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einestages

Briten in Palästina

"Ein Mühlstein um unseren Hals"

Vor der Gründung Israels 1948 regierten die Briten Palästina und waren verhasst bei Arabern wie Juden. Überfordert vom täglichen Terror warfen sie bald die eigene Moral über Bord - ein Lehrstück des Scheiterns.

AFP/ Hugo H. Mendelsohn
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Donnerstag, 10.05.2018   10:55 Uhr

Was macht er bloß hier, in diesem verfluchten Palästina? Wütend und deprimiert schreibt John Chancellor am 23. Oktober 1929 seinem Sohn:

Dieses Land und alles, was mit ihm zusammenhängt, erfüllt mich mit solchem Abscheu und solchem Überdruss, dass ich es nur noch so schnell wie möglich verlassen möchte.

Da bekleidet Chancellor erst elf Monate das wichtigste Amt der Region: Hochkommissar im Völkerbund-Mandatsgebiet Palästina. Diesen Landstreifen hatten die Briten 1917 dem zerfallenden Osmanischen Reich entrissen, auch als Sicherheitspuffer zur Kontrolle des wichtigen Suezkanals.

Chancellor hat zuvor Mauritius sowie Trinidad und Tobago regiert. Anstelle der kolonialen Karibikidylle erlebt er nun in Palästina Hass, Massaker und Terror. Chancellors wenige Beamte werden von allen Seiten angefeindet. Längst verflogen ist die Euphorie von 1917, als die Briten von den etwa 670.000 Arabern und 60.000 Juden als Türkenbefreier gefeiert wurden.

Nicht mal Fußball sei möglich, jammert Chancellor in einem weiteren Brief. So verbietet er 1930 alle Spiele zwischen Juden und Briten - aus Angst, jüdische Zionisten würden britische Soldaten verprügeln, die sie für unzureichenden Schutz vor den Arabern verantwortlich machen. "Was für ein Wahnsinn!", schreibt der Hochkommissar. Und: Die Juden seien eine "undankbare Rasse".

18 Jahre später erfüllt David Ben-Gurion den Traum der Zionisten und ruft am 14. Mai 1948 den Staat Israel aus. Die arabischen Nachbarn akzeptieren die von der Uno beschlossene Teilung Palästinas nicht und wollen den neuen Staat vernichten. Der sofort folgende Krieg wird für Israel zum nationalen Triumph - und für Hundertausende vertriebene Palästinenser zum Trauma, mit Folgen bis heute.

"Die Erde erzittern lassen"

Die Briten sind 1948 heilfroh, raus zu sein aus Palästina, das sie selbst mit ins Chaos gestürzt haben. Schon als Hochkommissar Chancellor 20 Jahre zuvor nach Jerusalem kommt, findet er die Stadt in Aufruhr - wegen einer scheinbaren Banalität: An der Klagemauer, dem wichtigsten jüdischen Heiligtum, haben Juden einen Wandschirm aufgestellt, um Frauen und Männer beim Gebet zu trennen. Die Araber protestieren bei den britischen Behörden. Sie sehen jede bauliche Veränderung als ersten Schritt zur Errichtung einer Synagoge an der Klagemauer oder gar auf dem Tempelberg; dort aber stehen mit Felsendom und al-Aksa-Moschee wichtige muslimische Heiligtümer.

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Palästina vor Israels Staatsgründung: Alle gegen die Briten!

Die Briten entfernen die Trennwand gewaltsam und wenig sensibel am Tag vor dem höchsten jüdischen Feiertag. Ein Orthodoxer klammert sich an die Reste der Wand und wird mit ihr weggetragen, berichtet der Leiter der Polizeiaktion und klagt, sogar die Frauen hätten wild um sich geschlagen. Später habe man gar versucht, ihn zu ermorden.

Jerusalem kommt danach nicht zur Ruhe: Zionisten protestieren und singen an der Klagemauer die Hatikva, ihre Hymne. Araber rufen zum Streik auf, bewerfen betende Juden mit Steinen. Ein jüdischer Jugendlicher wird in einem arabischen Vorort erschlagen, ein Araber offenbar aus Rache kurz danach schwer verletzt. Besser wären beide gestorben, notiert Chancellors Adjutant zynisch. Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Wie tief die Wut sitzt, zeigen die Briefe von Chaim Shalom Halewi, die Historiker Tom Segev ausgewertet hat. Der Mitarbeiter eines jüdischen Krankenhauses berichtet von täglichen Übergriffen und Messerstechereien. Die Klagemauer will er "befreien" und mit Zehntausenden "die Erde erzittern lassen". Über die Araber schreibt Halewi: "Sie hassen uns, und wir hassen sie mit einem tödlichen Hass." Gleichzeitig fühlt er sich gedemütigt, weil die Briten den Aufbau eines jüdischen Staats verschleppten:

Sind wir eine Nation, eine lebendige Nation? Nein! Das sind wir nicht! Wir sind nichts als ein Kadaver, ein faulender, stinkender Kadaver, mit dem jeder tut, was ihm beliebt.

Dass viele Araber genauso empfinden, liegt an der widersprüchlichen Politik der Briten. 1916 hatte man ihnen einen großarabischen Staat versprochen, sollten sie gegen das Osmanische Reich revoltieren, damals Gegner der Briten im Weltkrieg. Später bricht über die Zusage erbitterter Streit aus - besonders nachdem die Briten den Juden 1917 in der Balfour-Proklamation eine "nationale Heimstätte" in Palästina in Aussicht stellten.

Das Gespenst des Zionismus

Historiker Segev hat in seinem monumentalen Werk "Es war einmal ein Palästina" beschrieben, wie absurd irrational diese berühmte Deklaration entstand. Britische Politiker waren demnach Opfer ihrer eigenen antisemitischen Zerrbilder, die Zionisten wie Chaim Weizmann, später Israels erster Präsident, geschickt bedienten.

Weil wichtige Parlamentarier damals glaubten, die Zionisten verträten das "Weltjudentum" mit ungeheurem Einfluss und Geld, sahen sie in Weizmann den "König der Juden". So einen Partner dürfe man im Krieg nicht verärgern! Weizmann bestärkte sie mit pompösen Briefköpfen und Telegrammen - als sitze er an der "Schaltzentrale einer Weltmacht", wie Segev schreibt.

Nichts davon stimmte. Die zionistische Bewegung war höchst zerstritten. Der Londoner Sitz der vermeintlichen Weltorganisation? Vier enge, dunkle Räume. Ihr Archiv? Lagerte in einem Schuhkarton. Und Weizmann? Hielt sich als Chemiedozent gerade so über Wasser. Und doch begeisterte er Außenminister Lord Balfour und verleitete die Briten zu der Fehleinschätzung, ein jüdischer Staat werde sich strategisch für sie auszahlen.

Balfours Erklärung veränderte Palästina für immer. Plötzlich schien die zionistische Utopie realistisch. Zehntausende Zuwanderer kamen und kauften massiv Land. Mit britischer Hilfe bauten sie jüdische Siedlungen und kulturelle, wirtschaftliche, politische Strukturen auf. Für viele fühlte es sich so an, als lebten sie bereits in ihrem eigenen Staat. Indes fürchteten die Araber, die einst kleine jüdische Minderheit werde sie bald vertreiben. So wurden die Briten zu Schiedsrichtern, denen alle misstrauten: Den Juden ging die Zuwanderung zu langsam - den Arabern zu schnell.

Wut und Frust entladen sich, so etwa am 24. August 1929. Schon am Morgen sieht Hebrons Polizeichef Raymond Cafferata, wie sich Araber mit Knüppeln und Dolchen versammeln. Doch wie soll er die Menge auflösen, mit nur 18 berittenen Polizisten? Cafferata fordert Verstärkung an, doch im ganzen Mandatsgebiet gibt es lediglich 175 britische Polizeibeamte. Die rund 1300 übrigen Polizeikräfte, meist Araber, sind nicht unbedingt neutral.

Massaker mit Beilen und Dolchen

Als der Mob jüdische Häuser attackiert, geht der Polizeichef beherzt dazwischen. Er wird vom Pferd gestürzt, zieht sich kurz zurück, erschießt später einige Angreifer; einer habe versucht, einem Kind den Kopf abzuschlagen. Das Morden kann Cafferata nicht verhindern. Ein Überlebender beschreibt später, was in einem Haus passierte:

Mit zehn Männern schoben wir Kisten und Tische vor die Tür, aber die Araber benutzten Beile, um sich den Weg zu bahnen. Als die Tür nachgab, begannen wir, von Zimmer zu Zimmer zu rennen, aber überall empfing uns ein Steinhagel. Halb erstickt (und versteckt hinter einer Bücherwand) kauerten wir übereinander. Wir hörten das Schreien und das Stöhnen der Menschen. Nach ungefähr zehn Minuten wurde es still. Der Anblick der Toten und Verwundeten ließ mich vor Entsetzen zittern. Ich fand keinen Platz, wo ich hintreten konnte.

Nach zwei Stunden sind in Hebron 67 Juden tot. Es wären weit mehr gewesen, hätten arabische Familien nicht Hunderte Juden in ihren Häusern versteckt. Die Briten aber feiern ihren Polizeichef als Helden und überspielen so ihre Überforderung. "Ich bin weder antisemitisch noch antiarabisch. Ich bin einfach nur probritisch", sagt Cafferata pathetisch.

Nur: Geht das noch?

Wellen der Gewalt überziehen in folgenden Jahren Palästina - trotz Todesstrafen, Hinrichtungen, Verhaftung Tausender. Die Araber fordern das Ende der jüdischen Zuwanderung; die Zionisten rüsten ihre paramilitärische Haganah und die Terrorgruppe Etzel hoch. 1936 beginnt der arabische Aufstand mit einem monatelangen Arbeits- und Steuerboykott und wird erst nach drei Jahren durch Tausende eilig entsandte Soldaten niedergeschlagen.

AP/ James Pringle

Jüdische Kämpfer in Tel Aviv

Palästina taumelt an den Rand eines Bürgerkriegs. Arabische Milizen überfallen jüdische Siedlungen, verwüsten deren Olivenhaine, töten Hunderte Zivilisten. Zwischenzeitlich befindet sich Jerusalem in ihrer Hand.

Die Briten verschanzen sich in bunkerähnlichen Wachposten und Polizeiforts. Bald verlieren sie selbst ihren moralischen Kompass: Sie bestrafen Dörfer kollektiv, lassen willkürlich Gefangene in der Sommerhitze dehydrieren, foltern mit Schlägen auf Fußsohlen und Genitalien. Der glühende Zionist Orde Wingate gründet mit den "Special Night Squads" gar eine kleine britisch-jüdische Privatarmee, die dem arabischen Terror mit Terror, Selbstjustiz und Erschießungen begegnet.

"Rebellion durch Einwanderung"

"Der Jude ermordet die Araber, die Araber ermorden die Juden", schreibt ein britischer Generalmajor resigniert und sagt voraus, dass sich daran in 50 Jahren nichts ändern werde. Wegen "unüberbrückbarer Gegensätze" empfiehlt eine britische Kommission 1937 erstmals, das Land in einen jüdischen und arabischen Staat zu teilen. Die Araber lehnen ab, die Zionisten nehmen zögernd an.

Dann ändert der aufkommende Zweite Weltkrieg alles.

Hitler umgarnt arabische Nationalisten wie den Großmufti von Jerusalem während die Briten die Araber nun nicht vollends verärgern wollen. Man solle daher "lieber die Juden" kränken, gibt Premier Chamberlain im April 1939 die neue Linie vor.

In einem "Weißbuch" schränkt seine Regierung nicht nur die jüdische Einwanderung drastisch ein, sie untergräbt auch Balfours Vision von der jüdischen "Heimstätte". Plötzlich ist das Fernziel nur noch eine gemeinsame jüdisch-arabische Regierung. Ben-Gurion ist geschockt: "Satan selbst hätte keinen schlimmeren Albtraum ersinnen können", notiert er. Und ruft zur "Rebellion durch Einwanderung" auf. Er wolle die Engländer zwingen, "die Flüchtlinge entweder zu erschießen oder zurückzuschicken".

So wird der erneute Politikwechsel auch für die Briten zum Albtraum. In London klagen längst viele Politiker, Palästina sei ein "zweites Irland". Churchills Kolonialminister spricht 1941 von einem "Mühlstein um unseren Hals". Als die Engländer in Palästina Schiffe voller Holocaust-Überlebende abweisen, geraten sie moralisch vollends ins Abseits.

Jüdische Etzel-Terroristen wie Israels späterer Premier Menachem Begin wettern, die Briten verdienten "die Peitsche". 1946 lässt Begin 350 Kilogramm Sprengstoff in Milchkannen unter die Büros der Briten im mondänen Jerusalemer King-David-Hotel schmuggeln. Bei der Explosion stürzt der Südflügel ein, 91 Menschen sterben.

Ben-Gurion gerät in Panik. Er fürchtet, die Briten könnten Palästina zu früh verlassen, bevor die Zionisten gerüstet sind für den absehbaren Krieg mit den Arabern, der am Tag nach der Unabhängigkeitserklärung 1948 prompt einsetzt.

Die Welt schaut nun gebannt auf den Überlebenskampf Israels gegen die Truppenallianz aus Ägypten, Syrien, Jordanien und dem Irak. Still hatten sich die Briten zuvor auf ihre Weise verabschiedet: mit einem letzten Golfturnier zwischen Zivilisten und Soldaten.

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