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einestages

Käfer-Klagen

Kleinsparer gegen VW - ein Prozessmarathon

337.000 Deutsche sparten einst auf einen "KdF-Wagen" und bekamen das erträumte Auto nie, nach dem Krieg war ihr Geld futsch. Als sie Volkswagen verklagten, wehrte der Konzern sich mit allen Schikanen.

Getty Images/ Culture Club
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Dienstag, 01.05.2018   09:56 Uhr

Durch den Dieselgate-Skandal drohen der Volkswagen AG derzeit Schadensersatzklagen in unbestimmter Höhe. Für den Weltkonzern aus der niedersächsischen Provinz ist das kein Novum. Schon in seinen frühen Jahren musste VW sich mit Forderungen Hunderttausender Kunden auseinandersetzen. Die allerdings hatten nie einen Volkswagen besessen.

Unter der Schlagzeile "Nordhoff zahlt" berichtete der SPIEGEL 1961 über einen gerichtlichen Vergleich zwischen VW und einem Verein aus dem Hochsauerland. Damit endete eine lange, von der Öffentlichkeit aufmerksam verfolgten Geschichte, die im Nationalsozialismus begann.

In den Dreißigerjahren war Deutschland noch kein Autoland. Nur etwa jeder 50. Deutsche besaß einen Pkw. Hitler verfügte 1934 die Entwicklung eines erschwinglichen "Volkswagens" für unter 1000 Reichsmark, benannt nach "Kraft durch Freude", der nationalsozialistischen Freizeitgleichschaltungsorganisation.

Den Auftrag erhielt Ferdinand Porsche, als "Kraft-durch-Freude-Wagen" nahm das Projekt Fahrt auf. Am Himmelfahrtstag 1938 wurde der Grundstein für das Volkswagenwerk gelegt. Klotzen statt kleckern: Die dem Ford-Werk in Dearborn nachempfundene Anlage war riesig, gleich dazu entstand eine "Stadt des KdF-Wagens" - das heutige Wolfsburg, an dem die ICE-Züge immer vorbeirauschen.

Vom "Kdf-Wagen" zum VW-Käfer

In der Standardversion sollte das Auto 990 RM kosten und durch Sparraten erworben werden. Wöchentlich sollten Kaufinteressenten mindestens 5 RM ansparen, Jugendliche 5 RM monatlich. Als Beleg klebten sie Sparmarken in Karten. Waren vier Karten voll, sollte der Sparer seinen KdF-Wagen in Empfang nehmen können.

Sollte. Dann aber kam der Zweite Weltkrieg. Die wenigen bis dahin gefertigten Autos erhielt hauptsächlich die Wehrmacht. Das Volkswagenwerk produzierte nunmehr unter Einsatz von Zwangsarbeitern Kübel- und Schwimmwagen, später auch Teile der V1-Marschflugkörper, mit denen das "Dritte Reich" noch in den letzten Kriegsmonaten vor allem Belgien und England terrorisierte.

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Sparer gegen Volkswagen: Zwölf Jahre, acht Urteile, ein Vergleich

Schon bald nach Kriegsende wurden in Wolfsburg wieder dem KdF-Wagen entsprechende Fahrzeuge gebaut. Der VW Käfer war geboren, das Werk florierte rasch. Doch die VW-Sparer gingen leer aus. 336.668 Deutsche hatten hoffnungsfroh ihre Karten beklebt, keiner bekam das erträumte Auto - ein Schaden von jeweils maximal 1000 RM.

Man kann das für läppisch halten angesichts von vielen Millionen Kriegstoten und weiten Teilen Europas in Schutt und Trümmern. Die Kleinsparer aber sahen das ganz anders und gründeten Vereinigungen, um ihre Interessen durchzusetzen.

Am erfolgreichsten war der Hilfsverein ehemaliger Volkswagensparer (HEV), den 1948 ein Brauereikaufmann im Sauerland gegründet hatte: Karl Stolz, beinamputierter Kriegsveteran und früherer NSDAP-Parteigenosse, setzte alles daran, den rund 30.000 Vereinsmitgliedern zum Auto oder zu Geld zu verhelfen, notfalls durch alle Instanzen.

Anfang 1949 reichte Stolz beim Landgericht Hildesheim Klage ein. VW-Chef Heinrich Nordhoff wehrte sich jedoch heftig, seine Juristen wollten die Klage als unzulässig abweisen lassen. Vertragspartner der Sparer, so argumentierten sie, sei nicht VW gewesen, sondern die Deutsche Arbeitsfront (DAF). Sie habe auch die Spargelder erhalten. Zudem sei durch Krieg und Systemwechsel die Vertragsgrundlage weggefallen. Und überhaupt: Selbst wenn VW die Spargelder zuerkannt würden, seien sie inzwischen deutlich weniger wert.

Gegenseitige Schmähungen

So begann ein beispielloser Prozessmarathon, der erst acht Urteile und zwölf Jahre später per Vergleich endete. Vor allem anfangs versuchten beide Seiten energisch, einander zu diskreditieren. So stellte der HEV das KdF-Wagen-Programm als politisch unbelastet dar, die Sparer als fleißige "kleine Leute", die um ihr hart erarbeitetes Geld geprellt wurden. Und zwar von einem bösen Gegner: Stolz bezeichnete VW - in schönster Nazi-Diktion - als Vertreter der "Macht des Kapitals", dessen "Diktat" man sich widersetzen statt beugen werde, bis zum "Endsieg".

VW keilte zurück und beschrieb die HEV-Mitglieder als egoistische Altnazis mit unbegründeten Ansprüchen, und das auch noch auf Kosten der sich gerade erholenden deutschen Volkswirtschaft. Dagegen lobte der Konzern die "anständigen" VW-Sparer - nämlich die, die nichts verlangten. Denn eine Entschädigung würde das Unternehmen und damit Tausende von Arbeitsplätzen gefährden. Damals wie heute ein schlagkräftiges Argument.

Die politische Polemik klang ab, als beide Parteien erkannten, dass Anspielungen auf die Rolle der jeweils anderen im "Dritten Reich" ihnen selbst auch nicht gut zu Gesicht standen. Aber die Rechtsfragen erwiesen sich als höchst verzwickt. Die Gerichte widersprachen sich von Instanz zu Instanz.

Das LG Hildesheim wies die Klage zurück. Stolz ließ sich nicht abwimmeln und legte Berufung ein. Beim Oberlandesgericht Celle behauptete VW weiter, die angesparten Gelder nie erhalten zu haben. Als Bilanzen das Gegenteil zeigten, behaupteten die Konzernanwälte, diese Guthaben seien lediglich zum Schein ausgewiesen worden.

"Mich wird man nicht los"

Zudem brachten sie vor, der Käfer - inzwischen auf dem Markt - unterscheide sich technisch erheblich vom "KdF-Wagen"; die Weiterentwicklung habe die Herstellungskosten derart erhöht, dass selbst ein verbilligter Kauf für die Kläger VW in den Ruin treiben würde. Den Beweis blieb das Unternehmen freilich schuldig und verweigerte einem gerichtlich bestellten Gutachter Einsicht in die Buchführung.

Trotzdem siegte VW auch in dieser Runde. Den Ausschlag für die Celler Richter gab der gesamtwirtschaftliche Schaden, der bei Erfüllung etwaiger Ansprüche zu befürchten sei.

Nun zog der HEV nach Karlsruhe. Dort lief es für VW weniger gut, der Bundesgerichtshof folgte weitgehend den Kläger-Argumenten und verwies den Fall zurück. Dreierlei sollte das OLG Celle klären: ob das VW-Werk Vertragspartner gewesen sei; wie viele Sparer es noch gebe; ob man den Streit durch Rabatte auf den Kaufpreis beilegen könne.

Ein Etappensieg für den Sparer-Verein. Dreimal noch landete der Fall in Karlsruhe, bis man sich endlich einigte. Dabei hatte VW schon 1954 erstmals einen Vergleich angeboten: Für jeden kompletten Sparkartensatz sollte der Neuwagenkäufer einen Nachlass von 500 DM bekommen, alternativ 250 DM Abfindung. Kein großzügiges Angebot und weitaus weniger, als den Sparern vorschwebte. Stolz lehnte ab. "Man kann es drehen, wie man will", tönte er. "Mich wird man nicht los."

Den Deal hätte man auch früher haben können

So mahlten die Mühlen der Justiz weiter. Bis 1961. Heraus kam am Ende ein Vergleich, der dem Angebot von 1954 verblüffend ähnelte. Nun gab es beim Kauf einen Rabatt von höchstens 600 DM, die maximale Barabfindung lag bei 100 DM. Außerdem verpflichtete sich VW, monatlich 1000 Autos für die KdF-Sparer bereitzustellen, und übernahm auch das Gros der HEV-Gerichtskosten.

Mit dem Deal konnten beide Seiten gut leben. Stolz und sein Verein konnten für sich reklamieren, einer Industrie-Ikone der Wirtschaftswunderzeit die Stirn geboten und erreicht zu haben, dass die Sparer nicht ganz leer ausgingen. 135.000 von ihnen nutzten letztlich das Angebot - und fuhren damit besser als viele andere Reichsmarkgläubiger.

Erst recht zufrieden sein konnte der Autokonzern, der 1961 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde und fortan auf Shareholder Value achten musste. Sein Schaden hielt sich in Grenzen. Chef Heinz Nordhoff hatte in weiser Voraussicht Rückstellungen von 242 Millionen DM angehäuft; allein 1961 machte der längst kraftstrotzende Konzern 72 Millionen DM Gewinn. Jetzt bekam VW auch Zugriff auf das DAF-Konto mit den Vorkriegsbeiträgen der Kleinsparer.

Und schließlich: Wer seinen Rabatt vom maximal 600 DM einforderte, musste auch einen Käfer kaufen - der damals rund 4000 DM kostete. Der Vergleich hatte also für VW das Potenzial zur Absatzsteigerung. So mögen es die Autobauer.

insgesamt 20 Beiträge
Joseph Greeks 01.05.2018
1. So ähnlich könnte man das heute....
...auch machen, wenn sichergestellt wird, dass alle beteiligten Manager, Beamte und Politiker, die davon wussten oder hätten wissen müssen strafrechtlich belangt werden. Allerdings bleibt unklar im heutigen Fall, wie das mit den [...]
...auch machen, wenn sichergestellt wird, dass alle beteiligten Manager, Beamte und Politiker, die davon wussten oder hätten wissen müssen strafrechtlich belangt werden. Allerdings bleibt unklar im heutigen Fall, wie das mit den Entschädigung der zweiten Gruppe Geschädigter ist, die Gesundheit oder deren Verwandet ihr leben durch den überhöhten Ausstoß NOx verloren. Aber dieses Problem wird eh nicht thematisiert.
Daniel Beck 01.05.2018
2. Wow
Das heißt, dass der kleine Mann nicht nur heute reingelegt wird, sondern es schon immer wurde. Schöne Geschichte. Ich hätte zwar mal auf ein faires Ende gehofft, ohne dass ein Konzern sich wieder mit Lügen frei schaufeln muss, [...]
Das heißt, dass der kleine Mann nicht nur heute reingelegt wird, sondern es schon immer wurde. Schöne Geschichte. Ich hätte zwar mal auf ein faires Ende gehofft, ohne dass ein Konzern sich wieder mit Lügen frei schaufeln muss, aber es zeigt zumindest, dass sich wehren nix mehr in DE bringt / noch nie was gebracht hat, wenn es um grössere Unternehmen geht.
Joseph Greeks 01.05.2018
3. Danke für den Artikel....
...über einen Zusammenhand, den ich nicht auf dem Schirm hatte. Da hat sich offenbar wenig geändert in der hiesigen Rechtspflege und in der Rechtssicherheit der Bürger.
...über einen Zusammenhand, den ich nicht auf dem Schirm hatte. Da hat sich offenbar wenig geändert in der hiesigen Rechtspflege und in der Rechtssicherheit der Bürger.
Michael Spengler 01.05.2018
4. Guter Ansatz ...
... dass hier auch mal die Patentrechtsverletzungen des Prof. Porsche erwähnt werden. Leider immer wieder vergessen wird Josef Ganz, dessen Patente auch skrupellos gestohlen wurden, während er wegen seiner jüdischen Herkunft [...]
... dass hier auch mal die Patentrechtsverletzungen des Prof. Porsche erwähnt werden. Leider immer wieder vergessen wird Josef Ganz, dessen Patente auch skrupellos gestohlen wurden, während er wegen seiner jüdischen Herkunft von den Nazis verfolgt wurde. Sein Anteil an der Entwicklung des Käfers ist vermutlich bedeutender als der von Porsche und Ledwinka.
Waldemar Peschel 01.05.2018
5. ...Wolfsburg
Wenn Wolfsburg erst mit dem Bau des KdF Werkes entstand, dürfen wir erstaunten Hobbyhistoriker dann annehmen, das es in D eine Stadt gibt, die ganz der Diktion, ja sogar ein Pseudonym des Mannes im Stadtnamen trägt, dessen Hund [...]
Wenn Wolfsburg erst mit dem Bau des KdF Werkes entstand, dürfen wir erstaunten Hobbyhistoriker dann annehmen, das es in D eine Stadt gibt, die ganz der Diktion, ja sogar ein Pseudonym des Mannes im Stadtnamen trägt, dessen Hund " Blondi" hieß? Unterschrieb er in privater Kortespondenz nicht mit " Wolf"? Nannte er seine HQs nicht Wolfsschanze, Werwolf, Wolfsschlucht 1 bzw. 2? Nur konsquent das der ICE dort vorbei fährt. Und aus Karl Marx Stad wurde wieder Chemnitz, dabei wird selbst KM von heutigen Kolumnisten als vorausschauend gefeiert.

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