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Roger Daltrey von The Who

"Ich bin Sänger einer Band. Und ein alter Sack"

Seit 54 Jahren singt Roger Daltrey bei The Who, einer der größten britischen Bands. Hier spricht er über zerstörte Gitarren, Radau, Rebellion und Rentner-Rock.

Jacques Haillot/ Getty Images
Ein Interview von
Donnerstag, 07.06.2018   17:37 Uhr

Zur Person

einestages: Mr Daltrey, wann haben Sie zuletzt in der Öffentlichkeit gepinkelt?

Daltrey (lacht): Ist noch gar nicht lange her, bei einem längeren Spaziergang, im selben Moment fuhr ein Auto vorbei. Was raus muss, muss raus. Wieso fragen Sie?

einestages: In Anspielung auf das Cover des Albums "Who's Next" von 1971 - da ließ man Sie in freier Wildbahn gegen einen Obelisken schiffen.

Daltrey: Das war die schmutzige Idee unseres Fotografen Ethan. Wir waren auf dem Weg nach London, als er nahe einer riesigen Kohlemine diesen großen Steinquader entdeckte und einige Polaroids knipste. Zwischenzeitlich hatte sich Pete am Obelisken erleichtert. Der Fotograf bat uns, es ihm fürs Foto gleichzutun, er fand das irre lustig. Wir konnten aber nicht. Also bespritzte Ethan den Obelisken kurzerhand mit Regenwasser aus einer Tonne. Das Cover wurde Kult (siehe Fotostrecke).

einestages: Jetzt erscheint Ihr neues Soloalbum "As Long as I Have You". Auf sieben Stücken spielt Ihr Kollege Pete Townshend Gitarre. Können Sie nicht ohne ihn?

Daltrey: Er ist der Grund, warum das Album überhaupt fertig wurde. Als ich zwei Drittel aufgenommen hatte, meinte Pete, wir müssen auf Tour gehen, um 50 Jahre The Who zu feiern. Na klar, ich unterbrach meine Soloarbeit für ein Jahr. Während der Tournee erkrankte ich 2015 an Meningitis und lag einen Monat im Krankenhaus. Ich dachte, ich überlebe das nicht, aber mir wurde ein zweites Leben geschenkt. Danach war ich lange außer Gefecht und wollte das Soloalbum nicht mehr machen, ich hatte keinen Drive und fand die Songs nicht gut genug. Pete war aber von den Demos begeistert und bot mir sogar an, darauf Gitarre zu spielen. Wie konnte ich da Nein sagen? Pete ist mein Lieblingsgitarrist.

einestages: Dann könnte es bald neue Musik von The Who geben?

Daltrey: Sieht nicht danach aus, obwohl ich sofort dabei wäre. Alles hängt von Pete ab, er schreibt die Songs. Ihm fehlt aber die zündende Idee für ein Albumkonzept.

einestages: Sie kamen mitten im Zweiten Weltkrieg zur Welt. Stimmt es, dass während Ihrer Geburt am 1. März 1944 ein Bombenhagel auf London niederging?

Daltrey: So wurde es mir erzählt, es waren deutsche V1- und V2-Raketen. Gleich nach der Geburt wurden meine Mutter und ich nach Schottland in Sicherheit gebracht. Meine Jugend verbrachte ich dann in London. Schule gehörte nicht zu meinen Hauptinteressen. Ich begann, in ersten Bands zu singen, während einige meiner Kumpels auf die schiefe Bahn gerieten. Das hätte mir auch leicht passieren können. Gangster oder Sänger - ich musste mich entscheiden.

Fotostrecke

The-Who-Sänger Roger Daltrey: "Ich wusste, ein Elvis werde ich nie"

einestages: Warum haben Sie die Musik gewählt?

Daltrey: Weil sie mein Leben ist. Selbst wenn ich noch in einer Fabrik arbeiten müsste, ich war mal Blechschweißer, würde ich nach Feierabend in einer Band singen und wäre morgens wieder pünktlich bei der Arbeit - weil mir Musik Energie gibt.

einestages: In den Sechzigern beherrschten die Londoner Musikszene berüchtigte Verbrecher wie die Zwillinge Ronnie und Reggie Kray. Kamen Sie als Jungmusiker mit denen in Berührung?

Daltrey: Ich bin ihnen und ihrer Organisation, "The Firm", zwangsläufig über den Weg gelaufen. Die Krays betrieben eigene Musikschuppen und erpressten Schutzgeld von anderen. 1968, ich war längst mit The Who unterwegs, wurden sie wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Später wollte ich eine Dokumentation über die beiden drehen, eine psychologische Studie über ihre Schizophrenie. Sie waren eineiige Zwillinge, Ronnie war homosexuell. Ich habe sie ein paar Mal im Gefängnis besucht, aber es war äußerst schwierig. Am Ende wurde nichts daraus.

einestages: Sie selbst spielten 1980 im Film "McVicar" den gleichnamigen Gangster.

Daltrey: John McVicar gab's wirklich. Mir war wichtig, dass Ganoven nicht glamourisiert werden. Kriminalität und die ganze Drogenkultur hat nichts Romantisches, auch wenn Hollywood gern so tut. Das ist ein großes Problem für junge Leute heute und wirklich nicht erstrebenswert. So viele Gangster, die ich kannte, haben die meiste Zeit ihres Lebens hinter Gittern verbracht.

einestages: Wer waren Ihre frühen musikalischen Helden?

Daltrey: Skiffle-Sänger wie Lonnie Donegan, seine Stimme hat mich bewegt, er war viel nahbarer als ein Elvis Presley. Klar stand ich auch auf Elvis, aber als Vorbild war er für mich kleinen Cockney mehrere Nummern zu groß. Ich wusste: Ein Elvis werde ich nie.

einestages: Aber Sie wurden einer der besten Frontmänner der Rockgeschichte. Erinnern Sie sich an Ihr erstes Konzert mit The Who?

Daltrey: Und ob! Das war im Pub eines Hotels in West-London und auch das erste Mal, dass Keith Moon mit uns spielte. Er war damals 17 und drosch beim Song "Roadrunner" so heftig aufs Schlagzeug ein, dass es auseinanderfiel. Alkohol spielte sicher eine Rolle. Am nächsten Tag traten wir bei einer Hochzeitsfeier auf und banden das Schlagzeug mit Seilen fest, aus Sicherheitsgründen - für die Hochzeitsgäste.

einestages: Das mutwillige Zerstören der Instrumente wurde bald Teil der Who-Show.

Daltrey: Wir machten eine Kunstform daraus, die sogar Jimi Hendrix übernahm. Die Fans johlten, wenn Pete Townshend seine Gitarre zertrümmerte, schon wegen der unglaublichen Geräusche, die dabei entstanden, eine echte Kakophonie. In seiner Karriere hat Pete an die 3000 Gitarren kaputt gemacht. Von den Gagen blieb in den ersten Jahren kaum was übrig.

einestages: Waren The Who nur auf der Bühne so aggressiv?

Daltrey: Klar kam es damals auch abseits der Bühne zu Handgreiflichkeiten, es war die Zeit der Mods und der Teds. Wir waren eine wilde Truppe. Wenn man jung ist, muss man sich kloppen. Im Alter ist das lächerlich.

einestages: Ausgerechnet Sie traten 1969 beim "Love & Peace"-Festival in Woodstock auf - bis ein politischer Aktivist die Bühne enterte und Ihre Show störte.

Daltrey: Pete Townshend ist ausgetickt und hat ihn hochkant von der Bühne geworfen. Das Publikum buhte Pete wegen dieser Aggression aus. Da hat er sich an den Bühnenrand gestellt und 500.000 Fans niedergestarrt. Wahnsinn.

einestages: Mit Keith Moon hatten Sie den wohl wildesten Rock-Drummer in Ihren Reihen. Was geschah bei der Party zu seinem 21. Geburtstag?

Daltrey: Auf unserer ersten US-Tour spielten wir an diesem Tag irgendwo in Michigan. Nach dem Konzert mit den Herman's Hermits stieg die Party in unserem Hotel, einem Holiday Inn. Keith war in Höchstform und noch voller Adrenalin von der Show. Eine Nackte entsprang der riesigen Geburtstagstorte, Keith riss sich seine Klamotten vom Leib, entleerte euphorisch mehrere Feuerlöscher und parkte am Ende einen Lincoln Continental - kein kleiner Wagen! - im Hotelpool. Das Personal war not amused. Cops führten Keith ab, die Nacht verbrachte er in einer Zelle. Nach dieser Aktion taten wir uns überraschend schwer, auf Tour Hotelzimmer zu bekommen...

einestages: Wie tickte Moon?

Daltrey: Er lebte in einer eigenen Welt, musste sich ständig beweisen und selbst übertrumpfen. Das kann sehr anstrengend sein. Keith war ja kein Musiker, sondern ein Drummer (lacht). Wenn man sich Kollegen anschaut wie John Bonham von Led Zeppelin oder Ginger Baker - alle total crazy. Wenn die nicht hinterm Drumkit sitzen, wissen sie nicht, wohin mit ihrer ganzen Energie. Ich habe mal gelesen, dass Keith die Inspiration für The Animal war, den zotteligen Drummer aus der "Muppet Show". Glaube ich sofort.

einestages: Keith Moon starb 1978 mit erst 32 Jahren. Wie haben Sie von seinem Tod erfahren?

Daltrey: Mir kommt es vor wie gestern. Pete rief an und sagte: "Keith hat's getan!" Ich: "Was meinst du?" Er: "Keith ist tot!" Ich war am Boden zerstört. Keiths Überdosis war ein Unfall, kein Freitod, aber sein Lebenswandel war ein Selbstmord auf Raten. "Mooney" fühlte sich kugelsicher und dachte, nichts könne ihm was anhaben. Obwohl er am Ende einsichtig war und versuchte, seine Sucht in den Griff zu bekommen, war es zu spät.

einestages: Anders als Mick Jagger und Keith Richards waren Pete Townshend und Sie nie die glamourösen Rockstars. Wie kommt's?

Daltrey: Bei The Who reden die Leute mehr über die Musik. Mir ist das ganz recht. Ich bin ein Rocksänger von 74 Jahren. Als alternder Rockstar fände ich mich lächerlich. Aber Mick und Keith machen das immer noch gut, sie können sich alles erlauben.

einestages: Zwei von den Beatles sind gestorben, zwei von The Who. Es bleiben also Bassist Paul McCartney, Drummer Ringo Starr, Gitarrist Pete Townshend - und Sänger Roger Daltrey... Was sagen Sie dazu?

Daltrey: So hab' ich das noch gar nicht gesehen. Hört sich nach Supergruppe an (lacht), wird aber sicher nie passieren. Ich bin schon mehr als dankbar, dass Paul kürzlich in der Royal Albert Hall bei meiner Benefiz-Gala aufgetreten ist. Ronnie Wood war auch da. Es waren also die Beatles, die Stones und The Who vertreten. Mehr geht doch nicht.

einestages: Teenage-Rebellion war immer ein Thema bei The Who. Wie würden Sie sich heute einem Jugendlichen beschreiben: "Who are you"?

Daltrey: Ich würde mich dasselbe fragen - wer bin ich eigentlich (lacht)? Ich bin Sänger einer Band. Und ein alter Sack.

einestages: In Ihrer Teen-Hymne "My Generation" singen Sie die legendäre Zeile: "I hope I die before I get old" - ich hoffe, ich sterbe, bevor ich alt werde. Kommt Ihnen das heute mit 74 noch problemlos von den Lippen?

Daltrey: Ja. Das bezog sich schon immer mehr auf den Verstand als auf den Körper und die drohenden Gebrechen des Alters. Es geht darum, offen zu bleiben, noch zu brennen für eine Sache. Ich fühle mich körperlich fit und bin noch immer neugierig auf das Leben - also kann ich diese Zeile auch heute noch bedenkenlos singen. Glauben Sie mir.

insgesamt 10 Beiträge
Thomas Hagmann 07.06.2018
1. Live at Leeds
Besorgen...anhören. Ein unglaubliches Konzert. Anspieltipp 'Young Man's Blues'. Wer diese Platte gehört hat, weiß genau von was er da spricht.
Besorgen...anhören. Ein unglaubliches Konzert. Anspieltipp 'Young Man's Blues'. Wer diese Platte gehört hat, weiß genau von was er da spricht.
David Braben 07.06.2018
2. Kray-Zwillinge
Die Kray-Zwillinge sind in Deutschland eher als die Piranha-Brothers aus Monty Python's Flying Circus bekannt. Dinsdale Piranha leidet unter der Wahnvorstellung, er werde von einem riesigen Igel namens Spiny Norman verfolgt. Kann [...]
Die Kray-Zwillinge sind in Deutschland eher als die Piranha-Brothers aus Monty Python's Flying Circus bekannt. Dinsdale Piranha leidet unter der Wahnvorstellung, er werde von einem riesigen Igel namens Spiny Norman verfolgt. Kann sich zufällig noch jemand erinnern, wann Roger Daltrey bei Wetten Dass zu Gast war? Ich erinnere mich, dass Gottschalk sich damals ständig mit Daltrey verglich und meinte, solange dieser weitermacht, macht auch er weiter. Roger Daltrey machte das Spiel mit und blieb unbefangen und freundlich, genau wie hier im einestages-Interview. Ich hätte wahrscheinlich an seiner Stelle damals den Gottschalk gefragt: "Wie heißt du nochmal?" -- und hier im Interview wohl sowas gesagt wie "Ich erinnere mich, wann ich zuletzt einem Reporter wegen einer solchen Frage ans Bein gepinkelt habe."
Stephan Kamlowski 07.06.2018
3. The WHO
... in meiner frühen Jugend (* 1954) waren mir die Stones zu blusig (ja wirklich) und die Beatles zu brav. Eines Tages spielte mir mein Freund seine neue Single vor : Pinball Wizard !!! Uuuhhhiii was ist das ? Ich hatte meine [...]
... in meiner frühen Jugend (* 1954) waren mir die Stones zu blusig (ja wirklich) und die Beatles zu brav. Eines Tages spielte mir mein Freund seine neue Single vor : Pinball Wizard !!! Uuuhhhiii was ist das ? Ich hatte meine Band endlich gefunden !! Auch hatte ich guten Gitarrenunterricht auf dem Plattenteller !! Sehr schöne Zeit ... zuletzt die WHO in Oberhausen auf der 50´Tour gesehen. Das erste mal in der Berliner Deutschlandhalle mit Golden Earing im Vorprogramm ... unvergesslich ...
Stefan Bürvenich 07.06.2018
4. Bild 2
Ganz rechts steht John Entwistle, der zweite von links hingegen ist Keith Moon.
Ganz rechts steht John Entwistle, der zweite von links hingegen ist Keith Moon.
Robert Squatter 07.06.2018
5. Ron Tutt
war das wirkliche Vorbild für das Muppet Show Animal.
war das wirkliche Vorbild für das Muppet Show Animal.

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