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einestages

Spurensuche in Weißrussland

Wo ist Hans?

Wenn der Großonkel spurlos verschwindet: Hans Dohr, im Zweiten Weltkrieg Soldat an der Ostfront, gilt bis heute als vermisst. Sein Großneffe Tobias Lickes suchte nach Antworten - und hat einen NDR-Film über die Spurensuche gedreht.

NDR
Von Tobias Lickes
Mittwoch, 09.05.2018   15:21 Uhr

Zwei Stunden und zehn Minuten braucht die Lufthansa von Frankfurt bis Minsk. Einmal quer über Polen, schon ist man da. Es lohnt, sich diese geografische Banalität vor Augen zu führen: Denn Weißrussland ist nicht weit weg, sondern eigentlich direkt um die Ecke.

Im Landeanflug auf Minsk: Äcker, Äcker und noch mehr Äcker. Ich erahne nur, warum ein Großteil des Landes immer noch sporadisch bewirtschaftet wird, von oben eher verplant als nach Planwirtschaft aussieht: Noch als die Niederlage Deutschlands militärisch längst feststand, bestand Hitler darauf, unzählige Städte des Landes "unter allen Umständen" zu halten - und bei einem Rückzug wortwörtlich nur verbrannte Erde zurückzulassen.

Am Boden angekommen ächzt ein altersschwaches Gepäckband ob der Last der Koffer. Meine Mitreisenden beäugen das Band, ich beäuge meine Mitreisenden. Fast alle sind jenseits der 70, Funktionskleidung, vernünftige Schuhe, Fotoapparat. Würden sie ausgelassener daherkommen - man könnte sie glatt mit einer Touristengruppe verwechseln. Doch aus Vergnügen ist niemand von ihnen nach Weißrussland geflogen.

Fotostrecke

Auf der Suche nach Hans: Busreise in die Vergangenheit

Ein unheimlicher Gedanke: Ich bin jetzt genau dort gelandet, wo Hans vor über 70 Jahren als Wehrmachtssoldat einmarschierte!

Hans war mein Großonkel, Unteroffizier der 267. Infanterie-Division, eingesetzt im sogenannten Heeresabschnitt Mitte. Mit dem einzigen Ziel, in Hitlers Eroberungs- und Vernichtungskrieg das "Großdeutsche Reich" möglichst bis zum Ural auszudehnen. Hans ist nie zurückgekehrt. Wie Hunderttausende andere deutsche Soldaten gilt er bis heute als vermisst.

"Mit dem Sonnenschein sehr sparsam"

Keine Ahnung, welchen Anteil Hans und seine Kompanie an der systematischen Auslöschung des Landes hatten. Ob er überzeugter Nazi oder Mitläufer war, was er in den letzten Momenten seines Lebens gedacht und getan hat? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass die Wehrmacht in einer Region für besonders viel Tod und Terror gesorgt hat: im Heeresabschnitt Mitte. Genau in der Region, in der Hans als Unteroffizier eingesetzt war.

Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass Wehrmacht und SS zwischen 1941 und 1944 rund zweieinhalb Millionen Einwohner von Weißrussland ermordeten - das entspricht einem Viertel der damaligen Gesamtbevölkerung.

Und ich weiß, dass das letzte Lebenszeichen von Hans hier aus Weißrussland kam, irgendwo vom damaligen Frontverlauf: Während des Krieges schrieb er regelmäßig Feldpostbriefe an seine Schwester Gertrud, genannt Trudchen. "Jeden Sonntag", so das hoch und heilige Versprechen der Geschwister, "schreiben wir uns - egal was passiert!"

Sonntag, den 24.4.1944.

Meine Lieben,

heute am Sonntag sende ich euch die herzlichsten Grüße. Hier haben (...) die ersten Frühlingsboten (...) Einzug gehalten. Allerdings ist man hier mit dem Sonnenschein sehr sparsam. (...) Hier gibt es nicht viel Neues, alles geht seinen Gang weiter. Und wie ist es zu Hause? Der Tommy hat wohl wieder Köln angegriffen, wenn das doch mal bloß aufhörte. (...) Ja, mein liebes Trudchen, wollen wir hoffen, dass der Krieg bald ein Ende hat und wir uns alle gesund wiedersehen. Sonst, meine Lieben, wünsche ich Euch alles Gute und verbleibe mit den herzlichsten Grüßen. Dieser Brief ist ja nicht viel, aber von Herzen.

Euer Hans

Unterwegs mit dem Volksbund

Der Frühling hat Einzug gehalten, alles geht seinen gewohnten Gang: Hans schreibt, wie so oft in seinen Briefen, über das Wetter. Worüber auch sonst? Es ist damals jedem klar, dass die Wehrmacht Feldpostbriefe öffnet und kontrolliert. Detaillierte Kriegsgeschehnisse oder den genauen Aufenthaltsort von der Front weiterzugeben, ist den Soldaten strengstens verboten. Ein falsches Wort in einem Brief kann den Tod bedeuten.

73 Jahre nach diesem Brief von Hans reise ich durch Weißrussland. Die Busrundfahrt wird vom Volksbund organisiert: einem Verein aus Kassel, der sich um Gräber deutscher Soldaten kümmert. Mit Hilfe von Spenden und Steuergeldern hilft er Hinterbliebenen bei der Suche nach ihren Angehörigen. In ganz Europa lässt der Volksbund Friedhöfe für deutsche Soldaten anlegen.


"7 Tage... auf der Suche nach Hans". Mittwoch, 09. Mai 2018, 23:20 Uhr, NDR.

Einer dieser Friedhöfe ist der Soldatenfriedhof Berjosa, 245 Kilometer südwestlich von Minsk. Auf der Busfahrt dorthin fällt mir Irma Geske auf, die immer wieder einige Zeilen aus einem Brief liest. Es ist die Mitteilung der Wehrmacht über den Tod ihres Vaters Max. Max Geske kam 1943 in der Gegend um Berjosa ums Leben - "im Kampfe um Großdeutschland getreu seinem Schwur für Führer, Volk und Vaterland", wie es Kompaniechef Müller in dem Brief an die Hinterbliebenen formulierte.

"Und so grüße ich deine Seele"

Die Sonne scheint, als wir aus dem Bus steigen."36, 37, 38!" Irma zählt aufgeregt die mannshohen Granittafeln, an denen wir nun immer schneller vorbeilaufen. Sie weiß: Die Gebeine ihres Vaters sollen bei Tafel 39 begraben und sein Name dort eingraviert sein.

Plötzlich wird Irma ganz still, sie steht zum ersten Mal in ihrem Leben am Grab ihres Vaters. Als er in den Krieg zog, war Irma noch ein kleines Mädchen, ihren Vater hat sie nie wiedergesehen. Klein und verletzlich wirkt sie vor der großen Granittafel mit der Nummer 39.

Darauf steht: "Max Geske 30.1.1902 + 11.12.1943." Sie blickt fest auf den eingravierten Namen ihres Vaters: "Nach 74 Jahren bin ich jetzt in dem Land, wo du 1943 dein Leben gelassen hast. Und so grüße ich deine Seele, die irgendwo schwebt, von deinen Nachfahren. Kriege sind Wahnsinn. Leider weiß ich gar nicht, wie du gewesen bist. Ich kenne dich nicht."

Traum von der Kirschtorte

Zu Tode betrübt legt Irma langsam die von ihr mitgebrachten Rosen zwischen sich und den Grabstein. Dann schaut sie mich an. "Und du? Schon irgendeine Spur von Hans?" Nein, noch keine Spur von Hans. Denn anders als für Max gibt es für Soldaten, die als vermisst gelten, auf diesem Friedhof keine Gravur oder Erinnerung.

Krefeld, den 10.7.1944

Lieber Hans,

in Gedanken sind wir immer bei Dir. Denn die schweren Ereignisse an der Ostfront machen uns Sorgen. (...) Wenn schönes Wetter ist, gehe ich öfters mit Mutter zum Garten. Die Erdbeeren sind nun alle, jetzt kommen die Kirschen dran. Wenn Du erst im Winter kommst, können wir wenigstens Kirschtorte machen. Natürlich auch dann, wenn Du eher kommst. Für heute, lieber Hans, will ich denn schließen, in der Hoffnung, dass es Dir noch gut geht.

Kuss, Gertrud

Auch beim nächsten Friedhofsbesuch unserer Reise, dem Soldatenfriedhof Schatkowo, finde ich keine Spur von Hans. Dafür treffe ich zwischen den Grabtafeln Peter Liehr. Sein Gesicht gleicht einer alten Landkarte mit Flussbetten und Gebirgszügen darin. In der rechten Hand hält er einen alten Camcorder, in der linken Rosen: zwei weiße, eine rote, für jeden Verwandten eine.

Peters gesamte Familie ist im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen: Sein Vater ist gefallen, Mutter und Schwester starben bei einem Bombenangriff auf Aachen. Nur durch Zufall war Peter in dieser Nacht nicht in der Stadt - und überlebte.

Auf Wiedersehen sagen

Als er die Tafel mit dem Namen seines Vaters findet, nestelt er seinen Camcorder hervor, drückt mechanisch auf den Auslöser. Er will diesen Moment um jeden Preis festhalten. "70 Jahre. Für nichts! Es ist schwer, mit 81 Jahren den Vater niemals richtig gekannt zu haben."

Ich frage Peter, ob er seinem Vater noch etwas sagen möchte: Er nickt traurig. "Ja. 'Auf Wiedersehen', das möchte ich ihm sagen. Die Gelegenheit habe ich als Kind nicht gehabt. Und wenn mein Tag morgen kommt, habe ich ein gutes Leben gehabt. Denn das ist mein letzter Wunsch gewesen.".

Von meinem Großonkel Hans habe ich auf der Rundreise durch Weißrussland keine auch noch so winzige Spur finden können. Genauso wenig habe ich etwas darüber herausgefunden, was er im Krieg als Soldat der Wehrmacht tat. Es hätte nichts an Hans' Schicksal verändert, aber ich hätte seinen Namen wirklich gern auf einer der unzähligen Gedenktafeln oder in einem Gedenkbuch in Weißrussland entdeckt.

Auch wenn mir bei den kleinen Trauerfeiern auf den deutschen Soldatenfriedhöfen immer etwas mulmig zumute war: Schließlich trauerten wir dort als die Nachkommen der Täter! Als Nachkommen unserer Väter, Onkel und Großväter, die dieses Land beinahe vollständig zerstört hatten.

Ich habe auf meiner Reise eine genauere Vorstellung davon bekommen, was die Deutschen damals angerichtet haben und welche enormen Auswirkungen dies bis heute hat. Auf die Menschen in Weißrussland - aber eben auch auf die Hinterbliebenen aus Deutschland.

insgesamt 10 Beiträge
Klaus Kahlert 09.05.2018
1. Gedenken in Osteuropa
Ich hatte Glück, mein Vater kam infolge einer Verwundung Ende 1944 von der Ostfront zurück. Er erzählte sehr viele Jahre von der schlimmen Erfahrungen im Krieg. Es hat ihn nie ganz losgelassen. Einmal auf dem Rückzug sollten [...]
Ich hatte Glück, mein Vater kam infolge einer Verwundung Ende 1944 von der Ostfront zurück. Er erzählte sehr viele Jahre von der schlimmen Erfahrungen im Krieg. Es hat ihn nie ganz losgelassen. Einmal auf dem Rückzug sollten Leichen gefallener russischer Soldaten verbrannt werden. Zwei davon hatten sich nur totgestellt. Vor seinen Augen erschoss der Zugführer die beiden Russen. Man Vater hat das immer wieder erzählt. Vielleicht hatte er auch den Befehl selbst zu schießen - ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich, diese Generation junger Deutscher wollte nie wieder ein solches Gemetzel. Niemand sollte in Europa wieder solche menschlichen Ausnahmesituationen erleben.
Stephan Ploigt 09.05.2018
2. Lieber Klaus Kahlert
dass Ihr Vater über die Geschehnisse spricht ehrt ihn, schafft es doch ein wenig neudeutsch würde man sagen „Awareness“. Ich bin Baujahr 1985 und kann also nur meine Großväter befragen. Beide, sowohl englischer als auch [...]
dass Ihr Vater über die Geschehnisse spricht ehrt ihn, schafft es doch ein wenig neudeutsch würde man sagen „Awareness“. Ich bin Baujahr 1985 und kann also nur meine Großväter befragen. Beide, sowohl englischer als auch deutscher Seite sprechen nur darüber wenn sie völlig betrunken sind und dann auch nur kurz bevor beide in Tränen ausbrechen und das Gespräch beenden. Man kann nur hoffen, das so etwas, gerade in Zeiten von AfD und Pegida nie wieder ein Thema wird.
stefan semken 09.05.2018
3. Sehr bewegend
Ich habe diese Reise letztes Jahr mit meinem Vater gemacht - er ist 83 und ich fast 60. Es war bewegend und erschütternd zu sehen, wie deutsche Soldaten dort eine Spur, nein, viele Spuren der Verwüstung hinterlassen haben. Das [...]
Ich habe diese Reise letztes Jahr mit meinem Vater gemacht - er ist 83 und ich fast 60. Es war bewegend und erschütternd zu sehen, wie deutsche Soldaten dort eine Spur, nein, viele Spuren der Verwüstung hinterlassen haben. Das Schicksal unseres Vaters, bzw. Großvaters trat in den Hintergrund. Ich bin Wessie, lebe zeitweise im Ural und spreche etwas russisch - ich habe mich sehr geschämt, habe mit Russen in Chatyn geweint und Trost von jungen Lehrerinnen aus Minsk erfahren. Nie wieder Krieg!
Mathias Braun 09.05.2018
4.
Danke fuer den Artikel. Wir haben selber vor ein paar Jahren das Grab meines Ende 1943 bei Gomel gefallenen Onkels gesucht. Und irgendwie auch gefunden. Primaer-Quelle waren die Wehrmachtsunterlagen aus dem Bundeswehrarchiv, in [...]
Danke fuer den Artikel. Wir haben selber vor ein paar Jahren das Grab meines Ende 1943 bei Gomel gefallenen Onkels gesucht. Und irgendwie auch gefunden. Primaer-Quelle waren die Wehrmachtsunterlagen aus dem Bundeswehrarchiv, in denen sein provisorisches Grab verzeichnet war. Vor Ort in Weissrussland haben uns ein freiwilliger "Finder" und eine Uebersetzerin geholfen. Wir sind zu dem Dorf aus den Unterlagen gefahren, haben uns bei den wenigen uebrigen Bewohnern nach Soldatengraebern erkundigt, schliesslich das Feld mit den umgepfluegten Graebern gefunden und die Graeber lokalisiert; Detektivarbeit. Und dort einen Blumenstrauss abgelegt sowie Erde mitgenommen. Welches genau das Grab meines Onkels war? haette man ergraben muessen; uns hat die erreichte Annaeherung gereicht. Jedenfalls zeigte sich ploetzlich ein Regenbogen am Himmel; war vielleicht so eine Art Zeichen, dass wir richtig lagen und endlich mal jemand von der Familie vorbei kam; jedenfalls stellten wir uns das so vor. Ob mein Onkel ein Nazi war, selber Graeuel veruebt hat? keine Ahnung, es wurde in der Familie nie darueber gesprochen und die Wehrmachtsunterlagen sagen nichts darueber aus. Jedenfalls nicht die aus dem Bundeswehrarchiv. Wir haben bei der Suche viel von den Graeueln der Deutschen erfahren, aber auch die Gastfreundschaft der Weissrussen und eine Ahnung vom Ausmass des katastrophalen Zusammenbruches der Heeresgruppe Mitte bekommen. Daher: es liegen noch viele Soldaten unbeerdigt, vergessen, verdraengt, irgendwo in der weissrussischen Erde und nur ein kleinerer Teil in regulaeren Soldatenfriedhoefen. Schwacher Trost.
Heinz Jürgen Höninger 10.05.2018
5. Anton
In unserer Familie hieß es stets, mein Urgroßvater sei bei Verdun gefallen. Durch den 2. Weltkrieg und seinen Toten verlor sich jede Erinnerungsspur in der Familie an Urgroßvater Anton. Mit 38 war er noch eingezogen worden; [...]
In unserer Familie hieß es stets, mein Urgroßvater sei bei Verdun gefallen. Durch den 2. Weltkrieg und seinen Toten verlor sich jede Erinnerungsspur in der Familie an Urgroßvater Anton. Mit 38 war er noch eingezogen worden; fünf Tage, bevor seine Frau das 7. Kind bekam. Meine Urgroßmutter heiratete neu und die 5 noch lebenden Kinder bekamen einen neuen Vater. Nur den Namen trugen sie von Anton weiter. Und mich berührte es immer wieder, ihn in meinen Vorstellungen in den Schützengräben ggf bei Gasangriffen sterben zu sehen. Und irgendwann machte ich mich auf, fuhr 2.000 Kilometer durch Deutschland (Archive und mehr) und surfte durchs Netz. Und dann stand ich irgendwann einmal in Neunkirchen im Saarland auf einem dem Verkommen freigegeben ehemaligen Ehrenfriedhofund kratze einen verwitterten Grabstein frei. Da stand der Namen „Trainsoldat Anton H.“ Zum ersten Mal in den 104 Jahren seines Todes bekam er „Besuch“ von einem Mitglied seiner Familie. Das hat mich in dem Moment für meine gesamte Familie gefreut. Auch, dass ich herausgefunden hatte, dass er wohl nicht einen Schuß abgegeben hat und nie im Schützengraben lag. Er starb bei einem Unfall, ein paar Tage nachdem der Krieg begonnen hatte. Wahrscheinlich bei einer Versorgungsfahrt für die Feldküche, nehme ich an. Die Familie hat nun eine andere Geschichte von ihm - und das ist gut.

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