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Fünf Thesen zum digitalen Journalismus

Was wir von Verschwörungstheoretikern lernen können

Wir halten den Nutzern ihre Filterblasen vor - und verkennen unsere eigenen. Tatsächlich geht es nicht um Fake News, sondern um Vertrauen.

DPA

Fake News

Essay von
Mittwoch, 16.08.2017   09:55 Uhr

Der Text basiert auf der Keynote zum Start des Master-Studiengangs "Digitale Kommunikation" an der HAW Hamburg.


Am ersten Weihnachtstag, kurz nach 22 Uhr, erreichte uns folgende E-Mail unseres Lesers Fabian Schulz:

"Hallo Spon, Mein Vater ist hauptberuflich Verschwörungstheoretiker und glaubt alles. Von freier Energie über zurückgehaltene Technologien großer Konzerne bis hin zu Chemtrails und der Weltjudenverschwörung. Seine Lieblingsquellen sind whale.to und veterans-today.com, deren Schwachsinn er ungefiltert weiterverbreitet. Alle seriösen Quellen werden als fremdgesteuert abgelehnt. Wenn ich ihn mit Argumenten in eine Ecke gedrängt habe, springt er einfach auf die nächste bekloppte Hirnerweichung. Den Holocaust hat es nie gegeben, Alzheimer lässt sich mit Marihuana und Walnüssen heilen... Seine Verrücktheiten sind peinlich. Ich weiss nicht, wie ich mich ihm gegenüber verhalten soll. Ernsthaftes Diskutieren geht nicht. Auslachen funktioniert auch nicht. Ignorieren... Es ist nicht so, als ob seine Nachrichten hierdurch weniger werden... Vieleicht habt ihr einen Tipp? Mit freundlichem Gruß, Fabian Schulz"

Nun werden Sie sich vielleicht fragen: Was hat der SPIEGEL-ONLINE-Leser Fabian Schulz - und vor allem: was hat sein Vater - mit uns, mit digitaler Kommunikation, zu tun? Ich glaube, eine ganze Menge.

Wenn man etwas über den Journalismus im Jahr 2017 lernen will, dann kann man sich viel mit Theorien beschäftigen, mit Modellen. Das ist komplex, aber etwas, das der Wissenschaft durchaus vertraut ist. Viel wichtiger aber ist - und davon bin ich überzeugt -, dass wir uns mit den Lesern beschäftigen, mit unseren Nutzern.

Es sind Menschen wie Fabian Schulz, für die wir unseren Job machen.

Es sind Menschen wie der Vater von Fabian Schulz, die uns verdeutlichen, vor welchen Herausforderungen wir stehen.

Als ich mich auf diese Rede vorbereitet habe, habe ich lange überlegt, wie ich am besten einsteige: Ein geistreiches Zitat: "Schon Habermas hat gesagt…". Irgendetwas, mit dem ich möglichst intellektuell aussehen würde. Vielleicht eine Statistik des "Reuters Institute" zur Lage des Journalismus. "X Prozent der Nutzer haben das Vertrauen in den Journalismus verloren…". Oder, auch gern genommen: "Im Innovationsreport der 'New York Times' steht…". Alles bestimmt wahr, manches vielleicht geistreich, aber - eigentlich überflüssig.

Denn in der Mail von Fabian Schulz ist alles enthalten, mit dem man sich beschäftigen sollte, wenn man in diesen Zeiten den Journalismus besser verstehen will. Und nur, wenn man die rasanten Veränderungen besser versteht, kann man ihnen begegnen.

Nur wenn man sie versteht, kann man Kolleginnen und Kollegen ausbilden, die im Journalismus bestehen. Weil sie das nötige Handwerkszeug haben, um sich im digitalen Umfeld zu bewegen. Und das nötige Reflexionsvermögen, um zu wissen, was vor sich geht.

Praxis und die Reflexion über diese Praxis schützen - wer nicht versteht, wendet sich irgendwann ab. Aus Angst, nicht zu bestehen. Aus Frust, dass das eigene Rüstzeug überholt ist. Aus Sorge, nicht mehr standzuhalten. Aus Unverständnis über Leser, die rechten Blogs Glauben schenken. Die "Lügenpresse" rufen und Fake News verbreiten.

Verstehen bedeutet nicht, alles zu wissen. Es bedeutet allein, die richtigen Fragen zu stellen. Und den Mut zu haben, sich irritieren zu lassen. Zu den Menschen zu gehen, die andere Meinungen vertreten.

Es ist nicht die Aufgabe des Journalismus, zu missionieren. Trump als Irren zu disqualifizieren oder die AFD niederzuschreiben. Es ist unsere Aufgabe, die Leser zu befähigen, sich selbst eine Meinung zu bilden. Zu recherchieren, Fakten und Informationen zusammenzutragen. Und diese so zu verbreiten, dass sie die Leser erreichen.

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Es sind die Leser, die uns etwas sagen können über die Verfasstheit des Journalismus. Sie sind es, die wir in den Mittelpunkt unserer Überlegungen stellen sollten.

Also: Fünf Thesen dazu, was wir von Fabian Schulz und seinem Vater lernen können.

These 1: Journalismus ist kein Selbstzweck. Oder: Es geht um den Nutzer. Nicht um uns.

Wenn man verstehen will, was digitalen Journalismus und analogen Journalismus unterscheidet, dann ist dieser Punkt aus meiner Sicht der wichtigste: Der digitale Journalismus ist fokussiert auf den Nutzer. Er ist kein Elfenbeinprojekt und kann es auch gar nicht sein. Denn die Nutzer, ihr Nutzungsverhalten sind für uns allgegenwärtig. Wir sehen, wie sich die Nutzer durch ein Angebot navigieren. Wir bekommen die Daten in Echtzeit. Wir sind permanent damit konfrontiert, was für den Nutzer relevant ist: zu einer bestimmten Tageszeit, in einer bestimmten Situation.

Der Begriff der Relevanz wird damit demokratisiert: Wichtig ist nicht länger nur, was der Journalist als wichtig erachtet. Vielmehr bietet sich dem digitalen Journalismus die permanente Möglichkeit des Abgleichs. Wie funktioniert mein Text? Wie viele Leser findet er? An welchen Stellen eines Artikels steigen die Leser aus? Was sagt uns das über den Aufbau von Texten?

Nicht selten wird die Möglichkeit der Analysetools verdreht: Dem digitalen Journalismus wird Beliebigkeit vorgeworfen und Opportunismus unterstellt. Ihr bringt doch nur, was klickt, heißt es dann. Das stimmt nicht. Und es wäre fatal. Ein Journalismus, der beliebig wird, macht sich selbst überflüssig.

Beliebig ist er, wenn er die Bedeutung der Journalisten überschätzt und sie allein darüber entscheiden, worüber berichtet wird und in welcher Form. Wenn an runden Tischen in Redaktionskonferenzen verhandelt wird, was die Menschen "da draußen" zu interessieren hat. Und, schlimmstenfalls, was sie über die Dinge zu denken haben.

Beliebig ist der Journalismus auch, wenn er anstelle gut abgewogener Entscheidungen und Recherchen ein Click-Baiting setzt, wenn einzig der Klick zählt, nicht aber der Nutzer dahinter. Diese Beliebigkeit ist gefährlich: Denn Page Impressions sind flüchtig. Die wirkliche Währung ist unsere Glaubwürdigkeit. Und wer als Medium auf den schnellen Klickimpuls setzt, der verspielt das in das Medium gesetzte Vertrauen.

Ich bin davon überzeugt, dass wir unseren Lesern mehr zutrauen dürfen. Der schnelle Klickreiz nutzt sich ab; nicht aber die fundierte, ausgewogene Information. Der Klickreiz ist durchschaubar, Qualitätsjournalismus bietet dagegen einen echten Mehrwert.

Der digitale Journalismus kann also gar nicht anders, als den Nutzer im Blick zu haben. Und das bedeutet auch: vom Nutzer über den Nutzer zu lernen. Texte besser zu machen, weil man viel kritischer auf sie schaut, wenn man weiß, wie weit die Nutzer lesen. Analytics werden den digitalen Journalismus in den kommenden Jahren noch weiter prägen. Wir brauchen eine neue Generation Journalisten, die das will und kann.

Digitaler Journalismus toleriert deshalb keine Arroganz. Wir, die Journalisten, sind nicht länger gottgleiche Instanzen, die die alleine Meinungs- und Deutungshoheit besitzen. Die Nutzer sind nicht so dumm, wie wir manchmal unterstellen. Der meistgelesene Text bei SPIEGEL ONLINE ist in den allermeisten Fällen der Aufmacher, also ein politisches oder wirtschaftliches Stück, meist eine Analyse. Es sind eben nicht die simplen bunten Texte.

Die Fokussierung auf den Nutzer verändert das Berufsbild des Journalisten. Mit der Veränderung dieser Haltung geht eine weitere Veränderung einher: Gefragt sind keine allwissenden Alphatiere, sondern neugierige Teamplayer, die nicht alles besser wissen, sondern die Dinge besser verstehen wollen. Mit anderen Worten: Menschen, die Leser wie Fabian Schulz ernst nehmen.

Und das leitet über zu einem weiteren Punkt, der Ausdruck ist der Nutzerorientierung des Onlinejournalismus. Die Leser sind nicht nur Zahlen, also digitale Fingerabdrücke auf der Seite. Sie sind Personen, und sie treten mit uns in Kontakt. Nicht immer, wenn sie das tun, geht es um Dialog - um gleich mit einem Mythos des digitalen Journalismus aufzuräumen. Bei Weitem nicht jede Art der Kommunikation mit dem Nutzer ist Dialog. Aber: Die Fokussierung auf den Nutzer meint genau das. Dialog ist möglich. Und mehr noch: Er ist alltäglich.

Die Nutzer schreiben uns: in Foren, über Facebook und Twitter, per E-Mail. Und sie erwarten Antworten. Denn der digitale Journalismus dringt - allein über seine Verbreitungswege - viel stärker als der analoge Journalismus in den Alltag der Menschen vor. Was heißt das? Eine Tageszeitung hat man aus dem Briefkasten geholt, dann liegt sie auf dem Frühstückstisch oder auch manchmal auf der Toilette.

Das Smartphone aber ist ein ständiger Begleiter durch den Tag. Morgens in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit, im Wartezimmer beim Arzt, in der Vorlesung. Das Handy ist ein intimes Gerät. Es enthält viele unserer Daten, meist all unsere persönlichen Kontakte. Es ist das Kommunikationsmedium Nummer eins. Und dort, in diesem Umfeld, sind wir präsent. Digitaler Journalismus begünstigt eine ganz eigene Form des Involvements mit dem Nutzer.

Das, was vom Nutzer an uns zurückgespielt wird, ist nicht immer angenehm, und es ist weiß Gott nicht immer nett. Zunehmend schaffen Redaktionen Bereiche des Audience Managements. Denn hier stehen wir noch immer am Anfang: Lange waren Redaktionen damit beschäftigt, die schiere Masse an Kommentaren und Wortmeldungen entweder mühsam zu verwalten - oder mit ebenso großem Aufwand zu ignorieren.

Doch ich bin mir sicher: Die nächsten Jahre werden einen Wandel zeigen. Wir werden intensiv daran arbeiten müssen, den Nutzer nicht als lästigen Claqueur zu verkennen, sondern ihn wertzuschätzen. Für seine fachliche Expertise, mit der er uns auf Fehler hinweist. Für seine Rolle als Augenzeuge in Nachrichtenlagen. Als Korrektiv, wenn wir einmal danebengelangt haben. Nicht zuletzt natürlich auch als Informant: nicht nur für die großen investigativen Erzählungen, sondern als Hinweisgeber auf ganz normale, im besten Sinne alltägliche Geschichten, von denen wir in den Redaktionen doch allzu oft entfernt sind.

Leser wie Fabian Schulz nutzen digitale Kanäle, um mit uns in Kontakt zu treten. Deshalb ist es entscheidend, dass in der Journalistenausbildung der Umgang mit den Lesern ein elementarer Bestandteil ist. Denn Nutzerorientierung ist eine Frage der Haltung - wie ernst nehme ich mich selbst, wie ernst nehme ich den Nutzer? - aber es ist auch eine Frage des Handwerks. Wie mache ich das? Wie steuere ich Umgang und Kommunikation? Wie schütze ich mich vor Hate Speech? US-amerikanische Journalistenschulen sind da, wie so oft, schon deutlich weiter. Denn die journalistische Praxis wird komplexer: Es ist immer noch wichtig, Geschichten gut aufzuschreiben, einen schönen ersten Satz zu basteln und eine fesselnde Überschrift. Doch es reicht nicht mehr.

Den Nutzer wie Fabian Schulz in den Blick zu nehmen, das bedeutet auch zu verstehen: Journalismus ist kein Selbstzweck. Wenn ich nur für mich schreiben will und mir die Rezeption egal ist, dann kann ich auch Tagebuch schreiben. Journalismus aber zielt auf Öffentlichkeiten. Und diese Öffentlichkeiten sind zunehmend fragmentiert und anders beschaffen. Es gibt nicht DEN EINEN Nutzer.

Das ist mühsam. Doch es wird sich nicht mehr ändern. Wir können nur lernen und nachfolgende Kolleginnen und Kollegen darauf vorbereiten, dass der Wandel nicht beendet sein wird. Die Transformation hat keinen Redaktionsschluss, sie ist nicht irgendwann fertig. Die Arbeitsweisen, wie es sie in den Achtziger- und Neunzigerjahren in Redaktionen gab, kommen nicht mehr zurück.

Also: Nehmen wir Herrn Schulz ernst. Und zwar bei allem, was wir publizistisch tun. Was würde Schulz zu dem Format sagen? Welche Art der thematischen Aufbereitung braucht er? Ein Kollege der "Washington Post" erzählte mir kürzlich vom Leitsatz seiner Redaktion: "Don't be boring."

Die sozialen Medien konfrontieren uns mit unserer wachsenden Bedeutungslosigkeit. Für eine durchaus eitle Branche ist das ein Problem. Google, Facebook und ihre Algorithmen entscheiden zunehmend darüber, was die Menschen erreicht - nicht wir tun das.

Was folgt, ist ein andauerndes journalistisches Lamentieren. Darüber, ausgeliefert zu sein. Nicht selten ist es aber in Redaktionskonferenzen immer noch so, dass Journalisten glauben, der Aufwand einer Geschichte müsse darüber entscheiden, wie sehr sie wahrgenommen wird. Und Leser müssten dankbar sein. Das Gegenteil ist der Fall: Wir müssen um ihre Aufmerksamkeit kämpfen und dankbar sein, wenn wir sie bekommen.

These 2: Es geht nicht um Fake News. Es geht um Vertrauen.

Fabian Schulz beschreibt in seiner E-Mail, welchen dubiosen Quellen sein Vater vertraut, woher seine Verschwörungstheorien stammen, wer sie nährt. Sein Sohn schreibt in seiner E-Mail an uns von "Verrücktheiten", mit Nachrichten haben diese Informationen nicht viel zu tun, auch wenn sie im Netz kursieren. Es handelt sich um "Fake News", verbreitet über halbseidene Seiten oder soziale Medien.

Wenn ich mir momentan die Anfragen für Podien und Vorträge anschaue, die ich erhalte, dann könnte man meinen: Nichts beschäftigt uns so sehr wie Fake News, es ist das große und omnipräsente Thema. Die Debatte ist wichtig, doch der Eindruck, der entsteht, ist falsch, fake sozusagen.

Getty Images

Alle reden über Fake News, dabei gibt es Wichtigeres

Fake News sind im Redaktionsalltag bei Weitem nicht unsere größte Herausforderung. Sie sind auch nicht unser größtes Problem. Wenn wir über Fake News sprechen, dann geht es in Wahrheit um etwas anderes: um Vertrauen. Um Vertrauen in den Journalismus. Und Vertrauen, das wir als Journalisten unseren Lesern entgegenbringen.

Es ist aber sehr viel einfacher, neue Fact-Checking-Einheiten zu gründen und aktionistisch gegen Fake News anzugehen, statt sich mit der Frage zu beschäftigen, wann und wodurch wir Journalisten Vertrauen eingebüßt haben; zu überlegen, welcher Selbstkritik wir uns stellen müssen, und welche Schlüsse wir daraus ziehen. Das ist komplex. Und es erfordert, dass wir uns selbst unliebsame Fragen stellen.

Die Fokussierung auf Fake News ist dagegen recht bequem: Der Feind, das Böse, kommt von außen; veröffentlicht von veterans-today.com, verbreitet von Facebook. Mit diesen Dingen können wir uns dann beschäftigen. Die Idee ist: Etablierte Redaktionen recherchieren den Falschmeldungen hinterher, um sie zu widerlegen. In diese Bewegungen fließt viel Energie und Geld.

Dabei ist doch die Frage: Warum vertrauen Menschen Seiten wie veterans-today.com? Warum bezeichnen sie uns als Lügenpresse? Und: Hilft das Enttarnen von Fake News dabei, jemanden, der in Dresden am Tag der Deutschen Einheit "Lügenpresse" schreit, zu bekehren? Dass wir die Guten sind, die Rechercheure, die vierte Gewalt.

Ich fürchte: Es hilft uns nicht.

Die Debatte über Fake News ist in Teilen eine Stellvertreterdebatte. Eigentlich geht es um etwas anderes. Eigentlich geht es weniger um Seiten, die in Mazedonien von Jugendlichen betrieben werden und Falschmeldungen verbreiten. Eigentlich geht es um uns selbst.

Wenn Fake News bewusst politisch instrumentalisiert werden, dann sind sie doch bloß: Propaganda.

Und wenn ich eine Geschichte teile, die behauptet, dass Flüchtlinge reihenweise Frauen vergewaltigt hätten; oder die Polizei die Leichen von 19 Frauen in Tiefkühltruhen gefunden habe, denen "Black Lives Matter" in die Haut geritzt worden sei - dann stellt sich die Frage, warum ich eine solche Geschichte teile. Teile ich sie, um meine Freunde zu informieren? Oder teile ich sie nicht vielmehr, um meinen Freunden etwas über meine Meinung, meine Haltung, mein Weltbild zu vermitteln? Ist das Verbreiten einer solchen Falschmeldung nicht vielmehr ein Ausrufezeichen hinter den EIGENEN Vorurteilen: Seht her, die Welt ist doch so, wie ich es schon immer gesagt habe. Flüchtlinge sind kriminell, Minderheiten pervers, und Trump hat gute Ideen.

Wenn es aber ums Rechthaben geht und nicht darum, was richtig ist, dann ist es für die Verbreiter am Ende auch beinahe egal, welche Nachrichten stimmen und welche nicht. Dann laufen journalistische Initiativen, die Fake News mit großem Aufwand enttarnen, möglicherweise ins Leere. Denn dann erreichen sie die Menschen gar nicht, die die Falschmeldungen verbreiten. Vielleicht verbreiten sie die Fake News gar nicht als Nachricht, sondern als Botschaft. Als Botschaft über sich selbst.

Hinzu kommt ein weiteres Dilemma: Indem beispielsweise wir bei SPIEGEL ONLINE Fake News enttarnen, machen wir die Falschmeldungen erst richtig groß. Dann schreiben wir: Das und das stimmt nicht. So erfahren möglicherweise mehr Leute von den Gerüchten. Und doch nicht mehr Leute davon, wie es tatsächlich ist.

Recherchieren ist keine neue Aufgabe für den Journalismus, und wir brauchen keine Debatte über Fake News, um zu wissen, dass unser Handwerk auf Recherche beruht. Aber wir können so viele Fact Checking Units aufsetzen, wie wir wollen: Die Frage nach dem Vertrauen in Journalismus geht ans Eingemachte, an den Kern.

Wie kann es uns gelingen, Vertrauen zurückzugewinnen, und was bedeutet das für die Ausbildung von Journalisten?

Wir müssen über den Bedeutungsverlust sprechen, aber wir müssen keine Angst haben. Geschichten verbreiten sich im Digitalen über viele Kanäle, längst nicht mehr ausschließlich über die Webseiten der Medien. Das ist für sich genommen erst einmal weder gut noch schlecht, sondern ein bloßer Fakt. Wir müssen um die Aufmerksamkeit kämpfen und darum, die Deutungshoheit über Nachrichten und Geschichten zu haben. Kurzum: Wir müssen uns mehr Mühe geben. Man glaubt uns nicht einfach, bloß weil wir SPIEGEL ONLINE oder "Welt Online" oder wer auch immer sind.

Wir müssen erklären, wie wir arbeiten. Wir müssen zu unseren Fehlern stehen und auch zu unseren Fehleinschätzungen. Auch ist Ausdruck der Haltung, den Nutzer ernst zu nehmen. Wir müssen nicht unfehlbar sein, sondern nahbar. Diese Transparenz hat ein wenig die Funktion, die der Meisterbrief an der Wand der Metzgerei hat: Sie ist unser eigenes Siegel. Die Nutzer werden nicht ständig auf die Erklärungen klicken. Aber sie honorieren es und begreifen, dass wir nichts zu verbergen haben. Dass nicht Angela Merkel morgens bei mir anruft, um mir zu sagen, was ich anziehen und was ich später schreiben soll.

Die Leser sind vielleicht kompetenter und besser informiert, als sie es je waren. Sie können, wenn ihr Wecker auf dem Smartphone klingelt, ohne großen Aufwand "Le Monde" lesen oder die "New York Times" oder den "Westfälischen Anzeiger", auch wenn sie in Hamburg leben.

Gleichzeitig benötigen wir eine neue Definition von Qualität. Digitale Journalisten brauchen umfassendere Qualifikationen. Es geht nicht nur darum, ob ein Text gut geschrieben ist, ob er einen schönen Einstieg hat und ein fulminantes Ende. Es geht nicht allein darum, wie viele Redigaturschleifen ein Text durchlaufen hat.

Digitaler Journalismus ist meist ein Kompromiss; und er lebt immer von Unmittelbarkeit. Ein Kompromiss ist er, weil Zeit immer eine Rolle spielt. Wie wäre die Recherche verlaufen, wenn sie nicht nur einen Tag, sondern einen Monat gedauert hätte? Was, wenn man bei einer Nachrichtenlage deren Ausgang bereits gekannt hätte? Hätte, hätte…

Die Unmittelbarkeit ist das Hauptmerkmal des digitalen Journalismus. Es gilt, junge Kollegen für genau dieses Umfeld vorzubereiten: Wie treffe ich Entscheidungen, die meist ein Kompromiss sind, in kürzester Zeit?

Digitaler Journalismus ist eben nicht Journalismus minderer Qualität, nicht makelbehafteter Journalismus. Er braucht vielmehr besonders etablierte Qualitätsstandards und Routinen, weil die Entscheidungen in so kurzer Zeit getroffen werden. Das Bild zeigen oder nicht? Nach dem Anschlag auf den BVB-Bus: Vermelden wir, dass angeblich das Wort "Allah" in einem Bekennerschreiben auftaucht? Oder warten wir ab, weil wir Gefahr laufen, uns instrumentalisieren zu lassen? Sind wir immer wieder aufs Neue bereit, unsere Reflexe zu reflektieren und uns über uns selbst zu verständigen?

Wir brauchen eine digitale publizistische Ethik. Wir bewegen uns in fluiden Nachrichtenlagen in Situationen großer Ungewissheit.

Wie gehe ich als Redakteur verantwortlich mit einer so großen Reichweite um? Damit, dass eine Geschichte Hunderttausende Nutzer findet? Was bedeutet es für den Protagonisten einer Geschichte, wenn sein Name auch nach Jahren noch im Netz auffindbar ist?

Journalismus ist Handwerk. Er erschließt sich im Tun und erklärt sich in der Reflexion über dieses Tun.

These 3: Wir halten den Nutzern ihre Filterblasen vor. Und verkennen unsere eigenen.

Fabian Schulz bittet uns in seiner E-Mail um Hilfe, da sich sein Vater von den konventionellen Medien abgewandt hat. Er liest nur noch Medien, die seine Weltsicht bestätigen. Das ist der Charakter der Filterblasen: Ich setze mich nur den Informationen aus, die meine Weltsicht bestätigen. In der Kommunikationswissenschaft ist dieses Phänomen lange beschrieben. Doch die sozialen Medien und ihre Algorithmen treiben es weiter voran: Ich wähle nicht nur ausschließlich die Medien aus, die schreiben, was ich denke. Ich werde auch in meiner Timeline häufig mit Dingen konfrontiert, die meiner Sicht entsprechen. Der Algorithmus vernebelt die Weltsicht. So entsteht der Eindruck: Meine Meinung ist mehrheitsfähig. Alle denken wie ich.

Das ist ziemlich komfortabel. Und es macht auf Dauer ziemlich dumm. Denn wer sich nur mit dem umgibt, was er ohnehin schon kennt, der lernt nicht. Der verändert sich nicht. Der bestätigt sich immer nur selbst. Doch diesen Vorwurf müssen wir nicht nur den Lesern machen. Denn auch die Redaktionen sind gefangen in ihren eigenen Filterblasen.

Mittelalte, weiße Männer, gutverdienende Akademiker definieren und prägen die journalistische Realität und damit unsere Weltsicht. Was sie am besten kennen, das sind andere mittelalte, weiße Männer, mit Abitur und schicker Altbauwohnung. Was sie weniger gut kennen, das ist das Leben als Handwerker in Bochum. Wenn Journalismus eine Profession ist, die Realitäten abbilden will und daran glaubt, dass es eben nicht nur die EINE Realität gibt, dann müssen wir raus aus unserer Blase.

Dann müssen wir darüber nachdenken, welche Zugangspunkte in den Journalismus es gibt und welche Auswahlprozesse. Stellen wir nur ein, wer uns ähnlich ist? Und reproduzieren wir damit das Immergleiche?

Vielfalt ist nötig, damit wir in den Redaktionen, bei unserer Arbeit, bei der Recherche auch künftig die richtigen Fragen stellen. Damit sich nicht nur eine Lebensrealität wiederfindet am Konferenztisch morgens um 9.15 Uhr, sondern zig verschiedene. Damit wir lernen können von verschiedenen Lebensrealitäten.

Wir können uns unsere biografische und ökonomische Homogenität nicht mehr leisten. Wir müssen verstehen, dass sie mit beigetragen hat zu einer Entfremdung von den Lesern. Dass sie Ausdruck ist unserer eigenen Arroganz. Und dass diese Entfremdung dazu führt, dass die Menschen das Vertrauen in uns verlieren. Weil Leser jemandem, der sie nicht versteht, schwerlich vertrauen können. Und weil Journalismus immer etwas mit Repräsentation zu tun hat.

Filterblasen sind ein Problem der Nutzer. Und sie sind unser eigenes Problem. Wir können sie uns weniger denn je leisten.

These 4: Zu viel Überraschung zeugt von Entfremdung.

Fabian Schulz beschreibt, dass sein Vater praktisch keine klassischen Medien mehr liest. Wir müssen uns fragen, warum das so ist. Und was vor allem der digitale Journalismus leisten muss.

Der Blick auf die vergangenen 18 Monate zeigt: Wir Journalisten waren zu oft überrascht von den Dingen, die passiert sind: Brexit, Trump, der Aufstieg der AfD. Wir haben es nicht kommen sehen. Mehr noch: Wir haben es für Irrsinn gehalten und nicht ernst genommen.

Journalisten müssen das Weltgeschehen nicht wie in einer Glaskugel vorhersehen. Dann sollten sie auf der Kirmes sitzen aber nicht in einer Redaktion. Sie müssen aber offen sein für Wahrscheinlichkeiten. Sie müssen sich irritieren lassen. Sie müssen zu den Menschen gehen und hinterfragen, was sie nicht verstehen. Statt das, was sie nicht verstehen, schlicht abzulehnen.

Wenn wir die US-Wähler, die für Trump stimmten, zuvor kaum abgebildet haben, dann muss uns das nachdenklich machen. Wenn wir den Brexit für komplett unmöglich gehalten haben, dann zeigt das doch bloß unsere eigene Arroganz. In London fühlte sich der Brexit unwahrscheinlich an, außerhalb der Metropole war es anders. Wir müssen Dinge für möglich halten, auch wenn wir sie für falsch halten. Und die Frage, was wir für richtig und was wir für falsch halten, sollte nicht unser Leitmotiv sein. Wir müssen die Dinge verstehen wollen. Und sie nicht primär beurteilen.

Es ist unser Job, rauszugehen zu den Menschen, uns mit ihrem Alltag zu beschäftigen. Es ist nicht unser Job, die Menschen zu missionieren. Ihnen mit der Brechstange zu verklickern: Trump ist ein Idiot. Denn es wird für die Leser nicht richtiger, bloß weil wir es x-fach wiederholen. Und es ist nicht unser Job, wie ein Rechthaber darauf zu beharren und dem Leser mit jeder Meldung entgegenzubrüllen: Seht her, wir hatten doch recht, er ist tatsächlich ein Idiot.

Die Demokratie braucht unterschiedliche Meinungen. Und auch das ist eine Aufgabe des digitalen Journalismus: Sich nicht den Mehrheitsmeinungen hinzugeben. Ressourcen bereitzustellen, die es ermöglichen, rauszugehen, zu recherchieren, zu reportieren, statt nur einzuordnen.

Journalisten, die auf den Leser fokussiert sind, sind solche, die mehr zuhören als dass sie selbst senden. Die sich selbst nicht so wichtig nehmen; sondern vor allem den Gesprächspartner oder die Recherche. Auf den Leser zu fokussieren heißt auch, intensiv zu recherchieren, sich besonders gut vorzubereiten. Denn das Netz macht die Recherche schneller und effizienter - das lässt die Anforderungen steigen. Aber im Netz lauern auch neue Fallstricke, es braucht besondere Methoden der Verifikation. Auch dafür müssen wir Journalisten praktisch ausbilden. Wir wissen so viel wie nie - und doch wissen wir oft nichts.

These 5: Es geht nicht um das Medium, es geht um die Inhalte.

Wenn wir Fabian Schulz' Vater etwas Gutes tun wollen, dann, indem wir Inhalte bereitstellen, die ihn erreichen. Und das tun sie über verschiedene Kanäle.

Es geht nicht länger um einzelne Medien, also um Radio, Print, TV. Sondern um digitale Mediennutzung. Sie ist per se multimedial. Und sie denkt die Themen ausgehend von ihren Inhalten.

Was heißt das?

Wir haben bei SPIEGEL ONLINE im Frühjahr Snapchat Discover gestartet. Zwischen dem Anruf aus Kalifornien, ob wir Startpartner in Deutschland sein wollen und der Umsetzung lagen nur acht Wochen. In denen haben wir uns überlegt, wie wir unsere Inhalte für Snapchat adaptieren, wie wir sie übersetzen. Was es bedeutet, wenn man den Kern einer Geschichte offenlegt und sie all ihrer Worte entledigt. Wenn sie am Ende nur noch aus einem Satz besteht. Oder aus einer Zahl.

Wir müssen, und davon bin ich überzeugt, von den Themen aus denken, von unseren Inhalten. Denn die Nutzungssituationen werden sich verändern und die Endgeräte ohnehin. Wir brauchen also eine journalistische Ausbildung, die das Rüstzeug vermittelt, um flexibel zu sein. Denn das ist das einzig Gewisse: Die Kanäle werden sich immer weiter verändern. Und die Geräte, auf denen wir die Medien nutzen, verändern sich auch.

Digitaler Journalismus ist mehr denn je mobiler Journalismus. Doch eine mobile Nutzung hat andere Anforderungen als eine stationäre. Es sind nicht die Plattformen, für die wir unseren Journalismus machen, es sind die Themen. Sie müssen wir flexibel aufbereiten für ganz unterschiedliche Nutzungssituationen.

Die Journalistenausbildung sollte nicht länger medienspezifisch sein, sondern digital. Denn die spannenden Erzählformen liegen an den Schnittstellen, sind multimedial. Und sie sind anpassungsfähig. Sie schauen, was der Nutzer will, wie er konsumiert.

Digitaler Journalismus bedeutet eben nicht "den Text online zu stellen". Die Digitalisierung schafft in der Kombination verschiedener Medien - Text, Bewegtbild, Audio - etwas originär Neues. Und das, was es heute bedeutet, wird übermorgen überholt sein. Auch die Integration verschiedener Medien, die Multimedialität, führt zu etwas Neuem.

Podcasts sind Audio-Formate, aber kein Radio.

Social Video basiert auf bewegten Bildern, ist aber kein Fernsehen.

Onlinejournalismus fußt auf Texten, ist aber etwas anderes als Print im Netz.

Und so weiter.

Wir werden schwerlich antizipieren können, welche Plattform die nächste ist. Wir haben es mit einer immer fragmentierteren Nutzerschaft zu tun. Mädchen bis 18 sind bei Snapchat, Männer Mitte 40 bei SPIEGEL ONLINE auf der WWW-Seite und so weiter. Sie können keinen Journalismus für Snapchat lernen. Aber einen, der viel stärker als in der Vergangenheit auf Teamarbeit basiert. Der Schreiber ist ohne den Motion Designer nichts. Und beide brauchen den Grafiker und den Video-Kollegen.

Es ist ein anderes arbeiten. Eines, das unfassbar viel Spaß macht.

Ein Arbeiten, das Mut braucht, Dinge auszuprobieren. Und Erfahrungen in der Praxis, um zu verstehen: Wandel ist der neue Status quo.

SPON-Backstage: Wie wir arbeiten

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