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Gestohlener WM-Pokal 1966

"Was zur Hölle sollen wir mit dem Ding machen?"

Gestohlen am helllichten Tag - 1966 war plötzlich die berühmteste Trophäe der Welt weg. Die Diebe des WM-Pokals blieben unbekannt. Jetzt will eine britische Zeitung das Rätsel des dreisten Raubs gelöst haben.

Getty Images
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Donnerstag, 24.05.2018   21:02 Uhr

Sie waren Brüder und hatten schon einiges auf dem Kerbholz. Doch was sein Bruder ihm an diesem 20. März 1966 zeigte, machte Reg Cugullere fassungslos.

"Hier bist du also, Reg", sagt Sidney Cugullere zu seinem Bruder, der vor einer Ausstellung in der Londoner Westminster Central Hall wartete. "Jetzt schau dir das mal an!" Dann öffnete er seine Jacke. Darunter schimmerte eine goldene Statue, der griechischen Siegesgöttin Nike nachempfunden - 35 Zentimeter groß, knapp vier Kilogramm schwer.

Reg Cugullere kannte sie. Ganz England kannte sie. Die ganze Welt kannte sie. Es war der WM-Pokal, in den Zwanzigerjahren von einem französischen Bildhauer entworfen, benannt als "Coupe Jules Rimet" zu Ehren des Auftragsgebers der Skulptur, des einstigen französischen Fifa-Präsidenten Jules Rimet.

Sidney Cugullere hatte den WM-Pokal geklaut. Und das nicht weit von der Zentrale von Scotland Yard, nur wenige Monate vor Beginn der Fußball-WM, die endlich ins Mutterland des Fußballs zurückkehrt war und die Nation elektrisierte. England würde drei Monate später seine erste und bisher einzige WM gewinnen, mit einem 4:2 gegen Deutschland, inklusive "Wembley-Tor".

Doch der erste Brite, der den Pokal triumphierend in die Luft stemmte, war offenbar nicht Bobby Moore, Kapitän des englischen Fußball-Nationalteams. Sondern Sidney Cugullere, ein notorischer Londoner Gauner, Spitzname "Mr. Crafty".

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Gestohlener WM-Pokal: "Jetzt schau dir das mal an!"

So zumindest berichtet es die britische Tageszeitung "Daily Mirror". Jahrzehntelang war der dreiste Raub des Pokals, der nach einer Woche unter kuriosen Umständen wieder auftauchen sollte, ein großes Mysterium geblieben - obwohl sich an dem Fall Dutzende Polizisten abarbeiteten.

Verhängnisvolle PR-Tour

Der "Mirror" schreibt nun, man habe zehn Monate am historischen Krimi recherchiert, Zeitzeugen gesprochen, Akten durchforstet - und am Ende hätten "drei unabhängige Quellen" den Namen des Pokal-Diebes genannt. Eine der Quellen ist demnach Gary Cugullere, Sohn von Reg Cugullere, dem Bruder des angeblichen Diebes.

Die beiden Brüder können die Geschichte nicht mehr erzählen, sie sind schon vor Jahren gestorben. Auf ihren Beerdigungen aber hätten aufmerksame Beobachter erste Indizien finden können: Auf den Gräbern lag nämlich jeweils ein Kranz in Form des berühmten WM-Pokals; der "Mirror" veröffentlichte ein Foto davon.

Wie aber kam es dazu? Und wie konnte ein einzelner Krimineller bei Tageslicht einfach so die berühmteste Sporttrophäe der Welt aus einer gut besuchten Ausstellung klauen?

"Es war so einfach"

Es begann mit einer verhängnisvollen PR-Maßnahme. Der englische Fußball-Verband wollte die sowieso nahezu grenzenlose Fußballbegeisterung der Briten weiter anheizen und lieh sich den Pokal aus, der sonst sicher in den Tiefen der Fifa-Zentrale in Zürich verwahrt wurde. Bedingung: Er sollte rund um die Uhr bewacht sein.

So konnte auch die Firma Stanley Gibbons die Trophäe nutzen, um Besucher in ihre Ausstellung "Sport und Briefmarken" zu locken, die im März 1966 in der Westminster Central Hall zu sehen war.

Das reizte offenbar auch zwielichtige Gestalten wie das Brüderpaar Cugullere. Sidney Cugullere, der laut "Mirror" wegen anderer Verbrechen insgesamt 25 Jahre im Gefängnis war, habe die Tat nicht aus finanziellen Motiven begangen, sondern "nur für den Nervenkitzel", zitiert die Zeitung Gary Cugullere. Und weil es eben "so einfach" gewesen sei.

Denn offenbar war die wertvolle Statue zwar mit 30.000 Pfund versichert, aber nicht rund um die Uhr beschützt. Wachleute verschwanden zur Mittagspause und ließen den Pokal in einem verschlossenen Raum zurück. Mit einem Vorhängeschloss war auch die Glasvitrine mit der Trophäe eher nachlässig gesichert.

Sidney Cugullere, so sagte laut "Mirror" eine der namentlich nicht genannten Quellen, habe keine Hilfe vom Wachpersonal gehabt, sondern einfach die Gelegenheit genutzt. Demnach marschierte er in den öffentlichen Teil der Ausstellung, einen Bolzenschneider und andere Werkzeuge in einem Beutel unter seiner Jacke versteckt. Der abgeschlossene Raum: für ihn kein Problem, das Vorhängeschloss noch weniger. Er habe es "nicht fassen" können, dass der Pokal nur so wenig gesichert war, zitiert der "Mirror" seinen Informanten.

Vierbeiniger Nationalheld

Ob Sidneys Bruder Reg in den Raub wirklich nicht eingeweiht war? Die einzige Quelle dafür sind die Aussagen von Gary Cugullere, der seinen verstorbenen Vater womöglich in kein schlechtes Licht rücken will.

Reg Cugullere jedenfalls ließ seinen Bruder nicht im Stich. Auch wenn er ihn angefahren haben soll: "Was zur Hölle denkst du sollen wir mit dem Ding nun machen?"

Dass der Diebstahl nur ein Jux war, wirkt wenig plausibel: Die Brüder versuchten, die Statue für 15.000 Pfund "Lösegeld" dem Fußballverband anzubieten. Bei der Geldübergabe wurde ein Mittelsmann, Dockarbeiter Edward Betchley, gefasst und später zu zwei Jahren Haft verurteilt. Weil er aber beharrlich schwieg, blieb der Raub ein Rätsel.

Das peinliche Unglück nahm für den englischen Verband trotzdem eine glückliche Wendung. Eine Woche nach dem Diebstahl tauchte die Trophäe nämlich im südlichen Londoner Arbeiterstadtteil Upper Norwood wieder auf, dank eines Hundes namens Pickles, der bald zu Großbritanniens beliebtestem Vierbeiner wurde: Als David Corbett, ein Themse-Fährmann, mit Pickles Gassi ging, jagte die schwarz-weiß-gescheckte Promenadenmischung in einen Vorgarten und wühlte unter einem Busch. Pickles förderte ein mit Zeitungspapier verschnürtes Päckchen ans Tageslicht.

Corbett riss das Papier auf - und lief sofort zur nächsten Polizeistation. Man dankte es ihm mit 6000 Pfund Finderlohn, einem Vielfachen seines Jahresverdienstes. Noch mehr ins Herz schlossen die Briten aber Pickles. Glückliche Fußballfans überhäuften ihn mit Paketen voller Hundekuchen und Dosenfutter. Natürlich saß er auch beim WM-Eröffnungsspiel in der VIP-Loge. In der Tat musste es ja nachträglich so aussehen, als habe Pickles dem siegreichen Gastgeber das Glück zurückgebracht.

Tragisches Ende eines Heiligtums

Wie die Trophäe in den Vorgarten kam, kann auch der "Mirror"-Bericht nicht klären. Der Pokal war wohl zu berühmt, um ihn verkaufen zu können. "Sie schmolzen ihn nicht ein oder zerstörten ihn, weil es der Welt-Pokal war", vermutet Gary Cugullere. "Ihnen war klar geworden, dass sie ihn zurückgeben mussten."

Falls es so war - dann war das nicht selbstverständlich. Denn die so wundersam gerettete Statue wurde 1983 ein zweites Mal gestohlen, diesmal in Rio de Janeiro. Da war der Wanderpokal schon im Besitz Brasiliens, das die WM dreimal gewonnen hatte.

Brasilien fiel in eine kollektive Schockstarre. Fußball-Idole appellierten an Herz und Nationalbewusstsein der Diebe: Kein Goldwert könne doch den ideellen Wert dieses Heiligtums überwiegen!

Vergebens. Die später gefassten Räuber gaben zu, dass sie Statue sofort einschmolzen. Der Pokal war verloren - und der Gauner Sidney Cugullere dürfte sich im fernen England noch mehr gefreut haben, ihn zumindest eine Woche lang besessen zu haben.

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