Schrift:
Ansicht Home:
einestages

Schräger Vogel

Das blutige Ende der Sneaker-Gans

Dank eines Erfinders stieg Graugans Andy in den Achtzigern zum Promi mit Talkshow-Auftritten und Mode-Sponsor auf. Dann wurde der Vogel brutal getötet. Bis heute ist der mysteriöse Fall offiziell ungelöst.

The LIFE Images Collection/ Getty Images
Von
Montag, 23.07.2018   18:53 Uhr

"Geht es Andy gut?" Bei dieser Frage muss Gene Fleming geahnt haben, dass etwas nicht stimmte. Es war der 19. Oktober 1991, sein Telefon hatte geklingelt, und nun führte Fleming das Gespräch, nach dem sein Leben aus den Fugen geraten sollte. Denn Andy war nicht da.

Im Stadtpark habe man etwas gefunden, sagte der Bekannte am Telefon. Ein paar Bewohner der Kleinstadt Hastings, Nebraska, hatten mit Metalldetektoren im Park Wertsachen gesucht. Was sie fanden, war nicht mehr viel wert. Für sie jedenfalls.

Die Flemings rasten zum Park. Die ganze Fahrt über, erzählte Gene Fleming 1993 der "Chicago Tribune", habe er gehofft, es sei nicht Andy: "Aber als wir seinen armen, zerstückelten Körper sahen, wussten wir, er war es." Der Kopf fehlte, seine Flügel waren ausgerissen. Sie hatten ihn an den Schuhen erkannt, die an den abgetrennten Beinen steckten.

Mit diesem grausamen Verbrechen endete die Karriere eines ungewöhnlichen Medienstars: Der ohne Füße geborene Grauganter Andy hatte es zu nationaler Größe gebracht, zum Hoffnungsspender der Benachteiligten. Er war als Talkshowgast aufgetreten, hatte einen Fanclub und sogar einen Schuh-Sponsor. Dank des Mitgefühls von Gene Fleming - und seines Geschäftssinns.

Exzentriker mit Südsee-Disco

Fleming war dem Ganter 1988 begegnet, auf der Farm seiner Schwägerin. Der Anblick, wie das Tier auf Beinstümpfen den Artgenossen hinterherhumpelte, brach ihm das Herz. "Also bot ich an, Andy gegen ein paar gesunde Gänse zu tauschen". Er wollte der Gans auf die Beine helfen. Wie? Das würde sich finden.

Der Großvater sei ein unermüdlicher Erfinder und Unternehmer gewesen, so Flemings Enkelin Jessica Korgie zu einestages: "Mal versuchte er, eine bemannte fliegende Untertasse zu erfinden, am nächsten Tag einen revolutionären Fischköder."

Fotostrecke

Schräger Vogel: Diese Gans war ein Star

Manche Erfindungen - etwa eine hautpflegende Rückenkratzanlage für insektengeplagte Kühe - waren durchaus einträglich. Genug, um ein stillgelegtes Marinedepot zu kaufen und zum Apartmentkomplex umzubauen, mit japanischem Garten und einer Werkstatt, in der Fleming Oldtimer-Teile zusammenschweißte. "Es gab eine Südsee-Bar", so Korgie, "mit einem Pokertisch, exotischen Skulpturen und Schwarzlicht-Tanzfläche." Ihr schien das damals ganz normal. Gene war eben exzentrisch.

Darum habe sie sich auch nicht über die Gans gewundert: "Ich sah aus meinem Souterrain-Fenster nur Opa mit einer Hundeleine. Das Ende der Leine war von Pflanzen verdeckt." Also sei sie rausgegangen, um nachzuschauen: "Da sah ich die Gans, in Babyschuhen. Ein Tag wie jeder andere im Hause Fleming."

Rache bei der Vogeltaufe

Flemings erster Entwurf - ein Skateboard mit Beinstumpf-Mulde - war gescheitert. Also hatte er Kinderschuhe gekauft und ausgepolstert. Nun trainierte er den Ganter, darin zu laufen. Erst versuchte der, die Schuhe abzuschütteln, doch Fleming blieb geduldig, wie er 1989 dem "People"-Magazin sagte: "Ich hielt ihn drei Stunden aufrecht, ehe er verstand, was er damit anfangen sollte." Dann sei er losgedüst. Nur 30 Tage später war das erste Paar durchgelaufen.

Jessica Korgie

Gene Fleming und Ganter Andy.

Fleming probierte verschiedene Modelle. Am stabilsten war ein Paar Nike-Sneaker, in denen der Vogel sogar schwimmen konnte. Fleming bohrte Löcher hinein, damit das Wasser wieder ablief.

Die Ehre, die Gans zu taufen, hatte Jessica. Der Teenager hatte an diesem Tag üblen Streit mit einem Mädchen namens Andrea gehabt. Also rächte sie sich, indem sie den deformierten Vogel "Andy" taufte.

Andy war trotz dieser Gehässigkeit, so Fleming, "so dankbar für das, was wir für ihn getan hatten, er war der liebenswerteste Kerl, den man sich vorstellen konnte". Fleming hatte ihn gerettet - aber umgekehrt war auch Andy wichtig für Gene, so Korgie: "Seine Geschäfte liefen immer schlechter, das Technologiezeitalter war zu schnell für ihn. Er wurde alt und verlor langsam die Kontrolle über sein Umfeld." Die Gans habe ihm neuen Sinn gegeben.

Geschäft mit dem Mitleid

Andys Geschichte berührte die Leute. Schulen luden ihn ein - als Beispiel dafür, wie man trotz Behinderung normal leben könne. Sie traten bei Ladeneröffnungen auf, in Büchereien, bei Benefizveranstaltungen und Paraden. Fleming tourte mit Andy durch die ganze Region.

Dann änderte sich alles: Ein Freund der Familie wollte über die kuriose Gans in der "Hastings Tribune" schreiben. "Das war der Moment, in dem der Unternehmer in Großvater erwachte", sagt Korgie.

Die Zwölfjährige fieberte dem Artikel entgegen. Sie träumte, wie Andy auch sie berühmt machen würde - schließlich hatte sie ihm den Namen gegeben. Am Erscheinungstag wartete sie mit Gene am Briefkasten: "Mir war schwindelig, denn Ruhm war zum Greifen nah." Doch als die Zeitung kam, stand im Artikel, Gene habe die Gans getauft - nach der britischen Comicfigur Andy Capp.

Jessica fühlte sich verraten: "Ich wusste, warum er es getan hatte - der thematische Spin. 'Andy Capp' klang wie 'handicapped' - behindert." Ihr Großvater hatte seiner Enkelin den Moment im Rampenlicht gestohlen, weil er Andy zur Marke machen wollte. "Ab diesem Punkt", so Korgie, "wollte ich damit nichts mehr zu tun haben."

TV-Auftritt mit Kopulationsschuhen

Nach dem Artikel riefen Zeitungen aus aller Welt an und wollten über Andy schreiben, das "People"-Magazin, die "Chicago Tribune", "Reader's Digest". Es kamen Berge von Fanpost. Menschen mit Behinderung pilgerten zu Andy, Tierärzte baten Fleming um Rat für Vogelbeinprothesen.

Bald gründete Fleming einen Andy-Fanclub und brachte Merchandise heraus, von T-Shirts über Pullis, Poster, Anhänger und Postkarten bis zum Aufnäher. Nike nahm den Vogel unter Sponsorenvertrag und versprach dafür Mini-Turnschuhe bis ans Lebensende. Das Geschäft lief.

Am Zenit des Erfolges wurden Andy und Gene in die "Tonight Show" mit Johnny Carson eingeladen, wo sie neben Isabella Rossellini auftreten sollten. Jessica fieberte zu Hause dem Auftritt entgegen. Gerade war sie an eine neue Schule gekommen. Bestimmt würde man sie für ihren berühmten Opa bewundern.

Jessica Korgie

Andy in Johnny Carsons (l.) "The Tonight Show".

"Ich werde nie die Aufregung vor der Sendung vergessen", sagt Korgie. Erst lief alles gut: Das Publikum liebte Andy, Johnny Carson strahlte, als die Gans in Schuhen durch einen Plexiglastank paddelte. Dann stellte Fleming neue Gänseschuhe vor - mit Stollen. Damit Andy seine Partnerin, Gänsedame Polly, erklimmen und sich mit ihr paaren könne. Ein Teenageralbtraum: "Als er die Kopulationsschuhe rausholte, im landesweiten Fernsehen, starb ich vor Scham. Ich sprach nie mehr ein Wort über meinen Opa mit meinen Klassenkameraden."

Tat eines Satanistenkults?

Dann kam der schicksalhafte Oktobertag im Jahr 1991. Korgie erinnert sich, sie habe ferngesehen, als ihre Schwester anrief und schluchzte, man habe ein Gänsebein mit Turnschuh im Park gefunden. "Ich muss zugeben: Als ich diese groteske Nachricht bekam, musste ich erst lachen." Bis ihr aufging: Was wurde nun aus Opa?

Gene hoffte zunächst, den Täter zu finden. Es war seltsam: Wo Andys Verschlag war, konnte eigentlich nur wissen, wer das Anwesen kannte. Die Polizei fand Schuhabdrücke am aufgebrochenen Verschlag.

Schon am nächsten Tag, so County Sheriff Gregg Magee zum "People"-Magazin, seien Leute gekommen und hätten Geld abgegeben. Kopfgeld für die Ergreifung des Tierquälers, der den Zorn der Stadt auf sich gezogen hatte. Landesweit wurde über das Verbrechen berichtet, Associated Press brachte einen Nachruf. Täglich kamen neue Spenden aus den ganzen USA - das Kopfgeld wuchs auf 10.000 Dollar an. Bürgerwehren boten an, den Täter zu finden und zu bestrafen.

Die Ermittler gingen zahllosen Hinweisen nach: War es ein Angestellter Flemings gewesen? Ein rausgeworfener Mieter? Eine Sonderermittlungseinheit aus Denver vermutete gar einen satanistischen Kult dahinter. Doch alle Spuren führten ins Leere.

Sonderbare Gerüchte

Fleming begrub Andys Überreste hinter dem Haus, ohne Zeremonie, der örtliche Steinmetz spendete den Grabstein. Ein schwerer, schwarzer Block mit Porträt der Gans stand nun in Genes Garten, hunderte Kondolenzkarten lagen im Briefkasten. Eine Petition für eine Andy-Ehrenbriefmarke ging um. "Eine Therapeutin", erinnert sich Jessica Korgie, "schrieb sogar einen Selbsthilfe-Ratgeber für ihren trauernden Sohn."

Aber ihr Großvater sei nicht mehr derselbe gewesen nach Andys Tod: "Er schaltete ab. Das Funkeln in seinen Augen war fort, sein unablässig erfinderischer Geist kam zum Stillstand." Wenig später fing er an, Zeichen von Alzheimer zu zeigen. Er musste ins Pflegeheim. Als Gene Fleming am Silvesterabend 1999 starb, so Korgie, hatte er "definitiv nicht seinen Frieden gefunden".

Es war ausgerechnet die einst verbitterte Jessica, die Jahre später die Suche neu aufrollte: Sie ging erneut Aufzeichnungen und Tatortfotos ihrer Großeltern durch, führte Telefonate - und hörte Gerüchte: Dass die Polizei schon Jahre vor Flemings Tod auf den Täter gestoßen sei, es aber unter Verschluss gehalten habe. Weil der nicht straffähig sei. Und aus Angst, Hastings könne sich an ihm rächen.

"Gerechtigkeit könnte in den Augen mancher Gewalt bedeuten. Und das wünsche ich niemandem", sagt Korgie. Trotzdem hat sie beschlossen, ihre Recherche fortzuführen und einen Dokumentarfilm über das Verbrechen zu drehen. Nicht aus Rachsucht - sondern für Gene Fleming: "Meinem Großvater war kein Ende zu seiner Geschichte vergönnt. Ich werde ihm helfen, es zu bekommen."

Sagen Sie Ihre Meinung!

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP