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Gesundheit

Deutschland-Studie

Wo Rückenpatienten am häufigsten operiert werden

Wie Leiden am Rücken behandelt werden, hängt auch vom Wohnort der Patienten ab. Besonders oft greifen Mediziner in Nordhessen zum OP-Besteck. Wie häufig die Eingriffe in Ihrem Landkreis sind, verrät die Karte.

DPA

Frau mit Rückenschmerzen in einer Physiotherapiepraxis in Dresden

Montag, 19.06.2017   12:39 Uhr

Patienten mit Rückenschmerzen werden immer öfter im Krankenhaus behandelt und landen immer häufiger auf dem OP-Tisch. Das zeigt eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung, die auf Zahlen des Statistischen Bundesamts und eigenen Berechnungen beruht.

2015 zählten die Forscher demnach 611.000 Krankenhausaufenthalte wegen Erkrankungen der Wirbelsäule und des Rückens. Das sind 154.000 Fälle mehr als 2007, ein Plus von 34 Prozent. Im selben Zeitraum ist die Zahl der stationären Behandlungen nur um zwölf Prozent gestiegen.

Regional gibt es deutliche Unterschiede: So lag die Wahrscheinlichkeit, mit Rückenschmerzen ins Krankenhaus zu kommen, laut der Forscher im Saarland deutlich höher als in Baden-Württemberg.

Mehr Operationen am Rücken

Auch die Zahl der operativen Eingriffe nahm zu: 2015 gab es bundesweit 772.000 Eingriffe wegen Rückenbeschwerden. Zum Vergleich: 2007 waren es 452.000. Das ist ein Plus von 71 Prozent. Dabei gibt es je nach Region große Unterschiede, ob die Ärzte eher operieren oder eine andere Behandlungsmethode wählen. Beispielsweise kamen im Landkreis Fulda operative Versteifungen der Wirbelsäule (Spondylodesen) pro 100.000 Einwohner 13-mal so häufig vor wie in Frankfurt/Oder.

Die Karte zeigt, welche Rückenbeschwerden wo am häufigsten operiert werden - und wo Ärzte eher auf andere Methoden zurückgreifen.

Häufigkeit des operativen Eingriffs...

Die starken regionalen Unterschiede lassen sich dabei nach Aussage der Forscher nur zu einem kleinen Teil auf objektive Faktoren wie die Zahl der Orthopäden vor Ort zurückführen. Es läge auch nicht daran, dass die Menschen häufiger Rückenprobleme haben.

Die Experten nennen andere Ursachen: "Die Zunahme der Eingriffe und die regionalen Unterschiede hängen auch mit den Vorlieben der ortsansässigen Mediziner zusammen", sagte Eckhard Volbracht von der Bertelsmann-Stiftung. "Die Entscheidung sollte aber unabhängig vom Wohnort, finanziellen Interessen und individuellen Vorlieben der ortsansässigen Ärzte fallen", betonte er.

Die Bertelsmann-Stiftung fordert deswegen, dass die Krankenhäuser und Ärzte über auffällige "Leistungsmengen" schnell eine Rückmeldung erhalten. Zudem müssten die medizinischen Fachgesellschaften besser dafür sorgen, dass evidenzbasierte Leitlinien auch angewendet werden.

Zweitmeinung ist wichtig

Patienten können sich in erster Linie absichern, indem sie sich den Rat eines zweiten Arztes einholen, wenn sie unsicher sind, ob eine geplante Operation wirklich notwendig ist. Sinnvoll sei das vor allem bei Operationen, die nicht sofort stattfinden müssen, erklärt Frank Kandziora, Chefarzt des Zentrums für Wirbelsäulenchirurgie und Neurotraumatologie an der BG Unfallklinik Frankfurt am Main. "Hat der Patient einen Tumor oder Lähmungserscheinungen, führt häufig kein Weg an einer schnellen OP vorbei."

Anders sei es zum Beispiel bei unkomplizierten Bandscheibenvorfällen. Hat der Patient moderate Schmerzen, aber keine Lähmungserscheinungen, sei Skepsis angebracht, wenn der behandelnde Arzt eine OP vorschlägt. Die Deutsche Wirbelsäulengesellschaft betreibt selbst ein Zweitmeinungsportal, über das Patienten in solchen Fällen Spezialisten für eine weitere Einschätzung suchen können (hier). Auch viele Krankenkassen haben solche Angebote.

Der zweite Arzt könne seine Einschätzung grundsätzlich mit der gesetzlichen Krankenversicherung abrechnen, erklärt Claudia Widmaier vom GKV-Spitzenverband. Zu dem Termin müssen Patienten allerdings alle Untersuchungsergebnisse wie Röntgenbilder mitbringen. Eine erneute Diagnostik bezahlt die Kasse in der Regel nicht.

Kandziora rät, bei der Wahl des zweiten Arztes auf dessen Qualifikation zu achten. "Es sollte sich um einen Facharzt für die jeweilige Erkrankung handeln."

jme/dpa

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