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Gesundheit

Erfolgreiche Wiederbelebung

Herz steht 40 Minuten still - Patient überlebt gesund

Ein Mittdreißiger bricht zusammen. Mehr als eine halbe Stunde lang versuchen Helfer, ihn zu reanimieren - schließlich mit Erfolg. Ein Wunder? Nein, sagen Notfallmediziner: Leben retten kann jeder.

Getty Images
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Mittwoch, 19.07.2017   12:25 Uhr

Als John Ogburns Herz stehen bleibt, sitzt er in seinem Stammcafé, hinten in einer lauschigen Ecke. Der Herzinfarkt kommt ohne Ankündigung, zumindest erinnert sich der heute 36-Jährige mit dem dunklen Bart an nichts Auffälliges. Er fällt einfach von seinem Stuhl. Innerhalb von Sekunden läuft er dunkellila an, erinnert sich die Bedienung, die Ogburn auf dem Teppichboden liegend auffindet.

Sofort setzt sie den Notruf 911 ab, innerhalb von weniger als einer Minute steht ein Polizist im Café, der früher einmal als Rettungsassistent gearbeitet hat. Er weiß, was zu tun ist und wartet nicht auf einen Arzt: Er sucht nach einem Puls und findet ihn nicht, er überprüft die Atmung. Dann beginnt er mit der Herz-Druck-Massage. Wenig später kommt eine zweite Polizistin zu Hilfe. Die beiden beatmen den jungen Mann zusätzlich.

John Ogburns Rettungsgeschichte, die die Zeitung "Charlotte Observer" aufgeschrieben hat, geht zusammengefasst so weiter: Zwischen 30 und 40 Minuten - über die genaue Zeitspanne sind sich die beteiligten Polizisten, Ärzte, Rettungssanitäter und Laien am Ende nicht einig - vergebliche Reanimation, Intubation, Beatmung, fünf Spritzen Adrenalin, acht Stromstöße mit dem Defibrillator, Transport ins Krankenhaus.

Nur ein einziger anderer Handgriff

Schließlich kommt John Ogburns Kreislauf zurück, sein Herz schlägt wieder. Sein Körper wird heruntergekühlt, die Ärzte versetzen ihn in ein künstliches Koma, eine Narkose also, die seine Kräfte schont.

Eine Woche später steht Ogburn aus seinem Krankenbett auf, im Kopf klar, nur Schmerzen in der Brust hat er. Seine Frau und seine drei kleinen Kinder begleiten ihn, als er sich bei seinen Rettern bedankt.

Ist es ein Wunder, dass ein Mensch bis zu 40 Minuten ohne eigenen Kreislauf überlebt, dass er von so langer Wiederbelebung keinen erkennbaren Schaden davonträgt und nur wenige Tage später wieder gehen, sprechen, lachen kann?

Wenn nur ein einziger Handgriff anders gelaufen wäre, "wäre die Sache ziemlich schnell ziemlich anders ausgegangen", sagt John Ogburn. Für ihn ist sein zweites Leben ein Wunder.

"Wenn man alles richtig macht, kann man einen Menschen sogar mehr als eine Stunde lang reanimieren und am Ende noch Erfolg haben", sagt Bernd Böttiger. Der Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin an der Universitätsklinik Köln weiß wovon er spricht, er kennt Menschen, die zwei bis drei Stunden lang wiederbelebt wurden und heute gesund sind. Eine junge Frau wurde in seiner Klinik nach erfolgloser Reanimation an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen. "Ihr Kreislauf kam nach drei Tagen zurück", sagt Böttiger, der auch Vorstandsvorsitzender des Deutschen Rates für Wiederbelebung (GRC) ist.

Prüfen, rufen, drücken: So funktioniert die Erste Hilfe

Für eine Wiederbelebung gibt es drei einfache Regeln: prüfen, rufen und drücken. Bricht eine Person bewusstlos zusammen, prüft man erstens durch Schütteln an den Schultern, ob sie noch reagiert, und beobachtet, wie sie atmet. Als Zweites ruft man den Rettungsdienst über die Telefonnummer 112. Bis zum Eintreffen des Notarztes muss drittens sofort mit der Wiederbelebung begonnen werden. Dazu wird auf den Brustkorb des Patienten idealerweise mit einer Geschwindigkeit von 100 Mal pro Minute etwa fünf Zentimeter tief gedrückt. Damit sollte man nicht aufhören, bis Hilfe eintrifft.

Eine Untersuchung im Fachblatt "The Lancet" hat sich vor einigen Jahren mit der Frage beschäftigt, wie lang Menschen nach einem Herzstillstand durchschnittlich wiederbelebt werden. Bei rund 31.000 von 64.000 untersuchten Patienten konnte eine Blutzirkulation wiederhergestellt werden, aber nur knapp 10.000 Menschen überlebten am Ende. Im Mittel brauchten Mediziner zwölf Minuten, bis der Kreislauf wieder funktionierte, allerdings kam es bei mehr als 4000 Patienten erst nach 30 Minuten und mehr wieder zu einem eigenen Kreislauf.

Jede Sekunde entscheidet über Gehirngewebe

Eine Regel, wie lange eine Reanimation dauern muss, lässt sich daraus nicht ableiten. "Wenn man immer nach 30 Minuten aufhört, hat man ganz sicher etwas falsch gemacht", meint auch Bernd Böttiger. "Das ist immer eine individuelle Entscheidung, die bei einem gesunden 17-Jährigen vermutlich anders ausfällt, als bei einem sehr kranken 92-Jährigen." Entscheidend sei an erster Stelle nicht, wie lange ein Mensch wiederbelebt werde, sondern wie schnell nach dem Herzstillstand mit der Herz-Druck-Massage begonnen, und dass sie ohne Pause durchgeführt werde.

In Deutschland sterben jedes Jahr etwa 70.000 Menschen am plötzlichen Herztod, obwohl der Rettungsdienst mit der Wiederbelebung beginnt. Dieser benötigt im Schnitt acht bis 15 Minuten nach Eingang des Notrufs bis zum Beginn einer Reanimation. Aber wenn das Herz plötzlich nicht mehr richtig arbeitet, entscheidet jede Sekunde darüber, ob der Betroffene überlebt. "Jede Minute ohne Reanimation reduziert die Überlebenswahrscheinlichkeit um zehn Prozent", sagt Böttiger. Das Gehirngewebe stirbt nach etwa drei bis fünf Minuten ohne Sauerstoff ab.

Foto: SPIEGEL ONLINE

Deshalb sind Laien so wichtig bei der Reanimation. Der weitaus größte Teil der Herzstillstände hierzulande ereignet sich zu Hause, etwa 60 Prozent im Beisein einer anderen Person. Sie muss zu Beginn nicht einmal beatmen. Die Leitlinien des GRC empfehlen, dass Helfer die Herz-Druck-Massage mit einer Frequenz von 100 bis 120 pro Minute durchführen sollten. Wer auch beatmen will, tut dies mit einem Verhältnis von Herz-Druck-Massage und Beatmung von 30:2, also nach 30 Mal drücken zwei Mal beatmen.

Laut Böttiger könnten jedes Jahr bis zu 10.000 Menschenleben zusätzlich in Deutschland gerettet werden, wenn sich auch hierzulande mehr Laien eine Reanimation zutrauen würden. Aus diesem Grund setzen sich etwa die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der GRC dafür ein, dass Kinder im Rahmen der "Kids Save Lives"-Initiative schon in der Schule lernen, wie man wiederbelebt. Dass das gelingen kann, zeigt die Geschichte der 16-jährigen Kea, die ihrem herzkranken Mitschüler Felix das Leben gerettet hat.

Erste-Hilfe-Quiz

insgesamt 67 Beiträge
Hirschkuh 48 19.07.2017
1. Natürlich ist es bemerkenswert,
wenn die Reanimation so lange so gut aufrecht erhalten wird, dass es ohne Hirnschaden abgeht. Meine Patientenverfügung sagt was Anderes - nämlich unterlassen aller Maßnahmen. Kann ich den Ersthelfer verklagen? Was, wenn ich [...]
wenn die Reanimation so lange so gut aufrecht erhalten wird, dass es ohne Hirnschaden abgeht. Meine Patientenverfügung sagt was Anderes - nämlich unterlassen aller Maßnahmen. Kann ich den Ersthelfer verklagen? Was, wenn ich reanimiert werde, mein Hirn geschädigt ist und ich leben muss, obwohl ich schriftlich das Gegenteil wünsche ?
socke86 19.07.2017
2. Irreführend...
Das Herz stand nicht still, da durch die Erste-Hilfe-Maßnahme ein Ersatzkreislauf gebildet wurde!
Das Herz stand nicht still, da durch die Erste-Hilfe-Maßnahme ein Ersatzkreislauf gebildet wurde!
c.PAF 19.07.2017
3.
Das Herz hat also geschlagen? Nein, das Herz stand still! Aber es gab einen Ersatzkreislauf, das ist richtig...
Zitat von socke86Das Herz stand nicht still, da durch die Erste-Hilfe-Maßnahme ein Ersatzkreislauf gebildet wurde!
Das Herz hat also geschlagen? Nein, das Herz stand still! Aber es gab einen Ersatzkreislauf, das ist richtig...
unglaublich_ungläubig 19.07.2017
4.
Normalerweise hätte ich für Menschen wie Sie eher einen Kraftausdruck, aber hier einen Rat: verwenden Sie die Dr.-House-Methode und tätowieren Sie sich ihren bizarren Wunsch samt asozialer Klageandrohung auf die Brust.
Zitat von Hirschkuh 48wenn die Reanimation so lange so gut aufrecht erhalten wird, dass es ohne Hirnschaden abgeht. Meine Patientenverfügung sagt was Anderes - nämlich unterlassen aller Maßnahmen. Kann ich den Ersthelfer verklagen? Was, wenn ich reanimiert werde, mein Hirn geschädigt ist und ich leben muss, obwohl ich schriftlich das Gegenteil wünsche ?
Normalerweise hätte ich für Menschen wie Sie eher einen Kraftausdruck, aber hier einen Rat: verwenden Sie die Dr.-House-Methode und tätowieren Sie sich ihren bizarren Wunsch samt asozialer Klageandrohung auf die Brust.
EmEs 19.07.2017
5.
Woher soll der Ersthelfer von Deiner Patientenverfügung wissen? Wenn Du auf der Straße oder sonstwo umfällst, wird man Dich natürlich reanimieren. Dazu ist man schließlich auch verpflichtet. In einem akuten Notfall ruft [...]
Zitat von Hirschkuh 48wenn die Reanimation so lange so gut aufrecht erhalten wird, dass es ohne Hirnschaden abgeht. Meine Patientenverfügung sagt was Anderes - nämlich unterlassen aller Maßnahmen. Kann ich den Ersthelfer verklagen? Was, wenn ich reanimiert werde, mein Hirn geschädigt ist und ich leben muss, obwohl ich schriftlich das Gegenteil wünsche ?
Woher soll der Ersthelfer von Deiner Patientenverfügung wissen? Wenn Du auf der Straße oder sonstwo umfällst, wird man Dich natürlich reanimieren. Dazu ist man schließlich auch verpflichtet. In einem akuten Notfall ruft kein Mediziner bei Deiner Familie an, um zu erfahren, ob da jetzt was schriftlich vorliegt oder nicht. Und wer auch immer da am Telefon wäre, woher soll der Ersthelfer wissen, ob der nicht irgendeinen Quark erzählt? Also: Du kippst um, liegst "leblos" am Boden und wirst reanimiert. Anders sieht es im Krankenhaus aus, wenn die Ärzte von Deiner Verfügung wissen. Dann ist diese bindend. Für aktute Notfälle im Alltag, die unvorhersehbar sind, ist eine Patientenverfügung nur eingeschränkt geeignet.

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