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Seltsame Zeitungsfotos

Menschen, die auf Dinge deuten

Sie sind supersimpel und ständig zu sehen - Fotos von Menschen, die auf Dinge deuten. Die Schweizerin Beatrice Minger sammelt solche Zeigemotive aus Zeitungen. Es sind Bilder, die Rätsel aufgeben.

Ralph Donghi
Von
Dienstag, 04.09.2018   11:21 Uhr

Die junge Frau auf dem Foto blickt ernst. Wie ein Pfeil weisen ihr ausgestreckter rechter Arm und Zeigefinger nach hinten zur Wand. Der Blick des Betrachters folgt und sieht: nichts. Kann er auch nicht, denn aufmerksam machen möchte die junge Frau auf, so erfährt man aus der Bildunterschrift: Klopfgeräusche.

Fotos wie dieses hat Beatrice Minger zu Dutzenden gesammelt. Menschen, die rechts oder links am Bildrand stehen und empört, besorgt oder auch lachend mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger in eine Richtung deuten. Manchmal ahnt man, was sie mit ihrer Geste aussagen wollen. Oft ist das, worauf sie zeigen, ohnehin offensichtlich. Oder es ist gar nicht im Bild.

Die Fotos sind ein Phänomen aus der analogen Zeitungswelt. Der Zürcherin Beatrice Minger fielen sie auf, als sie bei einem Studentenjob für ein Schweizer Unternehmen den Pressespiegel erstellen sollte - und dazu täglich alle Schweizer Tageszeitungen las. Vor allem in der Boulevardzeitung "Blick" gab es immer wieder dieses eine Motiv: ein Protagonist mit ausgestrecktem Arm und emotionaler Mimik. Minger fand's witzig. Und nicht nur sie. In der Edition Patrick Frey erscheint jetzt ein Buch ihrer skurrilen Bildersammlung.

Fotostrecke

Pressefotos: Der Fingerzeig ins Nichts

Die Autorin indes betrachtet diese Fotos mittlerweile anders. Man kann ihr Buch auch als eine Würdigung verstehen - für Menschen, die mit dieser Geste vor die Kamera treten. Und für Journalisten, die solche Motive immer wieder in die Zeitung bringen.

Anfangs heftete Beatrice Minger ihre Fundstücke einfach an den WG-Kühlschrank, was für Heiterkeit bei Mitbewohnern und Gästen sorgte. "Dann bekam die Sammlung eine Eigendynamik." Freunde schickten Bilder, die sie ausgeschnitten hatten, oder fotografierten selbst: "Es entstanden Urlaubsfotos, auf denen wir auf irgendwelche Dinge gezeigt haben wie den Eiffelturm oder den schiefen Turm von Pisa." Die Zeigebilder wurden zum Running Gag.

Einfach und ein bisschen stumpf, aber wirkungsvoll

Nach dem Studium verlor sie ihre schräge Kollektion ein bisschen aus den Augen - bis bei einer Geburtstagsparty die alten Freunde zusammentrafen und die Idee zum Buch entstand. "Ich habe mir die Sammlung wieder vorgenommen und gemerkt, da steckt viel mehr drin", so Minger, 38, von Beruf Filmemacherin.

Sie ging etwa der Frage nach, warum solche Fotos überhaupt entstehen - eine Anweisung der Redaktionen? Fotografen erzählten ihr, dass Zeigebilder vor allem in der Lokalberichterstattung oft ganz praktische Gründe haben: Wegen Personalmangels müssen schreibende Mitarbeiter selbst fotografieren, möglichst schnell, und nicht jeder sei ausgebildeter Fotograf "oder hat wirklich einen Willen zur Bildgestaltung". Dann hilft ein einfaches, aber wirkungsvolles Motiv, das Protagonisten, Ort und Ereignis zusammenbringt.

Von einer befreundeten Pressefotografin erzählt Minger, dass eine größere Zeitung sich von der Konkurrenz abheben wollte und ihre Mitarbeiter bat, alles anzubieten, nur bitte keine Zeigebilder. Bei Terminen erlebte die Fotografin dann aber zu ihrer Überraschung, dass Leute sie häufig fragten, ob sie für das Foto "auf etwas zeigen" sollten - gelernt ist gelernt.

Im Vergleich zum Boulevardjournalismus würden in Lokalzeitungen "ganz andere Themen behandelt", sagt Minger, "da geht es auch um Basisdemokratie". In der Schweiz stimme man sehr oft über verschiedene Anliegen ab, da sei es wichtig, die Bevölkerung aufzuklären, was etwa "auf dieser grünen Wiese" passiert.

Fürs Foto bis ins hinterste Tal

Zeigebilder entdeckte Minger ebenso in Österreich und Deutschland, dort vor allem in Lokalzeitungen. Dass in der Schweiz der Boulevardjournalismus dieses Motiv so häufig aufgreife, habe vermutlich "damit zu tun, dass die Schweiz wegen ihrer Größe sehr lokal funktioniert". Solche Fotos könnten emotional mobilisieren, dafür würden Reporter "bis ins hinterste Tal fahren".

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Beatrice Minger:
Hier sass er

Edition Frey; 370 Seiten; 48,00 Euro.

Zeigebilder eigneten sich auch dafür, diffuse Ängste zu kanalisieren. Minger hat das beim Thema Kampfhunde beobachtet, die mitunter als Grund dafür identifiziert werden, "warum wir uns nicht mehr sicher fühlen in unserem Land". Der Protagonist, seine Gefühle und das Objekt, auf das er deutet - das alles werde auf eine schlichte, scheinbar kausale und vermeintlich logische Ebene gebracht.

"Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass der Zusammenhang oft komplett inszeniert und gar nicht offensichtlich ist", sagt die Schweizerin. "Man könnte es eine Sündenbock-Strategie nennen", die ähnlich auch bei Themen wie beispielsweise Raser, Vogelgrippe oder Ausländer funktioniere.

Minger betont, sie wolle sich "nicht lustig machen über die Leute, die da gezeigt werden". Und als Autorin wolle sie auch "nicht den Zeigefinger auf Journalisten richten, die auf diese sehr einfache Bildsorte zurückgreifen". Am Ende ihres Buches erzählt darum eine Legende zu jedem Bild den Anlass und die Geschichte dahinter.

insgesamt 4 Beiträge
Werner Ehrlich 04.09.2018
1.
Würde sie die Erklärungen weglassen oder wild miteinander vertauschen wäre es um einiges lustiger.
Würde sie die Erklärungen weglassen oder wild miteinander vertauschen wäre es um einiges lustiger.
Sabine Schwichtenberg 04.09.2018
2. Ätzend
Warum werde ich beim Durchklicken der Bilder so aggressiv? Wahrscheinlich nervt mich, dass sie so schlecht gemacht sind und ich auch noch extra lesen muss...aber wie ich am Kommentar 1 erkenne, gibt es zum Glück auch Leute mit [...]
Warum werde ich beim Durchklicken der Bilder so aggressiv? Wahrscheinlich nervt mich, dass sie so schlecht gemacht sind und ich auch noch extra lesen muss...aber wie ich am Kommentar 1 erkenne, gibt es zum Glück auch Leute mit Humor unter uns
Dennis Schelberg 04.09.2018
3. 48 Euro für 320 Seiten langweilige Fotos?
Da wünsche ich der "Autorin" viel Erfolg. Dank SPON wird es sicher eine Menge Leute geben, die sich den Quatsch ins Regal stellen.
Da wünsche ich der "Autorin" viel Erfolg. Dank SPON wird es sicher eine Menge Leute geben, die sich den Quatsch ins Regal stellen.
Pauli Ramone 07.09.2018
4. Lustig
Auch lustig: https://kimjongillookingatthings.tumblr.com
Auch lustig: https://kimjongillookingatthings.tumblr.com

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