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Wie die SPIEGEL-Dokumentation arbeitet

Die Unsichtbaren

Staatsoberhaupt oder Regierungschef? Lady Diana oder Prinzessin Diana? Burma oder Myanmar? Die SPIEGEL-Dokumentation glaubt erst einmal nichts - und weiß doch alles. Die Dokumentare sind die wichtigsten Sparringspartner der Redaktion.

Von und
Mittwoch, 16.08.2017   09:55 Uhr

Dokumentare dürfen nicht eitel sein. Großen Ruhm werden sie nicht ernten, denn sie arbeiten im Hintergrund. In keinem anderen deutschen Medienhaus arbeiten so viele hochspezialisierte Faktenchecker wie an der Ericusspitze. Unter den Dokumentationsjournalisten sind Juristen, Mediziner, Islamwissenschaftler, Physiker, Historiker.

Die Fachdokumentare verifizieren vor der Veröffentlichung jeden SPIEGEL-Artikel. Sie bewerten die Quellenlage, überprüfen jeden einzelnen Fakt, hinterfragen die Plausibilität der Argumentation und bewerten die Authentizität der Fotos. Ein paar Beispiele:

Dazu verwenden sie die unterschiedlichsten Quellen: die SPIEGEL-eigene Datenbank "Digas", die sich unter anderem aus einer großen Zahl in- und ausländischer Presseartikel speist, Suchmaschinen, soziale Medien, Fachliteratur, Bilddatenbanken, offizielle Statistiken oder Wirtschaftsdatenbanken. So lässt sich beispielsweise schnell herauszufinden, ob Konrad Adenauer wirklich einmal "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern" gesagt hat.

Außerdem erhalten die Dokumentare vom Autor Einblick in dessen Quellen. In einem "Übergabegespräch" zwischen Dokumentar und Redakteur geht es dann in den Ring: Hier wird teilweise mit harten Bandagen um jede Formulierung gerungen. So kann es passieren, dass einzelne Passagen getilgt oder gar ganze Texte zu Fall gebracht werden.

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Manuskript nach dem Check der Dokumentare: Jeder geprüfte Fakt ist durchgestrichen

Eine andere wichtige Aufgabe des Dokumentars ist es, die Redaktion bei schwierigen oder sehr umfangreichen Recherchen zu unterstützen, wie im Fall der Botschaftsdepeschen oder der Enthüllungsplattform Football-Leaks.

Bei der Berichterstattung über die Steuervermeidungstricks großer Fußballprofis war das besonders wichtig: Zunächst hatte sich eine Wirtschaftsexpertin aus der Dokumentation wochenlang ins spanische Steuerrecht eingearbeitet. Sie gehörte zum berichtenden Team und leitete die Redakteure bei der Vor-Ort-Recherche von einer Briefkastenfirma zur nächsten.

Am Ende sollte eine möglichst fehlerfreie Geschichte stehen. Die Arbeit der Faktenchecker findet dabei im Verborgenen statt.

Auch in der SPIEGEL-ONLINE-Redaktion unterstützen Dokumentare die Redakteure bei der täglichen Berichterstattung. Anders als beim SPIEGEL-Magazin kann hier nicht jeder einzelne Text überprüft werden; das wäre bei weit über hundert Artikeln pro Tag nicht zu bewältigen. Dazu bleibt hier auch oft zu wenig Zeit, anders als bei einem wöchentlich erscheinenden Magazin.

Stattdessen helfen die Dokumentare bei Recherchen, liefern Daten für Infografiken, machen Schnellchecks bei aktuellen Lagen, verifizieren besonders heikle Textpassagen und vermitteln Expertise aus den Dokumentations-Teams, die für das Magazin arbeiten. Sie schreiben aber auch Chronologien, Erklärtexte oder Faktenchecks wie etwa in dem Format "Endlich verständlich".

Übrigens: Das Zitat "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern" wird oftmals Adenauer zugeschrieben. Tatsächlich lässt sich ein derartiges Adenauer-Zitat nach Auskunft der Konrad-Adenauer-Stiftung "weder mündlich noch schriftlich bislang nachweisen".

Almut Cieschinger und Mara Küpper arbeiten als Dokumentationsjournalistinnen für SPIEGEL ONLINE.

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