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Gesundheit

Ein rätselhafter Patient

Lebensgefährliche Kopfschmerzen

Eine junge Frau hat entsetzliche Kopfschmerzen, die Ärzte behandeln eine vermeintliche Gehirnentzündung. Aber die Mediziner haben etwas Entscheidendes übersehen.

BMJ Case Reports 2017

MRT-Bilder vom Kopf der Frau bei ihrer ersten Aufnahme im Krankenhaus

Von
Samstag, 04.02.2017   08:08 Uhr

Als die Ärzte die junge Frau im Krankenhaus aufnehmen, ist ihr Krankheitsbild dramatisch: Sie leidet unter heftigen Kopfschmerzen, Sprachstörungen und einer Schwäche in der rechten Körperhälfte. Die 30-Jährige war bislang immer gesund, sie schluckt keine Medikamente, ist durchschnittlich groß und schwer, raucht nicht und trinkt eher selten Alkohol. Auch in ihrer Familie sind keine vererbbaren Krankheiten bekannt, ebenso wenig hatte sie eine Kopfverletzung.

Bei der Untersuchung stellen die Neurologen schnell die Halbseitenlähmung fest. Sie beginnen, nach anderen Hinweisen zu suchen. Hat die Frau Fieber? Das würde für eine Infektion sprechen. Ist ihr Nacken steif? Dann wäre eine Hirnhautentzündung eine mögliche Ursache. Aber sie finden nichts.

Die Kernspin-Bilder vom Kopf der Patientin, auf denen sich sowohl das Gehirngewebe als auch die Venen und Arterien im Kopf genau beurteilen lassen, zeigen einen normalen Befund, so die Radiologen.

Wegen der Schmerzen die Hochzeit verschoben

Sie entnehmen der Frau Nervenwasser. Diese auch Liquor genannte Flüssigkeit umspült sowohl das Gehirn als auch das Rückenmark. Die Ärzte befürchten, dass die Frau einen Schlaganfall durch eine sogenannte Subarachnoidalblutung gehabt haben könnte. Dabei kommt es zu einer kleinen Blutung in den Raum, in dem auch der Liquor zirkuliert. Das kann heftigste Kopfschmerzen auslösen. Aber in der Flüssigkeit finden sich keine Blutzellen.

Am nächsten Tag bekommt die Patientin mehrere epileptische Anfälle und ist verwirrt. Sie wird weiterhin überwacht und erholt sich langsam. Dann gibt es Neuigkeiten aus dem Labor: Im Liquor konnten Viren nachgewiesen werden. Die Ärzte glauben nun, die Diagnose gefunden zu haben: eine virale Gehirnentzündung. Sie geben der Frau ein Medikament namens Aciclovir, das vor allem gegen Herpesviren und Varizellen wirkt - den Erreger von Windpocken und Gürtelrose. Außerdem bekommt sie Arzneien gegen epileptische Anfälle.

Dann darf die Frau nach Hause gehen. Ihre Kopfschmerzen aber bleiben so stark, dass sie ihre Hochzeit verschiebt.

Zwei Monate später hat die Frau ähnlich dramatische, aber ganz andere Beschwerden: Sie bekommt schlecht Luft und hat Schmerzen in der Brust. Die Computertomografie-Aufnahmen zeigen eine Lungenembolie. Der lebensgefährliche Blutpfropf in den Lungenarterien stammt meist aus den tiefen Beinvenen, wo sich eine Thrombose gebildet und dann gelöst hat und in die Lungengefäße schießt. Die Frau hat jedoch keinerlei bekannte Risikofaktoren für Thrombosen, sie raucht nicht, sie nimmt die Pille nicht und es sind auch keine Gerinnungsstörungen bei ihr bekannt.

Zur Gerinnungshemmung bekommt sie sechs Monate lang das Medikament Warfarin. Während dieser Zeit bessern sich auch ihre Kopfschmerzen.

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Zwei seltene Erkrankungen

Rund ein Jahr später stellt sich die Frau erneut mit starken Kopfschmerzen vor. Sie berichtet, dass die Schmerzen nie ganz weg aber unterschiedlich stark gewesen seien. Nun aber könne sie die Schmerzen kaum aushalten. Lähmungen, Sensibilitätsstörungen oder epileptische Anfälle wie beim ersten Vorfall hat sie dieses Mal nicht. Eine erneute Liquoranalyse ist unauffällig.

Die Diagnose der Ärzte vom Universitätskrankenhaus in britischen Birmingham lautet nun Migräne. Doch glücklicherweise fällt den Radiologen auf den neu angefertigten Bildern vom Kopf der Patientin etwas auf: Es gibt in der Hirnrinde der Patientin einige Stellen, die aussehen, als hätte sich dort ein Infarkt abgespielt. Nun schauen sie sich auch die alten Bilder erneut an und erkennen, dass ein Jahr zuvor lebensgefährliche Thrombosen im Kopf der Frau übersehen wurden.

BMJ Case Reports 2017

MRT-Bilder vom Kopf der Frau bei ihrem ersten Aufenthalt im Krankenhaus: Diese Aufnahmen beurteilen die zuständigen Radiologen dem Fallbericht zufolge zunächst als normal. Nachdem sie ein Jahr später Auffälligkeiten in der Hirnrinde finden, überprüfen sie auch diese älteren Bilder. Dabei entdecken sie, dass eine Thrombose (Pfeil) im venösen System des Gehirn steckt.

Wie sie im Fachmagazin "BMJ Case Reports" berichten, hatte die Patientin schon damals eine sogenannte Sinusthrombose. Dabei staut sich das Blut in den venösen Abflüssen zwischen den harten Hirnhäuten. In der Folge kann es zu Schlaganfällen, epileptischen Anfällen und einem gesteigerten Hirndruck kommen. Kopfschmerz ist zwar ein typisches Symptom. Da aber so viele unterschiedliche Kopfschmerzursachen existieren, wird eine Sinusthrombose oft erst spät erkannt.

Schwangere und Frauen unter 40 Jahren sind von der Erkrankung häufiger betroffen als Männer, aber insgesamt ist sie mit etwa drei bis vier Fällen pro eine Million Menschen selten. Sofort greifen die Ärzte wieder in die Blutgerinnung ein, zunächst mit Heparin, dann erneut mit Warfarin. Die Kopfschmerzen der Frau bessern sich.

Warum ein Vitamin weiterhilft

Im Blut finden die Mediziner den seltenen Grund für die seltene Erkrankung: Die Konzentration des sogenannten Homocysteins ist stark erhöht. Die natürlich vorkommende Aminosäure wird normalerweise von einem Enzym abgebaut und dann ausgeschieden. Zu viel Homocystein schadet den Gefäßen und fördert auf bisher nicht abschließend geklärte Weise die Entstehung von Arteriosklerose.

Bei der Patientin arbeitet das abbauende Enzym nicht richtig. Glücklicherweise gibt es dagegen eine Arznei, die ihr hilft: Sie heißt Vitamin B6 und ist notwendig, damit das Enzym arbeiten kann. Mit dem Medikament normalisieren sich ihre Homocysteinwerte wieder. Ihre Beschwerden nehmen ab, obgleich sie immer wieder so starke Kopfschmerzen hat, dass sie sich kaum noch bewegen kann.

Aber die Frau hat bei den folgenden, engmaschigen Kontrollen keine weiteren Thrombosen oder Durchblutungsstörungen mehr. Auf das Warfarin, das sie befürchtet hatte, lebenslang nehmen zu müssen, kann sie daher verzichten.

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insgesamt 26 Beiträge
nici_d 04.02.2017
1. Also nicht völlig aufgeklärt?
"Ihre Beschwerden nehmen ab, obgleich sie immer wieder so starke Kopfschmerzen hat, dass sie sich kaum noch bewegen kann." Das hört sich jetzt für mich nicht nach einer Lösung an.
"Ihre Beschwerden nehmen ab, obgleich sie immer wieder so starke Kopfschmerzen hat, dass sie sich kaum noch bewegen kann." Das hört sich jetzt für mich nicht nach einer Lösung an.
surgeon 04.02.2017
2. Wieder mal ein Beispiel für Pfusch !
Die Frau hätte auch tot sein können ! Jeder Patient ist so lange zu untersuchen, bis alles bis zum Ende klar ist ! Erst dann wird therapiert, vorher auf Verdacht und symptomatisch, aber zügig bis zum Ende ! Die tausenden Toten [...]
Die Frau hätte auch tot sein können ! Jeder Patient ist so lange zu untersuchen, bis alles bis zum Ende klar ist ! Erst dann wird therapiert, vorher auf Verdacht und symptomatisch, aber zügig bis zum Ende ! Die tausenden Toten jedes Jahr in Deutschland sind eine Folge von nicht ! korrekt angewandter Medizin ! Und da helfen auch keine Alternativen und Gurus, es gibt auch keine böse, sondern nur falsch angewendete Schulmedizin ! Dazu kommen noch die vielen Toten durch OP-Pfusch 1000e Chirurgen und Operateure, die diese Fachrichtung nie hätten ausüben dürfen, weil sie manuell ungeschickt sind, und viele das nur machen wegen des Ruhms und weil Papi oder Mami ja auch Ärzte waren !
der_unbekannte 04.02.2017
3. Sinusthrombose unentdeckt
Tut mir leid, da macht man MRT-Bilder und dann bleibt so etwas Folgenschweres unentdeckt. Ich kann da nur den Kopf schütteln. Aber aus meiner eigenen Erfahrung als Krebspatient vor vielen Jahren weiß ich dass CT/MRT Bilder oft [...]
Tut mir leid, da macht man MRT-Bilder und dann bleibt so etwas Folgenschweres unentdeckt. Ich kann da nur den Kopf schütteln. Aber aus meiner eigenen Erfahrung als Krebspatient vor vielen Jahren weiß ich dass CT/MRT Bilder oft nur überflogen werden, da wird schnell mal was übersehen, ausführliche Gespräche mit dem Patienten finden oft gar nicht statt. Ich möchte nicht wissen wie viele Tote oder Langzeitgeschädigte auf diese Weise "produziert" werden. Man muss aber sagen, dass die Ärzte nicht viel dafür können, es liegt an unserem neoliberalen "Krank"heitssytem, es wird gespart wo es nur geht.
gerd33 04.02.2017
4. Blinder Radiologe!
Der Kollege, der auf dem ersten MRT-Bild die Auffälligkeit nicht erkannt hat, scheint wohl blind gewesen zu sein. Dieser Befund springt selbst einem Nicht-Radiologen direkt ins Auge. Der Defekt im rechten lobus frontalis sowie [...]
Der Kollege, der auf dem ersten MRT-Bild die Auffälligkeit nicht erkannt hat, scheint wohl blind gewesen zu sein. Dieser Befund springt selbst einem Nicht-Radiologen direkt ins Auge. Der Defekt im rechten lobus frontalis sowie der KM-Abbruch im distalen sinus sagitt. sup. sind eindeutig und wären in D auch im Gerichtsverfahren wg. Behandlungsfehler für den befundenden Arzt sehr unangenehm.
syracusa 04.02.2017
5.
Das ist Unsinn. Die Medizin ist nicht die strenge Naturwissenschaft, für die Sie sie halten. Bei unklaren Sachverhalten gibt es oft keine andere Möglichkeit, als durch Versuch und Irrtum eine Therapie nach der anderen zu [...]
Zitat von surgeonDie Frau hätte auch tot sein können ! Jeder Patient ist so lange zu untersuchen, bis alles bis zum Ende klar ist ! Erst dann wird therapiert, vorher auf Verdacht und symptomatisch, aber zügig bis zum Ende ! Die tausenden Toten jedes Jahr in Deutschland sind eine Folge von nicht ! korrekt angewandter Medizin ! Und da helfen auch keine Alternativen und Gurus, es gibt auch keine böse, sondern nur falsch angewendete Schulmedizin ! Dazu kommen noch die vielen Toten durch OP-Pfusch 1000e Chirurgen und Operateure, die diese Fachrichtung nie hätten ausüben dürfen, weil sie manuell ungeschickt sind, und viele das nur machen wegen des Ruhms und weil Papi oder Mami ja auch Ärzte waren !
Das ist Unsinn. Die Medizin ist nicht die strenge Naturwissenschaft, für die Sie sie halten. Bei unklaren Sachverhalten gibt es oft keine andere Möglichkeit, als durch Versuch und Irrtum eine Therapie nach der anderen zu probieren.
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