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Gesundheit

Klinikprogramm

Was kranken Kindern die Angst nimmt

Ein Programm zur Angst- und Schmerzprophylaxe erleichtert Kindern in Bremen den Klinikaufenthalt. Der Hauptakteur: die Kobold-Puppe Schnobbl. Sie begleitet die kleinen Patienten und lenkt sie ab.

Bremer St. Joseph-Stift
Von
Mittwoch, 03.05.2017   14:49 Uhr

Lange, kahle Flure, gestärkte Arztkittel, Spritzen und überall der Geruch nach Sterilisationsmittel: Kinder empfinden einen Krankenhausaufenthalt noch stärker als Ausnahmezustand als Erwachsene. Und nicht nur die Kinder leiden, sondern auch die Eltern sorgen sich, was wiederum auf die Kinder abfärben kann.

Raimund Ehrentraut, seit 1988 Krankenpfleger am Bremer St. Joseph-Stift, beobachtete in seinen Berufsjahren immer wieder, wie schwierig es für die kleinen Patienten war und wie viel Angst sie spürten. Ließ sich der Aufenthalt in einem Erwachsenenkrankenhaus nicht kindgerechter gestalten?

Ehrentrauts Antwort darauf heißt Schnobbl. Die koboldartige Plüschpuppe mit dem weichen Körper und dem lächelnden Gesicht begleitet die Kinder in Bremen jetzt vor, während und nach ihrem Klinikaufenthalt. Bereits vor der OP, beim Aufnahmegespräch, wird vom Schnobbl erzählt und eine Audio-CD mit Musik und einer Hörspielerzählung überreicht. Zwei Tage bevor die Kinder in die Klinik kommen, sollen sie die CD mit ihren Eltern hören und die Schnobbl-Erzählung lesen. So erfahren sie, dass der Schnobbl im Krankenhaus auf sie aufpassen wird. Der Aufenthalt im Krankenhaus soll so spannend und interessant werden - und nicht traumatisch.

Humor, Entspannung, Beruhigung

Die Idee kam dem Pfleger, als er auf eine US-Studie stieß, die den Zusammenhang von Angst und Schmerzen bei Kindern beleuchtete. Die Untersuchung hatte ergeben, dass bestimmte Imaginations- und Entspannungsverfahren Schmerzen nach Operationen bei Kindern lindern konnten. Das müsste doch auch in Bremen möglich sein, dachte sich Ehrentraut - und damit war der Ausgangspunkte für das sogenannte Dolores-Konzept geboren, dessen Hauptakteur Schnobbl ist.

In dem Projekt sollen Gefühle wie Humor, Fröhlichkeit und Beruhigung gefördert werden, um das Kind und seine Gesundheit zu stärken. Den Namen Dolores wählten Ehrentraut und ein befreundeter Psychologe, weil das lateinische Wort dolor Schmerz bedeutet und res für resistance steht, also Widerstand. "Es geht darum, von Angst und Hilflosigkeit weg und hin zu mehr Optimismus, Lebensfreude, Neugier und Wohlbefinden im Krankenhaus zu gelangen", so Ehrentraut.

Schnobbl-Pflaster und vertraute Musik

In der Klinik stoßen die Kinder auf weitere Schnobbl-Spuren. Da der Kobold so schnell sei, hinterlasse er nur Sterne an der Wand. Diese kleben tatsächlich in Augenhöhe der Kinder in der Klinik. Es gibt Bilder an den Wänden, ein Schnobbl-Pflaster, das nach dem Blutabnehmen aufgeklebt wird, oder eben die Schnobbl-Puppe, die am Abend vor der OP im Bett liegt. Danach, im Aufwachraum, werden dem Kind die vertrauten Lieder von der CD bei gedämpftem, warmem Farblicht leise vorgespielt.

Idealerweise entsteht ein Gefühl von Geborgenheit. Die schwedische Bindungsforscherin Kerstin Üvnas-Moberg hat untersucht, wie Geborgenheit, das Kuschelhormon Oxytocin und Gesundheit miteinander zusammenhängen. Ein Ergebnis: Durch Geborgenheitsgefühle, Nähe und Körperkontakt steigen die Chancen auf medizinische Heilung und das Stress-Niveau sinkt. Gleichermaßen verbessern sich die Chancen, dass Schmerz und Angst in geringerem Ausmaß empfunden werden und Entspannung und Zuversicht durch das Hormon Oxytocin zunehmen. Zu diesen "Kuschelbedingungen" soll der Schnobbl beitragen, denn die Ausschüttung des Hormons lässt sich Moberg zufolge durch psychologische Interventionen und positive soziale Interaktion steigern.

Kindliche Resilienz wird gestärkt

Durch Schnobbl wird die fremde Umgebung des Krankenhauses für die Kinder vertrauter. Die HNO-Station des Bremer St. Joseph-Stifts, wo besonders viele Kinder behandelt werden, wurde kurzerhand in Schnobbl-Station umbenannt.

Die Angst- und Schmerzprophylaxe stärkt die kindliche Resilienz, also das Vermögen, mit belastenden Situationen so umzugehen, dass schnell wieder der Normalzustand erzielt wird. Die Kinder erleben sich als selbstwirksam und können die Situation mit Schnobbl gestalten. Um die Episode Krankenhaus positiv abzuschließen, bekommen sie eine Schnobbl-Urkunde mit nach Hause, so dass das Krankenhaus in guter Erinnerung bleibt.

Im September 2009 wurde das Konzept erstmals in Bremen umgesetzt. Zwei Jahre später gab es für Schnobbl und das Dolores-Konzept bereits den renommierten Pulsus-Gesundheitspreis. Mittlerweile haben weitere Kliniken die Prävention übernommen.

Strohhalm für Eltern

Auch Sven Bartels, Chefarzt von der HNO-Klinik in Flensburg, hat das Konzept bei sich eingeführt: "Zunächst war ich skeptisch", sagt er. "Man muss sich auf die ganze Geschichte einlassen, empathiefähig sein und schauspielerische Fähigkeiten haben." Mittlerweile ist er überzeugt, dass Ehrentraut der Menschheit einen "Freundschaftsdienst" geleistet habe. "Dolores ist ein Konzept, das das Umfeld des Kindes in Watte packt", so Bartels. "Auch die Eltern sind vor einem Klinikaufenthalt sehr aufgeregt und bekommen durch das Konzept einen Strohhalm."

Eine kindgerechte Krankenhausumgebung ist auch das Anliegen des Aktionsbündnis Kind im Krankenhaus (AKIK). Die unabhängige Einrichtung meint: "Den kranken Kindern die Angst zu nehmen, ist die erste Maßnahme, um Vertrauen in die Behandlung und das medizinische Personal zu gewinnen", sagt AKIK-Bundesvorsitzende Sabrina Burschel. "Das Dolores-Konzept bietet die Möglichkeit einer altersgerechten Aufklärung."

Die Einnahmen aus der Schnobbl-Idee spendet Ehrentraut allesamt an Kinderhilfsprojekte, jüngst überwies er Schnobbl-Gelder an ein Bildungsprojekt für Kinder in Bangladesch.

Unabhängig von Dolores gibt es zahlreiche psychologische Aspekte, die das Personal in Kliniken berücksichtigen kann, um Kinder zu unterstützen. Die kindliche Resilienz wird etwa gestärkt, wenn auf Gefühle ehrlich eingegangen wird und Ängste akzeptiert werden. Hilfreich für Kinder ist es Experten zufolge, wenn die Neugier angesprochen und medizinische Instrumente beim Spiel erklärt werden. Ansätze dazu werden in einigen Krankenhäusern umgesetzt, indem beispielsweise Teddys mit Medizinstudenten verarztet oder ein Playmobilkrankenhaus zum Spiel bereit steht.

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