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Nachwuchsmangel: Wie das Handwerk um Azubis kämpft

DPA Das Handwerk boomt, aber jedes Jahr bleiben Tausende Lehrstellen unbesetzt, auch, weil das Image vieler Ausbildungen mies ist. Die Branche will das ändern - mit ungewöhnlichen Maßnahmen.
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#90 - 10.01.2018, 14:20 von sammilch

Zitat von mama_arbeitet
Warum sollte jemand mit 16, also zum Zeitpunkt einer Ausbildung, sich eine eigene Wohnung leisten? Was ist so schlimm dran, bis Anfang 20, bis zu einem passablen Lohn, im Elternhaus zu verbleiben und die Eltern ggf. als Zeichen der ......
Sie denken zu kurz: wir haben Regionen in Deutschland, grade im Osten, da ist keine Ausbildungsmöglichkeit. Grade Meck-Pomm, Thüringen oder Brandenburg ist sehr dünn besiedelt, wer ausgebildet werden will muss zwangsweise von zu Hause weg.

Meine Tochter hätte jeden Tag 200km pendeln müssen mit dem Zug zur Ausbildungsstelle - die Fahrtkosten sind genauso hoch wie jetzt ihre kleine Wohnung. Sie musste uns auch mit 16 verlassen.

Wenn die Ausbildungsvergütung nur 500€ brutto gewesen wären, dann wäre sie heute in einer Maßnahme vom Arbeitsamt gelandet oder hätte eine Ausbildung als Verkäuferin beim Edeka o.ä. machen müssen, was ihr nichts gebracht hätte.
Man "lernt" ja in der Ausbildung nicht nur, man arbeitet ja auch. Viele Azubis sind als feste Arbeitskräfte eingeplant, sie bringen dem Unternehmen also Gewinn. Dafür sollte dann schon brutto 700€ im 1. Lehrjahr drin sein.

#91 - 10.01.2018, 14:21 von manicmecanic

kein Wunder

das die Jugend sagt Handwerk nein danke.Die Zukunftsaussichten selbst in den Jobs wo krass hohe Stundensätze kassiert werden sind doch total mies.Schuld hat die Politik die die Kosten derart hochgetrieben haben.Aber auch die Arbeitgeber haben ihren Teil an der Schuld.Mir kann keiner erzählen daß mein Chef mir nicht mehr als mickrige knapp 10% in netto der 16000 zahlen kann,die er nur CASH in der Kasse hat weil ich meine 160 Stunden an Kundenmopeds geschraubt habe.Und ich bin alter Hase,meine jungen Kollegen bekommen noch weniger.Man erspare mir das Gejammer vonwegen ach so hohe Kosten die er angeblich hat.Ich war mein Arbeitsleben lang nur in alten kleinen Werkstätten wo kaum Geld investiert wurde außer es war unbedingt nötig.

#92 - 10.01.2018, 14:22 von premstar_pill

Zitat von observerlbg
(...) Und geht endlich konzertiert gegen die immer stärker werdende Schwarzarbeit vor. Dann könnte auch ich mir überlegen, wieder ins Handwerksgeschäft einzusteigen.
Man kann nur die Schwarzarbeit eindämmen wenn man die grotesken Abgaben und Nebenkosten senkt. Es kann nicht sein dass ein Handwerksbetrieb 70 Euro pro Stunde nehmen muss und beim Gesellen davon nur 13 Euro ankommen.
Es ist schlicht und ergreifend vollkommen logisch dass dann die Schwarzarbeit grassiert.

#93 - 10.01.2018, 14:25 von genugistgenug

Tatsächlich? Gemacht ode rnur gewusst?

Zitat von besorgtervater
.....Leider konnte sie nach wenigen Wochen alles, was sie brauchte für den Betrieb. Handwerkliches Üben für die Berufsschule geht auf eigene Kosten und Risiko nach Arbeitsschluss, Überstundenzettel verschwinden, anständiges Werkzeug wird teilweise selbst gekauft.....
Wobei bereits die ganzenHolzarten, Verarbeitung, usw. sicher nicht in ein paar Wochen zu erlernen sind, ebenso wie der Einsatz im Alltag. Dazu gehören auch Einsatzplanung, Materialplanung, Abrechnung der Stunden, usw. Oder agiert sie nur als Handlangerin ohne eigene Ambitionen? Zumindest weiß sie nicht, dass man bei Dokumenten (Überstundenzettel) eine Kopie macht - oder fällt das eher in Büroausbildung?
Werkzeug selbst kaufen? EIgene Bandsäge, Schleifmaschine, Hobelmaschine, usw. etwa auch? Passende Schutzausrüstung aber gerne - davon abgesehen muss Gehörschutz, usw. grifffbereit an der Maschine sein und nicht irgendwo in einem Schrank.

Persönlich muss ich sagen, dass es ein Gebnuss ist, wenn man einen echten Handwerker bekommt, der weiß was zu tun ist, sein Werkzeug richtig ansetzt, ja sogar das richtige dabei hat und dazu gehört es auch, dass man bei einer Reparatur gleich den Werkzeugkoffer mit bringt, statt erst noch mal runterzutigern.
Die Preise sind aber bei Pfuscher und Könner gleich: Beispiel 20,- € bei Pfuscher 1,- für zufällig gelöst und 19,- für sich bemüht - beim Könner 1,- für gemacht und 19,- für gewusst wo&wie.

#94 - 10.01.2018, 14:26 von Useless_User

Bravo!

Zitat von pelbaum
Handwerker sieht man nur im Werbefernsehen in Spots für Heimwerkermärkte. In Serienproduktionen und sonstigen Filmchen bekommt man allenfalls Berufstätige in Krankenhäusern, Büros von Anwaltskanzleien, ......
Ist bei Instagram, Facebook, usw. nicht anders. Ein jeder ist "YouTuber", "Twitcher", "Travelblogger", "Influencer", "Stylist", "Urban Coach" und viele hanebüchene Sachen mehr.

#95 - 10.01.2018, 14:29 von Stuenzel

Das ist nicht das Image, es ist die Ausbildung

"weil das Image vieler Ausbildungen mies ist."

Das Handwerk hat versäumt (bis auf das KFZ-Handwerk) die Ausbildung an die neuen Methoden anzupassen.

Es ist nicht der Staat, der nicht ausgebildet hat, sondern die Handwerksmeister, die heute nach dem Motto leben müssen: "nach mit die Sintflut". "Ich bin sowieso schon auf dem Abflug".

Der Konkurrenzkampf ist wegen der politisch gewollten Konkurrenz aus dem Ausland (Scheinselbständigkeit) höllisch geworden. Über die explosionsartig ansteigenden Zahlen der Pleiten im Handwerk berichtet Ihr hier nicht. Jeder Handwerksbetrieb, der pleite ging, hat nicht mehr ausgebildet.

#96 - 10.01.2018, 14:36 von Little_Nemo

Ausbildung und Einbildung

Zitat von energieingenieur
Ich bin so ein Handwerksmeister und bilde auch aus. Es macht mich echt traurig, was ich hier teilweise lese "Zahlt den Azubis einfach mehr, damit es für Wohnung und Auto reicht und dann klappt das alles."... Man erlaube mir die spannende Frage: Woher das Geld dafür nehmen? Wenn ich einem Azubi fast das gleichen bezahlen soll, wie einem Junggesellen, der Azubi aber grundsätzlich schonmal 30% weniger produktive Leistung bringt, weil er zur Berufschule und der Übertbetrieblichen Ausbildung geht... und dann natürlich auch nochmal weniger Leistung bringt, weil er ja seinen Beruf erst erlernen muss und soll... Der Azubi ist ja nicht zum Arbeiten da, sondern um einen Beruf zu erlernen! Wenn das funktionieren soll, muss ich den Stundenlohn für einen Azubi auf der Rechnung mindestens genausohoch ansetzen, wie für einen Gesellen. Denn ich muss den Azubi auch für die Zeit in der Berufschule und auf den Lehrgänge bezahlen! Und dann garantiere ich eines: Noch massivere Beschwerden von Kunden, die ja teilweise heute schon der Meinung sind, einen Azubi müsse man gar nicht bezahlen, weil "Der macht ja nix, der lernt ja noch." Dann muss ich mir vorwerfen lassen, die Einstellungsanforderungen würden ständig steigen. Das ist zumindest bei uns völliger quatsch. Unser schriftlicher Einstellungstest ist seit 20 Jahren nahzu identisch. Die Ergebnisse werden nur jedes Jahr schlechter. Aber das ist noch nicht einmal das Hauptproblem. Das liegt eher im Benehmen der Bewerber und damit im Elternhaus begründet. Grundlagen, wie pünktlich zum Bewerbungstermin zu erscheinen (oder bei Verhinderung wenigstens Bescheid zu sagen...), das Kaugummi währenddessen herauszunehmen und Bitte und Danke sagen fehlen heute zunehmend. Es tud mir auch ein bisschen Leid, wenn ich hier Härtefalle ablehnen muss, aber wir sind ein Handwerksunternehmen und kein Sozialverein mit Erziehungsaufgabe. Ich muss mich darauf verlassen können, dass sich die Azubis beim Kunden zu Hause angemessen verhalten. Und wenn sich ein Bewerber schon beim Einstellungstest nicht an die ausdrückliche Anweisung hält, das Handy nicht als Taschenrechner zu benutzen... was habe ich dann wohl in den folgenden 3,5 Jahren zu erwarten, wenn ich als Ausbilder entsprechende Anweisung erteile? Wer mehr Geld für Auszubildende fordert, der muss auch als Kunde bereit sein, mehr für einen Handwerker zu bezahlen. Wir Handwerker können zwar viel, aber Geld drucken wir nunmal nicht selbst.
Und das können die Kunden halt auch nicht. Es ist ein systemisches Problem. Wer nicht genug verdient, kann sich auch keine Handwerker leisten. Manche verdienen auch genug, wollen sich aber keine Handwerker leisten, zugegeben. Und Handwerksbetriebe, die nicht genug einnehmen, können keine höheren Löhne und Ausbildungsvergütungen zahlen. Manche nehmen aber genug ein, auch das muss man zugeben. Das geht Hand in Hand. Deregulierung allein scheint da irgendwie nicht der Weisheit letzter Schluss zu sein.

#97 - 10.01.2018, 14:37 von wauz

Das Problem Schwarzarbeit

Zitat von premstar_pill
Man kann nur die Schwarzarbeit eindämmen wenn man die grotesken Abgaben und Nebenkosten senkt. Es kann nicht sein dass ein Handwerksbetrieb 70 Euro pro Stunde nehmen muss und beim Gesellen davon nur 13 Euro ankommen. Es ist schlicht und ergreifend vollkommen logisch dass dann die Schwarzarbeit grassiert.
Schwarzarbeit findet nicht so statt, wie man das vermutet. Der wirtschaftliche "Schaden", der entsteht, wenn irgendwer einem Nachbarn gegen ein Handgeld ein Zimmer weißelt, ist gering. Allein schon deswegen, weil kein Handwerksbetrieb solche Aufträge haben will. Der Aufwand, den Auftrag zu akquirieren ist schon so hoch, dass garantiert ist, das damit kein Gewinn zu machen ist.
Die wirkliche Schwarzarbeit z.B. im Baubereich, findet auf großen Baustellen statt. Bei dem Gewusel von Auftragnehmern, Subunternehmern, Sub-sub und Sub-sub-sub. weiß doch keiner mehr, ob die Männer, die da werken, tatsächlich mit einem Werkvertrag unter Einhaltung aller Gesetze ...
Mit Werkverträgen, z.B. in der Lebensmittelindustrie, kann man trefflich betrügen, Sozialabgaben und Steuern hinterziehen.

#98 - 10.01.2018, 14:53 von Inmate777

Grundprinzipien eines Bewerbungsvorganges

Inserer Nachwuchs ist gerade 17 Jahre alt und hat einen Bewerbungsmarathon hinter sich, sicher auch, weil die Noten nicht die besten sind, mal vorsichtig ausgedrückt. Wir haben Buch geführt, die Zahlen sind jetzt aus der Erinnerung: von über 70 schriftlichen Bewerbungen gab es immerhin fast 50 Rückmeldungen, dass die Bewerbung eingegangen ist und, dass die Unterlagen geprüft werden, dass man sich zu einem späteren Zeitpunkt nocheinmal melden würde. Von ungefähr der Hälfte gab es danach gar keine Reaktion mehr. Von ca. 1/4 fehlt (nach über einem Jahr) noch immer die Rücksendung der Bewerbungsmappe - ja, waren die teuren, guten, die behält man sicher gerne.
Fazit: bei etlichen Firmen scheint noch nicht angekommen zu sein, das der Lehrling die Fachkraft der Zukunft ist, dass man im Handwerk sicherlich nicht die Sahne abschöpfen wird und dass auch für den Arbeitgeber ein paar Grundprinzipien gelten...

#99 - 10.01.2018, 14:54 von 53er

Wenn man als Politiker

und Wirtschaftsökonom mit vollem Ernst in der Öffentlichkeit den Rentenbeginn mit 70 Jahren für kommende Generationen fordert, dann braucht sich in diesem Land niemand wundern, wenn aktuelle und kommende Generationen solche Arbeitsplätze suchen, in denen sie bis 70 und möglichst unterbrechungsfrei arbeiten können. Solche Arbeitsplätze bietet kein einziger Handwerkerberuf, es sei denn man übt ihn selbstständig aus. Man kann heutigen Generationen bei diesen Vorhersagen nur gratulieren für die Weitsichtigkeit, mit der sie ihr leben planen. Ein gesunder Egoismus scheint heute en vogue, von daher ist die Entscheidung für einen Akademikerberuf absolut nachvollziehbar. Jeder Handwerksbetrieb freut sich heute darüber, wenn der Renetenbeitrag sinkt, bedeutet es doch zusätzliche Einsparungen von Arbeitskosten. Man kann getrost davon ausgehen, dass dadurch der Preis für eine Arbeitsstunde nicht nach unten angepasst wird, das eingesparte Geld landet auf der Habenseite. Dass das ein Grund dafür sein könnte, warum Ausbildungsplätze nicht besetzt werden können, haben die wenigsten Handwerksbetriebe auf dem Schirm. Wie wäre es z.B. mit einer vom Betrieb finanzierten Versicherung für Handwerker die aufgrund körperlichem Verschleiß schon vor 70 Jahren ihren Beruf quittieren müssen? Wer am Existenzminimum entlohnt wird, kann dafür privat keine Rücklagen bilden, schon gar nicht mit Riesters Rente. Auf solche Ideen können Handwerker lange warten, da wird lieber von den Betrieben mit viel Marketingedöns versucht den bereits gut Informierten den Handwerkeralltag wieder schmackhaft zu machen. Außerdem wird versucht, den Staat und Steuerzahler mit ins sinkende Boot zu holen, indem die Ausbildungskosten abgewälzt werden sollen. Alles das funktioniert aber nicht und so poltert man über ungebildete, faule und ungezogene Jugendliche die sich nur noch bewerben würden, die man aber nicht brauchen könne. Dazu kann man eigentlich nur noch sagen: Dann backt, schnitzt, schraubt, pflückt oder mauert Euch doch die Passenden!

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