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Gesundheit

Ein rätselhafter Patient

Der verlorene Tag

Eine Frau bekommt eine Blasenentzündung und eilt ins Krankenhaus. Plötzlich wird ihr schwindelig, sie hat Wortfindungsstörungen. Können die Symptome mit dem Harnwegsinfekt zusammenhängen?

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Sonntag, 19.02.2017   15:33 Uhr

Die 59-Jährige kennt das Spiel schon seit fast 40 Jahren. Sobald sie im Unterleib einen dumpfen Druck spürt, weiß sie, dass sie wieder eine Blasenentzündung bekommt. Jedes Mal tut sie dann zwei Dinge: Sie trinkt erstens viel Wasser, um die Bakterien aus der Blase herauszuspülen. Und zweitens lässt sie sich so schnell wie möglich vom Arzt Antibiotika verschreiben. "Andernfalls habe ich vier bis sechs Stunden später Blut im Urin und heftige Schmerzen", sagt die Frau.

Gemeinsam mit ihrem Mann fährt sie daher in die Notaufnahme des King's College Hospital in London. Nach der Beschreibung ihrer Symptome halten die Ärzte einen Teststreifen in den Urin der Frau, bestätigen einen Harnwegsinfekt und verordnen Schmerzmittel und Antibiotika, wie sie im "BMJ Case Reports" berichten.

Als die Patientin aufstehen will um nach Hause zu gehen, muss sie sich am Arm ihres Partners festhalten, damit sie nicht hinfällt. Ihr ist schwindelig. Sie wankt zur Toilette, wo sie sich erbricht. "Das ist das Letzte, woran ich mich an diesem Tag genau erinnern kann", sagt sie.

Alles, was folgt, hat sie nur verschwommen und bruchstückhaft im Gedächtnis. Etwa dass die Ärzte ihr Fragen stellen und sie diese zwar versteht, aber nicht beantworten kann. Dass sie sieht, wie ihre Hände zittern, sie aber keine Kontrolle darüber hat. Und dass ihr ganzer Körper bebt. Sie spricht wirr, hat Wortfindungsstörungen.

Plötzlich ein Notfall

Aus der Patientin mit einem unkomplizierten Harnwegsinfekt ist innerhalb von Minuten ein Notfall geworden. Die Ärzte kontrollieren sofort Blutdruck, Herzfrequenz und Blutzucker. Alles ist normal, auch das EKG. Die Frau hat kein Fieber, auch ihr Bewusstsein ist nicht getrübt. Aber sie kann sich nicht auf die Fragen der Ärzte konzentrieren, und ihr fehlen für die einfachsten Dinge die Wörter. Ein anderes neurologisches Defizit, wie etwa eine halbseitige Lähmung, hat sie aber nicht.

Trotzdem befürchten die Ärzte einen Schlaganfall, auch die Frau selbst. Dreimal nuschelt sie, "ich werde jetzt zu meiner Mutter...". Diese hatte 18 Monate zuvor einen schweren Schlaganfall erlitten. Doch die Computertomografie-Bilder vom Kopf der Patientin sind unauffällig, eine Hirnblutung oder ein Ödem hat sie nicht.

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Allerdings offenbaren die Blutanalysen ein Problem: Die Natriumkonzentration ist mit 123 Millimol pro Liter viel zu niedrig - normalerweise liegt sie bei mindestens 135 Millimol pro Liter. Der gemessene Wert ist lebensbedrohlich, er bringt den im Körper fein regulierten Elektrolythaushalt aus dem Gleichgewicht. Ist zu wenig Natrium im Blut, drohen epileptische Anfälle und ein Hirnödem bis hin zum Koma.

Die Ärztinnen Laura Lee und Maryann Noronha schreiben in ihrem Fallbericht, dass eine Sterblichkeit von knapp 30 Prozent dokumentiert wurde bei Patienten, die in Rettungsstellen mit Natriumwerten unter 125 Millimol pro Liter behandelt wurden.

Warum so wenig Natrium?

Ursachen für diese sogenannte Hyponatriämie können Medikamente sein, eine Unterfunktion der Schilddrüse oder ein Mangel an Steroidhormonen aus der Nebennierenrinde. Aber die Blutwerte für diese Parameter sind bei der Patientin normal, und ihr Partner berichtet, dass sie mit Ausnahme der wiederkehrenden Harnwegsinfekte immer gesund gewesen sei und keine Medikamente nehme.

Vor der Ankunft im Krankenhaus habe sie aber wegen der Blasenentzündung mehrere Liter Flüssigkeit zu sich genommen und auch in der Klinik immer weiter getrunken, so ihr Mann. Einen halben Liter pro Stunde habe ein Arzt ihr irgendwann einmal geraten, aber er glaube, sie habe mehr getrunken.

EIN RÄTSELHAFTER PATIENT - BILDERQUIZ

Ein Natriummangel im Blut tritt häufig dann auf, wenn auch das Blutvolumen reduziert ist, etwa bei starken Durchfällen oder Erbrechen. Weil die Patientin so viel getrunken hat, ist das bei ihr nicht der Fall, ihr Blutvolumen ist normal. Die Ärzte gehen stattdessen davon aus, dass die großen Flüssigkeitsmengen das Blut verdünnt und damit auch die Natriumkonzentration stark reduziert haben.

Wie viel ist viel?

Dieses Missverhältnis darf nicht zu schnell korrigiert werden, weil das zu Störungen im Hirnstamm mit Bewusstseinsveränderungen bis hin zum Koma führen kann. Aus diesem Grund entscheiden sich die Ärzte für eine simple Maßnahme: Sie lassen die Frau in den folgenden 24 Stunden lediglich einen Liter Flüssigkeit zu sich nehmen. Der Erfolg stellt sich rasch ein: Schon am nächsten Morgen geht es ihr besser und ihr Natriumspiegel hat sich wieder normalisiert.

Die Patientin ist offenbar in gute Hände geraten, denn ihre Symptome treten keineswegs ausschließlich bei einem Natriummangel auf. Daher übersehen manche Ärzte die Gefahr, die auch dadurch lebensbedrohlich wird, dass ein Natriummangel oft sehr schnell auftritt.

In ihrem Fallbericht stellen die Mediziner in Frage, was vermeintlich gute, ärztliche Ratschläge - in diesem Fall "viel trinken" - auslösen können. Denn wie viel dabei "viel" sein soll, haben Studien bislang nicht abschließend beantwortet. Eine Cochrane-Analyse hat zudem beispielsweise bei akuten Atemwegsinfekten weder einen Vor- noch einen Nachteil darin gefunden, viel zu trinken.

Die Patientin selbst schreibt: "Die Ärztin Laura Lee hat mir mit dem Fallbericht geholfen, die Konsequenzen meiner Handlungen in einer für mich nicht ungewöhnlichen Situation besser zu verstehen. Und sie gibt mir Einblick in einen verlorenen Tag."

insgesamt 7 Beiträge
willibaldus 19.02.2017
1.
Die Gefahren des Dihydrogeniumoxids...
Die Gefahren des Dihydrogeniumoxids...
Spiegelleserin57 19.02.2017
2. diese Folgen sind aber nicht selten...
und auf jeden Fall medizinischem Pesonal bekannt! Auch wird immer wieder daraufhin gewiesen dass zu viel trinken auch schaden kann.
und auf jeden Fall medizinischem Pesonal bekannt! Auch wird immer wieder daraufhin gewiesen dass zu viel trinken auch schaden kann.
gratiola 19.02.2017
3. Na, dass ist schon ein wenig
aufgetragen. Selbstverständlich sind zu niedrige Natriumwerte im Intravasalraum nicht gut und können Probleme in der zentralen Regulation machen. Allerdings geht es auch noch mit Werten unter 120 mmol/ l "ganz gut". [...]
aufgetragen. Selbstverständlich sind zu niedrige Natriumwerte im Intravasalraum nicht gut und können Probleme in der zentralen Regulation machen. Allerdings geht es auch noch mit Werten unter 120 mmol/ l "ganz gut". Ist bei den alten Herrschaften bei den ewig unkontrollierten Einnahmen von kaliumsparenden Diuretika plus etc. Schon gelegentlich feststellbar und deshalb auch nicht so ungewöhnlich. Sieht man immer mal wieder. Das allerdings hier durch viel trinken, natriumarmes Wasser(??), der Akuteffekt auftritt habe ich so in über 30 Jahren Praxis nicht gesehen. Vielleicht hat die Patienten ja literweise destilliertes Wasser getrunken, dann kann das so wie beschrieben passen.
Strangelove 19.02.2017
4.
Nein das ist Dihydrogenmonoxid (DHMO), eine der gefährlichsten Chemikalien überhaupt. Sie verursacht weltweit hunderttausende Todesfälle im Jahr. Da hat die Frau also viel Glück gehabt.
Zitat von willibaldusDie Gefahren des Dihydrogeniumoxids...
Nein das ist Dihydrogenmonoxid (DHMO), eine der gefährlichsten Chemikalien überhaupt. Sie verursacht weltweit hunderttausende Todesfälle im Jahr. Da hat die Frau also viel Glück gehabt.
permissiveactionlink 19.02.2017
5. #4, strangelove
Ja, schrecklich gefährlich, in der Tat ! Man kann in diesem Lösungsmittel ertrinken, in ihm er- oder sogar einfrieren, von ihm erschlagen werden, wenn man aus großer Höhe drauffällt, und qualvoll sterben, wenn man es nicht [...]
Ja, schrecklich gefährlich, in der Tat ! Man kann in diesem Lösungsmittel ertrinken, in ihm er- oder sogar einfrieren, von ihm erschlagen werden, wenn man aus großer Höhe drauffällt, und qualvoll sterben, wenn man es nicht dem Körper regelmäßig nachführt. Das aber nur, wenn ganz wenige Salze gelöst sind ! Manche Leute gewinnen aus ihm gefährliche Stoffe für Kernkraftwerke und Wasserstoffbomben ! Und in seltenen Fällen werden Menschen auch von Fußballgroßen, gefrorenen DHMO-Kristallen erschlagen, die aus dem Himmel fallen ! Aber auch Dihydrogendioxid ist nicht ohne. Damit lassen sich nicht nur Schwimmbäder entkeimen und Brünette blondieren, sondern auch gefährliche Sprengstoffe herstellen (TATP) sofern man ein bißchen Nagellackentferner zur Hand hat. C2H5OH hat all diese Nachteile nicht, ist dafür aber brennbar.
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