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einestages

Ein Affe als Revolutionär

Petermann, geh du voran!

Chaos im Kölner Zoo: Im Oktober 1985 brechen zwei Affen aus ihren Käfigen aus, verletzen den Direktor schwer, werden auf der Flucht erschossen - und posthum zu Revoluzzern erklärt.

Dietrich Maguhn, Greven Verlag / DPA
Von
Mittwoch, 10.10.2018   12:14 Uhr

Im süßen Ringelpulli kannten ihn die Kölner schon, Wilhelm-Tell-mäßig auch mit Apfel auf dem Kopf. Und zuvor hatte er bereits im Strampelanzug und mit Milchflasche für Entzücken gesorgt: Petermann hieß der Schimpanse, der irgendwann unter nicht mehr rekonstruierbaren Umständen in den späten Vierzigerjahren in den Kölner Zoo gekommen war. Als dressierter Affe hatte Petermann die Bewohner der Domstadt von der Tristesse der Nachkriegsjahre abgelenkt.

Am 31. Dezember 1952, kurz vor Mitternacht, lernte ihn auch der Rest des Landes kennen - jedenfalls diejenigen, die eines der damals bundesweit knapp 4000 Fernsehgeräte besaßen: Der Schimpanse Petermann war in der ersten Silvesterschau der deutschen Fernsehgeschichte zu sehen, mit Frack, Zylinder und Sektglas, behängt mit Luftschlangen. Pünktlich um Mitternacht prostete das Tier den Zuschauern zu und sorgte damit für Begeisterung. Auch deshalb, weil der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) da gerade mal sieben Tage mit seinem Schwarzweiß-Programm auf Sendung war - und dann direkt eine solche Sensation präsentieren konnte. Knapp 33 Jahre später schaffte es Petermann noch einmal ins Fernsehen: im Oktober 1985, als er im Zoo nach einem Ausbruch erschossen wurde.

1952 war das Medium noch neu und die Silvester-Livesendung eine besondere Herausforderung - zumal mit einem Affen vor der Kamera. "Da darf Petermann nichts verschütten, da darf er sich nicht an heiklen Stellen kratzen, da darf er sich vor allem nicht aus dem schmalen Bildausschnitt der Kamera hinaushampeln", schreibt der in Köln geborene SWR-Journalist Walter Filz 2010 in einer bitterbösen Abrechnung mit seiner Heimatstadt (Buchtitel: "Der Affe zu Köln. Oder: Petermanns Rache", Greven-Verlag Köln). Petermann machte alles richtig, und die NWDR-Verantwortlichen jubelten über ihren Coup.

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Schimpanse in Köln: Wie sich Petermann zum Affen machen musste

Wer auch jubelte, war der Kölner Zoo. Denn der hatte jetzt ein überregional bekanntes Maskottchen. Dabei behandelten die Domstädter ihren Petermann so, wie sie alle Zugezogenen behandelten: "Hinabstoßen - Runterbeugen - Umarmen - Vereinnahmen - Bekümmern." So, ätzt Walter Filz, laufe es in Köln grundsätzlich mit Fremden und eben auch mit Petermann: "Erst erklärt man den Schimpansen zum zurückgebliebenen Menschen. Dann schließt man ihn ins Herz und lässt ihn in der Menschenwelt mitspielen. So macht man mit dem Affen den Affen. Und aus dem geäfften Affen macht man einen Kölner."

Journalisten kamen und bestaunten Petermann samt einer 17-jährigen Tierpflegerin. Sie fotografierten ihn in den Paradeuniformen lokaler Karnevalsvereine, er zog mit einem Karnevalisten von Prunksitzung zu Prunksitzung, musste in Kneipen als "Köbes", regional für Bierkellner, posieren oder wurde, als Motorradfahrer verkleidet, auf Dreirad oder Motorroller gesetzt.

Aber der süße Affe blieb nicht süß, sondern wurde größer. Ein Schimpanse, der ohne Kontakt zu Artgenossen aufwächst, habe keine Gelegenheit, seine arteigenen Verhaltensweisen zu erlernen, schreibt der frühere Kölner Zoodirektor Gunter Nogge in seinen Erinnerungen: "Der enge Kontakt zwischen Mensch und Schimpanse muss spätestens abgebrochen werden, wenn Letzterer geschlechtsreif wird, denn erwachsene Schimpansen haben zwar kürzere Beine als wir, sind uns aber kräftemäßig haushoch überlegen."

Petermann auf der Flucht

Mitte der Fünfzigerjahre waren die Dressurauftritte Petermanns deshalb nicht mehr möglich, und weil er nie mit anderen Menschenaffen aufgewachsen war und deshalb kein artgerechtes Sozialverhalten hatte lernen können, blieb Petermann ab da immer öfter in seinem Käfig - zunehmend verhaltensgestört und mit immer mal wieder auftretenden aggressiven Anfällen. Fast drei Jahrzehnte lang vegetierte er mehr oder weniger vor sich hin und geriet in der Öffentlichkeit in Vergessenheit.

Dabei war er noch da, hatte zwischenzeitlich sogar Schimpansen als Begleitung bekommen. "Oftmals stand ich mit einer Besuchergruppe vor der Scheibe, und alles hörte auf meine Worte. Gerade das hat Petermann immer sehr aufgebracht - und er hat mir durch sein Imponiergehabe gezeigt, wer der wirkliche Herr im Hause ist", berichtet Nogge, der 1981 Zoodirektor geworden war und Petermann damit gewissermaßen geerbt hatte.

Wie groß die Konkurrenz zwischen dem Schimpansen und dem Zoo-Chef war, zeigte sich am 10. Oktober 1985. Vermutlich hatte ein junger Tierpfleger vergessen, nach dem Füttern den Käfig ordentlich zu sichern - jedenfalls flohen Petermann und ein Weibchen aus ihrem Gefängnis.

"Ich kam rein zufällig des Weges", erinnert sich Nogge, "und sah mich plötzlich Petermann und seinem Weibe Susi gegenüber. Ich versuchte noch, in die Futterküche des Affenhauses zu flüchten, aber Schimpansen sind nicht nur kräftiger als Menschen, sondern auch schneller." Die beiden griffen an, verletzten Nogge schwer. Wahrscheinlich hätten sich die Affen gewundert, schreibt Nogge, "dass ich mich nicht nach Schimpansenart wehren konnte, sondern sofort hilflos zu Boden ging. Sie meinten wahrscheinlich, ich gäbe auf diese Weise meine Unterlegenheit zu." Dann ließen die Tiere von ihm ab und zogen weiter.

Im Kugelhagel

Die Verantwortlichen entschieden sich, angesichts deren Aggressivität kein Risiko einzugehen, und gaben die Affen zum Abschuss frei. Petermann wurde kurz darauf von einem Mitarbeiter des Zoos niedergestreckt, Susi konnte erst einmal fliehen und starb später durch Polizeischüsse in einem nahegelegenen Haus, in dem sie von einer Anwohnerin entdeckt worden war.

Der Tod der beiden Schimpansen wühlte die Kölner auf. Und so, wie sie Petermann schon in seiner Kindheit und Jugend verkitscht hatten, machten sie ihn und Susi auch nach deren Tod zum Mythos: als Helden und Widerstand leistende, vom Menschen unterdrückte Kreaturen. Aus den verhaltensgestörten Affen wurden so in kurzer Zeit klug planende Ausbrecher, die auf ihrer Flucht noch ein Zeichen gesetzt hatten: Petermann sei, so ging bald die Legende, aufrecht stehend im Kugelhagel gestorben, während er die linke Faust in den Abendhimmel gereckt habe, als ultimatives Zeichen des Widerstands.

Der Autor Daniel Thomas ließ sich 1998 dazu hinreißen, das Buch "Petermann. Schicksal eines Schimpansen" (Triga Verlag) zu schreiben, in dem der Affe als Ich-Erzähler sein Leben Revue passieren lässt. "Das setzt ein umfangreiches Wissen des Autors über diese Tiere voraus, die den Menschen evolutionsgeschichtlich betrachtet ja sehr nahe stehen", heißt es im Verlagstext zum Buch. Es setzte aber vor allem auch eine radikal auf Seiten der Tierschützer angesiedelte Perspektive des Autors voraus, bei der die Guten (alle Tiere und einige wenige, den Tieren helfende Menschen) und die Bösen (der Zoodirektor und fast alle anderen menschlichen Wesen) klar unterscheidbar sind.

"Unerträgliche Schmerzen hämmern in meinem Kopf, aber auch mein Rücken und meine Arme schmerzen", lässt sich der Schimpanse im Buch vernehmen. Das sei das "Ergebnis harter, gezielter Schläge. Die Ohne Fell haben mit Wasserschläuchen und Knüppeln auf uns eingeprügelt". Passend dazu schrieb Wolfgang Apel, damaliger Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, im Vorwort, es sei dem Autor gelungen, "auf anschauliche und eindringliche Weise" zu zeigen, wie Petermanns "Leidensgeschichte von der brutalen Gefangennahme im Urwald bis zu den tierunwürdigen Lebensumständen im Zoo" verlaufen sei. "Vielleicht zum ersten Mal" würden die Leser "den Zoo von der anderen Seite der Gitterstäbe erleben".

"Petermann, geh du voran", so stand es nach 1985 immer mal wieder auf Kölner Hauswände gesprüht. Und: "Petermann lebt!" Als Mythos lebte und lebt er auf jeden Fall - dafür sorgten nicht nur Bücher und Theaterstücke, Fernsehfilme und Comics, sondern auch die Fußballmannschaft "Stadtgarten Petermann" und Punkrocker vom "Kommando Petermann", die den Affen jeweils als Namensgeber nutzten.

Was sich aus Petermanns Geschichte lernen lässt? "Die Kölner Sofarevolutionäre haben die aktivistische Bewegung erfolgreich an einen toten Affen delegiert", lästert Radiojournalist Filz. Der frühere Zoodirektor Nogge sieht dagegen echte Verbesserungen: "Heute werden nirgendwo mehr Schimpansen als Einzeltiere oder zu zweit gehalten, sondern in Gruppen wie in der Natur, und sie sollen die Menschen nicht zu deren Gaudi nachäffen, sondern ihre artspezifischen Verhaltensweisen ausleben", schrieb er lange nach dem Vorfall, den er rückblickend als "artgerechte Verhaltensweise" von Petermann und Susi einsortiert.

Ein Verhalten, für das die beiden Affen, die niemals artgerecht gehalten worden waren, mit dem Leben bezahlen mussten.

insgesamt 3 Beiträge
Wolfgang Reuter 10.10.2018
1. Petermann
"Der Petermann, das war mein Freund" - Zitat des Tierpflegers und ein schönes Graffiti in Köln in jenen Jahren
"Der Petermann, das war mein Freund" - Zitat des Tierpflegers und ein schönes Graffiti in Köln in jenen Jahren
Hans-Georg Skowronek 10.10.2018
2. Die Kölner lassen sich offensichtlich
gerne zur "Aap" machen - glauben jedenfalls Stadtverwaltung und -rat. Diese "Affenität" bekam auch ein schillernder Kölner Boxer zu spüren: Peter Müller wurde, ob seiner gebückten Kampfhaltung und seines [...]
gerne zur "Aap" machen - glauben jedenfalls Stadtverwaltung und -rat. Diese "Affenität" bekam auch ein schillernder Kölner Boxer zu spüren: Peter Müller wurde, ob seiner gebückten Kampfhaltung und seines fröhlichen Aussehens, der Status eines Originals und den Spitznamen "dä Aap" (Kölsch für „der Affe“) verpasst. "Müllers Aap" wurde deutschlandweit bekannt, als er am 8. Juni 1952 in Köln im Kampf um die Mittelgewichtsmeisterschaft gegen Hans Stretz den Ringrichter Max Pippow aus Berlin, der ihn zuvor wegen Klammerns ermahnt und, nach Müllers eigener Angabe, einen „Zigeuner“ genannt hatte, mit einem rechten Haken ausknockte (Wikipedia).
Susanne Körner 12.10.2018
3. Der frühere Zoodirektor Nogge lügt
Der Herr Nogge ist wohl nicht auf den Laufenden Es gibt sehr wohl einen Schimpansen der seid über 47 Jahren Einzeln gehalten wird Dieser Schimpanse heißt Robby und lebt im Zirkus Belly
Der Herr Nogge ist wohl nicht auf den Laufenden Es gibt sehr wohl einen Schimpansen der seid über 47 Jahren Einzeln gehalten wird Dieser Schimpanse heißt Robby und lebt im Zirkus Belly

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