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einestages

USA-Fotos von Mario Carnicelli

"So frei, so einsam"

Als Gewinner eines Fotowettbewerbs wollte der Italiener Mario Carnicelli 1966 den amerikanischen Traum dokumentieren. Seine Bilder moderten lange im Keller - erst jetzt wurde der Fotoschatz gehoben.

Mario Carnicelli
Von
Mittwoch, 23.05.2018   14:11 Uhr

Im Hintergrund mühen sich vier Arbeiter ab, mit Ziegelsteinen und Zement errichten sie eine kniehohe Mauer. Davor sind die Hände im vornehmen Anzugzwirn vergraben, zwei Geschäftsleute gemütlich in einen Plausch vertieft. Ihre Hautfarbe: schwarz. Die der schwitzenden Maurer: weiß.

Alles schien möglich im Amerika der Sechzigerjahre. Auch diese Umkehr der einstigen Rollenverteilung: Schwarze an die Macht, Weiße auf die Baustelle. Mario Carnicelli entdeckte die Szene bei einem seiner Streifzüge durch New York im Jahr 1966.

Rasch drückte der junge Fotograf auf den Auslöser und lief weiter. Immer weiter durch ein Land, das dem Englisch nur radebrechenden Italiener vorkam wie ein anderer Planet. "Eine unbeschreibliche Atmosphäre erfüllte die Straßen. Amerika, das war mehr als ein fremder Kontinent. Es war ein Mythos, ein Versprechen", erinnert sich Carnicelli, Jahrgang 1937, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Der Fotograf aus der Toskana war 29 Jahre alt, als er den ersten Preis in einem italienischen Fotowettbewerb gewann: ein vierwöchiges Stipendium für einen USA-Aufenthalt. Tausende von Schwarz-Weiß- und Farbaufnahmen entstanden, gut hundert davon sind im jetzt erschienenen Bildband "American Voyage" (Reel Art Press) versammelt.

Ausflug in eine fremde Welt

Im Herbst 1966 landete Carnicelli auf dem New Yorker Flughafen, den Kopf voller Erwartungen: "Für mich ging ein Traum in Erfüllung." Endlich durfte er das Amerika kennenlernen, das er mit den Gemälden Edward Hoppers, der Musik George Gershwins verband. Carnicelli setzte das Land mit unermesslichem Reichtum gleich und kannte es bis dahin vor allem aus Filmen - "ich hatte das Gefühl, dass jede Sekunde Marlon Brando oder Humphrey Bogart um die Ecke biegen würde."

Fotostrecke

"American Voyage": Kehrseite des amerikanischen Traums

Carnicelli war beeindruckt von der Vielfalt, vom Multikulti-Hippie-Flair, den verrückt bebrillten Modestudenten. In New York fotografierte er ein innig im Kuss verschmolzenes Paar auf einer Parkbank. Direkt daneben saßen, jeder in seiner eigenen Welt gefangen, ein schwarzer Zeitungsleser und ein weißer Senior im Rollstuhl.

"Die Menschen wirkten einerseits so frei, andererseits so unendlich einsam. Das ganze Land war extrem widersprüchlich", sagt Carnicelli. Bald bekam seine Fantasie vom Hochglanz-Amerika Risse, lernte er Armut und Frust kennen, offenbarten sich ihm unüberwindbare Klassenschranken und die hässliche Fratze des Rassismus.

Aufmarsch von Neonazis in Dallas

Im Februar 1965, gut ein Jahr vor Carnicellis Ankunft in den USA, war der schwarze US-Bürgerrechtler Malcolm X erschossen worden. An zahlreichen Orten loderten blutige Rassenkrawalle auf.

Die Schwarzen verlangten Gleichberechtigung - ihre Feinde skandierten "Haut ab nach Afrika" oder "Der Zoo sucht euch", wie der SPIEGEL 1966 über die Unruhen im Land schrieb. Statt die soziale Ungleichheit im eigenen Land zu bekämpfen, pumpten die USA Unsummen in den Vietnamkrieg. Was den Menschen zunehmend bitter aufstieß.

Carnicelli bekam die Kehrseite des amerikanischen Traums am eigenen Leib zu spüren: In einem Café ging ein Amerikaner mit einem Messer auf ihn los, weil er nicht fotografiert werden wollte. In Dallas geriet er in eine wirre Doppel-Kundgebung: Auf dem selben Platz schwenkten Neonazis Hakenkreuzfahnen und Antikriegsdemonstranten "Raus aus Vietnam"-Plakate. "Die Realität wich stark von dem ab, was ich mir vorgestellt hatte", so Carnicelli.

"Die Normalität ist das einzig Aufregende"

Die Wolkenkratzer und Cadillacs um ihn herum interessierten den Fotografen nicht - er konzentrierte sich, ganz dem Humanismus von New-Deal-Fotografen wie Dorothea Lange verpflichtet, auf den Straßenalltag, die Zeitungsverkäufer und Schulkinder, Pendler und Polizisten.

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Mario Carnicelli:
American Voyage

Photographs by Mario Carnicelli

RAP Reel Art Press; 144 Seiten; 39,95 Euro.

"Für mich steht der Mensch im Mittelpunkt. Sein Blick, seine Kleidung, seine Art sich zu bewegen. Die Normalität ist das einzig Aufregende", so Carnicelli, der schon als Sechsjähriger in der Dunkelkammer der Eltern die Magie der Fotografie für sich entdeckte. Seine Motive komponiert Carnicelli nicht. Sie springen ihn an, entstehen zwangsläufig als Schnappschüsse. "Eine gute Aufnahme passiert einfach, genau wie die Liebe. Wer sie sucht, der scheitert."

Zweimal kehrte er 1967 und 1969 in die USA zurück, danach wollte er als Dokumentarfotograf nach Nordvietnam reisen. Weil das nicht zu realisieren war, hängte Carnicelli den Fotografenberuf Anfang der Siebzigerjahre frustriert an den Nagel und eröffnete ein Geschäft für Fotozubehör neben dem Dom in Florenz. Seine Aufnahmen packte er in den Keller, wo sie vor sich hin moderten.

"I am sorry, America"

Niemand wusste, dass Carnicelli in jungen Jahren als Fotograf gearbeitet hatte. Erst als er 2010 seinen Laden schloss, entdeckte seine frühere Mitarbeiterin, die deutsche Fotografin Bärbel Reinhard, den Bilderschatz im Keller. "Die achtlos in Kisten verstauten Negative waren zum Teil durch ein Hochwasser verklebt und verschimmelt", so Reinhard, heute Kuratorin des Carnicelli-Archivs. Sie scannte die Aufnahmen ein und machte das erstaunlich modern anmutende Werk des vergessenen Fotografen publik.

Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt Carnicelli selbst an seinem ersten USA-Tag nahe des New Yorker Times Square: Unsicher hält der junge Mann seine Kamera hoch, isoliert vom Rest der Stadt. Ein Eindringling in einer Welt, die nichts mit dem zu tun hat, was er aus Italien kennt.

"I am sorry, America": Unter diesem Motto stellte Carnicelli die Fotos 1969 in Mailand aus, bevor er sie in den Keller verbannte. "Es tut mir leid", sagt der 80-Jährige heute, "aber so habe ich das Land eben gesehen. Ich hatte mir den amerikanischen Traum toller vorgestellt."

insgesamt 1 Beitrag
Helmut Unger 23.05.2018
1. Wundervolle
Fotos. Sie zeigen unverfälschte Geschichte und beeindrucken durch ungestelltes Leben. Im Februar noch bestätigte das Bundesverfassungsgericht die Straßenfotografie; nun wird sie in Deutschland aussterben. Dank der DSGVO und [...]
Fotos. Sie zeigen unverfälschte Geschichte und beeindrucken durch ungestelltes Leben. Im Februar noch bestätigte das Bundesverfassungsgericht die Straßenfotografie; nun wird sie in Deutschland aussterben. Dank der DSGVO und einer komplett unfähigen Regierung die es versäumt hat den nationalen Paragraphen zur Kunstfreiheit einzufügen. Trotz Aufforderung durch die EU.

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