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einestages

Weltumseglung vor 50 Jahren

"Kreuzseen. Ekelhaft. Ein weißes Tohuwabohu"

Als erster Deutscher segelte Wilfried Erdmann allein um die Welt. Glücklich erreichte er mit seinem kleinen Holzboot "Kathena" vor 50 Jahren schließlich Helgoland. Nur: Niemand glaubte ihm.

Wilfried Erdmann
Montag, 07.05.2018   11:38 Uhr

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Auf der Elbe erschien ein kleines Segelboot mit einem Mann, den man nicht einordnen konnte. Das Boot war in schlechtem Zustand, der Mann in Gärtnerstiefeln, die linke Hand bandagiert, das Gesicht zugewachsen. Er war jung, unsicher und dünn, zudem voller seltsamer Geschichten. Um die Welt sei er gesegelt. Sagte er. Gerade jetzt komme er in 131 Tage nonstop von Kapstadt. Kaum zu glauben. Man blätterte in seinem Logbuch, davon hatte er vier: Panama, Tahiti, Port Moresby, Kapstadt. Auch untersuchte man den Unterwasserbewuchs. "Tropische Algen", hieß es. Dann nahm man die Kajüte in Augenschein, "riecht nach Meer".

Trotzdem blieb die Frage: Ist er wirklich um die Welt gesegelt?

Nie und nimmer. Nicht mit diesem Boot, ohne Segelschein, ohne Mitglied in einem Segelverein zu sein. "Lügenhaft" sei das, sagte der Deutsche Segler-Verband sehr deutlich. Die Reise um die Welt wurde auch öffentlich diskutiert. Jeder Pressebericht streute Zweifel: "Wie weit kam der Quasi-Weltumsegler?" - "Weltumsegler kämpft gegen Wind und Skepsis." Ganz abschätzig schrieb eine große Zeitung: "Münchhausen zur See."

Ich las es und wurde traurig. Ich dachte, ich muss wohl ein wenig Verständnis zeigen, denn niemand hat mit einem segelnden Weltreisenden Erfahrung. Helgoland oder Dänemark, das waren die Ziele deutscher Segler.

Inzwischen hatte ich neben Logbüchern und Behördendokumenten aus den Häfen auch Zeitungsausschnitte, Fotos, Seekarten vorgezeigt und dachte: Das muss genügen.

Fotostrecke

Die unglaubliche Reise: Durch Stürme und Flauten um die Welt

Mein erstes richtiges Interview gab ich ausgerechnet zwei Reportern der "Bild"-Zeitung. Sie spendierten ein großes Essen inklusive Nachtisch mit Obst, Kaffee und Kognak. Dazu eine Zigarette und ein paar blaue Scheine in meine Hemdtasche. Sie glaubten an meine Geschichte. Einen Tag später konnte ich lesen: "Auf sieben Metern um die Welt" und "In aller Stille Weltumsegler geworden".

Endlich die Wende. Das puschte mich.

Die Antwort auf alle Zweifel erledigte Astrid. Als die Zeitung von meiner Freundin in Düsseldorf hörte, die mir während der Fahrt Briefe geschrieben hatte, ließ man sie nach Hamburg einfliegen. Astrid stand mir zur Seite, baute mich wieder auf.

Ich war 28 Jahre alt und der erste deutsche Allein-Weltumsegler. 20 Monate war ich unterwegs auf der "Kathena", einem Holzboot von 7,50 m Länge. Aufgebrochen war ich am 10. September 1966 - anfangs ohne jegliche Erfahrung mit einer der größten Herausforderungen auf See: dem Sturm.

"Zerfetzt wie die Haare eines wütenden Hundes"

Dabei waren meine ersten Unwetter gar keine richtigen Stürme. Ich empfand sie nur so. Ich holte alle Segel an Deck, setzte mich an die Pinne und steuerte aufmerksam stundenlang von Hand. Die Wellen musste ich aussteuern und versuchte, dabei das Heck gegen die See zu stellen. Die extreme Schräglage und das Knallen der Wellen gegen das Boot, häufig mit Wasser an Deck, ließen mich zittern.

Das war übel, nass, anstrengend und machte mich müde. Ich kochte weniger. Aß kaum etwas. Regelmäßig klappte ich zusammen und sehnte mich nach meiner Koje. Nur überstehen.

Trotzdem segelte ich immer weiter, gen Westen. Nach Amerika, übern Pazifischen und Indischen Ozean, zum Ende Kurs Nord auf dem Atlantik.

Auf der letzten Strecke erwischte ich einen ganz heftigen Sturm. Am 98. Tag auf See, westlich der Azoreninsel Flores, wurde es bedrohlich. Aus meinem Logbuch:

Wind und Seen prallen hier in Landnähe aufeinander. Ergibt Kreuzseen. Ekelhaft. Gestern! Heute! Morgen? Eine Bö jagt die andere. Ballert kräftig am Rumpf. Gischt und Wassermassen kommen regelmäßig über. Folge - pumpen. Kreuzseen sind es, die das Bild der See prägen. Ein Bild voller Wildheit. Zerfetzt wie die Haare eines wütenden Hundes fliegen die Gischtfluten hoch und sacken jäh zusammen, um sich gleich wieder, ein paar Meter versetzt, hochzustellen. In den Höhlen der Wellen bilden sich Muster aus Blasen, Streifen, Flecken. Ein weißes Tohuwabohu. Weiß auf blauem Grund, der wiederum zugedeckt wird von herabbrechendenden Gischtmassen. Ich werde nicht müde, in diesen Meeresaufruhr zu starren.

Der 99. Tag:

Karten für Kanal und Nordsee werden klargemacht. Großes Verlangen nach einer Zeitung oder Buch. Keines meiner Bücher kann mich noch fesseln. Meine Lebensmittelvorräte - die guten - gehen auch zur Neige. Die Mädchen verschwinden, gutes Essen ist das Einzige, was mich noch interessiert.

Am 111. Tag kam Wind in Orkanstärke auf:

Regen über Regen. Kurz vor Mittag steigt eine See ein. Reißt die Schutzbekleidung ab, Türen aus den Angeln und überflutet die ganze Kabine. Kurz darauf noch einmal das Gleiche. Vermag KATHENA nicht vorm Wind zu halten. Alle Trossen draußen, um die Fahrt zu bremsen. Orkan hält unvermindert an. Zittere vor Kälte und Nässe. Meine Lebensaufgabe: wieder pumpen.

Im Englischen Kanal zog Leben in meine triste Wasserwelt. Ich baute mir im Cockpit meinen "Schreibtisch" auf, legte Bleistift, Papier und Logbuch bereit für einen Reisebericht, den ich in Hamburg anbieten wollte. Bei aller Mühe und Schlappheit dachte ich wahrhaftig ans Verkaufen. Als "Stern"-Leser in jungen Jahren wusste ich, dass man Erlebnisgeschichten dort gut loswerden konnte. Mit dem Honorar wollte ich die erste Zeit an Land überbrücken und vielleicht ein Buch schreiben. Den Titel hatte ich schon: "Wie ich mal eben um die Welt segelte".

Keine Uhr, kein Radio - Barbados verfehlt

Erst mal war mein Ziel Helgoland wichtiger. Für den ersten Landgang dort hatte ich noch 100 Dollar. Die sollten für Essen und Trinken reichen.

Am 7. Mai 1968 machte ich im Hafen von Helgoland fest. Und erzählte ohne Unterlass.

Einfachheit hatte sehr zum Gelingen meiner Fahrt beigetragen: in der Ausrüstung, aber auch in der Astro-Navigation, die ich zum Teil aus Büchern unterwegs gelernt hatte. Ich war sehr mutig auf der ersten Atlantiküberquerung: Zunächst hatte ich neben dem Sextanten weder Uhr noch Radio an Bord. Das bereitete mir damals Sorge, denn so ist keine Längenberechnung möglich. Also segelte ich nur mit der Breitenposition, der Rest war geschätzt, genauer: gekoppelt.

Folglich verfehlte ich die Karibikinsel Barbados, landete 100 Seemeilen weiter auf St. Vincent. Mit vielen kleinen Alltagsdingen verhielt es sich ähnlich. Kurzum: Ich habe mich mit Eifer der Reise und den jeweiligen Stimmungen vollkommen hingegeben. Und hatte Dank meiner Intuition bisweilen auch Glück bei brenzligen Situationen.

Tatsache ist: Zum Ende meiner Fahrt hatte ich nur vier ernsthafte Stürme, die ich mit viel Kampf durchlebte. Ich betete und las in der Bibel, die ich beim Kauf meines Bootes an Bord gefunden hatte.

35 Grad um Mitternacht

Dagegen waren die Tage in den Mallungen, den Flautenzonen in Äquatornähe, entspannend. Manchmal bewegte sich über eine ganze Woche nichts. Die See absolut platt, blauer Himmel knallte auf blaues Wasser. Total gelöst sammelte ich Kraft, um im nächsten Wetter bestehen zu können. Wie sich Stille anhört, davon bekommt man am besten eine Ahnung, wenn man draußen im Cockpit schläft. Noch um Mitternacht zeigte das Thermometer 35 Grad Celsius. Ab und an sprang ein Fisch, die leichte Ozeandünung gluckerte sporadisch am Rumpf.

Um Musik zu hören, stellte ich mir mein Radio, seit Panama an Bord, auf den Bauch. Erst mal geschah nichts. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam endlich der Ton - Elvis, Beatles, Rolling Stones. Es war der US-Sender Voice of America. Mich berührten die Lieder sehr. In diesem Moment bedeutete mir die Musik der ganze Ozean.

Die Musikstunde war fortan jeden Abend die Krönung des Flautentages. Es gab lediglich das Meer, mein Schiff und mich. Selten habe ich mich so frei gefühlt: auf dem Atlantik oder Pazifik treibend, keine Laterne in meiner Kajüte, kein Licht am Horizont, nur Sterne am Himmel. Ich wünschte, jeder könnte das einmal nachempfinden, besser nacherleben.

Menschen? Gab es lange Zeit nicht. Nur sechs Häfen lief ich an und war sonst auf dem Meer, 47, 69, 98 oder 131 Tage am Stück. Landete ich in einem Hafen oder einer Bucht, war ich sofort herzlich willkommen. Kaum konnte ich an Bord Ordnung schaffen, saß ich schon vor einem Teller Essen und einer Kokosnuss. Es war das Paradies. Ob die Bewohner gerade fischten oder am Kanu werkelten - sie hatten Zeit für mich, waren behilflich und unterhaltsam. Ich war jung und allein. Das machte den Umgang mit Einheimischen unbeschwert und entspannt.

Ich erinnere mich, dass ich in Tahiti am ersten Abend nach 69 Tagen Segelzeit von Panama mit einem Mädchen an der Bar stand und wie in Trance der Musik und den brechenden Wellen lauschte. Über uns Kokospalmen und der Sternenhimmel. Ich in Shorts und Flipflops. Unvergesslich.

Schier unfassbar, dass diese Reise 50 Jahre hinter mir liegt - es fühlt sich an wie gestern. Und solch eine Resonanz auf eine Weltumseglung, trotz der Zweifel zu Anfang, gab es nie wieder. Auch nicht nach meinen späteren seemännisch anspruchsvollen Fahrten nonstop und allein oder nach meiner Hochzeitsreise als Weltumrundung 1969. Die erste Fahrt 1968 war in allen Belangen: sensationell.

insgesamt 11 Beiträge
Conrad Heimbold 07.05.2018
1. Klimawandel + Segelboot?
Ich liebe Segeln und bin noch ziemlich jung, habe auch den Segel-Schein und ein klein wenig Erfahrung; aber kein Segelboot. Ich habe mir für meine Zukunft gedacht: durch den Klimawandel wird der Meeresspiegel steigen, viel Land [...]
Ich liebe Segeln und bin noch ziemlich jung, habe auch den Segel-Schein und ein klein wenig Erfahrung; aber kein Segelboot. Ich habe mir für meine Zukunft gedacht: durch den Klimawandel wird der Meeresspiegel steigen, viel Land unbewohnbar werden. Es wird an Land öfter Katastrophen geben. Wäre es da nicht sinnvoll, möglichst dauerhaft auf dem Meer zu leben im Segelboot; wenn wir den Klimawandel sowieso nicht mehr wirklich bremsen / aufhalten können? Kann man dauerhaft von Fisch / Seetang / Plankton auf Booten mit Meerwasser-Entsalzungs-Anlagen leben?
Norbert Kox 07.05.2018
2. Siehe den Film...
... „Waterworld“ mit Kevin Costner... Extrem, aber ein Leben nur auf dem Wasser, dazu sind wir nicht geboren...
... „Waterworld“ mit Kevin Costner... Extrem, aber ein Leben nur auf dem Wasser, dazu sind wir nicht geboren...
Joachim Emde 07.05.2018
3.
Ich habe das Buch "Mein Schicksal heißt Kathena" als Jugendlicher mit großer Begeisterung und Anteilnahme gelesen. Das Buch war damals im DTV-Junior-Verlag erschienen. Später habe ich es dann jedem meiner drei Kinder [...]
Ich habe das Buch "Mein Schicksal heißt Kathena" als Jugendlicher mit großer Begeisterung und Anteilnahme gelesen. Das Buch war damals im DTV-Junior-Verlag erschienen. Später habe ich es dann jedem meiner drei Kinder vorgelesen. Auf einem Globus haben wir jeweils die Route verfolgt. Das Schöne an dem Buch "Mein Schicksal heißt Kathena" ist, dass man sich in den jungen Wilfried Erdmann so gut hineinversetzen kann. Die Unbekümmertheit, der Wagemut aber natürlich auch die Konzentration auf das Ziel haben mich beim Lesen immer wieder beeindruckt. Schön ist aber auch an dem Buch, dass es nicht nur ums Segeln geht, sondern die Erlebnisse in den Häfen und die Landaufenthalte anschaulich beschrieben sind. Unvergesslich sind die beiden Situationen, bei denen das Holzboot mitten auf dem Ozean fast absäuft, weil es von Würmern durchlöchert wird, und von der Schildkröte, die den Metalllöffel bei den Fütterungsversuchen durchbeißt.
Alex Peters 07.05.2018
4. Ein schöner Beitrag
Danke für diesen gelungenen Beitrag, welcher einen mal kurz aus dem Arbeitsalltag herausreißt und das Fernweh schürt. Top!
Danke für diesen gelungenen Beitrag, welcher einen mal kurz aus dem Arbeitsalltag herausreißt und das Fernweh schürt. Top!
Hermann Gaul 07.05.2018
5. beneidenswert
und schön. Und sehr beeindruckende Fotos. V.a. die erste Weltumrundung bleibt besonders und wird nicht wiederholbar sein. Ohne gps, Telefon o.ä. Dieses Gefühl der absoluten Ruhe, Einsamkeit werden unsere Kinder leider nicht [...]
und schön. Und sehr beeindruckende Fotos. V.a. die erste Weltumrundung bleibt besonders und wird nicht wiederholbar sein. Ohne gps, Telefon o.ä. Dieses Gefühl der absoluten Ruhe, Einsamkeit werden unsere Kinder leider nicht mehr erfahren können. Die Welt ist zu klein geworden.

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