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einestages

Tag der bekloppten Musikinstrumente

Was wird denn hier gespielt?

Der 31. Juli ist der Tag der ungewöhnlichen Musikinstrumente. Noch nie davon gehört? Dann Ohren und Augen auf: Hier sind die schrägsten Klangkörper.

Yamaha Motor
Von
Dienstag, 31.07.2018   10:38 Uhr

An seiner größten Erfindung blieb Johann Wilde zufällig hängen. Buchstäblich: Der deutsche Konzertviolinist arbeitete im Jahr 1740 in Sankt Petersburg, als er eines Abends nach einem Konzert heimkam. Der erschöpfte Musiker, so beschrieb es Carl Engel 1874 in einem Essay zur Geschichte der Musikinstrumente, wollte gerade seinen Bogen an einem Nagel aufhängen, als es passierte: "Versehentlich zog Wilde die Haare des Bogens über das Metall und erzeugte so einen Ton." Ein folgenreiches Missgeschick.

Denn Wilde gefiel der Klang, er konstruierte ein komplettes Instrument aus klingenden Nägeln - die Nagelgeige. Sie besteht aus einem meist halbrunden Klangkörper, aus dem Nägel herausragen. Der Musiker hält die Nagelgeige mit einer Hand und streicht mit dem Bogen über die Nägel. Je nach Länge erzeugen sie verschieden hohe Töne, die viel zarter und obertonreicher klingen als bei einer normalen Violine.

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Skurrile Musikinstrumente: Die irrsten Instrumente der Welt

Im Vergleich zur Violine waren die Ausdrucksmöglichkeiten der Nagelgeige beschränkt, doch sie war viel leichter zu spielen. Sie wurde so beliebt, dass 1791 sogar ein komplettes "Nagelklavier" entstand und 1888 die "Aliquot-Streichflöte", die beide auf diesem Prinzip basierten. Doch alle drei Erfindungen gerieten wieder in Vergessenheit.

Sehr dekorativ, so eine Flammenorgel

Zu Unrecht. Denn so eigenwillig Nagelgeige, Nagelklavier und Streichflöte auch gewesen sein mochten, sie hatten der Musik doch völlig neue Klangfarben hinzugefügt. Aber zum Glück gibt es ja den "Uncommon Musical Instrument Day", einer dieser skurrilen Feiertage, die weltweit auch entlegenen Themen und verwegenen Bräuchen Aufmerksamkeit bescheren. Der "Tag der ungewöhnlichen Musikinstrumente" kommt gerade recht, um all die Salatschüssel-Harmonikas, Springbrunnen-Orgeln und Taschenlampen-Marimbas wieder zu würdigen, die im Laufe von Jahrhunderten Musikgeschichte verschüttgegangen sind.

Manche dieser obskuren Erfindungen entstanden nur aus dem Wunsch, die Eigenschaften mehrerer Instrumente zu kombinieren - wie etwa die Bazantar. Der Musiker Mark Deutsch entwickelte sie in den Neunzigerjahren, um einen Kontrabass mit einer indischen Sitar zu kreuzen.

Andere Erfinder versuchten mit wissenschaftlichem Eifer, neue Wege der Tonerzeugung nutzbar zu machen, wie der Physiker und Musiker Georges Frédéric Eugene Kastner 1875 mit seinem Pyrophon. Diese Feuerorgel erzeugte Töne durch Wasserstoffflammen in Glaspfeifen. Das klang nicht nur gut, die lodernde Orgel sah auch dekorativ aus - nur war sie leider nicht ganz ungefährlich. Vielleicht setzten sich die Flammenorgeln deshalb auch nicht dauerhaft durch.

Manche Instrumente aber dienten sogar dazu, ein politisches System zu stützen. Genau das tat der russische Musiker Arseni Awraamow, der 1922 eine ganze Stadt in ein riesiges Instrument verwandelte, um die gewaltsame Machtübernahme Lenins zu feiern.

Rhythmische Figuren mit Maschinengewehren

Am 7. November, dem fünften Jahrestag der Oktoberrevolution, stieg Awraamow auf ein Hausdach in Aserbaidschans Hauptstadt Baku, um seine "Symphonie der Fabriksirenen" zu dirigieren - mit Hilfe von zwei Signalflaggen und mehreren Feldtelefonen.

Awraamows Orchester bestand aus zwei Artilleriegeschützbatterien, einer Reihe von Wasserflugzeugen, mehreren Infanterieregimenten inklusive einer Maschinengewehr-Division, dazu aus diversen Chören, den Nebelhörnern der kompletten kaspischen Flottille sowie allen Fabriksirenen der Stadt.

Voller Begeisterung war Awraamow über die "erfahrenen Maschinengewehrschützen", die "nicht nur einen Trommelschlag nachahmen, sondern komplexe rhythmische Figuren spielen können", wie er 1923 im sowjetischen Magazin "Gorn" schwärmte.

Ob aus politischen Beweggründen, Erfindergeist oder purem Jux - eines haben all die abseitigen Klangerzeuger gemeinsam, die die Musikgeschichte hervorgebracht hat: Sie haben den musikalischen Kosmos um Klangfarben bereichert, die es so vorher noch nicht gab. Begeben Sie sich darum mit auf eine Rundreise zu den absonderlichsten Instrumenten der Welt, von der Murmel-Drehorgel bis zur Kubisten-Klampfe. Happy Quatschinstrumentenday to you!

insgesamt 10 Beiträge
Michael Stephan 31.07.2018
1.
Fehlt nur noch die Mäuse-Orgel von Monty Python oder dessen Vorläufer die Schweineorgel...
Fehlt nur noch die Mäuse-Orgel von Monty Python oder dessen Vorläufer die Schweineorgel...
Marc Pe 31.07.2018
2. Möwe Jonathan
Faszinierend, die schrägen Instrumente. Mir ist eine Straßenmusiktruppe in Erinnerung, die ich in der 90ern mal gesehen hatte. Sie haben mehrere Meter lange Saiten über Resonanzkörper gespannt, die dann von mehreren Personen [...]
Faszinierend, die schrägen Instrumente. Mir ist eine Straßenmusiktruppe in Erinnerung, die ich in der 90ern mal gesehen hatte. Sie haben mehrere Meter lange Saiten über Resonanzkörper gespannt, die dann von mehreren Personen wie eine riesige Zither oder Hackbrett gespielt wurden. Das ganze war noch dekoriert mit einem aus Holz ausgesägten Möwenkörper, so dass die Saiten die Flügel darstellten, und nannte sich eben "Möwe Jonathan". Vielleicht kennt die ja auch jemand oder hat Aufnahmen dazu, hab im Netzzeitalter nie etwas dazu gefunden.
Jo Lange 31.07.2018
3. Sorry
nur zur Info, Rick Nielsen spielte sein Five-Neck bereits Anfang der 80er, (Rockpalast)
nur zur Info, Rick Nielsen spielte sein Five-Neck bereits Anfang der 80er, (Rockpalast)
Matthias Schudera  31.07.2018
4. Das Katzenklavier fehlt :-)
Athanasius Kircher.
Athanasius Kircher.
Armin L. 31.07.2018
5. Kens Ewings Mäuseorgel
Ein Intrument fehlt noch. Ken Ewings Mäuseorgel. Jedoch kann man dieses Instrument in unserer Zeit der political correctness und Gutmenschentums nicht mehr ruhigen Gewissens erschallen lassen. Berühmtheit erlangte sie [...]
Ein Intrument fehlt noch. Ken Ewings Mäuseorgel. Jedoch kann man dieses Instrument in unserer Zeit der political correctness und Gutmenschentums nicht mehr ruhigen Gewissens erschallen lassen. Berühmtheit erlangte sie während eines einzigen Auftrits im TV in den siebziger Jahren während einer Sendung der BBC im Rahmen des Kulturprogramms Monty Pythons Flying Circus. Ken Ewing (Terry Jones) musste leider nach den ersten takten die Bühne frühzeitig verlassen oder besser, er wurde gegangen. Westpavian

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