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Kalter Krieg in Dänemark

Die letzte Festung

300 Mann gegen den Warschauer Pakt: Eingegraben in Ostseeklippen sollten dänische Soldaten sowjetische Schiffe aufhalten. So wollte es die Nato im Kriegsfall - doch die Regierung in Kopenhagen hatte andere Pläne.

Solveig Grothe
Von und
Mittwoch, 21.02.2018   12:48 Uhr

Der Festungsbau war aus der Mode gekommen: "Starre Befestigungen sind Monumente menschlicher Dummheit", resümierte US-Panzergeneral George S. Patton gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, als er mit seiner Armee die französische Maginot-Linie hinter und den deutschen Westwall vor sich hatte. Grenzbefestigungen, die für die Ewigkeit gedacht und dann doch nutzlos geworden waren. Ein neuer Konflikt sollte die Frage der Sinnhaftigkeit Anfang der Fünfzigerjahre noch einmal beleben.

Europa erstarrte im Kalten Krieg, und das kleine Land Dänemark fand sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur Atommacht Sowjetunion und zu deren Vasallenstaaten wieder. Das Land, das geografisch betrachtet wie ein Pfropfen im Zugang der Staaten des Warschauer Pakts zu den Weltmeeren steckte, suchte Schutz im Nordatlantikbündnis. Doch insbesondere die Amerikaner wollten dem Wunsch der Dänen, Seeland als die größte Insel an vorderster Front zu einer Bastion auszubauen, nicht entsprechen.

Für den Fall, dass sowjetische Kriegsschiffe in Richtung Atlantik drängten, wäre es Aufgabe der Dänen, Alarm zu schlagen und den Feind so lange wie möglich aufzuhalten. Was auch immer dann im Weiteren passierte - ihr Job wäre damit getan. Die westliche Allianz wollte keine Front am Öresund, sie hätte genug damit zu tun gehabt, die Verteidigung am Rhein zu halten. Die Unversehrtheit dänischer Inseln konnte die Nato nicht garantieren, für die Überwachung der Ostsee empfahl sie mobile Einheiten.

Die Prioritäten der Dänen lagen naturgemäß anders: Vorbeifahrende Schiffe waren ihnen herzlich egal. Sie wollten ihr Territorium gesichert wissen - auch nachdem sie die Alarmglocke geschlagen hatten.

Ihre Bastion bauten sie sich deshalb auf eigene Rechnung - und schufen damit eine bemerkenswert langlebige Institution: In der letzten dänischen Festung harrte die Nato noch Jahre aus, nachdem die Sowjetunion zusammengebrochen war.

Hell leuchten bei Tag die Klippen von Stevns. Steil und schroff fällt die Küste auf dieser Halbinsel südlich von Kopenhagen zum Meer hin ab. Im Abstand von wenigen Hundert Metern ragen Felsen bis in die See. Sie umschließen einen kurzen steinigen Strand, in dessen Mitte ein Betonsteg vom Wasser zu den Klippen führt. Der Steg endet vor einer rostbraunen Stahltür.

Die Idee für ihre Militärfestung Stevnsfort hatten sich die Dänen in England abgeschaut: bei Dover Castle. Doch nicht die dort weithin sichtbare Burg war ihr Vorbild, sondern das, was darunter lag: ein geheimes unterirdisches Gangsystem mit allen lebensnotwendigen Einrichtungen.

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Kalter Krieg: Die letzte Festung

Das Labyrinth aus Stollen und Hohlräumen in den Klippen von Stevns umfasst rund 7000 Quadratmeter. Den Bedingungen der neuen Zeit entsprechend sollte die Festung "den Auswirkungen moderner Waffen standhalten", das heißt sicher sein vor Gas- und Atomangriffen. Als die Planungen 1951 begannen, wusste man allerdings noch wenig über die konkreten Auswirkungen nuklearer Waffen. Sonst hätte man wohl mehr Augenmerk auf die Türen gerichtet, die nach heutiger Einschätzung nur begrenzt einer Druckwelle standgehalten und im schlimmsten Fall mit dem Rahmen verschmelzend die Festung zur Falle gemacht hätten.

Über den Standort selbst machte man sich keine Illusionen: Wäre der Kalte in einen heißen Krieg umgeschlagen, die Insel Seeland wäre eines der ersten Ziele für einen Angriff mit Atomwaffen gewesen.

"Geschichte, die wir erinnern - aber nicht kennen"

Über Jahrzehnte brannte Licht in der 18 Meter unter der Erdoberfläche gelegenen Kalksteinfestung. Rund um die Uhr liefen im Operationsraum Informationen über die Schiffsbewegungen des Ostblocks zusammen. Im Krisenfall sollten bis zu 300 Mann die Stellung Stevnsfort halten. Jährlich wurde dafür geübt - zweimal wurde es ernst: 1962 während der Kubakrise und 1968 während der Niederschlagung des Prager Frühlings schlossen sich die Dänen für mehrere Tage in ihrer Festung ein - bereit für einen Kriegsausbruch.

Wie es in einem solchen Fall tatsächlich weitergegangen wäre, bleibt Spekulation. "Man hat gehofft, das Fort eine Woche lang verteidigen zu können. Ob es wirklich klappen würde, wusste man nicht", sagt der Historiker Thomas Tram Pedersen, der die Festung als ehemaliger Museumsleiter gut kennt. Im Fall einer sich ankündigenden Krise wäre die Insel Seeland evakuiert worden. Dafür aber hätte man mindestens 36 Stunden gebraucht. Bei einem Überraschungsangriff und einer Vorwarnzeit von nur vier Minuten bis zum Raketeneinschlag wäre das unmöglich gewesen. Das Vorhaben war detailliert geplant - wie zahlreiche andere Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung. Davon allerdings erfahren die Dänen größtenteils erst jetzt.

Mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Kalten Krieges ist das Interesse an dieser Epoche groß in dem kleinen Land. Und noch sind viele Fragen offen. "Das ist eine Geschichte, an die wir uns alle erinnern können - aber die wir nicht kennen", sagt Historiker Pedersen. Wie im ehemals geteilten Deutschland erinnere man sich auch in Dänemark bis heute in zwei verschiedenen Versionen. Ungeachtet der Nato-Mitgliedschaft ihres Staates hielten nicht wenige Dänen die DDR lange für das bessere Deutschland. "Und es gibt noch viele, die nicht darüber sprechen möchten, was sie während des Kalten Krieges erlebt haben, oder die noch nicht darüber sprechen dürfen."

"Sie glaubten, sie hätten mit dem Krieg nichts zu tun"

Neben Stevnsfort gab es rund 100 weitere Dienststellen in Dänemark, die fast rund um die Uhr ihre Augen und Ohren nach Osten richteten; etwa eine Million junge Männer leisteten in dieser Zeit ihren Wehrdienst. "Aber keiner hat gewusst, wie nah es wirklich war, dass ein Krieg ausgebrochen wäre - und was sie eigentlich damals gemacht haben." Noch weniger Einblick in die ihnen zugedachte Rolle im Kriegsfall hätten oft Däninnen. "Sie glaubten, sie hätten mit einem Krieg nichts zu tun gehabt." Ein Irrtum.

Der Historiker erinnert sich an eine Begegnung mit Bibliothekarinnen, die erst im Gespräch mit ihm erfuhren, dass auch sie Teil der dänischen Kriegsbereitschaft waren. "Durch ihren Beruf hatten sie Zugang zu Listen über sämtliche Mitbürger und hätten im Kriegsfall die Evakuierung der Zivilisten leiten müssen." Erst jetzt würde vielen Dänen bewusst, dass ihnen eine Aufgabe zugedacht war, von der sie nichts ahnten und erst bei Kriegsausbruch erfahren hätten.

Manchmal bringt die Zeit auch bittere Gewissheit für eine böse Ahnung. Etwa bei einem ehemaligen Marineoffizier, der nach der Stilllegung des Stevnsforts dort als Touristenführer arbeitete. Ein polnischer Besucher gab ihm zu verstehen, dass es im Kriegsfall seine Aufgabe gewesen wäre, ihn zu liquidieren. Die Detailkenntnisse des Besuchers über die Familie und Wohnverhältnisse des dänischen Kollegen ließen kaum Zweifel an dessen Glaubwürdigkeit. Ähnliche Vorfälle seien auch von anderen Orten berichtet worden, sagt Pedersen. "Die Behauptungen sind wahrscheinlich wahr."

Eingebunden in die Nato-Strukturen war das Stevnsfort in den Achtzigerjahren modernisiert und mit digitaler Technik ausgestattet worden. Die großen Geschütze auf dem Dach der Festung - ursprünglich vom deutschen Schlachtschiff Gneisenau, 1943 von der Wehrmacht an der dänischen Westküste im Atlantikwall verbaut und schließlich von der dänischen Marine auf Stevns in Richtung Osten in Stellung gebracht - wurden stillgelegt. Große Bedienmannschaften waren damit nicht mehr erforderlich.

Der Umbau machte das Fort zu einem der modernsten maritimen Überwachungszentren der Nato, mit schmaler Besatzung von nunmehr zwölf bis 14 Mann. Die bombensichere Festung hatte sich als wichtige Nachrichtenquelle in Friedenszeiten erwiesen - und blieb es, nachdem die Mauer gefallen war und sich die Sowjetunion 1991 auflöste. Denn statt mit einer Atommacht sah sich Dänemark nun gleich mit mehreren nuklear bewaffneten ehemaligen Sowjetrepubliken konfrontiert.

Erst als die Schiffs- und Luftraumüberwachung ferngesteuert ganz ohne Personal vor Ort auskam, wurde im Jahr 2000 auch die letzte Küstenbefestigung der dänischen Armee stillgelegt. Die meisten der einst darin verbauten Überwachungs- und Kommunikationssysteme sind bis heute ein gut gehütetes Geheimnis.

insgesamt 13 Beiträge
Harald Popp 21.02.2018
1. ...die Verteidigung am Rhein zu halten?
Das ist ja lachhaft. Die Amerikaner hätten gegen die erwarteten schnellen Panzervorstöße des Warschauer Paktes die Zonengrenze entlang mit atomar bestückten Artilleriegranaten verseucht um Zeit zu gewinnen über den Atlantik [...]
Das ist ja lachhaft. Die Amerikaner hätten gegen die erwarteten schnellen Panzervorstöße des Warschauer Paktes die Zonengrenze entlang mit atomar bestückten Artilleriegranaten verseucht um Zeit zu gewinnen über den Atlantik abzuhauen. Europa war denen, zumindest bei Extremlagen, vollkommen egal, eigentlich ähnlich wie heute.
Bertram Heinze 21.02.2018
2. @Harald Popp
Wenn den Amerikanern Europa so egal gewesen wäre, dann hätten sie gar nicht erst in den 1. bzw. 2. Weltkrieg eingegriffen, und schon gar keinen Marshallplan aufgestellt, um Europa wieder auf die Beine zu bringen. Dass das nicht [...]
Wenn den Amerikanern Europa so egal gewesen wäre, dann hätten sie gar nicht erst in den 1. bzw. 2. Weltkrieg eingegriffen, und schon gar keinen Marshallplan aufgestellt, um Europa wieder auf die Beine zu bringen. Dass das nicht aus reinem Altruismus geschehen ist, sondern auch Märkte für amerikanische Produkte aufbauen sollte, ist völlig legitim. Donald Trump scheint Europa tatsächlich eher als Konkurrenz denn als Partner zu betrachten. Seine legitime Forderung, dass Europa sich finanziell stärker an der Nato beteiligt, halte ich jedoch für einen lang überfälligen Weckruf an Europa. Bisher hat sich übrigens, trotz gegenteiliger Rethorik seitens des Präsidenten, das Engagement der Amerikaner in Europa wieder verstärkt.
Stephan Klöcker 21.02.2018
3. I. und II. Weltkrieg...
... da mag das so gewesen sein. Hier ist die Rede vom III.. Und da wäre es so gekommen. DDR und BRD in Asche vereint. Schutzwall/fläche für das westlicher liegende Resteuropa
... da mag das so gewesen sein. Hier ist die Rede vom III.. Und da wäre es so gekommen. DDR und BRD in Asche vereint. Schutzwall/fläche für das westlicher liegende Resteuropa
Linda Zenner 21.02.2018
4. Meine Freunde beim Bund sagten in den Achzigern:
"Was ist die Aufgabe der Bundeswehr?" "Den Feind solange an der Grenze hinzuhalten, bis richtiges Militär kommt....." Auch ich entsinne mich, dass Europa geopfert worden wäre .....darauf bezog sich eine [...]
"Was ist die Aufgabe der Bundeswehr?" "Den Feind solange an der Grenze hinzuhalten, bis richtiges Militär kommt....." Auch ich entsinne mich, dass Europa geopfert worden wäre .....darauf bezog sich eine Menge zeitgenössischer Spott und auch Pop wie "Besuchen Sie Europa , solange es noch steht." von Geier Sturzflug - und natürlich war das ein schlagkräftiges Argument der hiesigen Friedensbewegung.
Heiko Diesner 21.02.2018
5. Erschreckend, welch krankes, pervertiertes Denken sich hier offenbart!
Und die Söhne der Täter von damals sind schon wieder dabei, als "Speerspitze" gen Russland zu marschieren, und mit übler Hetze und unverschämten Lügen die propagandistischen Grundlagen für neue Maximalprofite [...]
Und die Söhne der Täter von damals sind schon wieder dabei, als "Speerspitze" gen Russland zu marschieren, und mit übler Hetze und unverschämten Lügen die propagandistischen Grundlagen für neue Maximalprofite sichernde Hochrüstungsspiralen zu legen. Wann werden die Europäer diese widerwärtige Krankheit, diese totale Absurdität, diesen Unsinn endlich unwiderruflich ausrotten! Wir waren damals und sind auch heute alle Menschen, die einfach nur in Ruhe leben wollen. Das war in den Staaten des Warschauer Paktes nicht anders als in den NATO-Staaten und das ist auch heute in Mittel- und Westeuropa nicht anders als in Europas Osten. Jeder, der etwas anderes behauptet, lügt und sollte sofort vom Hof gejagt werden!!!

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