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Status-Quo-Gründer Francis Rossi

"Meinen ersten Hit schrieb ich auf dem Klo"

Mit Hits wie "Rockin' All Over the World" rocken sie seit 1962 rund um die Welt: Status-Quo-Sänger Francis Rossi über Egos, Drogen - und die heilende Kraft des Schuheputzens.

Fin Costello/Redferns
Ein Interview von
Dienstag, 29.05.2018   15:55 Uhr

einestages: Guten Tag, Herr Rossi!

Rossi: Hallo - entschuldigen Sie, ich muss eben noch ein paar Schuhe putzen, bevor die Show losgeht.

einestages: Sind das Ihre Schuhe?

Rossi: Nein, die gehören meinen Kollegen Michael Sadler von Saga und Eric von The Hooters.

einestages: Und die putzen Sie freiwillig?

Rossi: Die Herren zahlen gut (lacht). Im Ernst, für mich ist Schuhe putzen eine Therapie, so wirkungsvoll wie Meditation.

einestages: Sprechen wir über Ihre Band. Vor 50 Jahren landeten Sie mit Status Quo und "Pictures of Matchstick Men" Ihren ersten Hit...

Rossi: ...den ich fast vollständig zu Hause auf dem Klo komponiert habe.

einestages: Wie bitte?

Rossi: Ich war gerade mal 18 und frisch verheiratet mit meiner ersten Frau Jean. Auch meine Schwiegermutter lebte bei uns im Haus. Um meine Ruhe zu haben, flüchtete ich oft stundenlang auf die Toilette. Dort fiel mir die Melodie ein.

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Status Quo: Die ewigen Rocker

einestages: Jemand hat mal Status Quo mit Fußball verglichen: Populär in aller Welt - außer in den USA.

Rossi: Das kommt hin. Nach unserem ersten Hit 1968 tourten wir tatsächlich nicht gleich durch Amerika, obwohl wir dort in den Top 40 standen. Wir waren zu beschäftigt in England und Europa, ein bisschen verwöhnt vom ersten Erfolg, die Hallen waren voll. Erst nach dem Album "Piledriver" gingen wir 1973 rüber. Aber der Hype der "British Invasion", den in den Sechzigern Bands wie die Beatles, die Stones und The Who ausgelöst hatten, war vorbei. Wir kamen zu spät.

einestages: Dafür verhalf Ihnen ausgerechnet ein Amerikaner 1977 zu Ihrem bekanntesten Hit.

Rossi: Stimmt, "Rockin' All Over the World" hat John Fogerty komponiert und zwei Jahre zuvor selbst veröffentlicht.

einestages: Doch es gelang Ihnen, der Nummer Ihren Stempel aufzudrücken.

Rossi: So sehr, dass viele denken, Fogerty spiele Status Quo nach, wenn er das Lied heute live bringt (lacht). Anders ausgedrückt: Mit den Tantiemen sichern wir Fogertys Rente.

einestages: Mit dem Song haben Sie im Juli 1985 in London auch "Live Aid" eröffnet, das größte Musikfestival der TV-Geschichte.

Rossi: Dabei wollten wir erst gar nicht teilnehmen. Wir spendeten ohnehin schon viel für wohltätige Zwecke, außerdem war die Stimmung in der Band zu der Zeit so beschissen, dass wir nicht gemeinsam auftreten wollten. Aber Bob Geldof als Organisator rief unentwegt an, schließlich ließen wir uns überreden. Uns wurde die Bedeutung erst bewusst, als wir die gigantische Bühne betraten. Noch nie im Leben waren so viele Kameras auf mich gerichtet. Die ganze Welt schaute zu.

einestages: Nach "Live Aid" verschlimmerte sich die Bandkrise.

Rossi: Eine unschöne Zeit. Alan Lancaster verließ uns im Streit und wanderte nach Australien aus. Vor Gericht wurde mir der Name "Status Quo" zugesprochen. Danach war jahrelang Funkstille.

einestages: Von der Originalband waren nur noch Rick Parfitt und Sie am Start. Kritiker nannten es spöttisch "Quo light".

Rossi: Das scherte uns nicht. Kurz darauf gelang uns mit "In the Army Now" unser wohl größter Hit.

einestages: Ein Song der holländischen Pop-Produzenten Bolland & Bolland, die auch für Falco komponierten.

Rossi: Ich liebe Pop, dazu stehe ich. Natürlich hat dieses Lied unsere Hardcore-Fans verschreckt. Aber seit ich die Originalversion im Radio gehört hatte, ging mir die Melodie nicht mehr aus dem Kopf, ständig summte ich sie.

einestages: Sie kamen 1949 im London der Nachkriegsjahre zur Welt. Ihr Vater war Italiener, Ihre Mutter gebürtige Irin.

Rossi: Beides absolute Sturköpfe. Wir waren eher eine italienische Familie, lebhaft und chaotisch. Uns wurde von klein auf ein guter Geschäftssinn eingetrichtert. Leute, die jahrelang zum Studieren auf eine Uni gingen, waren in unseren Augen seltsame Nerds. Mein Vater war einfacher Eisverkäufer, aber gewieft. Für mich war vorgesehen, dass ich in seine Fußstapfen trete.

einestages: Was hielten Sie davon?

Rossi: Ich hatte nur bedingt Bock darauf. Ich wollte einfach nur dem tristen Nachkriegsalltag entkommen. Croydon im Süden Londons wirkte auf mich wie schwarz-weiß. Überall Bombenkrater, kaputte Häuser, Zerstörung - und irgendwie immer kalt. Nicht schön.

einestages: Musik war ihre Flucht?

Rossi: Ja. Das Radio spielte eine große Rolle, einen Fernseher konnten wir uns nicht leisten. Ich mochte Popmusik und Country, Little Richard, Connie Francis, Johnny & The Hurricanes. Ich hatte immer schon eine Schwäche für gute Melodien, die sind mir bis heute wichtiger als der Text. In der Schule war ich ein Pausenclown, in erster Linie, um meine Unsicherheit zu überspielen. Ich war kein besonders guter Sportler, nie ein großer Macho. Aber wenn ich Gitarre spielte, hörte man mir zu.

einestages: Erinnern Sie sich an das erste Treffen mit Gitarrist Rick Parfitt?

Rossi: Klar. Das war in einem Ferienlager in Minehead am Bristolkanal. Wir waren Teenies, Rick spielte in einer Kabarett-Truppe namens The Highlights. Wir verstanden uns auf Anhieb und blieben in Kontakt. 1967 stieß er zu Status Quo. Rick war der geborene Rockstar, glaubte er zumindest, und lebte sein Leben auch so, bis zum bitteren Ende. Ich bin ganz anders. Obwohl ich immer breitbeinig auf der Bühne stehe, war ich nie der Machorocker, eher introvertiert, misstrauisch, selbstkritisch. Wir haben uns gut ergänzt, ein bisschen wie Keith Richards und Mick Jagger.

einestages: Sie starteten Ihre Karriere Ende der Sechziger in London, damals die Modemetropole, in der Popstars den Stil bestimmten. Wie kamen Sie darauf, Ihre plüschigen Bühnenkostüme gegen einfache Jeans und T-Shirt zu tauschen?

Rossi: Auf Tour war es so weit gekommen, dass neben dem Bühnenaufgang ein Spiegel stand, in dem die Musiker ihr Outfit und Make-up überprüften. Total affig. Alle Bands sahen gleich aus, kauften ihre Hemden im selben Laden. Da beschlossen wir, einfach in den Klamotten auf die Bühne zu gehen, die wir auch privat trugen. Von da an mussten wir uns nie mehr Gedanken über Outfits machen. Gary Glitter sprach mich daraufhin mal an und faselte was von neuem Image. Es war aber gar kein Image, sondern nur authentisch.

einestages: Waren Status Quo jemals echte Freunde?

Rossi: Als wir anfingen auf jeden Fall. Wir waren sehr jung, hungrig auf Abenteuer und teilten dieses Wir-gegen-den-Rest-der-Welt-Gefühl. Wir feierten schnell Erfolge, alles war wunderbar. Dann wurden wir erwachsen, heirateten, gründeten Familien. Aber mit dem Erfolg wuchsen die Egos, jeder dachte, er sei Mittelpunkt der Band. Dann kamen die Probleme. Ist leider meistens so.

einestages: Anfang der Neunziger gingen Sie mal für eine Aktion ins Gefängnis. Was war da los?

Rossi: Rick und ich waren zur Eröffnung eines Musikworkshops im Pentonville Prison im Norden Londons eingeladen. Wir gingen guter Dinge rein, mussten aber feststellen, dass beileibe nicht alle Insassen Status-Quo-Fans waren. Wir haben viele böse Blicke und Buhrufe kassiert. Eine bedrohliche Situation, ich hatte Schiss. Man betrachtete uns als reiche Rockstars, als Provokation.

einestages: Viele Jahre sollen Sie unter Migräne gelitten haben und unter großen Schmerzen aufgetreten sein.

Rossi: Sehr oft. Ich warf jede Menge Schmerzmittel ein, um auftreten zu können - oft mit Alkohol und Kokain, eine tödliche Kombination. Es grenzt an ein Wunder, dass ich überlebt habe. Aber das Showbusiness ist hart. Die Leute zahlen für ihr Ticket und wollen eine gute Show, also habe ich mir nichts anmerken lassen. Dann entdeckte mein Manager Simon in Singapur eine Heilpflanze namens Tongkat Ali, und die wirkt. Eine Erlösung.

einestages: Seit einigen Jahren vertreiben Sie mit Status Quo ein Bier namens Piledriver. Dürfen Sie denn noch Alkohol trinken?

Rossi: Keinen Tropfen. Ich bin trocken. Das Bier ist nur eine Geschäftsidee. Vor dem ersten Brauvorgang hab' ich mal kurz an Hopfen und Gerste geschnuppert, das fertige Bier hat Rick getestet. Heute gibt's für mich nach Konzerten nur noch Limo, Käsebrötchen und - Rock'n'Roll! - eine Zigarette.

einestages: Vor fünf Jahren kam es zu einer Wiedervereinigung und Tour des Original-Line-ups, der sogenannten "Frantic Four". Wie funktionierte das?

Rossi: Anfangs machte es Spaß, aber dann kam es wieder zu Spannungen. Ich stritt auch mit Rick. Er hatte einen Herzinfarkt erlitten, was auf seinen wilden Lebensstil zurückzuführen war, änderte seine Gewohnheiten aber nicht. Dafür hatte ich kein Verständnis. Sein Tod an Weihnachten 2016 war ein Schock, aber leider absehbar. Ich wollte Status Quo danach aufgeben, musste dann aber an meine Freunde von Queen denken, die nach dem tragischen Tod von Freddie Mercury auch weitermachten. In Richie Malone fand ich einen jungen Gitarristen, mit dem es wieder Spaß macht - aber Rick wird nie zu ersetzen sein.

Status Quo Tourdaten 2018

8.6. Aurich, 9.6. Büsum, 23.6. Kirchzarten, 3.8.Leipzig, 4.8. Spalt, 5.8. Eschweiler, 11.8., Ritterhude, 17.8. Rottweil, 18.8. Wanfried
insgesamt 7 Beiträge
Alfred Ratner 29.05.2018
1. ... rocken sie seit 1962 rund um die Welt: ...
Seit 1962? Da war Rossi gerade mal 13 Jahre alt. Was der Jugendschutz wohl dazu gesagt hätte? Trotzdem: Schönes Interview.
Seit 1962? Da war Rossi gerade mal 13 Jahre alt. Was der Jugendschutz wohl dazu gesagt hätte? Trotzdem: Schönes Interview.
Gottfried Stutz 29.05.2018
2. Seit meiner Jugenzeit (Jahrgang 1955)
begleitet mich Status Quo mit ihrem unnachahmlichen Sound! Wenn heute am Radio oder sonstwo ein Titel von SQ gespielt wird, verselbständigen sich meine Beine und ich "rocke" automatisch mit. Danke Jungs! Ihr habt mir [...]
begleitet mich Status Quo mit ihrem unnachahmlichen Sound! Wenn heute am Radio oder sonstwo ein Titel von SQ gespielt wird, verselbständigen sich meine Beine und ich "rocke" automatisch mit. Danke Jungs! Ihr habt mir sehr viel gegeben!!!!
Willi Krause 29.05.2018
3. ein Leben lang
genauer seit 1970, begleitet mich diese Band schon. Weil sie einfach gute Laune mit Ihrer Musik verbreiten - und keine schweren politisch kruden Botschaften incl. Weltschmerz. Wenn mal wieder auf der Autobahn nichts geht - kann [...]
genauer seit 1970, begleitet mich diese Band schon. Weil sie einfach gute Laune mit Ihrer Musik verbreiten - und keine schweren politisch kruden Botschaften incl. Weltschmerz. Wenn mal wieder auf der Autobahn nichts geht - kann alles mitsingen.
Gottfried Stutz 29.05.2018
4. Der beste Konzertabend meines Lebens!!
2009 besuchte ich zusammen mit meiner Frau, meinem damals 20ig jährigen Sohn, meinem Bruder und seiner Frau das Jazzfestival in Montreux. Zuerst spielten Status Quo und nach ihnen John Fogerty! Nie zuvor und nie danach habe ich [...]
2009 besuchte ich zusammen mit meiner Frau, meinem damals 20ig jährigen Sohn, meinem Bruder und seiner Frau das Jazzfestival in Montreux. Zuerst spielten Status Quo und nach ihnen John Fogerty! Nie zuvor und nie danach habe ich einen so unvergleichlichen Konzertabend erlebt!!!
Heino Hilbers 30.05.2018
5. Die Band für normale Jungs.....
Klasse. Eine Band, die ohne intellektuelles oder revolutionäres Geschwafel auskam. Rock`n Roll geradeaus. Da konnten die Lehrer nichts mit anfangen und blieben dankenswerterweise weg :-)
Klasse. Eine Band, die ohne intellektuelles oder revolutionäres Geschwafel auskam. Rock`n Roll geradeaus. Da konnten die Lehrer nichts mit anfangen und blieben dankenswerterweise weg :-)

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