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Zweiter Weltkrieg

Die Hungerleider greifen an

In der Nacht auf den 9. März 1945 starteten auf den Kanalinseln zurückgelassene Wehrmachtssoldaten ihre letzte große Operation. Kaum kampftaugliche Männer überfielen das von Alliierten besetzte Granville.

akg-images/Sammlung Berliner Verlag
Von Björn Müller
Freitag, 09.03.2018   11:19 Uhr

Am Abend des 8. März 1945 herrscht im Hafen Saint Helier auf der Kanalinsel Jersey reges Treiben. Deutsche Soldaten in voller Kampfmontur drängen auf ein paar Minensuchboote und Fischkutter. "Die Nacht war dunkel, die See ziemlich ruhig, die Sicht für die kampferfahrenen Verbände gut", erinnert sich nach Kriegsende Vizeadmiral Friedrich Hüffmeier, der letzte Oberbefehlshaber der Kanalinseln. Kurz vor 21 Uhr sticht die Flottille in See, zu einer Attacke der französischen Küste - es wird die letzte große Offensivaktion der deutschen Marine im zweiten Weltkrieg.

Einen Tag davor hatte die US-Armee bei Remagen den Rhein nach Deutschland überschritten, woraufhin die Wehrmacht noch einen Angriff startete - im Ärmelkanal. Dort harrten auf den Inseln Jersey, Guernsey, Alderney und Sark zu diesem Zeitpunkt immer noch Wehrmachtsverbände aus, im Rücken der Alliierten, deren Kriegsmaschinerie längst nach Nazi-Deutschland hinein rollte.

Möwen auf der Speisekarte

Hitler hatte sich im Kriegsverlauf beharrlich geweigert, die einzigen Flecken Großbritanniens aufzugeben, die er jemals erobern konnte. Ihm galten die Inseln als besondere Kriegsbeute, die er nach Kriegsende dem Deutschen Reich eingliedern wollte. So waren die Mini-Inseln im Ärmelkanal nach ihrer Eroberung 1940 zu bunkerstarrenden Festungseilanden ausgebaut und von Wehrmachtssoldaten geflutet worden.

Mit der 319. verlegte Hitler eine komplette Infanterie-Division dorthin. Er war fest überzeugt, dass Churchill die Inseln unbedingt zurückerobern wollte. Doch dieser maß ihnen keinen strategischen Wert bei. Als die Alliierten im Sommer 1944 die Atlantikküste Frankreichs zurückeroberten, überließen sie mehr als 25.000 auf den Inseln eingepferchte Wehrmachtssoldaten einfach dem Hunger.

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Zweiter Weltkrieg: Überraschungsangriff der Isolierten

In deren Kochtöpfen landete zunehmend alles, was essbar war. Katzen, Hunde - am Ende selbst geschossene Möwen. Die Militärführung auf den Inseln suchte verzweifelt nach Wegen, um die miese Moral der Truppe zu heben und Nahrung und Kohlen heranzuschaffen.

Angriff auf den Tomatenhafen

Bald richteten sich die Blicke der Wehrmacht auf das Fischerdorf Granville, das nur rund 60 Kilometer entfernt an der französischen Atlantikküste lag. Bis zur Abschnürung durch die Alliierten war Granvilles Hafen Hauptverladepunkt Deutschlands für Tomaten von den Kanalinseln gewesen. Die Deutschen transportierten sie tonnenweise zur Versorgung von Ballungsgebieten ab. Unter anderem landete das begehrte Insel-Gemüse auf den Tellern der Berliner.

Die Alliierten wiederum benötigten jeden noch so kleinen Hafen, um Nachschub für ihre Truppenmassen auf dem Kontinent heranzuschaffen. Selbst Granville, dessen Hafen sich nur bei Flut nutzen ließ.

Die treibende Kraft zum Angriff auf das Küstennest war Vizeadmiral Hüffmeier, so die Einschätzung des Militärhistorikers Hervé Cras in seinem Buch "Hold-up naval à Granville" von 1964. Auf Hitlers Anordnung war der Karriereoffizier Anfang März 1945 Insel-Kommandeur geworden. Seinem Vorgänger hatte Hitler nicht zugetraut, Befehlen bis in den Untergang Folge zu leisten. Hüffmeier war mit 46 Jahren jung für einen Vizeadmiral, er galt als energisch und bedingungslos loyal zum Naziregime.

"Zahlreiche Fälle von Geistesgestörtheit"

Für das Kommandounternehmen gegen Granville kundschafteten die Deutschen aus, zu welchen Zeiten alliierte Kohledampfer im Hafen ankerten. Von geflohenen Kriegsgefangenen wussten sie, dass die Sicherungsmaßnahmen des Gegners lasch waren. Und tatsächlich gelang es fünf Wehrmachtssoldaten, ungehindert ein Landungsboot im Hafen zu kapern und sich wieder zu den Kanalinseln davonzumachen.

Nun plante die Wehrmacht ein groß angelegtes Stoßtruppunternehmen - was hochriskant war, denn die Alliierten hatten im Kanal die totale See- und Luftherrschaft. Eine Kampfgruppe sollte mit den Minensuchbooten den Hafen von Granville einnehmen, dessen Infrastruktur zerstören, Versorgungsdampfer kapern und Gefangene befreien.

Eine zweite Gruppe hatte den Auftrag, hohe Offiziere des Feindes "einzubringen", wie Hüffmeier später schrieb. Die wenigen weiteren Kriegsschiffe der Deutschen - wie mit Artillerie versehene Landungsboote - waren eingeplant, um den Überfall von See aus zu decken. Das Ganze sollte in weniger als einer Stunde über die Bühne gehen.

Um ihren Handstreich umzusetzen, fand die Wehrmacht aber kaum fitte Soldaten. Schon als Hüffmeier Anfang März das Kommando übernommen hatte, hatte die Wehrmacht den Einsatzwert der Insel-Truppen untersucht. Der damit beauftragte Sanitätsoffizier war zu dem Schluss gekommen: "Gestiegene Sterblichkeit sowie zahlreiche Fälle von Geistesgestörtheit und Tuberkulose." Nicht mal fünf von hundert Soldaten könnten stramm im Glied stehen, hieß es im Bericht.

Trotzdem wurden 150 Soldaten für die Überfall-Kommandos zusammengekratzt; meist Soldaten aus der Luftwaffe, bei denen es sich um die jüngsten handelte. Hinzu kamen Artilleristen und Matrosen, insgesamt rund 600 Mann.

Verstärkung kommt zu spät

Als die Kommando-Flottille in der Nacht auf den 9. März in Richtung Granville zuckelt, kann das Unternehmen Husarenstück oder Himmelfahrtskommando werden. Bald erfasst die Deutschen der Radar der Alliierten. Doch die haben nur ein Küstenwachschiff der US-Marine vor Ort. Die Artillerie der deutschen Angreifer schießt es schnell zusammen.

Das alliierte Militär deutet die hereinkommenden Informationen falsch. Alarmierte britische Schnellboote werden von der amerikanischen Marinedienststelle in Cherbourg zurückbeordert, da sie ein Ablenkungsmanöver fürchtet. Offiziere, die von Granville aus das Seegefecht in der Nacht beobachten, gehen von einem provokativen Vorstoß der Deutschen auf See aus. An eine Landungsoperation der Wehrmacht bei dem Fischerstädtchen glaubt niemand.

So gelingt deren Kommandos eine völlige Überraschung: Um kurz vor ein Uhr nachts schlagen die ersten Geschosse in Granville ein, wo es zuerst das Krankenhaus erwischt; es gibt drei Tote und mehrere Verwundete. Im Hafen wehren sich die britischen Besatzungen der Kohledampfer gegen die Wehrmachtssoldaten, die aus den Minensuchbooten an Land springen. Mehrere Briten werden erschossen. Der Rest muss zusehen, wie die Deutschen Sprengladungen in ihre Schiffe werfen und die Hafenanlagen demolieren.

Aus den Hotels treiben die Angreifer verdutzte Offiziere der Alliierten in Richtung Hafenmole. Die überrumpelten US-Soldaten vor Ort weichen an den Rand von Granville aus und rufen Verstärkung. Als diese gegen halb drei Uhr nachts eintrifft, ist das Überfallkommando längst wieder auf See.

Kamikaze-Aktion in letzter Sekunde

Dabei wären die Deutschen fast nicht mehr aus Granville weggekommen. Denn bei der Berechnung der Gezeiten waren ihnen Fehler unterlaufen. Das Flut-Hochwasser in der Nacht fiel niedriger aus als erwartet. Ein Minensuchboot blieb im Schlick des Hafenbeckens hängen und ließ sich nicht mehr befreien. In Brand gesteckt, explodierte seine Munition noch am Tag danach und verlängerte den Bewohnern Granvilles den Schrecken der Nacht.

Auf den Kanalinseln feierte die Wehrmacht ihren "kühnen Handstreich" mit einem Siegeskommuniqué, das akribisch listete, was dem Feind angeblich an Verlusten zugefügt worden war - "14 Kräne, zwei Autobusse, zwei Lokomotiven (...). Die Zahl der Toten beim Feind beträgt 60 bis 80, darunter ein Major." Zu den eigenen Verlusten machte die Wehrmacht keine Angaben. Vizeadmiral Hüffmeier erinnerte sich nach dem Krieg an sechs Gefallene.

Die Euphorie über den erfolgreichen "Handstreich gegen Granville" verflog jedoch rasch. Die Ladung eines erbeuteten Kohledampfers fiel nicht wirklich ins Gewicht. Die mitgebrachten Gefangenen und befreiten Wehrmachtssoldaten erhöhten nur die Zahl der Hungerleider auf den Inseln.

Dagegen wurde die größte Sorge der Inselbewohner und vieler Soldaten Durchhalte-Krieger Hüffmeier. Dieser trieb in den letzten Kriegswochen Pläne für einen weiteren Angriff auf Granville voran - selbst nach Hitlers Selbstmord.

Diesmal war es de facto ein Kamikaze-Unternehmen. Freiwillige sollten einen mit Zementblöcken beladenen Frachter vor die Hafeneinfahrt steuern und sich dort selbst versenken. Anschließend sollte ein Bergungsboot versuchen, sie aus dem Wasser zu fischen. Hitlers selbst ernannter Nachfolger, Großadmiral Karl Dönitz, stoppte das Unternehmen im letzten Moment. Hüffmeier hätte seine Männer sonst erneut in einen sinnlosen Kampf geschickt - am 9. Mai 1945, dem Tag nach der deutschen Kapitulation.

insgesamt 6 Beiträge
Helmut Kubin 09.03.2018
1. Interessantes Detail fehlt
An der Planung des Unternehmens war ein junger deutscher Generalstabsoffizier beteiligt. Der in Blumenau (Brasilien!!) geborene Armin Zimmermann. Er brachte es nach dem Krieg immerhin zum Admiral und Generalinspekteur der [...]
An der Planung des Unternehmens war ein junger deutscher Generalstabsoffizier beteiligt. Der in Blumenau (Brasilien!!) geborene Armin Zimmermann. Er brachte es nach dem Krieg immerhin zum Admiral und Generalinspekteur der Bundeswehr.
Errol Friedhelm Karakoc-Preussner 09.03.2018
2. Kleine Fehler!
Die Kapitulation Deutschlands war am 8. Mai 1945 (und nicht am 9., wie im Text suggeriert). Jersey liegt etwa 15 km vor der normannischen Küste des Cotentin, und auch der Hafen der Inselhauptstadt Saint Helier liegt keinesfalls [...]
Die Kapitulation Deutschlands war am 8. Mai 1945 (und nicht am 9., wie im Text suggeriert). Jersey liegt etwa 15 km vor der normannischen Küste des Cotentin, und auch der Hafen der Inselhauptstadt Saint Helier liegt keinesfalls 60 km von Frankreich entfernt. Zudem heißt die erwähnte Insel Sark und nicht Stark! Liebe Grüße aus Saint Helier !
Sönke Aerts 09.03.2018
3. Keine Fehler!
Die Übergabe der Inseln erfolgte erst am 09.05.1945, die Seeentfernung der beiden Orte liegt bei etwa 60 Km.
Die Übergabe der Inseln erfolgte erst am 09.05.1945, die Seeentfernung der beiden Orte liegt bei etwa 60 Km.
Markus Döring 09.03.2018
4. 30,5 Millimeter-Geschütze
Die in Bild 9 gezeigten Geschütze haben das Kaliber 30,5 Zentimeter bzw. 305 Millimeter, aber gewiss nicht 30,5 Millimeter.
Die in Bild 9 gezeigten Geschütze haben das Kaliber 30,5 Zentimeter bzw. 305 Millimeter, aber gewiss nicht 30,5 Millimeter.
Wilfried Huthmacher 11.03.2018
5. Ich störe mich am Begrif in der Überschrift
Umgangssprachlich ist "Hungerleider" nicht gerade positiv besetzt: " Bedürftiger {m}, Besitzloser, Bettler {m}, armer Schlucker {m}, armer Teufel {m}, Habenichts {m}, Hungerleider {m}, Schlucker, Armer (m) " [...]
Umgangssprachlich ist "Hungerleider" nicht gerade positiv besetzt: " Bedürftiger {m}, Besitzloser, Bettler {m}, armer Schlucker {m}, armer Teufel {m}, Habenichts {m}, Hungerleider {m}, Schlucker, Armer (m) " und im Sinne von "Bettler" würde ich die ehemaligen Wehrmachssoldaten nicht betrachten wollen, egal wie sehr sie "Hunger erleideten". Sie hatten sicht nochGlück, nicht in der Normandie, in den Ardennen oder im Ruhrkessel verheizt wroden zu sein, trotzdem wurden sie Opfer des Krieges, an dem sie zu DEM Zeitpunkt zwar sicher keine große Lust mehr hatten, aufgrund der Umstände und eines Durchhalteoffiziers als Kommandant auch nicht einfach kapitulieren konnten.

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