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Gesundheit

Kuriose These

Warum Männer mehr Straftaten verüben als Frauen

Deutlich mehr Männer als Frauen müssen sich vor Gericht verantworten. Woran liegt das? Kriminologen präsentieren eine These, die ans Herz geht.

Getty Images

Frau in Handschellen

Freitag, 02.06.2017   13:44 Uhr

Egal ob es um Diebstahl, Körperverletzung oder Rauschgiftdelikte geht: Männer werden bei all diesen Straftaten deutlich häufiger auffällig als Frauen. Und das ist nicht nur in Deutschland so.

Wie erklärt sich dieser Unterschied?

Sicher gibt es viele Faktoren, die beeinflussen, ob jemand kriminell wird oder nicht - und es gibt zahlreiche Theorien dazu, welche davon eine wie große Rolle spielen.

Forscher der University of Pennsylvania präsentieren im Fachblatt "Criminology" eine verblüffende These, die auf einen biologischen Unterschied eingeht: Zumindest einen Teil der verschiedenen Verbrechensraten könne der Ruhepuls erklären, schreibt das Team um Olivia Choy. Männer haben im Schnitt einen niedrigeren Ruhepuls als Frauen, ihr Herz schlägt also langsamer, wenn sie sich nicht belasten.

Die Suche nach dem Kick

Die Idee dahinter: Menschen mit einem niedrigen Ruhepuls suchen eher nach Aufregung, um ihr Herz auch mal in Wallung zu bringen. Das können natürlich ganz legale Abenteuer sein - vom Fallschirmspringen bis zur Ski-Abfahrt. Aber es könnte eben auch der Kick des Verbotenen sein. Wer einen niedrigen Ruhepuls hat, sei zudem eher furchtlos, berichten Choy und Kollegen mit Bezug auf frühere Untersuchungen. Auch das ist für sie ein Argument, Ruhepuls und Straftat zu verknüpfen.

Die Forscher werteten Daten von 894 jungen Erwachsenen auf Mauritius aus, die seit ihrer Kindheit an einer Langzeitstudie teilnahmen. Deshalb war bekannt, welchen Ruhepuls sie im Alter von 11 Jahren hatten. Im Alter von 23 Jahren wurden die Teilnehmer gefragt, ob sie schon eine Straftat begangen hatten. Auch kleinere Vergehen - etwa Schwarzfahren - wurden abgefragt. Dies wurde mit Informationen der Bezirksgerichte abgeglichen.

Wenig überraschend war, dass sich der Ruhepuls im Alter von elf Jahren unterschied: Er lag bei den Jungen im Schnitt bei 88 Schlägen in der Minute, bei den Mädchen waren es 98. Rund 47 Prozent der Männer und 11 Prozent der Frauen gaben an, schon mal etwas angestellt zu haben. Die Gerichte wiederum hatten Unterlagen zu 16 Prozent der Männer, aber nur zu einem Prozent der Frauen.

Die Teilnehmer, die sich nichts hatten zuschulden kommen lassen, hatten mit 11 Jahren im Schnitt einen Ruhepuls von 95 - bei den anderen lag er mit 88 im Durchschnitt niedriger.

Laut den Berechnungen der Forscher könnte die Differenz im Ruhepuls zwischen 5 und 17 Prozent des beobachteten Unterschieds erklären.

Allerdings zeigt die Studie nur, dass Puls und Verbrechensrate statistisch miteinander verknüpft sind. Dies muss nicht zwingend bedeuten, dass eine niedrige Herzrate Menschen eher zu Straftätern werden lässt. Ebenso wäre es möglich, dass andere Faktoren, die die Forscher möglicherweise übersehen haben, den Zusammenhang erklären.

Und da sie den Ruhepuls ohnehin nur als ein Puzzlestück betrachten, bleiben weiterhin alle anderen möglichen Ursachen im Rennen.

wbr

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