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einestages

Hungerkatastrophe

Die Wehrmacht wütete in Ostpreußen

Nach dem Sieg der Roten Armee über die Wehrmacht verhungerten 1945 in Ostpreußen Zehntausende deutsche Zivilisten. Wer war schuld? Ein Historiker belastet die Wehrmacht - und entlastet die sowjetischen Besatzer.

imago/ITAR-TASS

Straßenkampf in Königsberg (2. April 1945): Danach begann das große Hungern

Von
Samstag, 23.06.2018   10:06 Uhr

Als die Waffen schwiegen, begann das große Hungern. In Ostpreußen starben mehr Kinder, Frauen und alte Männer nach der Kapitulation des "Dritten Reichs" am 8. Mai 1945 als während der Kämpfe zwischen Wehrmacht und Roter Armee in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs. Überlebende und manche deutsche Historiker glaubten lange Zeit, die sowjetischen Sieger hätten aus Rache oder Kalkül die Menschen verhungern lassen.

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Heft 26/2018
Endzeit

Nun präsentiert der holländische Historiker Bastiaan Willems eine neue These. Seine Forschungen zeigen, dass die Wehrmacht vor ihrem Rückzug 1945 die Landwirtschaft Ostpreußens zerstört und damit zur Hungerkatastrophe beigetragen hat, der Zehntausende zum Opfer fielen.

Willems beruft sich auf Wehrmachtsdokumente aus der zweiten Jahreshälfte 1944. Das Institut für Zeitgeschichte veröffentlicht seine Darstellung in der neuen Ausgabe der "Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte". Die Rote Armee hatte die Wehrmacht von sowjetischem Territorium nach Ostpreußen zurückgedrängt. Das zuständige IX. Armeekorps befahl den Soldaten, ihren Bedarf "aus den Erzeugnissen des Landes" zu decken. Sie durften "Geräte" jeder Art mitnehmen, wenn diese für die "Kampfführung und zum alsbaldigen Gebrauch" benötigt wurden.

Die Soldaten bauten Molkereien ab, zerstörten Wasserleitungen, schlachteten fast den gesamten Vieh- und Pferdebestand. "Die Truppe scheint sich noch keinesfalls darüber im Klaren zu sein, dass sie jetzt wieder auf deutschem Boden steht und deutsche Volkswerte zu verteidigen hat", klagte ein Militär. Der Bahnhof des kleinen Rautenberg war nach einem Bericht "übervoll" mit landwirtschaftlichen Maschinen und Getreide. Der Präsident des Oberlandesgerichts Königsberg notierte schon vor dem Einmarsch der Roten Armee aus den damaligen Tilsit und Ragnit, die Häuser dort seien "furchtbar geplündert worden".

Laut Willems war die Sowjetunion nach ihrem Sieg weder willens noch in der Lage, eine Hungerkatastrophe im besetzten Ostpreußen abzuwenden. In der vom Krieg zerstörten Sowjetunion herrschte ebenfalls eine Hungersnot; zwei Millionen Menschen starben.

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insgesamt 18 Beiträge
Jörn Brauer 23.06.2018
1. Das ist zu eindimensional interpretiert
Der Autor vergaß, dass ein Großteil insbesondere der ländlichen Bevölkerung Richtung Westen geflohen war. Sie hatten auch, soweit es ging, anfangs auch Pferde und Vieh mitgenommen. Insofern konnte keine Landwirtschaft mehr [...]
Der Autor vergaß, dass ein Großteil insbesondere der ländlichen Bevölkerung Richtung Westen geflohen war. Sie hatten auch, soweit es ging, anfangs auch Pferde und Vieh mitgenommen. Insofern konnte keine Landwirtschaft mehr betrieben werden.
Peter Oldenburg 23.06.2018
2. Wenn die Versorgung einer Armee
durch den üblichen Nachschub nicht mehr möglich ist, werden sich die Soldaten das nehmen, was sie finden und zum Überleben brauchen. Das war in der Geschichte der Menschheit noch niemals anders und wird auch niemals anders [...]
durch den üblichen Nachschub nicht mehr möglich ist, werden sich die Soldaten das nehmen, was sie finden und zum Überleben brauchen. Das war in der Geschichte der Menschheit noch niemals anders und wird auch niemals anders werden. Inwieweit die Überschrift zu diesem Artikel stimmt, wenn es unten im Text unter anderem heißt, dass die Sowjetunion auch nicht willens war, die Bevölkerung zu versorgen, mag jeder selbst entscheiden.
Marcus Maass 23.06.2018
3. @Peter Oldenburg
Keineswegs sollte jeder selber entscheiden, was er von welchen historischen Ereignissen halten sollte. Man kann eine Vielzahl von Quellen vergleichen und sich eine vorübergehende Meinung bilden, die man zu überdenken hat sobald [...]
Keineswegs sollte jeder selber entscheiden, was er von welchen historischen Ereignissen halten sollte. Man kann eine Vielzahl von Quellen vergleichen und sich eine vorübergehende Meinung bilden, die man zu überdenken hat sobald neue Erkenntnisse vorhanden sind. Im übrigen steht im Text keineswegs, das die UDSSR nicht willens war. Der Text lautet: nicht willens und nicht in der Lage. Wenn man sich nur die Halbsätze raussucht die einem passen, meinetwegen. Aber Anderen sollte man schon immer die volle Information zukommen lassen um nicht in den Verdacht zu geraten, manipulieren zu wollen.
erwin fortelka 23.06.2018
4. Wie man sieht,
ist die Geschichte des Zweiten Weltkrieges noch lange nicht endgültig aufgearbeitet. Hier haben wir ein weiteres Beispiel. Am 22. Juni 1941 überfiel die Deutsche Wehrmacht die Sowjetunion, auf Befehl Hitlers sollte es ein [...]
ist die Geschichte des Zweiten Weltkrieges noch lange nicht endgültig aufgearbeitet. Hier haben wir ein weiteres Beispiel. Am 22. Juni 1941 überfiel die Deutsche Wehrmacht die Sowjetunion, auf Befehl Hitlers sollte es ein Vernichtungskrieg werden, der auch nicht vor der Zivilbevölkerung Halt machte. Nicht nur die Einsatzgruppen, die der Wehrmacht folgten, verübten Verbrechen, die in der Geschichte ohne Beispiel sind. Und die Wehrmacht war in diese Verbrechen verstrickt, das wissen wir heute. Aber wie es aussieht, war die deutsche Wehrmacht auch beim Rückzug nicht zimperlich, selbst wenn die deutsche Bevölkerung zu Schaden kam. Im übrigen stand die Rote Armee ja nicht in Ostpreußen, weil Stalin so böse war, sondern weil die Sowjetunion überfallen worden war. Als die Rote Armee Berlin erobert hatte, versuchte der erste Stadtkommandant Bersarin sehr schnell auch und vor allem für die Berliner Zivilbevölkerung eine Infrastruktur aufzubauen. Die Rote Armee bestand also offenbar nicht nur aus Uhrendieben und Vergewaltigern, sondern sie hat einen großen Anteil an der Befreiung Deutschlands vom Hitlerfaschismus. Erwin Fortelka (Klarname)
Gerhard Schulz 23.06.2018
5. Wer es nicht weiß, sollte einfach schweigen.
Es gab noch viele Ostpreußen, Warthegauer und Pommern, die nicht geflüchtet sind oder überrollt wurden und in ihre Dörfer zurück geschickt wurden. Davon mußten dann noch einige viel Leid ertragen. Rache trifft oftmals die [...]
Es gab noch viele Ostpreußen, Warthegauer und Pommern, die nicht geflüchtet sind oder überrollt wurden und in ihre Dörfer zurück geschickt wurden. Davon mußten dann noch einige viel Leid ertragen. Rache trifft oftmals die falschen Leute. Die NSDAP Verbrecher hatten sich ja alle rechtzeitig abgesetzt. Aber jetzt werden sich sicherlich gleich die Nazi-Trolle melden und irgendwas Sinnfreies schreiben. Die Vertriebenen wissen allerdings genau wie es war. Die vorher geflüchteten Nazis haben gelogen und betrogen. Insbesondere die deutsche Bevölkerung.

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