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einestages

Selbsttötung von Ramón Sampedro

Das Recht zu sterben

Er sprang ins Meer und war fortan querschnittsgelähmt, vom Hals abwärts. Lange stritt Ramón Sampedro vergeblich vor Gericht um das Recht auf Sterbehilfe. Vor 20 Jahren setzte der Spanier seinem Leben ein Ende.

Eric Vandeville/ Getty Images
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Donnerstag, 11.01.2018   16:18 Uhr

Am 23. August 1968 sprang der Seemann Ramón Sampedro ein letztes Mal ins Meer. Er hatte große Pläne: An diesem Abend wollte er erstmals die Familie seiner Freundin kennenlernen und bei den Eltern um Auritas Hand anhalten. Schluss mit dem wilden Leben auf See, das ihn in Diensten der spanischen Marine einmal um den Globus geführt hatte. Noch eine letzte Erfrischung vor dem so wichtigen Festmahl. Ramón Sampedro stieg auf eine Klippe und sprang.

Später würde Sampedro immer wieder in Gedanken von dieser Klippe springen. In seinen Träumen schlug er nicht im viel zu flachen Wasser auf dem sandigen Boden auf, sondern flog weiter, um an einer tieferen Stelle in den Ozean einzutauchen. In einem seiner Gedichte schrieb er Jahre danach:

Ins Meer hinein, ins Meer
In seine schwerlose Tiefe,
wo die Träume sich erfüllen

In diesen Träumen brach er sich nicht das Genick. War er nicht vom Hals abwärts gelähmt. War er kein Pflegefall. Würde er ewig ein gesunder 25-jähriger Seemann aus Galicien bleiben. Würde er nie alles daransetzen, endlich sterben zu dürfen.

Ramón Sampedros erstes Leben endete an diesem Augusttag vor 50 Jahren. Bewusstlos trieb er nach dem Aufprall im Wasser, als ein Freund ihn rettete. "Nach einigen Monaten teilten mir die Ärzte mit, dass ich mich bis auf meinen Kopf nie wieder würde bewegen können", sagte Sampedro fast 30 Jahre später. "Es wäre besser gewesen, wenn ich ertrunken wäre."

Sterben, wie sollte er das anstellen?

Seiner Verlobten sagte der gelähmte Sampedro, sie möge ihm den Gefallen tun und mit einem anderen Mann glücklich werden: "Es hätte sie sonst auch zu einer Art Tetraplegiker gemacht, das wollte ich nicht." Tatsächlich verschwand Aurita aus seinem Leben, das ein anderes geworden war. Sampedro erachtete es von Anfang an als nicht lebenswert. Aus dem Krankenhaus entlassen, verbrachte er seine Zeit in einem Bett im Haus seines Bruders, ihn pflegte seine Schwägerin, gelernte Krankenschwester.

Wie muss das sein, wenn allein der Kopf und der Geist funktionieren? Wenn der Rest des Körpers nur noch eine Hülle für die lebenserhaltenden Organe ist, unfähig, selbst die kleinste Regung selbstständig auszuführen? In einem seiner zahlreichen Texte, die erst kurz vor seinem Tod im Buch "Briefe aus der Hölle" erschienen, schrieb Sampedro: "Gibt es etwas Absurderes, als einem Kadaver zuzuhören, der leidenschaftlich wie ein Mensch redet, wenn er weder Kälte und Wärme, noch Lust und Schmerz spüren kann?"

Fotostrecke

Ramón Sampedro: "Schaut mich an: Ich gleiche niemandem!"

Ramón Sampedro beschloss zu sterben. Bloß: Wie sollte er das anstellen? Und vor allem: Durfte er das überhaupt - sich den Tod wünschen, selbst darüber entscheiden, ob er leben oder sterben sollte?

Ethisch, juristisch, gesellschaftlich zählt das zu den heikelsten Fragen überhaupt - und rührt an das Menschenbild, an philosophische wie religiöse Vorstellungen. Das individuelle Recht auf ein selbstbestimmtes Leben ist ein Grundpfeiler der Menschenrechte. Und doch gilt es nicht uneingeschränkt. Staaten sehen sich mitunter in der Pflicht, ihre Bürger vor sich selbst zu schützen. Seit Jahrzehnten ist umstritten, ob und unter welchen Umständen ein Mensch das Recht hat, sein eigenes Leben zu beenden. Und ob man ihn straflos dabei unterstützen darf, in Würde zu sterben. Erst recht, falls die Helfer nicht Angehörige oder enge Freunde sind, sondern eine Organisation, womöglich Leute, die sogar geschäftliche Interessen verfolgen.

Für immer ans Bett gefesselt

Nicht nur im erzkatholischen Franco-Spanien redete in den frühen Siebzigerjahren noch niemand über Sterbehilfe, über assistierten Suizid oder Tötung auf Verlangen. Der Tod hatte dann zu erfolgen, wenn das Schicksal es so wollte - nicht der Mensch. Und damit hatte Ramón Sampedro sich seinem Schicksal zu beugen, ob er nun wollte oder nicht.

Der junge Marinesoldat und Seemann reifte in den Jahren und Jahrzehnten nach seinem Unfall zu einem belesenen und intelligenten Mann. Sampedro vertiefte sich in die großen Dichter und Denker und brachte sich mit einer vom Großvater gebastelten Konstruktion das Schreiben mit dem Mund bei. Er hörte viel klassische Musik, vorrangig Wagner. Sonst lebte er das Leben eines ans Bett gefesselten Menschen, dessen Haut verwelkt, wenn der Körper nicht von fremden Händen bewegt wird.

Es gibt wenige Informationen über Sampedros Leben in den Siebziger- und Achtzigerjahren, schon weil außerhalb seines Familien- und Freundeskreises niemand von seinem Schicksal wusste. Dann aber zog er 1993 mit Hilfe der Organisation Right to Die with Dignity (Recht auf einen würdigen Tod) erstmals vor Gericht. Sampedro verlangte, sterben zu dürfen - und sorgte für enormes Aufsehen.

Seine Klagen scheiterten in La Coruña wie in Barcelona, vor dem spanischen Verfassungsgericht wie dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Aber nun diskutierte halb Spanien über die Frage, welche Rechte der Mensch hat, wenn es seinen eigenen Tod betrifft. Und nicht allein Spanien.

"Er verführte jeden, den er neu kennenlernte"

In den Neunzigerjahren bewegte eine ganze Reihe von Fällen die Gesellschaft anderer Länder: in den USA Terri Schiavo und in Italien Eluana Englaro, beide im Wachkoma. In Deutschland der Komapatient Peter Klunk. In Australien der krebskranke Bob Dent. In Frankreich Jean-Dominique Bauby, der nur durch Zwinkern mit dem linken Augenlid kommunizieren konnte, und etwas später auch der gelähmte und blinde Vincent Humbert. Oder in Spanien die an Muskelschwund leidende Immaculada Echevarría (siehe Fotostrecke).

Ramón Sampedro suchte eine juristische Lösung, als er schon ein Vierteljahrhundert nicht mehr in der Lage war, elementarste Körperfunktionen selbst zu steuern. Danach sprachen im Haus seiner Familie regelmäßig auch fremde Besucher vor, darunter Frauen, die sich nicht nur vom traurigen Schicksal des Querschnittsgelähmten angezogen fühlten.

Alejandro Amenábar erzählte Sampedros Geschichte 2004 im Oscar-prämierten Film "Mar adentro" ("Das Meer in mir"). "Ramón verführte praktisch jeden, den er neu kennenlernte", sagte der spanische Regisseur der "New York Times", "Frauen verliebten sich in ihn und wollten ihn heiraten. Mentale Verführung war für ihn eine Möglichkeit, sich lebendig zu fühlen."

Eine dieser Frauen war die Mittdreißigerin Ramona Maneiro. Sie wich Sampedro nach dem ersten Kennenlernen 1996 nicht mehr von der Seite - und sollte bei seinem selbst gewählten Abschied eine besondere Rolle spielen.

In der Debatte über Sampedros Leben und seinen Todeswunsch verstanden viele nicht, dass ausgerechnet dieser kluge, warmherzige, sympathische Frauentyp sterben wollte. "Einer der größten Feinde von Herrn Sampedro ist seine eigene Persönlichkeit", schrieb 1994 ein britischer "Independent"-Reporter. "Während man ihm zuhört, wie er von Kant, Kafka oder aus seinen eigenen Gedichten vorliest, wie er einen galicischen Witz erzählt, wünscht man diesem Mann ein langes Leben und bringt zugleich Verständnis für seinen Wunsch nach Selbstbestimmung auf."

Ramona half Ramón

Die spanische Öffentlichkeit war gespalten, die Justiz zitierte Sampedro, um den es doch eigentlich ging, zwar im Rollstuhl vor die Richterpulte, wies ihn aber ab. "In der Verfassung ist von Gleichberechtigung die Rede", schrieb er, "aber schaut mich an: Ich gleiche niemandem!"

Auch beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte hatte Sampedro keinen Erfolg. Er war seit nunmehr 29 Jahren schwerstbehindert und beschloss, längst des Lebens müde, sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Genauer: in andere, in helfende Hände zu legen. Denn selbst tun konnte er es nicht.

Seine Familie weigerte sich, ihm bei seinem Suizid zu assistieren. Also zog Sampedro zu seiner Freundin Ramona Maneiro ins nahe Boiro. Dort pflegte sie ihn mit ihrer Schwester Guadalupe - und war bereit, ihm beim Sterben zu helfen. Sampedro ließ Zyankali besorgen und außerdem ein halbes Dutzend Schlüssel im engen Freundeskreis verteilen. Insgesamt elf Freunde folgten seinem Plan; jeder hatte eine Aufgabe zu erfüllen, die im Einzelnen keine Straftat bedeutete: Einer berechnete die Giftmischung, einer stellte das Glas bereit, ein anderer eine Videokamera und so weiter.

Die entscheidende Aufgabe übernahm Ramona Maneiro am 12. Januar 1998: Vor laufender Kamera rückte sie ihm das Glas mit der in Wasser aufgelösten Zyankali-Mischung samt Strohhalm zurecht. Sampedro, inzwischen 55 Jahre alt, lächelte in die Kamera und sagte: "Wenn ich das trinke, werde ich freiwillig auf meinen rechtmäßigsten und privatesten Besitz verzichtet haben - meinen Körper." Dann trank er das Glas aus.

20 Minuten später war Ramón Sampedro tot. Die Polizei nahm Ramona Maneiro vorläufig fest, ließ sie aber nach wenigen Tagen wieder frei - auch weil sich in kürzester Zeit mehr als 4000 Spanier selbst anzeigten, um ihre Solidarität mit Sampedros Kampf um einem selbst bestimmten Tod zu bekunden. 67 Prozent der Spanier sprachen sich in einer Umfrage pro Sterbehilfe aus.

Erst 2005, nach Ablauf der Verjährungsfrist, räumte Maneiro in einer Fernsehsendung die Beihilfe zum Selbstmord ein - und fand kluge Worte in der verhärteten Diskussion über die sogenannte "Tötung auf Verlangen": "Sich von einer Person zu trennen, die man liebt, ist sehr schwer. Aber man muss den Willen dieser Person respektieren. Und das habe ich getan."

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insgesamt 10 Beiträge
Stefan XX 11.01.2018
1. Recht auf Sterben
Wie das Thema Sterbehilfe auch bei uns in Deutschland gehandhabt wird, stört mich schon lange gewaltig. Mit was für einem Recht maßen sich irgendwelche Abgeordnete eigentlich bei Abstimmungen an über MEIN Leben zu entscheiden [...]
Wie das Thema Sterbehilfe auch bei uns in Deutschland gehandhabt wird, stört mich schon lange gewaltig. Mit was für einem Recht maßen sich irgendwelche Abgeordnete eigentlich bei Abstimmungen an über MEIN Leben zu entscheiden und mir verbieten zu wollen frei entscheiden zu können ob und wann ich sterben möchte? Das geht irgendeinen Abgeordneten überhaupt nichts an. Natürlich muss es - ähnlich wie bei einem Schwangerschaftsabbruch - Beratungsstellen und bestimmte Hürden geben, damit nicht Tausende aus einer Laune oder schwachen Phase heraus sich das Leben nehmen, was sie später dann evtl. bereut hätten oder evtl. gar nicht wirklich wollten. Aber es gibt mehr als genug Fälle, in denen Leute, oft durch schwere Krankheiten oder Behinderungen gezeichnet, einfach in Frieden sterben möchten und das nicht dürfen weil andere sich anmaßen über deren Leben zu entscheiden. Für mich ist ein Schwangerschaftsabbruch sogar schlimmer als Sterbehilfe. Denn derjenige, der sterben will, der kann sich klar äußern oder via Patientenverfügung festlegen dass er sterben will. Das ungeborene Kind hingehen wird nicht gefragt und ab wann man von menschlichem Leben sprechen kann ist mehr als umstritten.
Andreas Vorbau 11.01.2018
2. Bild 15
"war er außerdem taub und blind, konnte aber hören " muss man nicht verstehen oder?
"war er außerdem taub und blind, konnte aber hören " muss man nicht verstehen oder?
Olaf Behr 11.01.2018
3. Eine zutiefst rührende und menschliche Geschichte
Ich habe größten Respekt vor allen, die hier auf unglaublich kluge und humane Art und Weise zusammengewirkt haben. Die Entscheidung über den eigenen Tod sollte immer eine persönliche sein, nicht die von irgendwelchen [...]
Ich habe größten Respekt vor allen, die hier auf unglaublich kluge und humane Art und Weise zusammengewirkt haben. Die Entscheidung über den eigenen Tod sollte immer eine persönliche sein, nicht die von irgendwelchen Kirchenoberhäuptern, sogenannten Ethikern, Juristen oder Politikern.
Heribert Süttmann 12.01.2018
4. Die Gerichte entmachten
Wegen solcher Schicksale wie dem hier geschilderten bin ich (deutsches) Mitglied der niederländischen Coöperative Laatste Wil (CLW) und erwarte in diesem Jahr, mit Hilfe dieser Vereinigung in den Besitz eines [...]
Wegen solcher Schicksale wie dem hier geschilderten bin ich (deutsches) Mitglied der niederländischen Coöperative Laatste Wil (CLW) und erwarte in diesem Jahr, mit Hilfe dieser Vereinigung in den Besitz eines Selbsttötungsmittels zu gelangen. Um einem derartigen Zustand wirksam vorbeugen zu können, soweit möglich. Und um generell mein Leben dann enden lassen zu können, wenn ich den Zeitpuntk für gekommen halte. Denn eine Pflicht zum Weiterleben gibt es nicht. Jedoch: Selbstbestimmung muss man sich immer halt selber nehmen, um sie ausüben zu können; nur so kann es sie geben. Ich meine, dass es unumgänglich ist, den Gesetzgebern, Gerichten, Institutionen ihren Kontrollanspruch über den eigenen menschlichen Tod zu nehmen. Das geschieht durch die Entwicklung humaner, rechtssicherer, kostengünstiger Selbsttötungsverfahren. Wer eine Methode wie das Mittel der CLW zur Verfügung hat, muss dann nicht mehr zum Gericht gehen.
Björn B 12.01.2018
5. @ Stefan XX
nunja der ungeborene kann nichtmal entscheiden das er sterben will weil er nichtmal geboren bzw zur Zeugung zugestimmt hat. Insofern sollte erst ein komplett entwickeltes "Eigen" entscheiden dürfen was mit einem selbst [...]
nunja der ungeborene kann nichtmal entscheiden das er sterben will weil er nichtmal geboren bzw zur Zeugung zugestimmt hat. Insofern sollte erst ein komplett entwickeltes "Eigen" entscheiden dürfen was mit einem selbst passiert

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