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einestages

Erst Skiflieger, dann Rennfahrer

Sven Hannawald und die Suche nach dem verlorenen Adrenalin

Ein Burn-out beendete 2004 die Karriere von Sven Hannawald. Nach einer Auszeit suchte er einen neuen Kick und fand ihn - aber warum im Motorsport?

Bongarts/ Getty Images
Von
Dienstag, 02.01.2018   14:16 Uhr

Plötzlich waren sie wieder da. "Schmetterlinge im Bauch", nennt Sven Hannawald dieses Gefühl, wenn er spürt, er steht vor etwas Großem.

Es war in den ersten Oktobertagen 2010, das Finalwochenende des GT Masters, einer Rennserie für ambitionierte Amateurmotorsportler und Profipiloten. Hannawald, der frühere Skispringer, hatte 2009 - so sein neues Rennteam in einer Pressemitteilung - den "eisigen Schanzentisch gegen den heißen Stuhl" hinter dem Lenkrad einer 500 PS starken Corvette getauscht.

Hannawald fuhr seine erste komplette Saison bei den Geschwindigkeitssüchtigen - und der Neuling schlug sich hervorragend. Kein Amateur war an sechs Rennwochenenden schneller unterwegs. Hannawald, damals 36, führte vor dem Finale die Wertung an. "Es war überwältigend, ein Heidenspaß", sagt er rückblickend. In den abschließenden beiden Läufen musste "der Lehrling", wie er sich nannte, nur ins Ziel kommen, um auch im Motorsport gleich dort zu landen, wo er als Skispringer öfter gelandet war als andere: ganz oben.

Viele Winter lang war Hannawald von den Schanzen dieser Welt gesprungen. Der Mann aus dem Erzgebirge wurde Weltmeister, auch Olympiasieger. In diesem einen Winter aber, in den Tagen um den Jahreswechsel von 2001 auf 2002, flog er mehr, als er sprang. Keiner kam an ihn heran.

"Ich will das Kribbeln fühlen"

In deutschen Wohnzimmern schrien die Menschen in Richtung Fernseher: "Ziiiieeh!" Und Hannawald tat, wie ihm befohlen. Das führte ihn zum historischen Rekord: eine Vierschanzentournee, vier Siege - bis heute unerreicht. "Stabil bombastische Form", sagte Hannawald. "Hanni, ich will ein Kind von dir", kreischten die Fans in den Auslaufzonen.

Dann, 2004, die große Stille. Gerüchte über Magersucht kamen auf, da ging Hannawald an die Öffentlichkeit und sprach über seine Burn-out-Erkrankung. Er zog sich vom Leistungssport zurück.

SPIEGEL TV über Prominente mit Burn-out

Foto: SPIEGEL TV

Das Leben im Tunnel - mit Trainieren, Essen, Schlafen, mit Druck von allen Seiten, vor allem dem selbst erzeugten - machte Hannawald krank. Der Ehrgeiz ließ ihn das Leben abseits seines Sports vergessen. Er wollte immer mehr, der Sport gab ihm aber immer weniger zurück. Also gab er noch mehr. Und bekam noch weniger.

Heute weiß er: "Wenn ich übertreibe, dann geht gar nichts." Noch immer fällt ihm der Gedanke schwer: "Wenn ich etwas mache, gehe ich auch intensiver ran. Ich will das Kribbeln fühlen, will mich hineinsteigern. Fußball könnte man ja auch locker spielen. Aber das geht bei mir nicht. Ich will schon etwas spüren danach."

"Natürlich hat es mit Adrenalin zu tun"

2005 spürte er wenig Gutes. Er merkte, dass eine Rückkehr unmöglich war. Es tat ihm weh, über die "geniale Vergangenheit" zu sprechen. Doch auch das Loslassen war schwierig, solange er nichts Neues hatte. Also nahm er sich viel Zeit - und suchte: einen Adrenalinersatz. "Ja, das war es auf jeden Fall", gesteht er. Hannawald fand den Motorsport.

Über Mitarbeiter des TV-Senders RTL, der damals sowohl Skispringen als auch Formel 1 übertrug, kam er auf die Idee, seine Rennlizenz zu machen. Etwas später, Ende 2009, sei er erstmals wieder richtig glücklich gewesen. "Ich bin im normalen Leben angekommen", ließ er 2010 wissen.

Fotostrecke

Sportler mit mehreren Disziplinen: Einmal ist keinmal

Der Motorsport war für ihn Lebenshilfe, Hannawald hatte wieder eine Aufgabe. "Das Schönste war, das zu erleben, wovon ich als Junge geträumt habe. Ich habe Motorengeräusche geliebt."

Es ist die große Herausforderung jedes Sportlebens: Wie geht man mit der schwindenden Konkurrenzfähigkeit um, mit der nachlassenden Bedeutung? Viele Leistungssportler versuchen sich dann in anderen Sportarten - und werden so zu Doppelsportlern (siehe Fotostrecke). Anderen reicht die eine Disziplin schon während der aktiven Zeit nicht. Im US-Sport gibt es viele Beispiele herausragender Athleten, die in unterschiedlichen Profiligen Erfolge feierten. Und auch in Deutschland gibt es Disziplinwechsler. So unorthodox wie bei Hannawald sind die Kombinationen aber selten.

"Natürlich habe auch ich mich gefragt: 'Warum Motorsport?' Das ist natürlich berechtigt", sagt Hannawald. "Wirklich zu vergleichen ist es ja nicht. Skispringen ist eine flüssige Bewegung. Wir werden beschleunigt, dann fliegen wir durch die Luft. Und im Auto, dann scheppert es so richtig." Dennoch gebe es Gemeinsamkeiten. "Wir müssen immer mit Risiko arbeiten. Du musst dich immer an die Grenze herantasten." Und ja: "Natürlich hat es mit Adrenalin zu tun. Geschwindigkeit, Fliehkräfte - da sind natürlich ganz andere Mengen an Adrenalin im Körper als in anderen Sportarten."

Auch im Motorsport kann plötzlich alles anders kommen

Im Oktober 2010 stand Hannawald mit seiner Corvette in Oschersleben am Start und spürte das Kribbeln, das er lange vermisst hatte. Der frühere Weltklasse-Skispringer wusste, was zu tun war: "Man muss sich auf das Wesentliche konzentrieren, wenn man denkt, puh, jetzt muss es schon ganz schön schnell um die Ecke gehen. Das ist dann ähnlich zum Skifliegen, wo man plötzlich auch merkt, so, jetzt ist schon mehr Luft um einen rum."

Seine Vergangenheit, an die er wieder gern dachte, war nun "ein Vorteil. Ich wusste, wie ich reagiere und reagieren muss, wenn es um die Wurst geht. Da waren schon manche erstaunt, auch wenn ich sonst immer noch Fehler auf der Strecke gemacht habe. Aber es waren eben keine Fehler, die ich schon mal gemacht habe."

imago/ Pressefoto Baumann

Rennfahrer Sven Hannawald (am Hockenheimring, Oktober 2010)

Hannawald lernte sehr schnell sehr viel. Aber an diesem Herbstwochenende spürte er auf schmerzhafte Weise, dass auch im Motorsport alles plötzlich anders kommen kann. Einmal in zwei Rennen die Zielflagge sehen, so dachte er, das sollte doch möglich sein. War es nicht. Zweimal schied Hannawald unverschuldet aus. Noch heute ärgert er sich, sagt aber auch: "So ist es eben manchmal im Motorsport."

Und es ist eben so, dass das Auto einen großen Anteil hat. 2011 bekam er den früheren Formel-1-Fahrer Heinz-Harald Frentzen ins Team. Der stimmte das Auto nach den Wünschen eines Weltklasse-Piloten ab. Der Spätstarter Hannawald kam damit nicht mehr so gut zurecht. Am Ende der Saison landete er nur noch auf Position vier in der Amateurwertung.

Nur hinterherzufahren war keine Option

"Mit Heinz-Harald Frentzen hätte ich noch ein, zwei Jahre gebraucht, dann hätte es super funktioniert", sagt Hannawald heute. Doch so lange hielt er es nicht aus, nicht an der Spitze mitmischen zu können. Er gab sein festes Cockpit ab, "ich bin viel zu ehrgeizig, dass ich mich damit zufriedengeben kann, nur hinterherzufahren", sagte er damals Sport1. Die zweite Liebe wurde zudem zu teuer, Motorsport ist nicht Radfahren. Nur gelegentlich fährt er noch Autorennen.

"Nach der aktiven Karriere muss sich ein Sportler erst einmal damit auseinandersetzen, dass mit Sport normalerweise kein Geld mehr zu verdienen ist", sagt er. "80 Prozent aller Sportler müssen also etwas finden, mit dem sie ihr Geld verdienen können." Klar, ein Fußballer mit "normaler Leuchtstärke im Kopf", der sich also um das Danach Gedanken macht, hätte ausgesorgt nach der Karriere. "Aber für alle anderen gilt das normalerweise nicht."

Sein Geld verdient Hannawald, der für seinen historischen Vierfachsieg bei der Vierschanzentournee damals 50.000 Euro bekam, inzwischen als Unternehmensberater in München. Angebote für das "Dschungelcamp" und andere TV-Formate lehnte er ab - lediglich für den TV-Sender Eurosport kommentiert er wieder Skispringen. Wenn er die Kollegen fliegen sieht, erhöht sich der Puls nur, wenn sein Rekord in Gefahr gerät. "Ich hoffe natürlich, dass das keiner mehr schafft", sagt er.

Also fiebert er mit. Aber es ist nicht dasselbe wie damals. "Es ist heute noch so, dass mir das Adrenalin manchmal fehlt."

Ist es nur für den Kick, für den Augenblick? Dirk Nowitzki begann in seiner Jugend als herausragender Tennisspieler, Manni Burgsmüller wechselte vom Fußball zum Football, Multitalent Lottie Dodd brillierte sogar im Tennis, Golf, Hockey und Bogenschießen - Sportler und ihre Mehrfachkarrieren in der Fotostrecke.

insgesamt 6 Beiträge
Karl Wittelsbacher 02.01.2018
1. Und was als Nächstes?
Synchronschwimmen mit David Hasselhoff? Damit dann ist dieser wieder schuld wenn es nicht erfolgreich wird.
Synchronschwimmen mit David Hasselhoff? Damit dann ist dieser wieder schuld wenn es nicht erfolgreich wird.
Thomas Weise 02.01.2018
2. Geschwindigkeitssüchtig?
Immer wieder bin ich fasziniert über das Missverständnis, es ginge beim Motorsport um Geschwindigkeit. Die Durchschnittsgeschwindigkeit in Oschersleben in der ADAC GT Masters liegt unter 140 km/h. Die wahren [...]
Immer wieder bin ich fasziniert über das Missverständnis, es ginge beim Motorsport um Geschwindigkeit. Die Durchschnittsgeschwindigkeit in Oschersleben in der ADAC GT Masters liegt unter 140 km/h. Die wahren Geschwindigkeitssüchtigen finden sich auf den Autobahnen. Im Motorsport geht es um Fahrzeugbeherrschung - spät und genau bremsen, aber nicht zu viel und schon gar nicht nicht zu wenig; früh Gas geben, aber nicht zu früh und nicht zu viel. Das ist sehr viel schwieriger als es sich anhört und durchaus eine echte Herausforderung - warum also gerade nicht Motorsport?
Richard Jas 02.01.2018
3. @2. richtig und falsch
Nicht Ihr Ernst daß es einem Motorsportler nicht auch um Speed geht.Ich kenne nicht wenige und die meisten unterschreiben diesen Ihren Satz auf keinen Fall.Jedem Adrenalinfan gibt auch der pure Speed einen kick,mag sein es ist [...]
Nicht Ihr Ernst daß es einem Motorsportler nicht auch um Speed geht.Ich kenne nicht wenige und die meisten unterschreiben diesen Ihren Satz auf keinen Fall.Jedem Adrenalinfan gibt auch der pure Speed einen kick,mag sein es ist nicht die Hauptsache je nach Person aber auf jeden Fall ein Faktor bei dem Spaß.
Mathias Wernitz 03.01.2018
4. Und was. qualifiziert den Mann als Unternehmensberater?
Skifliegen und Autorennen fahren vermitteln doch wohl kaum die Fertigkeiten und Fähigkeiten, die man zur erfolgreichen Führung eine Unternehmens braucht.
Skifliegen und Autorennen fahren vermitteln doch wohl kaum die Fertigkeiten und Fähigkeiten, die man zur erfolgreichen Führung eine Unternehmens braucht.
Sven Woldt 06.01.2018
5. @1 + @2
Geschwindigkeit per se ist nicht die Herausforderung ( man hat kein Organ, das Geschwindigkeit empfindet, im Weltallt fliegen sie sehr schnell, aber keiner merkt etwas davon). Es handelt alles um. Beherrschung des Fahrzeuges im [...]
Geschwindigkeit per se ist nicht die Herausforderung ( man hat kein Organ, das Geschwindigkeit empfindet, im Weltallt fliegen sie sehr schnell, aber keiner merkt etwas davon). Es handelt alles um. Beherrschung des Fahrzeuges im Grenzbereich und / oder G- Kräfte siehe Rallye

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