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einestages

Kempowskis Rostock-Besuch

"Fotografieren Sie das mal!"

1990 kehrte Walter Kempowski in seine Heimatstadt Rostock zurück, wo ihn die Sowjetunion 42 Jahre zuvor verhaftet hatte. Siegfried Wittenburg war dabei - und machte historische Bilder von der verlassenen Wohnung des Schriftstellers.

Siegfried Wittenburg
Freitag, 16.01.2015   11:17 Uhr

Walter Kempowski blickte zum Kreuzgewölbe der mächtigen, gotischen Marienkirche in Rostock. "Sehen Sie dort oben den goldenen Stern auf blauem Grund? Wenn Sie mir den herunterholen, gebe ich Ihnen 1000 D-Mark."

Ich wusste nicht, ob der berühmte Schriftsteller scherzte. Die Revolution, die Deutschland im Herbst 1989 erfasst hatte, war jetzt, im Januar 1990, noch nicht beendet. Jeden Donnerstag demonstrierten Tausende in Rostock für freie Wahlen. Zudem war ohne eine frei konvertierbare Währung auch die lang ersehnte Reisefreiheit nicht viel wert.

Alles, was in der DDR dringend benötigt wurde, gab es nur für D-Mark. Die Aussicht auf 1000 Mark war also verlockend für mich. Dann hörte ich Walter Kempowski sagen: "Ach, neben dem Stern befindet sich eine Luke. Es ist ja ganz einfach. So gibt es nur 500 Mark."

Eine erbarmungslose Strafe

Es war eine Nachricht in der Zeitung, die mich überhaupt erst zu dieser Begegnung geführt hatte: "Walter Kempowski kommt nach Rostock." Ich war wie elektrisiert. Eine Rückkehr nach all den Jahren in jene Stadt, von der seine Erfolgsromane so sehnsüchtig erzählen!

Als Sohn einer bürgerlichen Familie hatte er seine Heimatstadt zuletzt vor fast einem halben Jahrhundert gesehen: 1948 im Alter von 19 Jahren. Nach dem Krieg war er Verkäufer in einem PX-Shop der amerikanischen Besatzungsmacht in Wiesbaden - und nun besuchte er seine Mutter in Rostock. Sein sechs Jahre älterer Bruder Robert führte dort die väterliche Reederei weiter und hatte Frachtpapiere gesammelt, die beweisen sollten, dass die sowjetische Besatzungsmacht weit mehr Demontagegüter abtransportieren ließ, als im Potsdamer Abkommen mit den Alliierten vereinbart war.

Diese Beweise wollte Walter Kempowski den Amerikanern übergeben, doch der sowjetische Geheimdienst verhaftete ihn. Ein Militärtribunal verurteilte ihn zu 25 Jahren Arbeitslager; auch seine Mutter wurde zu jahrelanger Zwangsarbeit verurteilt. Für einen Jugendlichen, der bei Kriegsbeginn noch ein Kind gewesen war und in den letzten Kriegstagen seinen Vater verloren hatte, war das eine Strafe ohne Erbarmen.

Fotostrecke

Kempowskis in Rostock: Das Wohnzimmer ein Umkleideraum

Kempowski verbüßte acht Jahre Haft im Zuchthaus Bautzen. Als er 1956 vorzeitig entlassen wurde, ging er zunächst zu seiner Mutter, die nach Hamburg gezogen war, holte das Abitur nach und wurde anschließend in Niedersachsen Lehrer. 1969 erschien sein literarisches Erstlingswerk "Im Block. Ein Haftbericht.", in dem er seine Erlebnisse in Bautzen verarbeitete.

Kempowskis Romane waren in der DDR verboten. Die Sowjets waren die Befreier, die Guten, und wer an diesem staatlich inszenierten Mythos kratzte, bekam ein Problem. Doch die verbotene Literatur befand sich im Bücherregal unserer Familie. Als ich sie las, verstand ich sie nicht vollständig, denn mein bis dahin in der "sozialistischen Gesellschaft" erworbenes Geschichtsbewusstsein war ein anderes. Auch an die Verfilmungen, im Westfernsehen ausgestrahlt, konnte ich mich erinnern, doch die "sozialistische" Realität war inzwischen eine andere.

Ich schrieb also nach dem Lesen des Zeitungsartikels Walter Kempowski einen Brief und fragte ihn, ob ich seinen Besuch in Rostock mit der Kamera begleiten dürfe. Wenige Tage später erhielt ich ein Telegramm: "Treffpunkt übermorgen 10.00 Foyer Hotel Warnow."

Ich ging hin, mit Kamera, Stativ und einigen Orwo-Filmen. Kempowski hatte gerade sein Frühstück im Interhotel beendet und begrüßte mich. Er war fast einen Kopf kleiner als ich und wirkte schmächtig. Er sagte: "Sie behalten alle Rechte an den Fotos, die Sie anfertigen." Es war das erste Mal, dass jemand so etwas zu mir sagte. Und es war das erste professionelle Geschäft, das ich abwickelte. Mit einem Mann, der zwar wie ich aus Rostock stammte, aber im Interhotel für Westmark wohnte, mit einem westlichen Pkw angereist war und auch noch ein westliches Filmteam mitgebracht hatte.

Modernes Domizil im Bauhausstil

Wir gingen gemeinsam durch die Stadt zur Augustenstraße. Kempowski erzählte von Bautzen und seiner wochenlangen Einzelhaft. Wir passierten einen ehemaligen Stasi-Gebäudekomplex. Ich erzählte ihm, dass sich dort wenige Wochen zuvor dramatische Szenen abgespielt hatten, als die Bürger das Stasi-Gebäude besetzten. Doch das, was die Menschen gerade in Rostock bewegte, fand nicht sein Interesse.

"In diesem Haus hat unsere Familie gewohnt, dort, im ersten Stock", sagte er und zeigte auf ein modernes Gebäude im Bauhausstil. Ich hatte mir den Familiensitz eines Reeders anders vorgestellt, eher als kleine Villa oder wenigstens im bürgerlichen Stil der Gründerzeit.

Wir gingen durch eine Toreinfahrt, die zu einer "volkseigenen" Getränkefabrik führte, in der Fruchtbrause hergestellt wurde. Bis dahin wusste ich nicht, dass sich die Produktionsstätte der Rostocker Fruchtbrause, die auch ich mir hin und wieder mal gekauft hatte, auf dem Hinterhof eines Wohnhauses befand und die Lkw die Toreinfahrt des Hauses zerschrammten, in dem der später berühmte Schriftsteller aufwuchs.

Zerschlissene Handtücher, verdreckte Dielen

Im ersten Stock erreichten wir eine verglaste Wohnungstür, mit einer vergilbten Gardine geschmückt, die womöglich Kempowskis Mutter persönlich dort angebracht hatte. Für mich war das nichts Besonderes, denn es sah überall so aus. "Das war unsere Wohnung", hörte ich den Schriftsteller sagen. Er betrat das erste Mal nach 42 Jahren das Wohnzimmer seiner Familie und blickte sich um. "Nun haben sie ein Klo daraus gemacht", sagte er nüchtern. Aus dem Wohnzimmer war ein Umkleideraum für die Arbeiter der Getränkefabrik geworden, mit grauen, stählernen Spinden, Gummistiefeln und zerschlissenen Handtüchern.

Kempowski setzte sich auf einen Schemel, dessen Bauform mich an die genormten NVA-Hocker erinnerte. Er faltete seine Hände und diktierte seiner Assistentin seine Gedanken. Inzwischen hatte das West-Filmteam den Dachboden ausgeleuchtet und ich ging mit Kempowski hinauf.

"Dies war mein Mansardenzimmer", sagte er. "Sehen Sie mal, hier kann man noch erkennen, wo mein Namensschild angebracht war." Dabei tippte er auf eine farblose Stelle an der Tür. In das Zimmer mit den schrägen Wänden fiel das fahle Licht eines trüben Januartages. An der linken Wand stand ebenfalls ein Umkleideschrank. Auf der rechten Seite entdeckte ich zwei Stühle, einen Tisch und zwei ausgetrunkene Bierflaschen. Auf dem schmutzigen Dielenfußboden lagen Zigarettenkippen und eine leere Schachtel, von den Arbeitern hinterlassen.

"Machen Sie ein Foto davon!"

Kempowski blickte aus dem Fenster seines Jugendzimmers. "Von hier aus konnte ich den Wasserturm sehen. Sehen Sie mal hier: Der Fensterrahmen hat noch den alten Farbanstrich. Hier wurde eine Ewigkeit nichts gemacht. Fotografieren Sie das mal. Und sehen Sie sich mal das Fenster zum Hof an. Dieses Bild hat sich bei mir eingeprägt. In Bautzen musste ich oft daran denken. Die Scheibe wurde seitdem nicht mehr geputzt. Machen Sie mir mal ein Bild davon. Ich bezahle es Ihnen."

Während das Filmteam mit ihm arbeitete, machte ich einen Rundgang durch die Augustenstraße und fing die Stimmung der Umgebung ein. "Kommen Sie mit in die Marienkirche?" fragte er später. Wir machten einen Umweg durch den Osten der Altstadt. Noch wenige Monate zuvor hatte ich diesen Stadtteil fotografiert, um den Verfall zu dokumentieren.

Auch Kempowski hatte eine Kamera dabei, natürlich ein westliches Markenprodukt mit einem Zoom-Teleobjektiv, während ich eine Praktica mit Wechselobjektiven besaß. "Sehen Sie mal", sagte er und zeigte auf einen verrosteten Balkon mit einer lachenden Sonne, wovon der letzte gelbe Schimmer abblätterte. "So etwas fotografiere ich. Das sind meine Erinnerungen." Ich konnte diesem Stück Balkon nicht viel abgewinnen, zumal der ganze Stadtteil bröckelte.

Die ersten verdienten D-Mark

Am Abend ging er ins Interhotel und ich fuhr mit dem Trabi nach Hause. In den folgenden Monaten erreichten mich Briefe von westdeutschen Verlagen. Sie fragten nach den Fotos, die ich ihnen zuschickte. Bereits nach kurzer Zeit erhielt ich Belegexemplare von Veröffentlichungen sowie Schecks mit ansehnlichen Honoraren in D-Mark. Ich fuhr extra nach Lübeck, um ein Konto einzurichten und machte mir Hoffnungen, dass ich in der neuen Zeit als freiberuflicher Fotografiker erfolgreich werden könnte.

Walter Kempowski starb 2007. Sechs Jahre später fuhr ich zu seinem Haus im niedersächsischen Nartum. Seine Witwe Hildegard öffnete. Während wir uns angeregt unterhielten, zeigte sie mir das Haus. In einem Zimmer entdeckte ich einige goldene Sterne auf blauem Grund.

"Wissen Sie, woher diese stammen?", fragte mich Hildegard Kempowski mit einem Gesichtsausdruck, als wenn ich das nie erraten könnte. "Ja", sagte ich ruhig, "von der Decke der Marienkirche in Rostock." Verblüfft sah sie mich an, und ich erzählte ihr die Geschichte von unserem Treffen 1990.

Sie holte daraufhin das Gästebuch. "Schreiben Sie das bitte auf!" Als ich es getan hatte, fragte ich, was er für die Sterne bezahlt hatte. "Ach", sagte sie, "die hat er nachher umsonst bekommen."

Hier geht's zum Kempowski-Archiv.

Weitere Fotos von Siegfried Wittenburg finden Sie auf dieser Website.

In einer früheren Version dieses Artikels stand fälschlicherweise, Kempowski sei 1990 erstmals nach seiner Verhaftung 1948 nach Rostock zurückgekehrt. Richtig ist, dass Kempowski erstmals seit 1948 in das Wohnhaus seiner Familie zurückkehrte; Rostock hatte er schon 1975 einmal besucht. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

insgesamt 24 Beiträge
Till Neumann 16.01.2015
1. Sehr schöne Fotos
Es mag ein Klischee sein, aber irgendwie passt Schwarz-weiß wirklich am besten zur Stimmung der Zeit. Kleine Korrektur zu den Bildunterschriften: Der Wohnort von Kempowski heißt Nartum, nicht Nartrum.
Es mag ein Klischee sein, aber irgendwie passt Schwarz-weiß wirklich am besten zur Stimmung der Zeit. Kleine Korrektur zu den Bildunterschriften: Der Wohnort von Kempowski heißt Nartum, nicht Nartrum.
Holger Klamm 16.01.2015
2. Diese kleinen Fehler ...
Rotenburg an der Wümme ... ohne th! Der Stern war nicht "vom Dach der Kirche" (Bild 17) sondern auf dem Schlußstein eines der Kreuzgewölbe im Inneren der Marienkirche. Kempowski ist, wie so viele Menschen, gar nicht [...]
Rotenburg an der Wümme ... ohne th! Der Stern war nicht "vom Dach der Kirche" (Bild 17) sondern auf dem Schlußstein eines der Kreuzgewölbe im Inneren der Marienkirche. Kempowski ist, wie so viele Menschen, gar nicht recht von sich selbst losgekommen - das erschwerte sein Empfinden mit den Menschen in der damaligen revolutionären Gegenwart. Als Zeitzeuge, "Archivar" und Literat aber doch liebenswert und unverzichtbar.
Holger Klamm 16.01.2015
3. Diese kleinen Fehler ...
Rotenburg an der Wümme ... ohne th! Der Stern war nicht "vom Dach der Kirche" (Bild 17) sondern auf dem Schlußstein eines der Kreuzgewölbe im Inneren der Marienkirche. Kempowski ist, wie so viele Menschen, gar nicht [...]
Rotenburg an der Wümme ... ohne th! Der Stern war nicht "vom Dach der Kirche" (Bild 17) sondern auf dem Schlußstein eines der Kreuzgewölbe im Inneren der Marienkirche. Kempowski ist, wie so viele Menschen, gar nicht recht von sich selbst losgekommen - das erschwerte sein Empfinden mit den Menschen in der damaligen revolutionären Gegenwart. Als Zeitzeuge, "Archivar" und Literat aber doch liebenswert und unverzichtbar.
S B 16.01.2015
4. Stimmt, sehr gute Fotos aus der Zeit
Ich glaube in Farbe würden sie sich auch kaum unterscheiden. An den Bildunterschriften merkt man mal wieder, dass der Verfasser ein Nichtkenner der DDR war. Armeefahrzeuge hatten vorn kein Nummernschild (Bild15) und es ist auch [...]
Ich glaube in Farbe würden sie sich auch kaum unterscheiden. An den Bildunterschriften merkt man mal wieder, dass der Verfasser ein Nichtkenner der DDR war. Armeefahrzeuge hatten vorn kein Nummernschild (Bild15) und es ist auch kein Stasi oder Parteifahrzeug, die hatten etwas Besseres.
M J 16.01.2015
5.
In dem Artikel liest man leider viel zu sehr die (mögliche) Konsumorientiertheit des Autors heraus: Herr Kempowski wohnte im Interhotel. Er kam mit einem westlichen PKW. Er hatte eine tolle Kamera. Ich verdiente viele D-Mark. [...]
In dem Artikel liest man leider viel zu sehr die (mögliche) Konsumorientiertheit des Autors heraus: Herr Kempowski wohnte im Interhotel. Er kam mit einem westlichen PKW. Er hatte eine tolle Kamera. Ich verdiente viele D-Mark. Schade. Das zerstört ein wenig die Stimmung des Artikels. Aber damals war "man" wohl so. Ich wahrscheinlich auch...

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