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Gleichgeschaltete Medien?

Wie wir mit Agenturmaterial arbeiten

Ein und derselbe Text erscheint auf zwei Newsportalen. Eine Verschwörung? Nein, völlig normal, wenn der Artikel von einer Nachrichtenagentur stammt. So gehen wir mit dem Material um, und so erkennen Sie es auf der Seite.

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Mittwoch, 16.08.2017   09:52 Uhr

Neulich begegnete mir in meiner Timeline bei Facebook ein Post, der mich stutzig machte. Kalle Schwensen, ehemalige Kiez-Größe, hatte geschrieben: "Einheits-Presse in Deutschland - undenkbar!" Darunter hatte er zwei Nachrichtenmeldungen über den Syrienkonflikt nebeneinander montiert, eine von SPIEGEL ONLINE, eine von ntv.de. Die waren bis auf Kleinigkeiten wie Vorspann und Headline identisch. Für Schwensen war damit, das machte er deutlich, der Beweis der gleichgeschalteten Presse in Deutschland erbracht.

Screenshot von Kalle Schwensens Facebook-Seite

Nun ist Schwensen nicht der prototypische Intellektuelle. Aber er ist auch nicht dumm. Vor allem geht er versiert mit Medien um und nutzt sie geschickt zur Selbstinszenierung. Wie also konnte es sein, dass er in einem so zentralen Punkt der Medienarbeit, nämlich dem Zusammenspiel von Nachrichtenagenturen und Presse, eine so eklatante Wissenslücke hatte? Und war er mit dieser Wissenslücke möglicherweise nicht allein?

Ich startete in meinem privaten Umfeld eine kleine Umfrage unter medienaffinen, gut gebildeten Freunden. Das waren die Fragen:

Fragen eins, zwei und drei konnten alle Befragten mehr oder weniger sicher beantworten. Bei Frage vier aber konnte nur ca. ein Drittel die Zusammenarbeit vergleichsweise präzise beschreiben, der Rest kam ins Schlingern. Sie wussten zwar, dass die Agenturen Nachrichten anbieten, auch das Wort "Ticker" fiel öfter - aber wo sich diese Nachrichten auf Seiten wie SPIEGEL ONLINE wiederfinden, wussten sie nicht. Dafür schwang bei ihnen ein ungutes Gefühl mit. "Ziemlicher Einfluss" wurde angenommen, ein mögliches "Monopol" vermutet.

So wie es aussieht, ist Kalle Schwensen also nicht allein und es ist Zeit, dass wir mal über Nachrichtenagenturen reden.

Was sind Nachrichtenagenturen und wie arbeiten sie?

Es gibt weltweit etliche Nachrichtenagenturen, die bekanntesten sind wohl Reuters, AP, AFP und in Deutschland die dpa, an der die meisten deutschen Medienhäuser Beteiligungen halten. Im Grunde arbeiten sie ähnlich wie Zeitschriften oder andere journalistische Produkte: Die Angestellten der Nachrichtenagenturen schreiben Berichte über das Weltgeschehen.

Allerdings - und das ist der erste grundlegende Unterschied - schreiben sie diese Berichte oder Nachrichten nicht, um sie selbst zu veröffentlichen. Sondern als Dienstleistung für ihre Kunden, zum Beispiel uns. Ein zweiter Unterschied ist, dass diese Meldungen in der Regel sehr kurz und komprimiert geschrieben sind, reduziert auf den wesentlichen Nachrichtenkern. Auch sind sie meist nüchtern formuliert und ohne Wertung oder Einordnung. Ebenfalls, aber seltener, bieten die Nachrichtenagenturen sogenannte Korris, Korrespondentenberichte, an. Diese sind ausführlicher, nicht immer nüchtern, sondern oft auch erzählerischer gehalten. Außerdem versorgen die Nachrichtenagenturen ihre Kunden mit Fotos. Sie unterhalten eigene Bildagenturen, die zu wichtigen Ereignissen das entsprechende Bildmaterial liefern.

DPA

DPA-Politik-Bild des Jahres 2016: Horst Seehofer (CSU) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Januar 2016

Ein wesentlicher Unterschied ist die Organisation der Nachrichtenagenturen: Sie sind bedeutend größer als klassische Redaktionen. Die dpa zum Beispiel hat Korrespondenten in 100 Ländern der Welt, die von dort berichten und ihre Nachrichten über den Ticker der dpa den Kunden anbieten.

Welche Rolle spielen Nachrichtenagenturen in klassischen Redaktionen?

Viele Redaktionen, zumindest von Lokal- und Tageszeitungen sowie Nachrichtenseiten im Internet sind Kunden von Nachrichtenagenturen, in der Regel von mehreren gleichzeitig. Sie bezahlen einen bestimmten Betrag an die Agentur, dafür laufen deren Meldungen dann über den Ticker bei ihnen ein. Kunde bei mehreren Agenturen zu sein hat den Vorteil, dass man verschiedene Meldungen zu einem Vorfall miteinander abgleichen kann.

Vor allem für kleinere Zeitungen, die nicht zu einem größeren Zeitungsverbund gehören, sind Nachrichtenagenturen enorm wichtig: Diese kleinen Redaktionen verfügen in der Regel nicht über ein Korrespondentennetzwerk. Um ihren Lesern aber Nachrichten aus der Welt präsentieren zu können, sind sie auf die Lieferung der Agenturen angewiesen. Dieses Zusammenspiel zwischen Nachrichtenagenturen und Redaktionen gibt es im Übrigen schon seit Jahrzehnten und nicht erst seit dem Durchbruch des Internets.

Welche Rolle spielen Nachrichtenagenturen bei SPIEGEL ONLINE?

Meldungen von Nachrichtenagenturen gehören zum täglichen Geschäft von SPIEGEL ONLINE, sie machen für uns als minutenaktuell arbeitendes Medium einen wichtigen Teil des Nachrichtenstroms aus, der täglich über unsere Seite fließt.

Wir sichten in allen Ressorts den Tag über Meldungen, die über den Ticker laufen. Wenn wir eine der Meldungen für relevant halten, veröffentlichen wir sie. Ob und wie stark sie noch verändert oder ergänzt wird, hängt von der Relevanz des Themas ab.

Wie überprüfen wir die Meldungen der Agentur?

Ein erster Schritt ist in der Regel, die Meldung aus einer Agentur mit der Meldung einer anderen Agentur zum gleichen Thema abzugleichen. Bei kniffligen oder brisanten Themen recherchieren wir zudem eine Bestätigung der Nachricht über eine zweite, weitere Quelle; bevor wir nicht zwei voneinander unabhängige Quellen für eine brisante Nachricht haben, gehen wir damit nicht an die Öffentlichkeit. Die Qualität der Meldung spielt auch eine Rolle: Ist sie nicht gut, enthält offene Fragen oder deutlich erkennbare Fehler, lassen wir sie entweder fallen oder aber recherchieren die offenen Punkte nach. Bei der Überprüfung von Details helfen oft auch die Bilder, die die Agenturen zu ihren Berichten liefern.

Oft profitieren wir allerdings auch von dem Fachwissen, dass wir inzwischen allein durch die schiere Größe der Redaktion angesammelt haben. Dazu ein Beispiel aus meinem Bereich, dem Autoressort:

Im November 2015 verbreitete die dpa eine Meldung, dass sich die Universität Bern von den Abgasmessungen der Deutschen Umwelthilfe (DUH) distanziert habe. Hintergrund: Opel war damals wegen verbotener Abschalteinrichtungen bei seinen Dieselmotoren im Verdacht, die DUH hatte zusammen mit den Wissenschaftlern der Uni Bern nachgemessen und die für Opel unschmeichelhaften Ergebnisse veröffentlicht.

Wenig später lief eben jene Meldung über die Agenturen, darin wurde die Uni so zitiert: "Die Fakten könnten aus unterschiedlichen Gründen verzerrt, manche auch lückenhaft oder tendenziös sein." Das kam uns seltsam vor. Wir recherchierten die Originalstellungnahme der Universität und stellten fest, dass die Ursprungsformulierung im Englischen lediglich davon sprach, dass in der auf die Veröffentlichungen der DUH folgenden Berichterstattung möglicherweise Fakten verdreht worden seien. Eine Distanzierung von den eigentlichen Messungen aber war das nicht.

SPIEGEL ONLINE

Vergleich: Agenturmeldung (oben) und Stellungnahme der Universität (unten)

Wie sich durch weitere Recherchen herausstellte, basierte die Agenturmeldung der dpa auf einer Pressemitteilung von Opel selbst, in der der Konzern das Schreiben der Uni zum Anlass genommen hatte, in freier Übersetzung die Glaubwürdigkeit der Messungen anzuzweifeln. Hätten wir damals die Untersuchungen der Universität und das ganze Thema Abgasbetrug bei Opel nicht so intensiv verfolgt und über das entsprechende Wissen verfügt, wäre uns das vielleicht nicht aufgefallen.

Und wie ist das nun mit der Einheitspresse?

Vielleicht verstehen Sie und Herr Schwensen jetzt, warum es gewisse Ähnlichkeiten bei Berichten gibt. Vielleicht verstehen Sie jetzt auch, warum es diese Ähnlichkeiten schon immer gab. Wenn über die dpa vor zwanzig Jahren eine Meldung lief, dass eine Katzenmutter die Rekordzahl von zwanzig Jungen geworfen hat - als rein fiktives Beispiel -, dann stand diese Meldung auf den "Vermischtes"-Seiten des "Pinneberger Boten" genauso wie beim "Hintertupfinger Tageblatt" (Namen sind frei erfunden). Was es damals nicht gab, war die Möglichkeit, diese beiden Seiten so einfach nebeneinander zu halten, wie das heute mit den Internetseiten aller Nachrichtenhäuser der Fall ist.

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