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Basketball brutal

"The Punch" - fast zu Tode geprügelt

Mit einem Schlag zertrümmerte Basketballer Kermit Washington den Schädel seines Gegenspielers. Rudy Tomjanovich überlebte knapp - dieser Fausthieb im Dezember 1977 veränderte das Leben beider Sportler, aber auch die NBA.

Bettmann Archive
Von Frank Joung
Montag, 11.12.2017   11:33 Uhr

Es ist dieses Geräusch, das Kareem Abdul-Jabbar in Erinnerung blieb. "Ich habe nicht gesehen, was passiert ist, aber ich habe es gehört. Es hörte sich an wie eine Melone, die auf der Straße zerplatzt."

Ein Heimspiel der Los Angeles Lakers am 9. Dezember 1977. Sie führen zu Beginn der zweiten Hälfte 57:55 gegen die Houston Rockets. Bei einem Rebound geraten Houstons Center Kevin Kunnert und Lakers-Superstar Kareem Abdul-Jabbar aneinander, ringen kurz, lassen voneinander ab. Als Kunnert nach vorn sprinten will, hält ihn Gegenspieler Kermit Washington an der Hüfte fest. Kunnert (2,13 Meter groß) reißt sich los, schwingt den Ellbogen herum, trifft Washington (2,02 Meter) am Arm. Ein Faustkampf beginnt.

Als die Fernsehkameras vom Lakers-Korb auf die Szene am Mittelkreis schwenken, hat Abdul-Jabbar (2,18 Meter) beide Arme um Kevin Kunnert geschlungen. Washington steht breitbeinig daneben. Offenbar hat er Kunnert eine verpasst, der krümmt sich vor Schmerzen. Spieler beider Teams eilen herbei. Rockets-Kapitän Rudy Tomjanovich spurtet auf Washington zu. Der dreht sich um und streckt den heranstürmenden Tomjanovich frontal mit einer rechten Geraden nieder (in diesem Video ab Minute 1:40).

"The Punch". Es ist der Moment, in dem Abdul-Jabbar und rund 11.000 Zuschauer im Los Angeles Forum das Geräusch einer platzenden Melone hören.

Rudy Tomjanovich geht wie vom Blitz getroffen zu Boden. Er schlägt mit dem Hinterkopf auf und verliert das Bewusstsein. Eine Blutlache auf dem Parkett, Stille in der Riesenarena. Als "Rudy T." wieder zu sich kommt, fragt er, was passiert sei. Er glaubt, der riesige Anzeigewürfel über dem Spielfeld wäre auf ihn gestürzt. In der Kabine sagt ihm ein Arzt: "Ich weiß nicht, ob du es schaffst." Erst da wird Tomjanovich die Lebensgefahr klar.

Der 29-Jährige schafft es - aber sein Gesicht sieht aus wie nach einem Autounfall. Schwer verletzt verbringt er zwei Wochen im Krankenhaus: Mehrere Schädelknochen sind gebrochen, ebenso die Nase und der Kiefer. Tomjanovich kann seine eigene Rückenmarksflüssigkeit schmecken. Sie fließt vom Gehirn in den Mund.

Von wegen körperloses Spiel

Die NBA von 1977, das war nicht die globale, milliardenschwere Liga von heute. Die Teams, sogenannte Franchises, zogen von Stadt zu Stadt. Viele Spieler waren in Drogenskandale verwickelt, Rangeleien gehörten zum Spiel wie der orangefarbene Ball. Das einst als "körperlos" beschriebene Spiel hat sich längst zum Kontaktsport entwickelt, zum Sport der Einschüchterung und Dominanz.

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The Punch: "Ein netter Typ, der manchmal anderen die Rübe abreißt"

"No blood, no foul" - der Code der Straße galt auch in der Profiliga. Ein Faustkampf war keine große Sache. Laut "Sports Illustrated" gab es in der Vorsaison 41 Schlägereien. Und in der ersten Partie der Saison 1977/78, nur zwei Monate vor dem Rockets-Lakers-Spiel, brach Abdul-Jabbar einem Gegenspieler per Faustschlag den Kiefer, ebenso sich selbst eine Hand (Video). Die NBA bestrafte ihn nicht.

Nach seinem Hieb, mit dem er den Schädel des Gegenspielers zertrümmerte, musste Kermit Washington 10.000 Dollar Strafe zahlen und wurde für 60 Tage vom Ligabetrieb suspendiert - ein Rekord bis dahin. Er fehlte 26 Spiele; Tomjanovich fiel für den Rest der Saison aus.

"Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen. Gib mir eine Zeitmaschine. Ich würde mich einfach ducken und nie eine Schlägerei anfangen", sagte Kermit Washington fast 30 Jahre später in der Dokumentation "Redemption: The Kermit Washington Story". Der Faustschlag, der alles verändern sollte, verfolgt ihn bis heute. Was den Leuten zuerst bei seinem Namen einfällt: "The Punch". Unter diesem Titel erschien 2002 ein Buch; Autor John Feinstein beschreibt die Szene als cosmic accident, als schicksalhafte Verkettung unglücklicher Umstände.

Leibwächter und Vollstrecker

Alle waren sich einig: Washington (muskelbepackt, schwarz) hat einen Unschuldigen (weniger muskulös, weiß) fast zu Tode geprügelt. Ihm kam im Basketball dieser Ära indes auch eine besondere Rolle zu - die des "Enforcers". Ähnlich wie im Eishockey heuerten NBA-Teams Spieler an, die sich über ihre Physis Respekt verschaffen sollten. Bullige Hünen, testosteronbetankt, bei jeder Provokation zur Stelle. Als Bodyguards sollten sie Superstars wie Abdul-Jabbar abschirmen, als Bad Boys Gegner durch harte Fouls zermürben.

Nur einen Monat vor dem Spiel in Houston erschien im Magazin "Sports Illustrated" ein glorifizierendes Porträt über "Enforcer" wie Kermit Washington, auf dem Foto zu sehen mit freiem Oberkörper und grimmiger Miene, so beschrieben: "Der 2,02 Meter große und 105 Kilo schwere Washington ist ein netter, stiller Typ, der Gewichte stemmt und manchmal anderen die Rübe abreißt." Er sei vom Lakers-Besitzer gedrängt worden, bei der Story mitzumachen, behauptete Washington hinterher.

Besten Dunk, Michael Jordan

Rudy Tomjanovich hat Washington vergeben - auch wenn es viele Jahre gedauert hat. "Er hat sich entschuldigt, und das ist großartig. Aber selbst wenn er es nicht getan hätte, hätte ich es loslassen müssen, zu meinem eigenen Wohl", erklärte Tomjanovich der Zeitung "USA Today" 25 Jahre nach seiner Nahtoderfahrung.

Er selbst spielte noch bis 1981. Allerdings machten ihm Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Panikattacken lange zu schaffen. Er war alkoholkrank, besiegte den Krebs, gewann mit den Rockets Mitte der Neunzigerjahre als Cheftrainer zweimal den NBA-Titel und 2000 in Sydney mit dem US-Team Olympiagold. Zuletzt war Tomjanovich Berater - für die Los Angeles Lakers.

Der Ruf von Washington war ruiniert, oft buhten gegnerische Fans ihn aus. Auch als Assistenztrainer konnte er in der Liga nicht Fuß fassen. Man mied ihn, seine Familie erhielt Morddrohungen. Seine Bitterkeit wich erst, als er Mitte der Neunzigerjahre begann, regelmäßig nach Afrika zu reisen, um sich ehrenamtlich für eine bessere medizinische Versorgung zu engagieren. "Hier bin ich nur ein großer Amerikaner", sagte er der "New York Times" 2004. "Das mag ich."

Ein bisschen Frieden

Derzeit muss sich der 66-Jährige allerdings vor Gericht verantworten. Er hat sich schuldig bekannt, Spendengelder in sechsstelliger Höhe an seine Wohltätigkeitsorganisation "Project Contact Africa" für private Zwecke verwendet zu haben. Ihm droht eine lange Haftstrafe.

Sein brutaler Faustschlag hatte auch gravierende sportliche Auswirkungen. "Uns wurde klar, dass man es nicht erlauben kann, dass sich Männer schlagen, die so groß und stark sind", sagt David Stern, damals Leiter der NBA-Rechtsabteilung. Später als Chef der Liga stellte er nach und nach die Weichen für eine familienfreundlichere Liga.

Es war ein langer Weg. Denn auch später kam es noch oft zu heftigen Prügeleien. Am 19. November 2004 ereignete sich die größte Massenkeilerei beim Spiel zwischen den Detroit Pistons und den Indiana Pacers: "Malice at the Palace", ein Abend für die Sportgeschichtsbücher (hier im Video). Im Auburn Palace prügelten sich erst die Spieler untereinander, dann warf ein Zuschauer einen Pappbecher. Schon stapfte einer der Pacers in die Publikumsränge und attackierte gegnerische Fans. Wilde Handgemenge in der ganzen Halle folgten, später viele Rekordstrafen und Gerichtsverfahren.

Seitdem hat es die Liga geschafft, die Aggressionen zu dämpfen. Heute setzt es empfindliche Geldstrafen und Spielsperren für jede kleine Schubserei, selbst für Ersatzspieler, die bei einer Kontroverse nur aufs Feld laufen - bloß keine Rudelbildung. Mitunter trauern Ex-NBA-Spieler der einst so harten Spielweise nach und nennen heutige Profis "soft".

"Es ging alles so schnell", sagte Kermit Washington einmal in einem Interview, "es wäre besser gewesen, einfach wegzugehen, aber ich war zu jung und unreif. Ich hätte mich wie ein Feigling gefühlt, wenn ich nicht zurückgeschlagen hätte." Er habe in Sekundenbruchteilen die falsche Entscheidung getroffen. "Der Fehler, den ich gemacht habe, hat unser aller Leben verändert." Beinah hätte dieser Fehler einen Menschen das Leben gekostet.

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