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einestages

Rivalinnen Tonya Harding und Nancy Kerrigan

Trauerspiel on Ice

Eiskunstläuferin Nancy Kerrigan wurde kurz vor Olympia 1994 Opfer einer Knüppelattacke. US-Konkurrentin Tonya Harding räumte später Mitschuld ein und hofft nun auf Vergebung - dank Hollywood.

ullstein bild
Von , New York
Mittwoch, 17.01.2018   15:28 Uhr

Triumph und Niederlage begannen am selben Tag. Tonya Harding gelang am bitterkalten Abend des 16. Februar 1991 in Minneapolis, was noch keiner Amerikanerin gelungen war. Sie glitt aufs Eis, begann ihre Kür - und landete nach 45 Sekunden einen dreifachen Axel, den schwierigsten aller Sprünge.

Der Moment machte Eiskunstlaufgeschichte. Nach unsteten Jahren als Mauerblümchen wurde Harding US-Meisterin und katapultierte sich ins internationale Bewusstsein. Doch ihr Absturz war schnell, hart und brutal.

"Das Leben danach wurde so verwirrend", sagte Harding jetzt in einem ihrer seltenen TV-Interviews über den Sieg von 1991, der heute längst vergessen ist. Denn schon drei Jahre später überschattete ihn ein ganz anderer, viel krasserer Moment, einer der übelsten Skandale der Sportgeschichte - die Knüppelattacke auf ihre Rivalin Nancy Kerrigan.

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Eisdrama von Lillehammer: Die Prinzessin und die Hexe

Dieser Angriff, inszeniert von Hardings Ex-Mann und von ihr mit gedeckt, machte Harding zur Trash-Karikatur und zum Gespött der Boulevardmedien. Als die beiden Rivalinnen bei den Olympischen Winterspiele von Lillehammer ein letztes Mal gegeneinander antraten, war der Wettkampf der meistgesehene aller Zeiten. Es war eine Reality-Show, als es dieses Genre noch gar nicht gab: "Vor den Kardashians", so intoniert es eine neue ABC-Dokumentation, "kam Tonya."

Die Eisfee und die Eishexe

Es ging nicht gut aus für Harding, die auf Lebenszeit gesperrt bleibt. Doch 24 Jahre später hofft sie jetzt zumindest auf eine öffentliche Rehabilitierung. Nicht nur mit der ABC-Doku und wohlwollender Presse, die sie ausführlich zu Wort kommen lässt, um ihre Version zu präsentieren. Sondern auch mit dem Kinohit "I, Tonya", der gerade Preise abräumt und eine noch mal andere Version propagiert - ihr Trauerspiel als Komödie, die Akteure als Lachnummern, die Klassenklischees Amerikas als Amüsement.

Von wegen lustig. Die Eishexe und die Eisfee - Harding und Kerrigan sind beide tragische Figuren. Ihre Rollen waren vorbestimmt, von Fans, Preisrichtern und Medien. Die eine war "America's Sweetheart", eine Eisprinzessin wie Peggy Fleming und Dorothy Hamill. Die andere war "white trash", ein abfälliger Begriff für die weiße Unterschicht.

Nancy Kerrigan, Tochter eines Schweißers, begann als Sechsjährige mit dem Eiskunstlauf und erreichte 1991 die nationale Spitze, als sie Dritte bei den US-Meisterschaften wurde, hinter Tonya Harding. Im Vergleich zu ihr war sie die Eleganz auf Kufen, mit grazilen Gesten und Kostümen, die ihr die Designerin Vera Wang, eine Ex-Eisläuferin, gratis schneiderte.

Harding rauchte, trank und fluchte, und ihre Outfits waren selbstgenäht. Sie wuchs mit ihrer alleinstehenden Mutter LaVona Golden auf, die sie misshandelte und schlug. Harding flüchtete sich in ihr einziges Talent: "Das Eis", sagte ihre Trainerin Diane Rawlinson, "war ihr Ausweg." Schon mit 15 wurde sie US-Sechste, mit 18 zog sie mit ihrem späteren Mann Jeff Gillooly zusammen, der sie noch schlimmer misshandelte. Mal fielen Schüsse, mal rief sie die Polizei, gefolgt von Versöhnung.

Kräftiger Schlag aufs Bein

Der dreifache Axel änderte alles. Nach Minneapolis 1991 musste man sie plötzlich wahrnehmen, ernstnehmen, als Athletin schätzen. Sie lief nicht elegant, aber wow, diese Sprünge.

Es reichte nicht gegen Kerrigans Heiligenschein: Bei ihren ersten Winterspielen erschien Harding 1992 in Albertville nicht nur zu spät, sondern verpasste als Vierte auch knapp eine Medaille. Kerrigan dagegen erlief Silber und wurde zum Darling der Sponsoren.

Im Jahr darauf scheiterte Harding in der Qualifikation für die Weltmeisterschaft. Die nächsten Olympischen Spiele im norwegischen Lillehammer waren ihre letzte Chance. Jeff Gillooly und sein Freund Shawn Eckardt wollten Kerrigan vorsichtshalber ausschalten. Für 6500 Dollar heuerte Eckardt zwei Kleinkriminelle an, Shane Stant und Derrick Smith. Die lauerten Kerrigan bei den US-Meisterschaften in Detroit auf, die zugleich als Olympia-Qualifikation dienten.

Am 6. Januar 1994 haute Stant ihr in einem Stadiongang einen Schlagstock gegen das rechte Knie. Eine Kamera hielt fest, wie Kerrigan niedersank: "Why? Why? Why?" Das Video davon bestimmt bis heute ihre Rolle in dieser Geschichte, die Rolle des Opfers. Harding dagegen galt ab sofort als Schurkin, zumal sie das US-Turnier gewann, da Kerrigan mit einer Prellung ausfiel.

Gilloolys Komplott flog schnell auf, seine plumpe Ganovengang wurde verhaftet. Hardings Mitwisserschaft blieb jedoch ungeklärt. Mit einer Millionenklage gegen das Olympische Komitee erzwang sie, dass sie trotz der laufenden Ermittlungen an den Winterspielen teilnehmen durfte, sieben Wochen nach der Schlagstockattacke. Auch Kerrigan bekam ein Olympiaticket nach Lillehammer - obwohl sie sich nicht offiziell qualifizieren konnte.

Showdown in Lillehammer

Und so wurde Lillehammer zur Seifenoper mit gigantischen Einschaltquoten: Gut gegen Böse, Schöne gegen Biest, zwei Stars am Ende ihrer Karriere, gegeneinander ausgespielt zum Genuss der Massen. In der Vorbereitung drängten die Amerikaner darauf, dass beide wenigstens getrennt trainieren konnten. Das IOC lehnte ab, sie mussten gemeinsam aufs Eis und versuchten, einander zu ignorieren.

Im Finale sahen mehr als 100 Millionen TV-Zuschauer live, wie Nancy Kerrigan ihre Verletzung überwand - und Tonya Harding die Nerven verlor. Sie landete auf Platz 8, hinter Katarina Witt. Kerrigan indes lief brillant und lag nach dem Kurzprogramm noch vorn, musste sich am Ende aber mit Silber begnügen: Gold gewann die 16-jährige Oksana Baiul aus der Ukraine. Danach sollten weder Harding noch Kerrigan je wieder in einem Wettbewerb auftreten.

Wie weit hätte ihr Talent Harding getragen, nur auf sich allein gestellt? Drei Wochen nach Lillehammer bekannte sie sich schuldig, die Justiz behindert zu haben, weil sie Details über die Attacke auf Kerrigan verheimlicht habe. Sie musste 160.000 Dollar Strafe zahlen, verlor ihre Titel und wurde gesperrt.

Ein spätes Teilgeständnis

Nancy Kerrigan, inzwischen 48 Jahre alt, hat sich anschließend weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Auch "I, Tonya" will sie nicht sehen und sagte einem Reporter des "Boston Globe", sie sei vollauf damit beschäftigt, ihr Leben zu leben. Das Eisdrama von 1994 sei nicht mehr Teil davon: "Die ganze Sache war verrückt. Ich war das Opfer, das war meine Rolle."

Tonya Harding dagegen suchte immer wieder das Rampenlicht. Und sank nur tiefer: Ein Sex-Video, "Penthouse", ein B-Movie, eine kurze Boxlaufbahn. Dann verloren die Medien das Interesse an ihr. Bis "I, Tonya" kam, den deutsche Kinos ab Anfang März zeigen werden. Sie scheint das Comeback ihrer Prominenz zu genießen und posiert mit der glamourösen Margot Robbie, die sie im Film spielt, auf roten Teppichen. Sufjan Stevens hat einen Song über sie geschrieben. Reporter rufen an, diesmal sind sie netter.

Viele Jahre lang hatte Tonya Harding jede Beteiligung an Attacken auf ihre große Konkurrentin bestritten, auch ihre Mitwisserschaft. Erst jetzt, als der US-Sender ABC eine zweistündige Dokumentation ausstrahlte, räumte sie ein, von den Plänen gehört zu haben.

"Ich wusste, dass da etwas lief", so Harding. Eingeweiht gewesen sei sie nicht. Mitbekommen habe sie aber, was die späteren Angreifer redeten: "Vielleicht sollten wir jemanden rausschicken, damit sicher ist, dass sie ins Team kommt." Dazu habe sie nur gesagt: "Worüber zum Teufel redet ihr?", so die 47-Jährige.

Aufs Eis geht Harding wieder, rein privat, nicht in Wettbewerben oder Shows. Den Axel, den will sie demnächst noch mal probieren: "Den hab' ich noch drauf." Den dreifachen? Unwahrscheinlich - nach 1991 hatte sie ihn in Wettbewerben nie wieder gestanden.

insgesamt 2 Beiträge
Fritz Textoris 17.01.2018
1. Irre!
Daran erinnere ich mich noch gut, ein Wahnsinn. Nach so vielen Jahren mutet es in der Rückschau immer noch irre an. Wie kann man sich bloß in seiner Gier nach Ruhm so verleiten lassen, um sich damit doch alles kaputt zu machen. [...]
Daran erinnere ich mich noch gut, ein Wahnsinn. Nach so vielen Jahren mutet es in der Rückschau immer noch irre an. Wie kann man sich bloß in seiner Gier nach Ruhm so verleiten lassen, um sich damit doch alles kaputt zu machen. Frau Harding im Boxring am Boden, was für eine Bestrafung! Irgendwie passt dieser gedopte Lance Armstrong, auf seine Art zu handeln zwar anders, aber auch dazu. Auch er ist letztendlich am Boden angekommen. Gier! Schlimm!
Christian Schulz 19.01.2018
2.
Ich glaube nicht, dass Gier das Motiv von Tonya Harding war. Eher Hilflosigkeit. Sie stand da, mit einem Haufen Erwartungen von Umfeld, Medien, Verband; dann auf der anderen Seite, die beliebte Kerrigan, der alle zujubelten. Das [...]
Ich glaube nicht, dass Gier das Motiv von Tonya Harding war. Eher Hilflosigkeit. Sie stand da, mit einem Haufen Erwartungen von Umfeld, Medien, Verband; dann auf der anderen Seite, die beliebte Kerrigan, der alle zujubelten. Das war einfach zu viel und sie ist zerbrochen.

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