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einestages

Amerikanische Vorstadtidylle

Das Leben im Silicon Valley, 20 Jahre später

Hochzeit, Umzug oder Kinder: In zwei Jahrzehnten verändert sich das Leben von Menschen deutlich. Die Fotografin Beth Yarnelle Edwards zeigt Familien aus US-Vorstädten - in den Neunzigerjahren und heute.

Beth Yarnelle Edwards/Redux/laif
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Mittwoch, 27.06.2018   14:38 Uhr

Zur Person

Ein Foto aus dem Jahr 1997 zeigt Erin auf ihrem Bett liegend. Das Teenie-Mädchen nuckelt träge an einer Zuckerstange, auf dem Regalbrett unter dem Fenster stehen Trolle mit neonfarbenem Filzhaar, die Wände ihres Jugendzimmers sind vollgepflastert mit Aufklebern und Postern. 20 Jahre danach: Aus dem Mädchen ist eine Mutter von drei kleinen Kindern geworden, sie sitzt mit einem Säugling auf dem Schoß zwischen Spielzeug und Babybettchen.

Die in San Francisco ansässige Fotografin Beth Yarnelle Edwards hat Menschen in ihrem Zuhause in Vorstadtgebieten des Silicon Valley fotografiert - in den Neunziger- und den frühen Nullerjahren, dann abermals zwei Jahrzehnte später. 1997 begann sie, in der Gegend Familien zu porträtieren und an ihrer Fotoserie "Suburban Dreams" zu arbeiten, die später auch beim Kehrer Verlag erschienen ist. Außerdem zeigt sie in dem Bildband auch Menschen aus anderen amerikanischen und aus europäischen Vorstädten.

Sicher, ruhig, kinderfreundlich

In den Neunzigerjahren lebte Edwards selbst im Silicon Valley, fühlte sich dort gelangweilt und isoliert. Doch die meisten Leute aus ihrem Bekanntenkreis liebten die Umgebung - die Fotografin wollte herausfinden, warum. Sie fing an, ihre Nachbarn und Freunde abzulichten, schnell weitete sich das Projekt auch auf Unbekannte aus, die sie über Empfehlungen kennenlernte.

Fotostrecke

Damals und heute: Wie die Zeit vergeht - Menschen im Silicon Valley

Edwards befragte die Leute ausgiebig zu ihrem Alltag und zum Leben in der Vorstadt. Die meisten erzählten ihr, dass sie schätzten, wie sicher, ruhig und kinderfreundlich es dort sei, sie liebten ihre großen Häuser und Hinterhöfe. Viele führten ein recht unbeschwertes Leben und hatten eigene Immobilien erworben, noch bevor die Preise in der Gegend um die Bucht von San Francisco rasant stiegen.

2016, viele Jahre später, lebte die Fotografin in San Francisco. Was wohl aus der Vorstadtidylle geworden ist, fragte sie sich und beschloss, einige der früher Porträtierten aus dem Silicon Valley wieder zu treffen.

Einige waren mittlerweile krank, sehr alt oder schon gestorben, manche wollten sich nicht mehr fotografieren lassen. Viele der Jüngeren waren in andere Städte gezogen, während die älteren Menschen in ihren ursprünglichen Häusern geblieben waren. Es war daher nicht leicht, geeignete Kandidaten für das Fotoprojekt zu finden.

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Beth Yarnelle Edwards:
Suburban Dreams

Kehrer Verlag; 96 Seiten; 30,00 euro.

Aus finanzieller Sicht hatte sich das Leben der meisten kaum geändert: "Mit der Wirtschaft ist es sehr bergab gegangen, seit ich die Fotos gemacht habe", sagt die Fotografin SPIEGEL ONLINE. "Aber da die Immobilienwerte in der Bay Area seitdem sehr gestiegen sind und diese Menschen dort bereits Häuser besaßen, sind davon nur wenige betroffen. Sie hatten mehr Glück als andere."

Warten auf den passenden Moment

Viele der erneut Porträtierten konnten sich gut in das Lebensgefühl von damals hineinversetzen, erinnerten sich genau an die Situation 20 Jahre zuvor und bewerteten sie aus ihrer heutigen Perspektive. Die Bilder erzählen von den Menschen selbst und geben zugleich durch Kleidung, Frisuren, Möbel und Dekoration auch Auskunft über die Veränderungen in zwei Dekaden.

Die Fotos - damals wie 2016 - sind das Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen Edwards und den Familien. Statt die Menschen zu positionieren und das Bild zu arrangieren, ließ Edwards sie sich normal bewegen und handeln. Und wartete dann auf einen passenden Moment für einen Ausdruck oder eine Haltung: "Es konnte eine Weile dauern, bis die Menschen in ihren Bewegungen, ihren Gesten und ihrer Mimik natürlich wurden, aber ich ermutigte sie immer wieder dazu."

War der geeignete Augenblick gekommen, dann bat sie die Person, in der Haltung zu verharren: "Das führt zu einem leicht eingefrorenen Blick, den ich liebe", sagt die Fotografin. "Ich betrachte meine Bilder als Genrebilder, weil sie eher ein typisches Ereignis im Haus darstellen sollen als einen einzelnen Moment." In zehn Jahren will sie die Leute wieder besuchen - und einen erneuten Abgleich machen.

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