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Gesundheit

Lagern, waschen, Medikamente

Pflegende Angehörige sollten sich weiterbilden

Wenn Menschen ihre Angehörigen ohne jedes Fachwissen pflegen, riskieren sie Fehler. Trotzdem besuchen nur die wenigsten einen Pflegekurs. Das Angebot ist kaum bekannt.

DPA

Hilfe beim Trinken: Wer einen Angehörigen pflegt, übernimmt auch viel Verantwortung

Freitag, 17.07.2015   11:04 Uhr

Augen und Ohren werden schlechter, die Glieder steif und die Muskulatur schwächer, das kennen alle. Manch ein älterer Mensch leidet auch noch unter Vergesslichkeit. Bis zu einem gewissen Punkt kommen die Betroffenen trotzdem alleine klar, Seh- und Hörschwächen lassen sich ausgleichen, die Kraft trainieren. Irgendwann aber brauchen sie Unterstützung. Dann sind meistens die Angehörigen gefragt.

Laut einer Erhebung des statistischen Bundesamtes betreuen Angehörige knapp zwei Drittel der deutschen Pflegefälle zu Hause. Das bringt einen großen Vorteil: Die Betroffenen können in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Für Angehörige aber sind die Herausforderungen oft sehr belastend. "Damit das nicht passiert, sollten frühzeitig Infos zum Thema Pflege eingeholt und ein Pflegekurs absolviert werden", rät Gundula Kozariszczuk vom DRK Pflegeservice Müggelspree in Berlin.

Bei vielen entwickeln sich Hilfs- und Pflegebedürftigkeit schleichend. "Es fängt oft damit an, dass die Betroffenen Unterstützung bei Aufgaben wie Einkaufen, Kochen oder Putzen oder bei organisatorischen Dingen wie Behördengängen benötigen", sagt Kozariszczuk. Dann beginnen ihnen die Körperpflege oder das An- und Ausziehen schwerzufallen; schließlich sind manche komplett auf die Hilfe anderer angewiesen.

Ein Großteil pflegt, ohne sich je fortgebildet zu haben

"Am besten wäre es, gleich aktiv zu werden, wenn sich die ersten Anzeichen dafür zeigen, dass jemand ein Pflegefall werden könnte", sagt Kozariszczuk. Tatsächlich aber kommt die Idee, einen Pflegekurs zu besuchen, den meisten pflegenden Angehörigen erst, wenn die Situation schon akut ist. Zu diesem Ergebnis kam eine Untersuchung des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung. Ein Großteil pflegt sogar, ohne sich jemals in dem Bereich fortzubilden.

"Das liegt fraglos nicht zuletzt daran, dass es gar nicht allen bekannt ist, dass es Pflegekurse für Angehörige gibt und dass bestehende Angebote häufig nicht ausreichend beworben werden", sagt Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des Zentrums für Qualität in der Pflege. Manche glauben auch, genug Know-how zu haben. Andere fürchten, dass die Lehrgänge aufwendig oder teuer sind.

"Fakt ist, dass wer pflegt, ohne jegliches pflegerisches Fachwissen zu haben, Gefahr läuft, Fehler zu machen und damit der Gesundheit des Pflegebedürftigen oder auch seiner eigenen zu schaden", warnt Thomas Meißner, Präsidiumsmitglied des Deutschen Pflegerats. Zu den möglichen Folgen gehören Wundliegen, Thrombosen oder Mangelernährung beim Gepflegten und Rückenprobleme beim Pflegenden. "Wer einen Pflegekurs macht, lernt sie zu vermeiden".

Pflegetechniken wie Waschen, Essen reichen, Lagerung

In einem Basiskurs lernen pflegende Angehörige Pflegetechniken wie Waschen, Essen reichen, Lagerung, Stützen und Heben, sowie Hilfe beim Toilettengang. "Darüber hinaus lernen die Teilnehmer unter anderem, Krankheitszeichen zu erkennen und Verletzungen vorzubeugen", sagt Kozariszczuk. "Sie erfahren Grundsätzliches zum Umgang mit psychischen Alterserscheinungen wie Demenz und zur sachgerechten Medikamentenvergabe".

Außerdem kommen sie mit anderen Pflegenden in Kontakt und können Erfahrungen austauschen. Sie bekommen Unterstützung bei psychischer oder physischer Überlastung. Und sie werden über Wohnraumgestaltung, Pflege- und Hilfsmittel oder Reha-Maßnahmen, sowie zu deren Finanzierung beraten. Bei Bedarf kann man auch Spezialkurse zu Themen wie Schlaganfall besuchen.

"Die meisten Kurse umfassen etwa acht bis zwölf Unterrichtseinheiten zum Beispiel à 90 Minuten, die über mehrere Wochen hinweg besucht werden könnten", sagt Suhr. "Zudem werden auch aufeinander aufbauend oder tageweise Seminare angeboten." Auch müssen pflegende Angehörigen die Kurse nicht selbst finanzieren."Da laut Sozialgesetzbuch der Anspruch auf unentgeltliche Schulungskurse besteht, werden die Teilnahmegebühren von den Pflegekassen, beziehungsweise von den privaten Pflegeversicherungen übernommen", erklärt Suhr.

Die Pflegeträger bieten Pflegekurse oft selbst an, außerdem kommen Schulungen bei Institutionen wie Wohlfahrtsverbänden, ambulanten Pflegediensten, Krankenhäusern oder kirchlichen Hilfswerken infrage. Wer nach Angeboten in seiner Nähe sucht, kann seinen Pflegeträger um Daten bitten. Zusätzlich lohnt es, weitere Quellen zu nutzen. Meißner rät, den Hausarzt oder Mitarbeiter lokaler Pflegestützpunkte anzusprechen oder sich im Internet zu informieren.

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Von Nicola Menke, dpa

insgesamt 27 Beiträge
Basmyr 17.07.2015
1.
Die Idee ist sicherlich sehr gut, nicht selten sind Angehörige massiv überfordert. Aber das sind maximal 18 Stunden. Ich kann mir nich vorstellen, dass die genannten Ziele in der kurzen Zeit auch nur ansatzweise möglich sind. [...]
Die Idee ist sicherlich sehr gut, nicht selten sind Angehörige massiv überfordert. Aber das sind maximal 18 Stunden. Ich kann mir nich vorstellen, dass die genannten Ziele in der kurzen Zeit auch nur ansatzweise möglich sind. Was man aber nicht vergessen sollte: schon jetzt gibt es Möglichkeiten zur Unterstützung. Zur Not einfach mal im nächsten Krankenhaus anrufen.
linlaluna 17.07.2015
2. Bin etwas verwundert
Meine Großmutter musste die Diakonie immer aufklären, wie sie meinen Opa legen müssen, damit er sich nicht wund liegt. Das zum fehlenden Knowhow von Angehörigen. Es mag dort bestimmt Verbessungsbedarf geben, aber ich finde den [...]
Meine Großmutter musste die Diakonie immer aufklären, wie sie meinen Opa legen müssen, damit er sich nicht wund liegt. Das zum fehlenden Knowhow von Angehörigen. Es mag dort bestimmt Verbessungsbedarf geben, aber ich finde den Ansatz falsch solange bei der Diakonie nicht für die Altenpflege ausgebildete Kräfte eingesetzt werden dürfen - da ist Verbesserung notwendig. Private Pflegedienste dürfen übrigens nur Altenpfleger beschäftigen, die Diakonie arbeitet auch viel mit FSJlern.
Spiegelleserin57 17.07.2015
3. es gibt viel aber...
wer einen Schwestpflegefall hat kaum die Zeit sich auch noch in einen Kurs zu setzen. Selbst Pflegeinstitutionen arbeiten oft nur mit Leuten die wenig Erfahrung haben. Es wird doch gespart wo es nur geht. Es gibt kaum [...]
Zitat von BasmyrDie Idee ist sicherlich sehr gut, nicht selten sind Angehörige massiv überfordert. Aber das sind maximal 18 Stunden. Ich kann mir nich vorstellen, dass die genannten Ziele in der kurzen Zeit auch nur ansatzweise möglich sind. Was man aber nicht vergessen sollte: schon jetzt gibt es Möglichkeiten zur Unterstützung. Zur Not einfach mal im nächsten Krankenhaus anrufen.
wer einen Schwestpflegefall hat kaum die Zeit sich auch noch in einen Kurs zu setzen. Selbst Pflegeinstitutionen arbeiten oft nur mit Leuten die wenig Erfahrung haben. Es wird doch gespart wo es nur geht. Es gibt kaum Vollzeitkräfte , weder bei den Pflegediensten noch in den Altenheimen. intern heißt es dann dass man mit den Teilzeitkräften besser planen kann. Das gesamte System braucht dringend eine Aufwertung und auch Vorschriften die auf Qualität achten.
skurilla 17.07.2015
4. Stellenwert Menschenpflege
Solange ein Bankangestellter, dessen Job es ist, mit Geld zu spielen, horrende Einkommen hat gegenüber Menschen, die sich um andere Menschen kümmern, weiß man über den Stellenwert des Menschen in kapitalistischen [...]
Solange ein Bankangestellter, dessen Job es ist, mit Geld zu spielen, horrende Einkommen hat gegenüber Menschen, die sich um andere Menschen kümmern, weiß man über den Stellenwert des Menschen in kapitalistischen Gesellschaften Bescheid. Was soll das dann mit Pflegekursangeboten und dergleichen?
eulenspiegel1979 17.07.2015
5. Staat in der Pflicht!
Ist ja wieder toll, wie man hier in einem Artikel voller Halbwissen diejenigen, die ohnehin schon mit der Pflege überfordert sind, auch noch mit Lehrgängen kommt. Zumal der Autor scheinbar nicht bedacht hat, dass die Lehrgänge [...]
Ist ja wieder toll, wie man hier in einem Artikel voller Halbwissen diejenigen, die ohnehin schon mit der Pflege überfordert sind, auch noch mit Lehrgängen kommt. Zumal der Autor scheinbar nicht bedacht hat, dass die Lehrgänge a) nicht kostenlos sind b) gerade im ländlichen Gebiet meistens weitab vom Schuss stattfinden und c) die pflegenden Angehörigen sich oftmals selbst in einem Alter befinden, in dem man solche Belastungen lieber Jüngeren überlässt. Zu alldem kommt hinzu, dass der Pflegende ohnehin schon zur Kasse gebeten wird, weil Mama und / oder Papa keine ausreichende Pflegevorsorge vorweisen können. Die Pflegeversicherung wurde erst 1995 eingeführt, musste bereits mehrfach reformiert werden und ist stark unterfinanziert. In 2016/2017 kommt die nächste große Reform. Der Staat predigt, dass man weg muss von der stationären Pflege, hin zur ambulanten Pflege, zur Pflege durch Angehörige, zahlt hier aber viel zu niedrige Pflegegelder. Viel schlimmer bei diesem ganzen Dilemma ist aber, dass man bei dieser Marschrichtung völlig verpeilt hat, dass wir immer weniger Kinder bekommen - also weniger Laienpfleger in der Zukunft haben werden - und das aufgrund der heutzutage unabdinglich erforderlichen Flexibilität, um auf dem Arbeitsmarkt durchhalten zu können, die jungen Angehörigen oftmals am Arsch der Welt leben und selbst wenn sie es wollten, sich nicht um die Eltern kümmern könnten. Ich kann nur jedem raten, ein privates Pflegetagegeld abzuschließen. Anbieter gibt es genug. In jungen Jahren ist das nicht teuer. Man entlastet damit seinen eigenen Kinder und sucht sich dann aus, wie man gepflegt werden will. Ganz einfach! Dem Staat traue ich hier keinen Meter. Ich bin 36, wer weiß ob die in 20 oder 30 Jahren überhaupt noch leistungsfähig sind. Wäre ja nicht das erste Mal das die Kasse Leistungen ersatzlos streicht oder auf ein Minimum kürzt (siehe Zahnersatz). Der Staat macht hier viel zu wenig, klärt nicht auf. Statt mit halbgaren Idiotien wie z.B. Pflege-Bahr Kunden zu verunsichern (der letzte Schrott ist das), sollte man lieber die Notwendigkeit einer sinnvollen Pflegevorsorge fett auf die Wahlplakate schreiben - nennt man auch Schutz vor Altersarmut oder Schutz des Erbes oder Schutz der Kinder. Aber neeeeeeee ... da kotzt man sich lieber 1000 Mal über die maroden Lebensversicherungen aus, die kein Mensch wirklich braucht. ... ich schreibe mich schon wieder in Rage ...

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