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Warschauer Ghetto

Brandsatz in der Blechkiste

Sie wurden Chronisten des eigenen Untergangs: Bewohner des Warschauer Ghettos vergruben während des Zweiten Weltkriegs 35.000 Blatt Papier - Tagebücher und Zeichnungen, Erlasse und Plakate, Essensmarken und Briefe. Mit ihrem geheimen Archiv dokumentierten sie den Holocaust, während er geschah.

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Donnerstag, 22.07.2010   15:54 Uhr

David Graber war 19 Jahre alt, als er in großer Eile seinen Abschiedsbrief auf ein Stück Papier kritzelte: "Nur zu gerne würde ich den Augenblick erleben, in dem der große Schatz ausgegraben wird und der Welt die Wahrheit ins Gesicht schreit."

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Heft 29/2010
Ich bin dann mal off
Über die Kunst des Müßiggangs im digitalen Zeitalter

Während draußen deutsche Einheiten die Straßen durchkämmten, vergrub Graber zusammen mit seinem Freund Nahum Grzywacz zehn Blechkisten im Kellerboden einer Grundschule in der Nowolipki-Straße. Es war der 2. August 1942 im Warschauer Judenghetto.

Gut vier Jahre später wurde der Schatz gehoben. Graber und Grzywacz waren da längst tot, ermordet, wie fast alle ihrer rund 50 Mitstreiter. Nur drei hatten den Nazi-Terror überlebt, ihre Angaben führten zur Bergung der Kisten.

Der Schatz bestand aus Papier, rund 35.000 Blatt, eine Gruppe von Chronisten hatte sie gesammelt und beschrieben. Sie wollten dokumentieren, wie die deutschen Besatzer die Juden von Warschau während des Zweiten Weltkriegs entrechteten, peinigten und schließlich im Vernichtungslager umbrachten. "Diese Materialien erzählen eine kollektive Geschichte des Niedergangs, der endlosen Demütigung, vom stillen Heldentum und der Opferbereitschaft", urteilt der amerikanische Historiker Samuel Kassow. Sein Buch über das geheime Ghetto-Archiv, das jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist, bringt die einzigartigen Quellen zum Sprechen.

Zwar sammelten verfolgte Juden auch anderswo in Europa Dokumente oder schrieben Tagebücher. Doch nirgendwo gelang dies ähnlich dicht und anschaulich wie in Warschau. In der polnischen Hauptstadt befand sich Europas größte jüdische Gemeinde, hier sammelten sich viele talentierte Wissenschaftler und Schreiber. Ihre Chronik möge wie ein "Keil unter das Rad der Geschichte geklemmt werden", so formulierte eine Autorin den eigenen hohen Anspruch - er machte das klandestine Archiv zum wohl beklemmendsten Textkorpus des Holocaust.

"Oyneg Shabes" - die "Freude des Sabbats", so nannte sich der Zirkel, weil er ab November 1940 meist an Samstagnachmittagen zusammenkam. Der Chefdenker der Gruppe, zu der etliche Intellektuelle, Journalisten und Lehrer gehörten, war Emanuel Ringelblum, ein 1900 in Galizien geborener Historiker. Er hatte an der Warschauer Universität über die Geschichte der Warschauer Juden bis 1527 promoviert und arbeitete unter anderem in der jüdischen Selbsthilfeorganisation "Aleynhilf".

Noch zwei Wochen vor Kriegsausbruch besuchte Ringelblum als Gesandter der marxistischen Partei Poalei Zion den zionistischen Weltkongress in Genf. Während andere Delegierte vorschlugen, angesichts der Gefahr in der Schweiz zu bleiben, zog es Ringelblum zurück zu seiner Frau Yehudis und seinem damals neunjährigen Sohn Uri. Kaum war Ringelblum wieder zu Hause, überfielen deutsche Truppen Polen und nahmen wenig später auch Warschau ein.

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Warschauer Ghetto: Brandsatz in der Blechkiste

Im Oktober 1940 verfügten die Besatzungsbehörden, alle Juden hätten in einen eigenen Wohnbezirk überzusiedeln; Arbeiter zogen eine drei Meter hohe Mauer um das Areal. Unablässig trieben die Deutschen zudem Juden aus dem Umland ins Ghetto. Bald lebten dort eine halbe Million Menschen auf einer Fläche von nur vier Quadratkilometern.

Ringelblum und seine Mitstreiter vom "Oyneg Shabes" erfassten die Dimension des Dramas rasch und machten sich daran, es für die Nachwelt festzuhalten. Sie sammelten Erlasse und Plakate, Rationskarten, Briefe, Tagebücher, Zeichnungen. Dokumente des Grauens auf Jiddisch, Deutsch oder Polnisch.

Zum Beispiel die von den Deutschen verordneten Kalorientageswerte für das Jahr 1941: Danach sollten Deutsche 2613 Kilokalorien bekommen, Polen 699, Juden nur 184. Die Ghetto-Bewohner mussten Lebensmittel schmuggeln, um zu überleben. Über Löhne und Preise auf dem Schwarzmarkt betrieb das Archiv Marktforschung und stellte Beispielrechnungen für eine vierköpfige Familie an.

Wie Ethnologen machten sich die Chronisten daran, ihre Umgebung zu erkunden, als Wissenschaftler in eigener Sache. Sie gaben standardisierte Fragebögen aus, führten Hunderte Interviews mit Flüchtlingen und Halbverhungerten.

Zwischen 1940 und 1942 rafften Hunger, Kälte und Krankheiten rund 100.000 Menschen dahin. Im November 1941 schrieb Ringelblum über das öffentliche Sterben: "Das Furchtbarste ist der Anblick der frierenden Kinder. Heute Abend hörte ich das Wimmern eines kleinen Wichts von drei oder vier Jahren. Wahrscheinlich wird man morgen früh seinen Leichnam finden."

Das Archiv lobte einen Aufsatzwettbewerb aus, um traumatisierte Kinder zum Sprechen zu bringen. Ein 15-jähriges Mädchen schilderte, wie seine Mutter neben ihm starb: "Ich spürte in der Nacht, wie sie kalt und steif wurde, aber was hätte ich tun können, ich blieb bis zum Morgen an sie geschmiegt liegen, und dann half mir eine Nachbarin, sie aus dem Bett zu heben und auf den Boden zu legen."

Draußen drohte ständig die Gefahr, von einem deutschen Polizisten angehalten und verprügelt oder erschossen zu werden. Einen besonders gefährlichen Straßenengpass nannten die Ghetto-Bewohner "die Dardanellen".

Ab 1942 erreichten die Geschichtsschreiber dramatische Nachrichten aus anderen Landesteilen, Flüchtlinge erzählten von Massenerschießungen und niedergebrannten Synagogen; einer berichtete aus Chelmno westlich von Warschau, wie die SS dort Menschen in Gaswagen umbrachte.

Das industriell betriebene Massenmorden hatte begonnen, und so stellten sich viele die Frage, wann die "Hölle des polnischen Judentums", so der Titel einer Abhandlung aus dem Archiv, Warschau erreichen würde. Das Ghetto werde ausgespart, hatten mehrere deutsche Stellen dem jüdischen Ältesten Adam Czerniakow versprochen. Doch am 22. Juli 1942 verkündete SS-Offizier Hermann Höfle, dass die "Umsiedlung" begonnen habe. Wenige Tage später vergruben die Archivhelfer die ersten Kisten.

Gestapo und jüdische Polizei trieben die Bewohner zusammen und brachten sie zum "Umschlagplatz", von dem die Transporte ins Vernichtungslager Treblinka starteten. Eine besonders zynische Proklamation vom 29. Juli lockte die Hungernden mit dem Versprechen, jeder, der sich freiwillig am Umschlagplatz einfinde, erhalte dort eine Ration von drei Kilo Brot und einem Kilo Marmelade. Zur Täuschung der Zurückgebliebenen mussten Deportierte aus den Todesfabriken beruhigende Postkarten in die Heimat schicken.

Die Archivare begannen mit der Erforschung des Holocaust, noch während der im vollen Gange war. Mehrfach gelang es, Belege für das Vernichtungsprogramm ins Ausland zu schleusen, etwa zur BBC nach London. Man habe "eine bedeutsame geschichtliche Aufgabe vollbracht und vielleicht Hunderttausende vor der Ausrottung bewahrt", so hoffte Ringelblum vergebens.

Denn das Ghetto leerte sich rasch: Laut einer Statistik des Archivs waren im November 1942 bereits 99 Prozent aller Kinder deportiert worden. Im Wohnbezirk verblieben noch 60.000 Menschen, meist Männer, die in Werkstätten arbeiteten. Viele überließen dem Archiv ihre persönlichen Reflexionen, Dokumente von großer emotionaler Wucht.

Der Lehrer Abraham Lewin berichtete, wie seine Frau in die Fänge der Häscher geriet: "Sonnenfinsternis, vollständige Dunkelheit. Meine Luba wurde bei einer Blockade aufgegriffen. Noch sehe ich vor mir einen Schimmer Hoffnung leuchten. Vielleicht bleibt sie verschont. Und wenn nicht, was Gott verhüten möge?"

Natan Smolar, ein anderer Lehrer, betrauerte seine "einzige, geliebte Tochter Ninkele", deren dritten Geburtstag die Familie erst gefeiert hatte. "Es gab so viele Spielzeuge, so viel Lärm und Spiel, so viel Glück und Kindergeschrei. Und heute gibt es keine Ninkele mehr, ihre Mutter ist fort, ebenso meine Schwester Etl."

Schuldgefühle plagten die Zurückgebliebenen, sie beklagten, "dass die Juden sich wie Schafe zur Schlachtbank haben führen lassen". Ein Mann schrieb: "Wären wir alle einfach über die Ghetto-Mauer geklettert, hätten die Straßen Warschaus gestürmt, bewaffnet mit Messern, Äxten oder auch nur mit Steinen - dann hätten sie vielleicht 10.000 oder 20.000 umgebracht, aber niemals 300.000!"

Über den bewaffneten Widerstand, der später doch noch, im April 1943, losbrach, sind kaum Dokumente erhalten geblieben. Die Deutschen schlugen den Aufstand grausam nieder. SS-Brigadeführer Jürgen Stroop ließ Wohnblock für Wohnblock niederbrennen und die Hauptsynagoge sprengen. Am 16. Mai 1943 meldete er: "Das ehemalige jüdische Wohnviertel Warschaus besteht nicht mehr."

Der Historiker Ringelblum hatte sich da schon mit seiner Familie in den nichtjüdischen Teil Warschaus geflüchtet. Seine letzten Lebensmonate verbrachte er zusammen mit rund 40 Männern, Frauen und Kindern in einem sieben mal fünf Meter großen Keller unter einem Gewächshaus, das einem polnischen Gemüsehändler gehörte. Zwischen den zweistöckigen Schlafkojen saß Ringelblum Tag für Tag am Ende eines langen Tisches zwischen seinen Büchern und Listen.

Im März 1944 flog das Versteck auf, weil die Freundin des polnischen Helfers ihn nach der Trennung verraten hatte. Ringelblum kam ins berüchtigte Pawiak-Gefängnis, wo er unter Folter Informationen über jüdische Widerständler verraten sollte. Dann erschossen die Deutschen den Chronisten ihrer Untaten, zusammen mit seiner Familie und den anderen Inhaftierten.

Noch sechs Tage bevor sein Unterschlupf entdeckt wurde, hatte Ringelblum einem Freund über sein Archiv geschrieben: "Falls keiner von uns überlebt, soll wenigstens das bleiben."

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