in den Großstädten dreimal täglich - man kann also am Morgen eine Karte verschicken und sich sicher sein, dass sie den Empfänger spätestens am Abend erreicht hat.

Mit freundlichen Grüßen vom Motormenschen

Bereits um 1900 arbeiten rund 30.000 Deutsche in Postkartendruckereien, mehr als eineinhalb Milliarden Karten werden 1903/04 im Deutschen Reich verschickt. Postkartenmaler ist ein anerkannter Beruf, selbst Emil Nolde malt unter Pseudonym Kartenmotive. Es gibt Karten für alle Anlässe, von Ostern bis Weihnachten, von Hochzeiten bis zu Todesfällen. Die Karten zeigen Komik und Erotik, Touristisches und Subversives, Werbung und Propaganda. Es gibt sogar Firmen, die sich einzig und allein der Herstellung von Einsteckalben für Sammler widmen. Und deren Gebiet ist riesig: Bis 1930 sollen sich rund drei Millionen verschiedene Motive im Umlauf befunden haben - und viele davon zeigen fahrende Künstler bei ihren Auftritten.

Bei einigen davon kann man heute nur noch erahnen, wie ihre Shows ausgesehen haben mögen. Was hat der "Elektro-Phantomat" gezeigt, der "patentamtlich geschützte Motormensch"? Was hat Mister Grolimund zum "ersten Knopfkönig der Welt" gemacht - und hat er seinem Publikum nicht mehr als seinen Anzug aus Knöpfen präsentiert? Ist "Peterchen, der schönste Mann Deutschlands", nur schön gewesen - oder mehr? Das scheint für immer im Dunkel der Geschichte verschwunden zu sein.

Bei anderen Künstlern kann man sich auch heute noch zumindest vorstellen, wie sie die Zuschauer in ihren Bann gezogen haben. Bei den vielen Grimassenschneidern etwa oder der großen Zahl der "Vortragsmeister". Und auch Max Siegfried, der "beste Entfesselungskünstler der Gegenwart" (von etwa 1910) könnte wohl auch heute noch auf Volksfesten auftreten, genau wie der "Original-Zwangsjackenbefreier" Mister Brunowo. Und was der "menschliche Hydrant" zum Besten gegeben hat, steht sogar in Englisch und Französisch auf seiner Karte: "Trinken einer Unmenge von Flüssigkeiten, ganz einerlei ob Kaffee, Tee, Bier, Wein oder Wasser, die ein Mensch mit normalem Magen unmöglich zu sich nehmen kann."

Schummelei für das sensationslüsterne Volk

Damals gibt es weder Radio noch Fernsehen, und umso mehr sehnt sich das Volk nach Außerordentlichem, nach einer Pause vom Alltag - und wie heute lässt es sich dabei auch gerne etwas beschummeln. So war "der lebende Eismensch aus dem nördlichsten Canada" trotz seines weißen Haarschopfes sicherlich kein Eismensch und wohl nicht einmal Kanadier. Und Indizien lassen zumindest Zweifel zu, ob auch Willy Schwiegershausen, der "Weltwanderfahrer", wirklich mit seinem Fahrrad die Welt umrundet hat, wie er das auf den Marktplätzen erzählte. Zwar zeigen ihn seine Kaufpostkarten inmitten von Derwischen und Medizinmännern - doch "deren Fotos stammen aus völkerkundlichen Büchern dieser Zeit", wie der Hamburger Postkartensammler Peter Weiss herausgefunden hat: Schwiegershausen hat sich mit seinem Rad nur in die Szenerie hineinmontiert.

Er ist in diesen Jahren bei weitem nicht der einzige, der sein Brot verdient, indem er von echten oder fiktiven Reisen erzählt. Weltenbummler sind bis in die Jahre vor dem "Dritten Reich" beim Publikum beliebt, das zeigt die große Zahl der "Ohne Geld um die Welt"-Postkarten mit solcherlei Motiven. Auf ihnen wird behauptet, "in fünf Jahren zu Fuss um die Welt" gelaufen zu sein ("Beglaubigung ist auf Wunsch anzusehen"), der Hoteldirektor Eberhard Kunzendorf wandert in den zwanziger Jahren "mit seinem Riesengebirgs-Hörnerschlitten 'Rübezahl' von seiner schlesischen Heimat nach Afghanistan", und andere geben an, "mit Wasserschlitten und Ski aus Konservenbüchsen zum Nordpol" gefahren zu sein.

Doch das Publikum goutiert nicht nur Weltreisende, es mag auch Europa plus Gimmick: Erich und Emil Winkler zum Beispiel sind jahrelang durch Europa gereist - mit einem Modell des Mailänder Doms in Laubsägearbeit, das sie auf einem Karren hinter sich hergezogen haben.

In einem Holzfass quer durch Deutschland

In Deutschland ebenfalls besonders beliebt sind damals die sogenannten Fassroller - Menschen, die das Land in Fässern durchqueren, um mit dieser Aktion Geld zu verdienen, eine Wette zu gewinnen oder um schlicht Aufmerksamkeit zu bekommen. So reisen deutsche Winzer mit einem Fass durch das Land, um gegen die Konkurrenz aus Frankreich zu protestieren. Und auch die Fassroller verkaufen natürlich Postkarten, um die Reise zu finanzieren - oder sie bitten um eine Spende für ihre Gratiskarten: "Helft sie alle!", steht auf der Ansichtskarte der Gebrüder Feldgen aus Homburg bei Duisburg, "unterstützt sie nach Belieben für die Karte! Sie dürfen nichts fordern! Deutsch ihre Tat, deutsch die Ehre." Die Brüder sind in der Republik besonders populär - sind sie doch mit einem viele Zentner schweren Fass unterwegs, um innerhalb von zwei Jahren quer durch Deutschland zu rollen.

Als ihr Fass nach 3200 Kilometern kaputtgeht, bauen sie ein neues und rollen weiter. Die Deutschen sind von so viel Tatendrang begeistert und feiern das Duo, wo es auch auftaucht - und die Brüder werden nicht erst bei der erfolgreichen Ankunft in der Heimatstadt zu Medienstars: "Bergfest feierten die Feldgens am 28. März 1926 in Bautzen", schreibt der Historiker Stephan Oettermann in einer Abhandlung zum Thema, "und inzwischen genossen sie weltweiten Ruhm; ein Nachrichtenteam der 'Fox-News' aus New York war eigens angereist, um einen kleinen Film zu drehen."

Einer der bis heute berühmtesten Reisenden jedoch, der Ende der zwanziger Jahre seine Karten verkauft hat, war ein ehemals reicher Droschkenunternehmer aus Berlin: Gustav Hartmann hat sich im April 1928 in seiner Droschke und dem Fuchswallach "Grasmus" auf eine Reise nach Paris gemacht, um damit gegen die Konkurrenz des Automobils zu protestieren - "um die letzte Fahrt Berlin-Paris und zurück zu machen, da das Pferdematerial im Aussterbeetat steht", wie er auf seiner Karte schreibt.

Viele Wochen ist er unterwegs, und immer mehr Menschen jubeln ihm am Rande der Straßen zu. Schließlich erreicht er die französische Hauptstadt und wird dort vom deutschen Botschafter empfangen. Hans Fallada schreibt Gustav Hartmanns Geschichte in seinem Roman "Der eiserne Gustav" auf. Doch auch die Postkarten, die er auf seiner Fahrt verteilt hat, gibt es noch - in den Archiven der Sammler, auf Postkartenbörsen oder als Abbildung im Internet. Sie sind zu Dokumenten einer Epoche geworden, in der die Postkarte für viele reisende Künstler Visitenkarte und Geldquelle zugleich war.

insgesamt 4 Beiträge
Jörn Ramelow 20.08.2009
1.
Ganz schlimm, dass Sie IHN vergaßen: Joseph Pujol, der Welt großartigster Kunstfurzer! http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Pujol Jörn
Ganz schlimm, dass Sie IHN vergaßen: Joseph Pujol, der Welt großartigster Kunstfurzer! http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Pujol Jörn
Markus Moll 20.08.2009
2.
Wenn mich nicht alles täuscht, pfeift Herrmann Funke, das "wirkliche Original", doch nicht "Güte!", sondern "Hüte!". Was leider auch nicht mehr Sinn ergibt.
Wenn mich nicht alles täuscht, pfeift Herrmann Funke, das "wirkliche Original", doch nicht "Güte!", sondern "Hüte!". Was leider auch nicht mehr Sinn ergibt.
Andreas Tenhagen 20.08.2009
3.
Max Duffek scheint verwandt mit Außerirdischen: http://www.craigslist.org/about/best/sfo/star_wars/NuteGunray.jpg
Max Duffek scheint verwandt mit Außerirdischen: http://www.craigslist.org/about/best/sfo/star_wars/NuteGunray.jpg
Heiner Kupferschmidt 12.01.2015
4. H, nicht G!
Guten Tag, wie kommen Sie beim Foto von Hermann Funke auf "Güte"? Der Anfangsbuchstabe ist ein H, daher "Hüte". Ich habe als Kind noch die Worte "Hüte" oder "Hütchen" mit einem Pfeif- [...]
Guten Tag, wie kommen Sie beim Foto von Hermann Funke auf "Güte"? Der Anfangsbuchstabe ist ein H, daher "Hüte". Ich habe als Kind noch die Worte "Hüte" oder "Hütchen" mit einem Pfeif- oder Flötton verfremdet, vielleicht war das ja auch Hermann Funkes Clou...

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