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einestages

Stasi am Telefon

Die Tonspur der Schnüffelei

Klicken, Knacken, Knistern und alle Facetten der Niedertracht - ein Hörspielduo hat aus Original-Tonbändern der Stasi eine außergewöhnliche Collage gestaltet: Verhörmitschnitte mit Elektrosounds.

BStU/ MfS
Von
Donnerstag, 19.04.2018   10:14 Uhr

"Teilnehmer!" Schon das allererste Wort des Gespräches klang wie ein Hohn. Damit waren aber die Machtverhältnisse klar: Mit dem energischen bis gebellten Gruß "Teilnehmer!" meldete sich zu DDR-Zeiten (natürlich ohne selbst einen Namen zu nennen) der diensthabende Stasi-Offizier am Telefon. Am anderen Ende war dann meist ein mitteilungsbedürftiger DDR-Bürger, um bei der Berliner Stasi-Zentrale telefonisch irgendeinen Verdächtigen, seinen Nachbarn oder gar ein Familienmitglied zu denunzieren - oder um die Stasi zu beschimpfen.

Das Ministerium für Staatssicherheit belauschte nicht nur jahrzehntelang die Opposition. Man konnte es auch über öffentlich bekannte Nummern anrufen, sie standen in jedem DDR-Telefonbuch. Selbst aus der Bundesrepublik klingelten West-Denunzianten beim Ost-Geheimdienst. So wie ein westdeutscher Geschäftsmann während der Leipziger Messe Anfang der Achtzigerjahre:

"Ich möchte Ihnen einen Hinweis geben über Schmuggel von Pornografie in die DDR. Notieren Sie Folgendes: Der Herr (...) war ehemaliger Bewohner der DDR, der ist jetzt ausgewandert in die BRD. Der Schmuggler hält sich zurzeit in Leipzig auf."
- "Mit wem spreche ich?"
"Möchte ich natürlich nicht sagen. Das ist eine kleine Rechnung, die offengeblieben ist, weil der mich sehr gepiesackt und euer Land auch ganz schön miesgemacht hat. Das ist eine kleine Revanche!"

Was die Stasi mit dem Schmuggler dann gemacht hat, ist unbekannt. Westdeutsche Geschäftsleute waren oft Ziel von Anwerbung durch Erpressung.

"Teilnehmer! Teilnehmer! Hier ist der Offizier vom Dienst! Mit wem spreche ich?"

"Mit wem spreche ich?" war nach dem barschen Gruß "Teilnehmer" stets die erste Frage des Offiziers. "Doch auch diese Frage war eine Lüge", sagt Hörspielautor Andreas Ammer. Seine Erkenntnis: "Ein Gespräch, ein Dialog, zu dem zwei 'Teilnehmer!' gehören, die beide sprechen und beide zuhören, war solch ein Anruf nie. Die Teilnehmer sollen gar nicht teilnehmen, sondern abgeschöpft werden."

Mitläufer, Denunzianten, Saboteure

Gemeinsam mit dem Musiker FM Einheit hat Ammer aus vielen Stunden erhalten gebliebenen Stasi-Mitschnitten ein Hörspiel gemacht, das jetzt auf CD erschienen ist. Die akustische Hinterlassenschaft des gewaltigen Überwachungsapparats ist ein bisher wenig beachteter Schatz.

"Auf Tonband wurde alles aufgezeichnet, wenn die Möglichkeit dazu bestand ", so Ammer, "vom abgehörten Gespräch über den belanglosen Anruf in der Stasi-Zentrale oder die gar nicht so seltenen anonymen Verhöhnungen ihrer Macht bis hin zum Verhör, in dem Menschen dann zerbrochen wurden."

In der Toncollage finden sich Passagen wie diese:

"Also ich hab' mal ein Anliegen. Es geht um meine ehemalige Schwiegertochter. Also die hat letzte Woche mal geäußert, dass sie abhauen möchte. Die sitzt da mit drei Türken oder so Ausländern in ihrer Wohnung, wahrscheinlich wollen die sie mitnehmen. Da müsste mal jemand vorbeikommen."

Das ambitionierte Duo arbeitet bereits seit 25 Jahren zusammen. Ammer ist vielfach ausgezeichneter Autor, arbeitet auch fürs Theater oder die Oper, ebenso wie FM Einheit, der frühere Schlagzeuger der Experimentalband Einstürzende Neubauten. Für "Sie sprechen mit der Stasi" waren die Originaltöne ihnen zu wenig. Das Klicken und Knacken, das Knistern und Rauschen in den Telefonleitungen hat FM Einheit dazu inspiriert, die Telefon- und Verhörmitschnitte behutsam mit Sounds zu unterlegen - "Musik ist der schnellste Weg zu Gefühlen und kann eine Erzählung zusammenbringen".

Fotostrecke

Stasi-Hörspiel: "Hoffentlich läuft das Tonband. Sie Anfänger!"

Das Originalmaterial ist oft von ermüdender Länge, akustisch eine Zumutung. Die beiden Hörspielautoren haben es daher dramaturgisch bearbeitet: "Die Musik rhythmisiert die O-Töne, die Anrufe werden eingebettet in eine Songstruktur, ein entlarvender Satzfetzen bekommt so eine andere Wertigkeit, eine andere Form, die etwas verdeutlicht."

"Wer hört, hat die Macht"

In seinem Studio in Oberbayern hat FM Einheit den Elektrosound, die Störgeräusche, die langgezogenen Bläser gemixt. Mal wummert es bedrohlich oder schiebt sich ein klagendes Saxophon in die Gespräche, mal rahmen Bläsersätze die Verhöre oder brechen jazzige und poppige Passagen die Beklemmung.

Wer je einem Stasi-Verhör ausgesetzt war, braucht das wohl kaum, um zu verstehen, was damals los war. Für den Musiker war die Arbeit am Hörspiel eine Zeit "der gespenstischen Sichtung des akustischen Materials mit einer Bandbreite von zutiefst traurig bis absolut grotesk". Er wollte mit den - meist sparsam eingesetzten Sounds - "dem Horror der Originaltöne etwas entgegensetzen".

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Andreas Ammer, FM Einheit:
Sie sprechen mit der Stasi

Originalaufnahmen aus dem Archiv der Staatssicherheit

der Hörverlag; 12,95 Euro.

Die Stimmen der Stasi-Offiziere strahlen dabei eine ungeheure Authentizität aus. "Es ist nicht leicht, sich ein zweistündiges Verhör anzuhören, wie von einem jungen Polen, der offenbar wirklich nichts darüber weiß, was ihm vorgehalten wird, der aber am Ende weinend zerbricht und alles unterschreibt, nur damit das aufhört", sagt Andreas Ammer. "Wer hört, hat die Macht. Alles hören, nichts sagen. Genau so funktioniert diskursive Gewalt. Die Stasi hatte ihre Augen und Mikrofone überall, aber sie gab selbst nichts von sich preis, blieb stets ein bedrohliches Geheimnis."

Neben der dauernden Androhung von Haft, Gewalt, zerstörten Biografien sei das Schweigen der Macht ein untrügliches Kennzeichen von Despotie, sagt Autor Ammer: "Die Asymmetrie des Dialoges - ich höre dich, aber ich werde dir nichts verraten - ist eine der grundlegenden Gesten der Diktatur. Übrigens ein Begriff, den man frei mit 'es wird diktiert', übersetzen könnte."

"Wenn ich Ihnen sage, in fünf Jahren sind Sie raus, das kann ich nicht. Selbst wenn ich Ihnen das sagen würde, dann können Sie sich nichts dafür kaufen."
(Schreibmaschinengeklapper, einzelne Anschläge)

Mal sind die Stasi-Vernehmer freundlich, nahezu kumpelhaft, mal brüllen sie herum und kosten ihre Macht über einen anderen Menschen aus. Ihr Tonfall verrät Mielkes Männer, genauer als jede Akte es vermag. Obwohl der Repressionsapparat der DDR sich hier nur über die Ohren präsentiert, kann ihn der Zuhörer mitunter stärker spüren, als ihm lieb ist.

Bis zum bitteren Ende: "Lieber Schnitzel statt viel Spitzel!"

Ein Anrufer blockiert beharrlich eine Zeitlang Nacht für Nacht die Stasi-Nummer:

"Ich will hier Telefonterror machen, Ärger, Sabotage. Die Leitungen besetzen. Während der Zeit kann kein anderer anrufen. Alles klar? Hoffentlich läuft das Tonband. Sie Anfänger!"

Er macht sich lustig ("Saftladen!"), lässt sich nicht so einfach abwimmeln, scheint nicht rasch ermittelbar zu sein über die analogen Leitungen.

Als es im Herbst 1989 mit der DDR zu Ende geht, werden Stasi-Bezirksdienststellen in Leipzig, Rostock und anderen Städten besetzt, Mitte Januar 1990 auch die Berliner Zentrale. Die Telefonisten der Stasi sitzen in der Falle. Sie halten die laufenden Ereignisse auf Band fest, vor dem Haus sind Demonstranten aufgezogen:

"Sprechchöre: 'Stasi in die Produktion'. Es kommen Aufforderungen, die Kamera zuzuhalten. (...) Weiteres Plakat: 'Rechtssicherheit statt Staatssicherheit'. Nächstes Plakat: Der... was steht da? 'Der Feind steht im eigenen Land. Alle Wendehälse vor Gericht!' Der Zug setzt sich langsam in Bewegung. Sprechlosung: 'Lieber Schnitzel statt viel Spitzel!"

Diese Passage gehört zu den absurdesten im Hörspiel von Ammer und FM Einheit. Bis zum letzten Tag hören die Beobachter und Chronisten der DDR-Geheimpolizei nicht auf. Als der Staat längst taumelt, erzeugen sie weiter Tondokumente, wie im Aufzeichnungswahn:

"Weitere Losungen sind auf Transparenten zu lesen: 'Alle Macht dem Volke', '40 Jahre Impotenz fordert volle Konsequenz'. Was rufen die? 'Schämt euch, schämt euch!', 'Tor auf, Tor auf!', 'Wir kommen wieder'..."

Die einstündige Hörcollage offenbart DDR-Bürger, die stoisch ihrem Job nachgehen, als Teil einer bürokratischen Unterdrückung. "Man kann sich gut vorstellen", sagt FM Einheit, "wie die währenddessen ihre Stullen auspacken und essen, als wäre es eine ganz normale Arbeit. Dabei werden da Menschen, die in ihre Fänge geraten sind, oft komplett zerstört."

Video: Das Ende des Spitzelimperiums

Foto: SPIEGEL TV
insgesamt 7 Beiträge
Matthias Frase 19.04.2018
1.
Die Stasi war auch effektiv an der Aufklärung von Verbrechen beteiligt, was natürlich heute keiner mehr hören will. Unter den Telefonnummern wurden also auch Hinweise gesammelt, die zur Aufklärung von Morden, [...]
Die Stasi war auch effektiv an der Aufklärung von Verbrechen beteiligt, was natürlich heute keiner mehr hören will. Unter den Telefonnummern wurden also auch Hinweise gesammelt, die zur Aufklärung von Morden, Vergewaltigungen, Brandstiftungen usw. beitrugen. Aber alles, was nicht zur grenzenlosen Dämonisierung der DDR beiträgt, wird von den Machern, die immer noch in ihren Kalten Krieg festsitzen, ohnehin beiseite geschoben.
Jochen Platz 19.04.2018
2. Teilnehmer
na, da haben diese "Teilnehmer " aber Glück, daß wir jetzt ein "Netzwerkdurchsetzungsgesetz" haben. da können Sie dann wieder ihr Mütchen gegen unliebsame Nachbar u.ä. kühlen...
na, da haben diese "Teilnehmer " aber Glück, daß wir jetzt ein "Netzwerkdurchsetzungsgesetz" haben. da können Sie dann wieder ihr Mütchen gegen unliebsame Nachbar u.ä. kühlen...
Oliver Tell 19.04.2018
3. 2 Seiten der Medaille
@Matthias Frase Die Stasi war auch sehr effektiv an Verbrechen beteiligt, die auch nach dem Strafgesetz der DDR strafbar waren. So wurden zur Devisenbeschaffung mehrere spektakuläre Kunstraube begannen. Die zahlreichen Hinweise [...]
@Matthias Frase Die Stasi war auch sehr effektiv an Verbrechen beteiligt, die auch nach dem Strafgesetz der DDR strafbar waren. So wurden zur Devisenbeschaffung mehrere spektakuläre Kunstraube begannen. Die zahlreichen Hinweise aus der Bevölkerung auf die Täter wurden von der Stasi "eingesammelt" und dann nicht weiter verfolgt, das ist Strafvereitelung im Amt. Aber alles, was nicht zur grenzenlosen Heroisierung der DDR beiträgt, wird von den Menschen, die zahlreiche abscheuliche Verbrechen begannen haben, ohnehin beiseite geschoben. Oliver Wilhelm Tell
Harry Schmidt 19.04.2018
4.
@Matthias Frase - deshalb durfte es so was wie Kapitalverbrechen in der DDR auch nicht geben. Raub, Mord und dergleichen wurden verschwiegen. Da durfte der einfache VoPo nicht dran. Das "klärte" alles die Stasi - [...]
@Matthias Frase - deshalb durfte es so was wie Kapitalverbrechen in der DDR auch nicht geben. Raub, Mord und dergleichen wurden verschwiegen. Da durfte der einfache VoPo nicht dran. Das "klärte" alles die Stasi - natürlich so, dass Niemand etwas groß davon abbekommen hat. Zeugen wurden unter Androhung von Repressalien zum Schweigen verpflichtet. Insgesamt hat auch hier, die Stasi lediglich Minuspunkte gesammelt. Das alles wollen Sie sicher nicht hören? Vermutlich ging es Ihnen recht gut damals, weil sie "besondere" Vergünstigungen hatten? Hatten wir nicht, darum haben wir diesen "Staat" auch vorzeitig verlassen und im Westen ein besseres Leben gehabt.
Steffen Hopf 19.04.2018
5.
@ #1: Dass die Stasi ein paar Dinge richtig gemacht hatte, dass auch reale Verbrechen aufgeklärt wurden, wenn es gerade keine Staatsfeinde zu bespitzeln gab, ändert nichts an der grundsätzlichen Unrechtsmäßigkeit dieser [...]
@ #1: Dass die Stasi ein paar Dinge richtig gemacht hatte, dass auch reale Verbrechen aufgeklärt wurden, wenn es gerade keine Staatsfeinde zu bespitzeln gab, ändert nichts an der grundsätzlichen Unrechtsmäßigkeit dieser Überwachungs- und Unterdrückungsbeörde. Totalitäre Unrechtsregime (nicht Unrechtsstaat!) müssen nun mal ihre Bürger überwachen, um an die Macht zu bleiben können. Die Sowjetunion schrieb nun mal der DDR vor, einen Geheimdienst nach KGB-Muster einzurichten.

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