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einestages

Ein Bild und seine Geschichte

Als der General einen Vietcong erschoss

Der Polizeichef von Saigon tötet einen Mann in Zivil per Kopfschuss. Dieses berühmte Kriegsfoto von vor genau 50 Jahren wurde zu einem Wendepunkt im Vietnamkrieg - es zeugt von der Macht der Bilder.

Eddie Adams/ AP
Von Christoph Sator und
Donnerstag, 01.02.2018   11:22 Uhr

Von der Szene in Saigon gibt es auch einen Film. Anfangs sieht alles nach irgendeinem Tag im Vietnamkrieg aus. Ein schmächtiger Mann in kurzer Hose und kariertem Hemd, barfuß, die Hände hinter dem Rücken in Handschellen, den Blick auf dem Boden. Behelmte Soldaten führen ihn durch die Straße. Von rechts kommt ein weiterer Mann ins Bild. Er wedelt mit einem Revolver, verschafft sich Platz, stellt sich neben den anderen, der ihn nicht ansieht.

Dann streckt er den rechten Arm aus und schießt ihm sofort in den Kopf.

Das ist der Moment, den der US-Fotograf Eddie Adams am 1. Februar 1968 festhielt. So entstand vor genau 50 Jahren eines der berühmtesten Bilder der Kriegsfotografie - wie ein Mann in Zivil von einem Militär beinahe beiläufig erschossen wird. Man kann auch sagen: hingerichtet. Es ist ein brutales Bild, man kriegt es kaum aus dem Kopf. Und es hat den Lauf des Krieges beeinflusst.

Der Mann im Karohemd hieß Nguyen Van Lem. Er war Mitte 30 und verheiratet, ein Guerilla der Vietcong, die unter Ho Tschi-minh gegen Südvietnam und somit auch gegen die USA kämpften. Beide Seiten hatten eine Feuerpause zu Vietnams Neujahrstag Tet vereinbart, zum 1. Februar. Aber allen Zusagen zum Trotz startete Ho Tschi-minh tags zuvor einen Angriff, die Tet-Offensive.

Mord an einem Mörder

Der Vietnamkrieg hatte bereits 1955 nach der Teilung des Landes begonnen. Die Vereinigten Staaten unterstützten Südvietnams Militär gegen den kommunistischen Norden und traten 1964 mit dem "Tonkin-Zwischenfall" auch offiziell in den Krieg ein. Vier Jahre später kämpften bereits 550.000 US-Soldaten in Vietnam, ohne entscheidende Erfolge zu erzielen. Die Truppen von Ho Tschi-minh wollten die Herrschaft über das ganze Vietnam und die Amerikaner vertreiben. Der Konflikt eskalierte dramatisch, die Tet-Offensive 1968 wendete das Blatt gegen die USA und führte sie in ein historisches Desaster.

Fotostrecke

Vietnamkrieg: Als Amerika das Fürchten lernte

Nach dem Bruch der Waffenruhe wurde auch in Saigon schwer gekämpft. Nguyen Van Lem war mittendrin, ein mutmaßlicher Mörder. Als Vietcong nannte er sich Bay Lop und soll, genau weiß man das bis heute nicht, einer Todesschwadron angehört haben, die es auf südvietnamesische Polizisten und ihre Familien abgesehen hatte. Angeblich war er am Morgen in der Nähe eines Massengrabes mit 34 Leichen verhaftet worden. Der australische Kameramann Neil Davis berichtete später, dass Lem auch Freunde von Saigons Polizeichef Nguyen Ngoc Loan ermordet habe, ebenso Patenkinder von ihm.

Loan war der Mann mit dem Revolver. Ein General von 37 Jahren, ehemaliger Pilot, Studienfreund von Südvietnams Ministerpräsident. Er behauptete später, Lem habe die Familie eines seiner Offiziere getötet. Das passt zur Darstellung des Australiers. Ob es stimmt, wird man wohl nie erfahren. Jedenfalls drückte der General aus seiner 38er-Smith&Wesson ohne jedes Zögern ab.

Der Fotograf: "Ich habe viele Menschen sterben sehen"

Die letzten Momente im Leben vom Lem verfolgte eine Handvoll Kriegsreporter. Manche sagen, dass Loan den Vietcong sonst nie erschossen hätte. Die Aufnahmen, die der Kameramann Vo Suu für den US-Fernsehsender NBC drehte, zeigen, wie Lem zusammenbricht, auf die Straße sinkt und dann Blut aus seinem Kopf sickert. Loan steckt die Pistole zurück ins Holster und dreht ab.

Viel größere Wirkung als die Fernsehbilder hatte jedoch das Foto von Eddie Adams. Es ragte unter all den entsetzlichen Vietnam-Bildern heraus. Der amerikanische Fotograf, seinerzeit 34, war für die Nachrichtenagentur AP im Einsatz, ein erfahrener Mann. Er nahm an, lediglich ein Verhör auf offener Straße zu fotografieren. "Damals war es üblich, dass man Gefangenen dabei die Pistole an die Schläfe hält", sagte Adams später. Er rechnete nicht damit, dass der General den Abzug drückt. Es kam anders.

Adams ging zurück ins AP-Büro und übergab die Filmrolle. "Ich sagte: Darauf ist jemand, der einen anderen tötet - und dann ging ich zum Mittagessen", erzählte er später. "So einfach war das. So war der Krieg. Ich habe viele Menschen sterben sehen. Ich hatte nichts damit zu tun, jeder hätte das Bild machen können. Nur passierte es gerade, als ich da war."

In den Tagen danach hatten das Foto alle großen US-Zeitungen und auch viele Blätter im Rest der Welt auf dem Titel. Man schaut auf den General, seinen Arm, die Pistole und dann auch ins Gesicht von Nguyen Van Lem, in der Sekunde, in der er sein Leben verliert. Das linke Auge ist offen.

Eines der 100 wichtigsten Fotos aller Zeiten

Das Foto ging um den Globus und trug dazu bei, dass die Stimmung in der US-Öffentlichkeit kippte. Bis dahin dachten viele, es sei nur eine Frage der Zeit, bis die hochgerüstete Supermacht den Krieg in diesem fernen Land gewinnen und Nordvietnam zusammenbrechen würde.

Doch dann wurde sie in der Tet-Offensive überrumpelt. Die Amerikaner erfuhren nicht nur von den Morden der Vietcong, sondern erkannten zu ihrem Entsetzen nach und nach auch die Grausamkeiten ihrer eigenen Soldaten - etwa die massiven Bombardierungen, den Einsatz von Napalm und Agent Orange, das unfassbare Massaker von My Lai im März 1968, als etwa 500 Zivilisten niedergemetzelt wurden, darunter Säuglinge und Greise.

Die Proteste gegen den Vietnamkrieg gewannen in den USA und anderswo an Wucht. Viele Bürger waren nun überzeugt, dass dieser Krieg sinnlos und auch nicht zu gewinnen war, dass sie selbst, ihre Brüder, Söhne oder Enkel nicht im asiatischen Dschungel sterben durften. Es lag auch an der Macht der Bilder: Ein kleines Mädchen flieht vor Napalmbomben, verängstigte Vietnamesen, GIs mit wie versteinerten Gesichtern im entlaubten Dschungel - Aufnahmen wie diese hatten eine enorme Bedeutung für den Einstellungswandel.

Die Exekution eines gefesselten Vietcong aus nächster Nähe: Das Bild von Eddie Adams zeugte davon, wie die vermeintlichen Verteidiger von Freiheit und Demokratie selbst zum Terror griffen. Es wurde Pressefoto des Jahres. Adams bekam dafür den Pulitzer-Preis, Amerikas wichtigste Auszeichnung für Journalisten. Das Magazin "Time" nahm es auf die Liste der wichtigsten 100 Fotos aller Zeiten.

"Ich denke, Buddha verzeiht mir"

Trotzdem sagte Adams später immer wieder, dass er die Aufnahme bereue. Weil sie aus dem Kontext gerissen worden sei, nur eine "Halbwahrheit", so der Fotograf aus Pennsylvania, der sich nie vorgedrängelt hatte, um ausgerechnet als Kriegsjournalist bekannt zu werden. "Der General hat den Vietcong getötet. Und ich habe mit meiner Kamera den General umgebracht", schrieb er im Magazin "Time".

Manchmal stellte Adams auch die Frage: "Was hätten Sie getan, wenn Sie der General gewesen wären? Zu dieser Zeit und an diesem Ort? An diesem heißen Tag? Und Sie hätten diesen angeblichen Schurken gefangen, nachdem er ein, zwei oder drei amerikanische Soldaten abgeknallt hätte?" Die Frage beschäftigte ihn, bis er 2004 im Alter von 71 Jahren starb.

Loan wurde gleichfalls zur Berühmtheit. Der Kameramann von damals berichtete, wie er gleich nach der Erschießung zu den Reportern kam und sagte: "Diese Kerle bringen viele unserer Leute um. Ich denke, Buddha verzeiht mir." Auf Bildern, die etwas später entstanden, ist zu sehen, wie der Polizeichef Bier trinkt, raucht, lacht. Drei Monate danach wurde er schwer verwundet. Sein rechtes Bein musste amputiert werden.

Nach dem Abzug der US-Truppen aus Saigon 1975 floh General Loan mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten. Es gab Forderungen, ihn als Kriegsverbrecher vor Gericht zu stellen, doch dazu kam es nie. Im US-Bundesstaat Virginia eröffnete er eine Pizzeria, die er aber wieder schließen musste: Als seine Vergangenheit bekannt wurde, machten viele Kunden einen Bogen um das Restaurant, er erhielt Drohungen. 1998 starb Loan mit 67 Jahren an Krebs.

In Saigon, das heute Ho-Chi-Minh-Stadt heißt, erinnert kaum etwas an die Szene von damals. Über die Straße, wo es passierte, die Ly Thai To im 10. Bezirk, rollen jetzt die Mopeds dicht an dicht. Irgendeine Form des Gedenkens gibt es hier nicht. Im Kriegsmuseum der Stadt hängt Adams' Foto ziemlich versteckt in einer Vitrine - nur eines von vielen, auf denen zu sehen ist, wie der Tod über das Land kam.

insgesamt 27 Beiträge
John Luwigal 01.02.2018
1. Die Kernfrage ...
Zitat: "Manchmal stellte Adams auch die Frage: "Was hätten Sie getan, wenn Sie der General gewesen wären? Zu dieser Zeit und an diesem Ort? An diesem heißen Tag? Und Sie hätten diesen angeblichen Schurken gefangen, [...]
Zitat: "Manchmal stellte Adams auch die Frage: "Was hätten Sie getan, wenn Sie der General gewesen wären? Zu dieser Zeit und an diesem Ort? An diesem heißen Tag? Und Sie hätten diesen angeblichen Schurken gefangen, nachdem er ein, zwei oder drei amerikanische Soldaten abgeknallt hätte?" - - - - - - - - - - - ... die aber kaum einer - ehrlich - beantworten wollte. Es war schon immer so und so wird es bleiben, im Krieg, ein Saboteur, ein Partisan, ein Attentäter, er kann nicht darauf pochen, erst recht nicht, nachdem tötete, dass er bei Gefangennahme diese überlebt. Er kann hoffen, ja, garantieren kann es ihm keiner. Es spielen so manche, insbesondere Beteiligte vor Ort, also zu viele Faktoren ihre Rolle. Betrachte ich das Bild, ich war damals auch schockiert, als ich es das erste Mal sah, es war ein schneller, plötzlicher, unerwarteter Tod. Jedenfalls keiner, den man mit dem vergleichen kann, der auf einen wartete, wenn er in die Hände des Vietkong geriet. Ich denke, es steht uns nicht zu, dass wir heute nach so vielen Jahren, aus der Ferne, den einen oder anderen dafür verdammen, was er damals tat. Ändern können wir am Geschehenen sowieso nichts, blicken wir nach vorne und tun alles, damit Situationen wie diese gar nicht entstehen können. Denn, ist die Situation einmal da, dann entwickelt sie ihre eigene Dynamik, auf die wir, noch einmal, aus der Ferne, eh keinen Einfluss haben. ... geschweige denn je etwas davon erfahren werden, falls nicht zufällig ein Reporter anwesend ist.
Lana Mack 01.02.2018
2. In der Tat
aendern koennen wir nichts. Was Geschehen ist, ist geschehen. Allerdings, sollten wir uns die Frage stellen, warum wohl der damalige Praesident der Vereinigten Staaten, Harry Truman sich geweigert hat, bei den [...]
aendern koennen wir nichts. Was Geschehen ist, ist geschehen. Allerdings, sollten wir uns die Frage stellen, warum wohl der damalige Praesident der Vereinigten Staaten, Harry Truman sich geweigert hat, bei den Unabhaengigkeitsbestrebungen der Vietnamesen die Vermittlerrolle zu uebernehmen. Auch alle weiteren US Regierungen habe eher auf Konflikt gesetzt als auf eine friedliche Loesung, als das noch problemlos moeglich war. Die Geschichte wiederholt sich gerade wieder, hoffentlich ohne Beihilfe anderer Nationen.
Thomas Berger 01.02.2018
3. @#1
"Ich denke, es steht uns nicht zu, dass wir heute nach so vielen Jahren, aus der Ferne, den einen oder anderen dafür verdammen, was er damals tat." Doch, das steht uns zu. Das steht jedem Menschen zu. Natürlich [...]
"Ich denke, es steht uns nicht zu, dass wir heute nach so vielen Jahren, aus der Ferne, den einen oder anderen dafür verdammen, was er damals tat." Doch, das steht uns zu. Das steht jedem Menschen zu. Natürlich kann man Verständnis aufbringen für den mordenden General. Man kann für jeden Mörder Verständnis aufbringen. Aber das enthebt den Täter nicht einer juristischen Aufarbeitung seiner Tat. Dieser Mörder hat für diesen Mord leider nie vor Gericht gestanden, aber genau da hätte er hingehört. Genau so wie jeder Mörder, genau so wie jeder Kriegsverbrecher. Die Herrschaft des Rechts ist unverzichtbar.
Max Schmidt 01.02.2018
4. Kein Wunder, das konnt ja nichts werden...siehe Bild 10
Bild 10: "Kampf um Hue: US-Marines halten ihre Position auf einem Turm in Hue. Erst am 24. Februar 1968 gelang es den Amerikanern, die alte vietnamesische Kaiserstadt von den GIs zurückzuerobern." Böse, böse GIs, [...]
Bild 10: "Kampf um Hue: US-Marines halten ihre Position auf einem Turm in Hue. Erst am 24. Februar 1968 gelang es den Amerikanern, die alte vietnamesische Kaiserstadt von den GIs zurückzuerobern." Böse, böse GIs, nehmen den Amerikanern einfach so Hue weg. Deswegen steht ja auch GI die Abkürzung für Government Issue...na wenn das mal kein issue ist... ;-)
Johan G.L. van Stappen 01.02.2018
5. Gut und böse
Wer, wie ich, damals alt genug war um dieses Bild und das Medienecho bewusst erlebt zu haben, fühlt sich in nachhinein doch teilweise manipuliert. Natürlich war es und bleibt es ein (Kriegs)verbrechen, ein Beschuldigter ohne [...]
Wer, wie ich, damals alt genug war um dieses Bild und das Medienecho bewusst erlebt zu haben, fühlt sich in nachhinein doch teilweise manipuliert. Natürlich war es und bleibt es ein (Kriegs)verbrechen, ein Beschuldigter ohne irgendein Prozess zu ermorden. Aber wir, Zeitungsleser und Fernsehzuschauer, wurden damals überhaupt nicht informiert über das, was dieses Mordopfer vorher am gleichen Tag selbst als Verbrechen an Polizisten und deren Frauen und Kinder verübt hatte (34 Mordopfer). Es zeigt erneut, dass 1) es keine "Guten" im Krieg gibt, und dass 2) "die Wahrheit das erste Opfer im Krieg ist". Es zeigt aber auch, dass Berichterstttung heutzutage objektiver und genauer geworden ist. Oder gilt das auch nur nach 50 Jahren ?

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