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Gesundheit

Transparenz-Datenbank

Nur jeder vierte Arzt legt Pharmazahlungen offen

2016 hat die Pharmaindustrie 562 Millionen Euro an Mediziner und Kliniken gezahlt - nur ein Viertel aller Ärzte weist solche Einnahmen offen aus. Suchen Sie Ihren Arzt in der Datenbank von SPIEGEL ONLINE und "Correctiv".

Foto: Ivo Mayr/ Correctiv
Von , , , , und Stefan Wehrmeyer
Freitag, 14.07.2017   10:37 Uhr

Wenn ein Arzt einem kranken Menschen helfen möchte, verschreibt er häufig Medikamente. Der Patient erwartet, dass sein Arzt nötige Präparate nach bestem Wissen und Gewissen auswählt. Doch Mediziner können in einen Interessenkonflikt geraten, wenn sie zugleich finanzielle Verbindungen zu Herstellern bestimmter Medikamente haben.

2016 finanzierten die Pharmaunternehmen Tausenden Ärzten Besuche auf Kongressen, bezahlten sie für ihre Vorträge bei Tagungen, erstatteten ihnen Hotelrechnungen und zahlten Honorare für Studien. Bei der freiwilligen Initiative FSA legten 54 Pharmafirmen, die nach eigenen Angaben 75 Prozent des Gesamtmarktes abdecken, ihre Zahlungen offen.

Sie allein haben 2016 insgesamt rund 66.000 Ärzte, Apotheker und andere Gesundheitsberufler sowie rund 6020 Institutionen wie Kliniken und Praxen finanziell unterstützt. Die Zahlungen beliefen sich auf insgesamt 562 Millionen Euro.

Nicht jede Verbindung zwischen der Industrie, Kliniken und Ärzten ist zu verteufeln. So ist es zum Beispiel wichtig, dass praktizierende Ärzte Unternehmen bei der Entwicklung neuer Medikamente beraten. Anders als bei Medizinern steht bei den Firmen jedoch nicht allein das Wohl der Patienten im Mittelpunkt, sondern auch das Streben nach einem möglichst großen Gewinn.

Dieser Interessenkonflikt kann die unabhängige Urteilskraft von Ärzten beeinflussen, muss es aber natürlich nicht. Studien haben allerdings gezeigt, dass Mediziner mit vielen Verbindungen zur Pharmaindustrie Gefahr laufen, Nebenwirkungen eher herunterzuspielen oder eher teure Medikamente zu verschreiben.

Die US-Regierung reagierte bereits 2010 auf die Problematik und schuf ein Gesetz, das die Offenlegung aller Pharma-Zahlungen an Mediziner vorschreibt. Um eine solche Regelung in Deutschland zu verhindern, starteten die Lobbyorganisationen VfA und FSA 2015 den Transparenzkodex. Dieser sieht vor, dass die 54 Mitgliedsunternehmen neben Gesamtsummen jeweils eine Liste mit den Namen einzelner Ärzte und den an sie gezahlten Leistungen veröffentlichen.

Das Problem: Die Firmen nennen die Namen nur, wenn Zahlungsempfänger der Veröffentlichung zugestimmt haben. Im vergangenen Jahr waren dazu 31 Prozent der Empfänger bereit, in diesem Jahr lag die Quote nur noch bei 25 Prozent - also nur bei jeder vierten Person, die Pharmaleistungen empfangen hat. Anders gesagt: Drei Viertel aller Betroffenen wollen die Zahlungen geheim halten. Trotz des geringen Anteils liefern die Dokumente die Namen von mehr als 16.500 Personen, die zusammen Leistungen im Wert von knapp 24 Millionen Euro erhalten haben.

Um auf Basis dieser Daten eine größtmögliche Transparenz zu schaffen, hat SPIEGEL ONLINE gemeinsam mit dem Recherchezentrum "Correctiv" die Informationen aus den Dokumenten zusammengefasst und die Datenbank "Euros für Ärzte" 2016 erstellt. Darin lassen sich die Summen für jene Ärzte und Fachkreisangehörigen suchen, die einer Namensnennung zugestimmt haben. Auch die Institutionen, Organisationen und Kliniken sind auffindbar samt erhaltener Summe. Außerdem gibt es grün gekennzeichnete "Null-Euro-Ärzte", die Pharmazahlungen laut eigenen Angaben ablehnen.

Erkunden Sie die freigegebenen Zahlungen in unserer interaktiven Karte

Die meisten der aufgeführten Ärzte und sogenannten Fachkreisangehörigen bekamen weniger als 1000 Euro, wie die folgende Auflistung verdeutlicht:

  • Anteil der Personen, die unter 100 Euro erhalten haben: 9,1 Prozent
  • Anteil der Personen, die unter 500 Euro erhalten haben: 47,4 Prozent
  • Anteil der Personen, die unter 1000 Euro erhalten haben: 70,4 Prozent
  • Spitzenreiter kassierte 200.000 Euro

    Daneben gab es jedoch auch Einzelpersonen mit enorm hohen Beträgen. Rund 1,3 Prozent der Ärzte kam auf mehr als 10.000 Euro. Dem Spitzenreiter der Liste ließen Pharmafirmen sogar eine Summe von knapp 200.000 Euro zukommen. Er ist allerdings der einzige Arzt in der Datenbank, bei dem die Summe die 100.000-Euro-Marke überstieg.

    Gezahlt wurden die Gelder vor allem für Beratungs- und Dienstleistungshonorare sowie Reise- und Übernachtungskosten im Zusammenhang mit Fortbildungen:

    Diese Pharmafirmen zahlten 2016 die größten Geldsummen an Mediziner, Fachkreisangehörige und Institutionen:

    Die im vergangenen Jahr zum ersten Mal aufgeschlüsselten Daten bedeuten eine Zäsur. Noch nie erhielt die Öffentlichkeit einen so detaillierten Einblick in die finanziellen Verbindungen von Medizinern, Kliniken und der Industrie. Dennoch krankt das aktuelle System neben dem Prinzip der Zustimmung für eine Offenlegung noch an einem weiteren Punkt: Es klammert einen Großteil der Zahlungen aus.

    Umstrittene Anwendungsbeobachtungen

    Die detailliert aufgeschlüsselten Angaben umfassen aktuell nur Leistungen im Zusammenhang mit Beratung, Fortbildung oder etwa Sachspenden. Welche Personen und Institutionen wie viel Geld im Zusammenhang mit Forschungsprojekten bekommen haben, halten die Unternehmen weiterhin geheim. Damit verschweigen sie Details über eine Summe von 356 Millionen Euro - mehr als 60 Prozent der Gesamtzahlungen.

    Getty Images

    Welche finanziellen Verbindungen unterhalten Mediziner, Kliniken und Industrie?

    Kritiker sehen darin Kalkül, da die Unternehmen so Ausgaben für eine umstrittene Praxis verschweigen können. Neben wichtigen klinischen Studien, bei denen potenzielle neue Medikamente vor ihrer Zulassung erprobt werden, enthält die Summe von 356 Millionen auch Zahlungen für sogenannte Anwendungsbeobachtungen. Dabei erhalten Mediziner Geld, wenn sie ihren Patienten ein bestimmtes Medikament verordnet haben und anschließend einen Fragebogen etwa zur Verträglichkeit ausfüllen.

    Die wissenschaftliche Qualität der Anwendungsbeobachtungen sei äußerst schlecht, wird oft kritisiert. Statt dem Wohl der Patienten dienen sie demnach vor allem dazu, die Ärzte für die Verordnung des neuen Mittels zu bezahlen und die Behandelten langfristig an das Präparat zu binden. Die Unternehmen hingegen rechtfertigen die Untersuchungen als wichtige Praxisprobe - und wollen deshalb auch bei der Veröffentlichung der Zahlen keine Unterscheidung zwischen diesen und gesetzlich vorgeschriebenen klinischen Studien machen.

    insgesamt 40 Beiträge
    i.dietz 14.07.2017
    1. Wie
    sieht es eigentlich mit der Transparenz und Offenlegung der vielen Nebenbezüge unserer Politiker aus ?
    sieht es eigentlich mit der Transparenz und Offenlegung der vielen Nebenbezüge unserer Politiker aus ?
    rrro 14.07.2017
    2. Gipfel der Verlogenheit
    Zitat aus dem Artikel: "Anders als bei Medizinern steht bei den Firmen jedoch nicht allein das Wohl der Patienten im Mittelpunkt, sondern auch das Streben nach einem möglichst großen Gewinn." Das bei Ärzten [...]
    Zitat aus dem Artikel: "Anders als bei Medizinern steht bei den Firmen jedoch nicht allein das Wohl der Patienten im Mittelpunkt, sondern auch das Streben nach einem möglichst großen Gewinn." Das bei Ärzten ausnahmslos allein das Wohl der Patienten im Mittelpunkt stehe und kein Arzt jemals den eigenen finanziellen Gewinn suche, ist blühender Unfug. An anderer Stelle steht sogar, dass nicht jeder Kontakt zwischen Arzt und Pharmaindustrie zu verteufeln wäre, was im Kontext mit dem obigen Zitat wohl sinngemäß bedeutet, dass die Mehrzahl dieser Kontakte sehr wohl zu verteufeln wäre. Diese schwarz-weiß Malerei, hier der Halbgott in weiß der sich pausenlos grämt wie er die Menschheit retten könnte, dort die böse Pharmaindustrie, die diesen Heiland mit dem schnöden Mammon zu korrumpieren versucht, ist unterste Schublade.
    AvD 14.07.2017
    3. Transparenz
    Wie steht es eigentlich mit der Transparenz von Journalisten? Wird bei Zeitungen auch offen gelegt, welches Parteibuch der Verlagsbesitzer hat und welche Artikel er zum Druck freigibt und was unter den Tisch fällt? Und wie die [...]
    Wie steht es eigentlich mit der Transparenz von Journalisten? Wird bei Zeitungen auch offen gelegt, welches Parteibuch der Verlagsbesitzer hat und welche Artikel er zum Druck freigibt und was unter den Tisch fällt? Und wie die Relation der Anzahl von kritischen Berichten über Unternehmen zu der steht, wie viele Anzeigen sie in der betreffenden Zeitung schalten? Werden Journalisten nie von Lobbyisten und Firmen zu Veranstaltungen eingeladen? Erhalten sie nie Produkte kostenlos zum Test in der Hoffnung, dass ein werbewirksamer Artikel dabei rausspringt? Was ist dann der Bundespresseball und wie viele Journalisten dürfen bei Auslandsreisen kostenlos in den Regierungsfliegern mitreisen und andere Politiker bei PR-Spritztouren begleiten? Aber Journalisten sind natürlich die offiziellen Gralshüter der Objektivität und würden sich niemals von so etwas beeinflussen lassen, im Gegensatz zu den dummen, geldgierigen und schlimmen Ärzten.....Hust.....
    Take it or leave it 15.07.2017
    4. Vorhersehbar
    Es war vorauszusehen, dass Ärzte, die unvorsichtigerweise ihre Daten bzgl. absolvierter und von der Pharmaindustrie teilweise gesponsorten Fortbildungen freigegeben haben, jetzt an einem Internetpranger landen. Diese dürften in [...]
    Es war vorauszusehen, dass Ärzte, die unvorsichtigerweise ihre Daten bzgl. absolvierter und von der Pharmaindustrie teilweise gesponsorten Fortbildungen freigegeben haben, jetzt an einem Internetpranger landen. Diese dürften in Zukunft vorsichtiger sein. Es war ebenso voraussehbar, dass unbedarfte, aber sensationsgierige Journalisten eines ominösen, von u.a.. G. Soros gesponsorten Vereins diese Daten missbrauchen, um daraus das Bild eines durch und durch korrumpierten Berufsstandes zu konstruieren (Ärzte, nicht Journalisten). Voraussehbar ist auch, dass daraus u.U. eine Stagnation des wissenschaftlichen Fortschritts erwächst, da der Informationsfluss zwischen forschender Industrie und Ärzteschaft ausgebremst wird. Ich möchte an dieser Stelle meinen Patienten nochmals versichern, dass ich mich nach dem aktuellen Kenntnisstand der Medizin mit ganzer Kraft für ihr gesundheitliches Wohlergehen einsetze. Und ich möchte der gesamte Journalistenzunft versichern, dass es sie einen feuchten Kehricht angeht, wie ich mich fortbilde, wie ich mein Geld verdiene - und mit wem ich ins Bett gehe.
    antispon 15.07.2017
    5. Wenn kann es verwundern...
    dass Ärzte, die leichtgläubig für Transparenz gesorgt haben, dann Ihre Namen mit Karte zum Auffinden bei SPON wiederfanden, diesen Fehler kein zweites Mal begehen. Die journalistische Hexenjagd und das Andenprangerstellen im [...]
    dass Ärzte, die leichtgläubig für Transparenz gesorgt haben, dann Ihre Namen mit Karte zum Auffinden bei SPON wiederfanden, diesen Fehler kein zweites Mal begehen. Die journalistische Hexenjagd und das Andenprangerstellen im letzten Jahr all derer, die Ihre Einnahmen teils zur Finanzierung von Forschung offenlegten war bodenlos. Wenn Journalisten Ihre Rabatte und Vergünstigungen auch offenlegen und Ihren Wohnort in einer Karte darstellen, finden sich vielleicht auch wieder mehr Ärzte, die dazu bereit sind.

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