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Gesundheit

Ein rätselhafter Patient

Zahn los

Nachdem sich ein Rentner einen Zahn ziehen ließ, bekommt er Bauchschmerzen. Zwei Wochen später operieren Chirurgen ihn mit Verdacht auf Blinddarmentzündung - und sind überrascht von der Ursache.

Getty Images

Gebiss-Untersuchung

Von
Sonntag, 18.06.2017   18:18 Uhr

Ein 67-Jähriger muss sich einen Zahn ziehen lassen. Als er den Eingriff hinter sich hat, geht es ihm von Tag zu Tag schlechter. Er ist appetitlos, hat Bauchschmerzen und nimmt kaum noch Nahrung zu sich. Elf Tage hält er das aus, dann sucht er Hilfe in der Notaufnahme eines Krankenhauses im australischen Cairns.

Als die Ärzte den Mann untersuchen, macht er einen stabilen Eindruck auf sie. Er hat weder Fieber noch Durchfall, muss sich nicht erbrechen, und sein Blutdruck und die Herzfrequenz liegen im normalen Bereich. Allerdings können die Mediziner in seinem rechten Unterbauch einen Knoten tasten, der dort nicht hingehört. Auch hat der Mann eine gewisse Abwehrspannung der Bauchdecke bei der Untersuchung.

Appetitlosigkeit, Bauchschmerzen, Abwehrspannung im rechten Unterbauch - das sind die typischen Symptome für eine Blinddarmentzündung. Ungewöhnlich ist, dass die Zahl der weißen Blutkörperchen in seinem Blut normal ist und das Entzündungsprotein CRP nur leicht erhöht. Aber diese Werte schließen eine Blinddarmentzündung auch nicht völlig aus.

Abwarten und beobachten

Die Ärzte lassen computertomografische Bilder von seinem Bauch machen, wie sie im "Anz Journal of Surgery" berichten. Darauf entdecken die Radiologen, dass die Wand des Blinddarms und des Wurmfortsatzes verdickt und verkalkt ist. Außerdem erkennen sie dort eine kleine Struktur, die sie als verkalkten Kotstein beschreiben.

Weil der Patient schon seit elf Tagen Beschwerden hat, wollen die Ärzte zunächst abwarten und beobachten. Ein akuter Handlungsbedarf besteht in ihren Augen nicht.

Allerdings verbessert sich der Zustand des Mannes kaum, es geht ihm weiterhin schlecht. Drei Tage später entscheiden sich die Chirurgen daher zu einer Operation.

Mit einem Endoskop wollen sie den sogenannten Wurmfortsatz, ein Anhängsel am Blinddarm, entfernen. Weil sie aber Schwierigkeiten haben, diesen zu finden, müssen sie den Eingriff mit einem größeren Bauchschnitt erweitern. Sie entfernen nun den Blinddarm samt Wurmfortsatz und nähen den Bauch des Mannes wieder zu.

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Das entnommene Gewebe schicken sie zur pathologischen Untersuchung. Tatsächlich ist das Darmstück akut entzündet und eitrig. Erstaunlich ist aber vor allem die Ursache: ein kariöser Zahn. Der hatte die Öffnung des Wurmfortsatzes verstopft und so zu einer lokalen Entzündung geführt. Was die Radiologen für verkalkten Kot gehalten hatten, war stattdessen der Zahn.

Einfach verschwunden

Als die Ärzte den Mann aufklären, erzählt er sofort von dem Zahn. Er hatte ihn einige Wochen vor dem geplanten Eingriff beim Zahnarzt verloren - bei dem ihm ein anderer Zahn gezogen worden war.

Wo der verlorene Zahn geblieben war, wusste der Mann allerdings nicht - und hatte sich offenbar auch keine Gedanken darüber gemacht. Dass es einen Zusammenhang zwischen seinen Bauchschmerzen und dem ausgefallenen Zahn geben könnte, hätte er nie vermutet.

Verschlucken Erwachsene einen Fremdkörper, kommt es vor allem auf Form und Material an, was passiert. Insbesondere spitze Gegenstände können schon in der Speiseröhre, aber auch im restlichen Magen-Darm-System schwere Verletzungen auslösen. Die meisten Fremdkörper werden aber, schreiben die Autoren in ihrem Fallbericht, nach durchschnittlich vier bis sechs Tagen wieder ausgeschieden. Dass sich Objekte wie ein Zahn in einem Wurmfortsatz festsetzen, passiert immerhin bei einem von 20.000 Menschen mit Blinddarmentzündung.

Für Kinder sind Fremdkörper auch deshalb gefährlich, weil sie oft noch kleinere Gegenstände in den Mund stecken und diese dann in die Luftröhre und die Lunge geraten und dort schwere Atemnot auslösen können.

Der Mann erholt sich problemlos von der Operation und kann bald wieder ungestört essen. Fünf Tage nach dem Eingriff geht er gesund nach Hause.

Ein rätselhafter Patient - das Bilderquiz

insgesamt 8 Beiträge
noalk 18.06.2017
1. Kirschkerne
Ich kann mich noch an Warnzngen wie diese erinnern, wenn wir als Kinder Kirschen (ich weiß ... Steinobst) aßen: "Verschluckt keine Kerne! Die können Blinddarmentzündung verursachen."
Ich kann mich noch an Warnzngen wie diese erinnern, wenn wir als Kinder Kirschen (ich weiß ... Steinobst) aßen: "Verschluckt keine Kerne! Die können Blinddarmentzündung verursachen."
joseferl 18.06.2017
2. Endoskopische Operation?
Bitte korrigieren: "Mit einem Endoskop..." ist vermutlich nicht richtig. Sie meinen sicher laparoskopisch und nicht endoskopisch. Und die übliche OP-Technik bei einer erweiterten OP wäre eher eine Ileocoecalresektion. [...]
Bitte korrigieren: "Mit einem Endoskop..." ist vermutlich nicht richtig. Sie meinen sicher laparoskopisch und nicht endoskopisch. Und die übliche OP-Technik bei einer erweiterten OP wäre eher eine Ileocoecalresektion. Eine reine Resektion des Blinddarms mit Wurmfortsatz ist technisch aufgrund der Nähe der Bauhinschen Klappe nicht möglich. Außerdem finde ich folgenden Satz extrem unglücklich: "Weil der Patient schon seit elf Tagen Beschwerden hat, wollen die Ärzte zunächst abwarten und beobachten. ". Nein. Nicht weil er schon so lange leidet soll er noch länger leiden. Sondern weil trotz der langen Vorgeschichte die Laborwerte so unauffällig sind, wird eher mal abgewartet. Weil damit zu vermuten ist, dass die Entzündungsreaktion eventuell doch nicht so stark ist.
CancunMM 18.06.2017
3.
Abwehrspannung und kein Anlass zu operieren ? Mutig! Und haben präoperativ ein CT und finden den Appendix nicht ? hm.
Abwehrspannung und kein Anlass zu operieren ? Mutig! Und haben präoperativ ein CT und finden den Appendix nicht ? hm.
Antalyaner 19.06.2017
4.
"Das entnommene Gewebe schicken sie zur pathologischen Untersuchung. Tatsächlich ist das Darmstück akut entzündet und eitrig." Das Gewebe ist also AKUT entzündet und eitrig, macht aber kaum Beschwerden und die [...]
"Das entnommene Gewebe schicken sie zur pathologischen Untersuchung. Tatsächlich ist das Darmstück akut entzündet und eitrig." Das Gewebe ist also AKUT entzündet und eitrig, macht aber kaum Beschwerden und die Laborwerte sind auch normal ? Ziemlich seltsam. Aber nun ja, in der Medizin gibt es anscheinend wohl nichts, was es nicht gibt.
cindy2009 19.06.2017
5. Titel
Wie heißt nochmal der Titel des Artikels, bzw. der Serie? ;-)
Zitat von Antalyaner"Das entnommene Gewebe schicken sie zur pathologischen Untersuchung. Tatsächlich ist das Darmstück akut entzündet und eitrig." Das Gewebe ist also AKUT entzündet und eitrig, macht aber kaum Beschwerden und die Laborwerte sind auch normal ? Ziemlich seltsam. Aber nun ja, in der Medizin gibt es anscheinend wohl nichts, was es nicht gibt.
Wie heißt nochmal der Titel des Artikels, bzw. der Serie? ;-)
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