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Gesundheit

Nach langem Abwärtstrend

Zahl der Organspender deutlich gestiegen

Fast 1000 Menschen in Deutschland spendeten 2018 ihre Organe, das ist ein Plus von knapp 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Neue Gesetze sollen die Zahl noch weiter steigern.

DPA

Behälter zum Transport von Organen

Freitag, 11.01.2019   16:15 Uhr

Nach langem Abwärtstrend ist die Zahl lebensrettender Organspenden in Deutschland erstmals wieder deutlich gestiegen. Im vergangenen Jahr überließen 955 Menschen nach ihrem Tod Organe für andere schwerkranke Patienten, wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) mitteilte. Das war ein Plus von knapp 20 Prozent im Vergleich zu 2017 mit 797 Spendern und der erste größere Anstieg seit 2010.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Die steigenden Zahlen sind gut, aber nicht gut genug." Noch immer warteten 10.000 Menschen auf ein Spenderorgan. Informationskampagnen zeigten nun Wirkung, erläuterte er. Aber auch die stärkere öffentliche Debatte über neue Organspende-Regeln sorge dafür, dass sich mehr Menschen Gedanken über dieses Thema machten.

Die wieder positivere Entwicklung nach dem Tiefpunkt von 2017 hatte sich in den vergangenen Monaten schon abgezeichnet. Konkret wurden von den 2018 registrierten 955 Spendern 3113 Organe für Transplantationen vermittelt - darunter 1607 Nieren, 295 Herzen, 779 Lebern, 338 Lungen, 91 Bauchspeicheldrüsen und drei Dünndärme. Jeder Spender habe im Durchschnitt drei schwerkranken Patienten eine neue Lebenschance geschenkt, erläuterte die DSO.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz sprach von einem "Lichtblick", der aber kein Erfolg der teuren Werbekampagnen der vergangenen Jahre sei. "Der Schlüssel zu mehr Organspenden ist eine gute Organisation in den Krankenhäusern", sagte Vorstand Eugen Brysch.

Neue Gesetze sollen die Zahl der Organspenden noch weiter steigern

"Der Bundestag wird in den nächsten Monaten gleich über mehrere Gesetze beraten, die die Bedingungen für noch mehr Organspenden setzen sollen", sagte Spahn. Da sind zum einen bessere Bedingungen in den Kliniken. Am kommenden Donnerstag bringt der Minister dazu einen Gesetzentwurf in den Bundestag ein. Kernpunkte sind höhere Vergütungen durch die Krankenkassen und mehr Freiraum für Transplantationsbeauftragte in den Kliniken.

Unabhängig davon ist im Parlament über Fraktionsgrenzen hinweg eine Diskussion über neue Organspende-Regeln angelaufen. Bisher sind Entnahmen nur bei ausdrücklich erklärter Zustimmung erlaubt, viele schieben die Beschäftigung mit diesem Thema aber immer wieder auf.

Spahn wirbt daher für eine "doppelte Widerspruchslösung". Demnach gilt automatisch jeder als Spender. Man soll dazu aber noch Nein sagen können, sonst wären - als doppelte Schranke - Angehörige zu fragen. In einer offenen Debatte waren im Bundestag Ende November breite Vorbehalte gegen eine solche Neuregelung deutlich geworden.

Eine Gruppe um die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock und Linke-Chefin Katja Kipping schlägt stattdessen eine verbindlich wiederkehrende Abfrage etwa beim Abholen neuer Pässe oder Personalausweise vor - auch mit der Option, sich noch nicht zu entscheiden.

Im Video: Organspende via Facebook - Bitte eine Niere

Foto: dbate

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mah/ dpa

insgesamt 29 Beiträge
isar56 11.01.2019
1. Wer sich näher mit dem Thema
beschäftigt, weiß: der hirntote Patient wird beatmet, d.h. die Angehörigen verabschieden sich schnell und wenn die Atmung in Takt ist. Organe müssen zeitnah verpflanzt werden. (natürlich besteht die Möglichkeit, nach der [...]
beschäftigt, weiß: der hirntote Patient wird beatmet, d.h. die Angehörigen verabschieden sich schnell und wenn die Atmung in Takt ist. Organe müssen zeitnah verpflanzt werden. (natürlich besteht die Möglichkeit, nach der Organentnahme Abschied zu nehmen) Das gesamte Blut muss aus dem Körper fließen. Niemand weiß mit Sicherheit wie tot hirntot ist. Der Organempfänger hat einen langen Genesungsprozess vor sich und muss lebenslänglich massenweise krebsfördernde Medikamente einnehmen. Die Gefahr einer Abstoßung besteht immer. Entscheide Jede/r selbst was mit seinem Körper geschehen soll. Überlassen wir diese unendlich schwere Entscheidung nicht der Familie.
Europa-Realist 12.01.2019
2. Widerspruchs- statt Zustimmungslösung
Das ganze Dilemma mit den Organspendem liegt letztlich daran, dass es zu wenige passende Spenderorgane gibt. Dieses Problem wird in einigen Jahren - erhisch-moralische Einwendungen hin oder her - dadurch gelöst sein, indem [...]
Das ganze Dilemma mit den Organspendem liegt letztlich daran, dass es zu wenige passende Spenderorgane gibt. Dieses Problem wird in einigen Jahren - erhisch-moralische Einwendungen hin oder her - dadurch gelöst sein, indem das passende Organ einfach genetisch fehlerfrei individuell nachgezüchtet wird. Bis dahin bleibt ein Organ ein rares Gut. Die Situation würde sich aber deutlich entspannen, wenn Organe von Hirntoten generell entnommen werden dürften, es sei denn ein Widerspruch liegt vor. Auf diese Weise würde sich die Anzahl der Spender deutlich erhöhen. Bedenken, dass Organe bereits dann entnommen werden würden, wenn die medizinisch-rechtlichen Vorsaussetzungen für eine Organentnahme noch gar nicht vorliegen oder sonst „geschummelt“ würde liefen so ins Leere. Klar kann man verfassungsrechtliche Bedenken vortragen, wenn auch ohne eine zuvor erteilte Zustimmung Organ entnommen werden könnten. Allerdings bestehen auch gute Argumente, warum insoweit möglicherweise tangierte Grundrechte doch eingeschränkt werden können. Bei der Widerspruchslösung hätte z.B. jeder die Möglichkeit, einen Widerspruch zentral (wie z.B. eine letztwillige Verfügung bei der Bundesnotarkammer in Berlin) zu hinterlegen.
Cailean 12.01.2019
3.
DieIdee einer häufigeren Konfrontation mit der Frage, z.B. bei der Ausstellung von Ausweisen, wie es die Baerbock und Kipping vorschlagen, erscheint mir eine gute Lösung. Allerdings nur, wenn es weiterhin die Option gibt, sich [...]
DieIdee einer häufigeren Konfrontation mit der Frage, z.B. bei der Ausstellung von Ausweisen, wie es die Baerbock und Kipping vorschlagen, erscheint mir eine gute Lösung. Allerdings nur, wenn es weiterhin die Option gibt, sich noch nicht festzulegen. Viele Menschen können oder wollen das eben nicht, das ist zu respektieren. Keine Entscheidung zu treffen ist eben auch die Entscheidung, nicht zu spenden. Das sollte jedem klar sein. Wenn dieseEntscheidung nicht mehr auf die Angehörigen verlagert werden kann, überlegen es sich manche vielleicht doch, einen Ausweis mit Zustimmung zu haben. Die Angehörigen sollten diese Entscheidung weder treffen müssen noch treffen dürfen.
nici_d 12.01.2019
4. Verbleibender Rest?
Was ist den mit den "übrig gebliebenen" 660 Herzen, 303 Nieren, 176 Lebern etc. geschehen? Kann mir kaum vorstellen, dass die alle geschädigt waren.
Was ist den mit den "übrig gebliebenen" 660 Herzen, 303 Nieren, 176 Lebern etc. geschehen? Kann mir kaum vorstellen, dass die alle geschädigt waren.
JoachimThomas 12.01.2019
5. "Deutlich"
Aha, 200 Spender mehr bedeutet also schon "deutlich". Aufgrund der Breite der Diskussion im letzten Jahr hätte man eigentlich mit mehr rechnen können. Angesichts von rund 900.000 Sterbefällen pro Jahr sind 1000 [...]
Aha, 200 Spender mehr bedeutet also schon "deutlich". Aufgrund der Breite der Diskussion im letzten Jahr hätte man eigentlich mit mehr rechnen können. Angesichts von rund 900.000 Sterbefällen pro Jahr sind 1000 Spender also etwas mehr als 1 Promille. Daran kann man doch deutlich ablesen, wie die Menschen zu dem Thema stehen. Angesichts des offensichtlichen Desinteresses der Bevölkerung, Profiteure mal ausgenommen, hoffe ich, dass alle Versuche des Staates Verfügungsgewalt über die Körper der Bürger zu erlangen, im Sande verlaufen.

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