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Gesundheit

Nebenwirkungen der Antibabypille

Lebenslust-Verlust

Die Pille ist ein sicheres und effektives Verhütungsmittel - aber nicht frei von Nebenwirkungen. Forscher haben jetzt genauer untersucht, wie sie das Wohlbefinden beeinflusst.

Getty Images
Donnerstag, 20.04.2017   16:13 Uhr

Weltweit verhüten mehr als hundert Millionen Frauen mit der Antibabypille, allein in Deutschland greifen zwischen sechs und sieben Millionen auf das hormonelle Verhütungsmittel zurück. Doch nicht jede Frau verträgt die Pille gut, denn die Hormone können Nebenwirkungen mit sich bringen.

Am gefährlichsten ist, dass sie das Thromboserisiko erhöht. Doch die Pille kann auch die Psyche beeinflussen.

Vergangenes Jahr etwa berichteten Frauen unter dem Hashtag #MyPillStory über ihre negativen Erfahrungen. Allerdings lässt sich bei solchen Berichten kaum ergründen, ob die Pille tatsächlich die geschilderten Probleme verursacht hat.

Das Thema ist jedoch wichtig. Denn obwohl verschiedene Pillen-Typen schon seit Jahrzehnten auf dem Markt sind, gibt es noch offene Fragen dazu, inwieweit sie möglicherweise Depressionen fördern oder das allgemeine Wohlbefinden beeinträchtigen.

Mithilfe von 340 Probandinnen ist ein internationales Forscherteam diesen beiden Fragen nachgegangen. Die Frauen waren zwischen 18 und 35 Jahren alt, gesund, rauchten nicht und verhüteten in den Wochen vorm Studienstart nicht hormonell, berichten die Wissenschaftler im Fachblatt "Fertility and Sterility".

Die Teilnehmerinnen erhielten an der Uniklinik des Karolinska-Instituts im schwedischen Stockholm entweder eine Pille mit den Hormonen Levonorgestrel und Ethinylestradiol - also eine Pille der 2. Generation - oder ein wirkstofffreies Placebo. Weder die Teilnehmerinnen selbst noch die Ärzte wussten, wer welches Präparat bekam. Allen Frauen wurde deshalb empfohlen, während der dreimonatigen Studie mit anderen Methoden zu verhüten; Kondome bekamen sie gratis.

Zu Beginn und Ende der Studie wurde das Wohlbefinden der Frauen mit einem bekannten psychologischen Fragebogen ermittelt. Ein zweiter Fragebogen diente dazu, mögliche depressive Symptome zu messen.

Weniger Schwung und Energie

Am Studienende, also nach knapp drei Monaten Pillen-Einnahme, war das Wohlbefinden der Frauen, die die Pille erhalten hatten, klar niedriger als in der Placebogruppe. Unter anderem fühlten sie sich weniger schwungvoll und energiegeladen und meinten, ihr Verhalten und ihre Emotionen weniger im Griff zu haben.

Die Wissenschaftler stufen die gemessenen Unterschiede als klein bis mittelgroß ein. Sie gehen davon aus, dass sie in dieser Größenordnung für die einzelne Frau spürbar sind. Dies könne eine mögliche Erklärung dafür sein, dass doch relativ viele Frauen die Pille absetzen, schreiben sie.

Bei den depressiven Symptomen zeigte sich kein Unterschied zwischen den Gruppen.

Weil für die Studie eine Pille der 2. Generation ausgewählt wurde, kann sie nichts über neuere Präparate aussagen. Die Forscher wählten das Mittel, weil diese Pillen in Schweden als erstes empfohlen werden - wegen des im Vergleich zu neueren Pillen geringeren Thromboserisikos. 2015 kritisierte die Techniker Krankenkasse, dass in Deutschland zu häufig Pillen der 3. und 4. Generation verordnet werden.

wbr

insgesamt 42 Beiträge
chestbaer 20.04.2017
1. Interessant, aber...
viele Fragen bleiben unbeantwortet: haben die Frauen gemerkt, ob sie Verum oder Placebo hatten, also war die Studie wirklich hinreichend verblindet (ansonsten können hier sicherlich Effekte sozialer Erwünschtheit reinspielen)? [...]
viele Fragen bleiben unbeantwortet: haben die Frauen gemerkt, ob sie Verum oder Placebo hatten, also war die Studie wirklich hinreichend verblindet (ansonsten können hier sicherlich Effekte sozialer Erwünschtheit reinspielen)? Sind drei Monate tatsächlich ein ausreichender Studienzeitraum? Es erscheint plausibel, dass insbesondere eine Umstellung im Hormonhaushalt zunächst mal aversive Effekte bewirkt, die danach (6 Monate+) verschwinden. Zu welchem Zeitpunkt um Zyklus wurde der Fragebogen am Ende ausgefüllt? Ist das konsistent mit vorherigen Studien (eine kurze pubmed Suche ergibt, dass die meisten Frauen im Gegenteil weniger Stimmungsschwankungen und Menstruationsprobleme bei Einnahme der Pille haben, aber ein Anteil damit eben nicht zurecht kommt, und sie dann absetzt). Grundsätzlich aber ein großer Fortschritt im Vergleich zur #MyPillStory "Panik" letztes Jahr...
alsterherr 20.04.2017
2.
Wunderbar sachlicher und fundierter Kommentar mit Fachwissen und der richtigen Portion Kritik und Verbesserungen ... DANKE dafür! bite mehr davon! :)
Zitat von chestbaerviele Fragen bleiben unbeantwortet: haben die Frauen gemerkt, ob sie Verum oder Placebo hatten, also war die Studie wirklich hinreichend verblindet (ansonsten können hier sicherlich Effekte sozialer Erwünschtheit reinspielen)? Sind drei Monate tatsächlich ein ausreichender Studienzeitraum? Es erscheint plausibel, dass insbesondere eine Umstellung im Hormonhaushalt zunächst mal aversive Effekte bewirkt, die danach (6 Monate+) verschwinden. Zu welchem Zeitpunkt um Zyklus wurde der Fragebogen am Ende ausgefüllt? Ist das konsistent mit vorherigen Studien (eine kurze pubmed Suche ergibt, dass die meisten Frauen im Gegenteil weniger Stimmungsschwankungen und Menstruationsprobleme bei Einnahme der Pille haben, aber ein Anteil damit eben nicht zurecht kommt, und sie dann absetzt). Grundsätzlich aber ein großer Fortschritt im Vergleich zur #MyPillStory "Panik" letztes Jahr...
Wunderbar sachlicher und fundierter Kommentar mit Fachwissen und der richtigen Portion Kritik und Verbesserungen ... DANKE dafür! bite mehr davon! :)
forenuser 20.04.2017
3.
Mir stellt sich ja die nFrage wie man mit einem Placebo die koerperlichen Auswirkungen der Pille erreichen kann. Also muessten doch die Frauen irgendwann herausfinden ob sie die Pille oder ein Placebo erhalten.
Mir stellt sich ja die nFrage wie man mit einem Placebo die koerperlichen Auswirkungen der Pille erreichen kann. Also muessten doch die Frauen irgendwann herausfinden ob sie die Pille oder ein Placebo erhalten.
zzipfel 20.04.2017
4. Was ich nicht verstehe ist ...
... weshalb keine Kondome verwendet werden anstelle irgendwelcher schwerwiegender Medikamente (die zT. sogar von der Krankenkasse bezahlt werden - Schwangerschaft als "Krankheit" die es zu verhindern gilt ?) Mit der [...]
... weshalb keine Kondome verwendet werden anstelle irgendwelcher schwerwiegender Medikamente (die zT. sogar von der Krankenkasse bezahlt werden - Schwangerschaft als "Krankheit" die es zu verhindern gilt ?) Mit der Pille werden weder AIDS-Infektionen noch andere Geschlechtskrankheiten eingedämmt. Was soll das? Der einzige sinnvolle Grund, auf Kondome zu verzichten kann doch nur die gewollte Schwangerschaft sein?! Aber so können Pharmavertriebe doppelt verdienen: mit der Pille und mit den noch kostspieligeren Medikamenten zur Eindämmung von Infektionskrankheiten.
Hajojunge 20.04.2017
5. Es gibt nicht nur die Pille
Es ist mittlerweise eine gesicherte Erkenntnis, dass die langjährige Einnahme der Pille zu einem dauernden Lustverlust führen kann. Es gibt aber auch andere Kontrazeptiva, wie z.B. die in den Uterus eingesetzten Spiralen. Diese [...]
Es ist mittlerweise eine gesicherte Erkenntnis, dass die langjährige Einnahme der Pille zu einem dauernden Lustverlust führen kann. Es gibt aber auch andere Kontrazeptiva, wie z.B. die in den Uterus eingesetzten Spiralen. Diese sind mit Hormonen imprägniert, die nach und nach abgegeben werden. Es ist anzunehmen, dass sie ähnlich denen der Pille sind. Gibt es da Erfahrungen?

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