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Gesundheit

Ein rätselhafter Patient

Ausnahme bei der Regel

Eine 13-Jährige hat extreme Bauchschmerzen - und ihre Tage. Der Blinddarm scheint intakt zu sein. Was das Problem verursacht, sehen die Ärzte erst, als sie zum Skalpell greifen.

Getty Images
Von Josephin Mosch
Freitag, 04.08.2017   14:46 Uhr

Ein 13-jähriges Mädchen kommt mit seinen sehr besorgten Eltern in die Ambulanz einer Kinderklinik, weil es akute Schmerzen im rechten Unterbauch hat. Ärzte denken bei solchen Beschwerden zum Beispiel an eine Entzündung des Wurmfortsatzes im Darm: die Blinddarmentzündung. Doch Anzeichen für eine Entzündung wie Fieber gibt es nicht, das Mädchen klagt auch nicht über Übelkeit und Erbrechen, was als Reaktion des Verdauungsapparats gut zu einer Blinddarmentzündung passen würde. Fehlanzeige. Auch Beschwerden der Harnwege bestehen nicht, das Mädchen kann ohne Probleme Wasser lassen.

Kein klassischer Fall

Theoretisch wäre auch eine Schwangerschaft außerhalb der Gebärmutter denkbar, aber das Mädchen hatte noch keinen Geschlechtsverkehr. Auf Nachfrage erzählt es, dass es vor neun Monaten zum ersten Mal seine Menstruation hatte - seitdem regelmäßige Blutungen. Jetzt hat die 13-Jährige aber seit drei Tagen ihre Tage - und diesmal heftige Schmerzen. Sie ist verzweifelt und ängstlich, was mit ihr vorgeht.

Der Arzt untersucht sie und stellt fest, dass sie bei Berührung der Bauchdecke mit einer starken Abwehrspannung reagiert. Das liefert zwar keinen Hinweis für eine spezielle Erkrankung, deutet aber auf einen Entzündungsprozess im Bauchraum hin.

Die Ärzte ziehen die Gynäkologen zurate, die das Mädchen untersuchen. Das Jungfernhäutchen ist intakt, eine Schwangerschaft ausgeschlossen. Im Labor erweisen sich Blut- und Urinproben als normal.

Aber im Ultraschall finden die Ärzte eine Masse im rechten Unterbauch, etwa so groß wie eine Mandarine. Die Kinderärzte im Inselspital Bern, die über den Fall im "Journal of Medical Case Reports" berichten, vermuten, dass sich der rechte Eierstock gedreht haben könnte und nun nicht mehr mit Blut versorgt wird.

Von Birnen und Herzen

Eine solche Stieldrehung kann zu Unfruchtbarkeit führen, wenn der betroffene Eierstock abstirbt. Die Gynäkologen führen ein Endoskop, einen dünnen Schlauch mit einer Kamera, in die Scheide ein. So können sie die Strukturen auf dem Bildschirm begutachten. Den Ärzten fällt nichts Besonderes auf.

Sie entscheiden sich für eine Bauchspiegelung. Die Eltern sind nun erst recht besorgt, als sie ihr Kind an der Schleuse zur OP-Vorbereitung an die Anästhesisten abgeben müssen. Bei der Bauchspiegelung können die Ärzte die Strukturen allerdings nur schwer beurteilen, weil Teile des rechten Eileiters mit der Umgebung verwachsen sind. Eine Eierstockstieldrehung können sie immer noch nicht ausschließen.

Da ein MRT momentan nicht zur Verfügung steht, entschließen sich die Ärzte, das Handeln nicht zu verzögern und einen Bauchschnitt durchzuführen, um die Organe im Unterbauch besser beurteilen zu können. Worauf sie im geöffneten Bauch stoßen, ist aber kein verdrehter Eierstock. Die Gebärmutter ist nicht - wie üblich - wie eine Birne geformt, sondern erinnert eher an ein Herz: Am oberen Ende ist sie tief eingebuchtet. Ärzte sprechen vom Uterus bicornis, einer Gebärmutter mit zwei Hörnern. Eine solche Fehlbildung kommt zustande, wenn in der Embryonalzeit die Anlagen für die Geschlechtsorgane, bei der Frau sind es die sogenannten Müller-Gänge, nicht komplett verschmelzen. Doch warum hat das Mädchen so starke Schmerzen?

Gestautes Blut

Wenn Gebärmutter und der verbundene Gebärmutterhals jeweils zwei separate Hohlräume bilden, kann diese Fehlbildung unentdeckt bleiben. Voraussetzung ist, dass beide Gebärmutter-Hörner mit der Vagina verbunden sind. Bei dem Mädchen ist allerdings nur eine der beiden Hälften mit der Vagina verbunden, wie Kernspin-Aufnahmen zeigen. Die andere Hälfte endet blind. Weil aber beide Hälften unabhängig voneinander funktionieren, wird in beiden Schleimhaut aufgebaut und mit der Menstruation wieder abgestoßen. Das hat zu dem Blutaufstau geführt, weil bei jeder der Blutungen seit der ersten Menstruation Blut nicht abfließen konnte.

Journal of Medical Case Reports 2012

Bild der Magnetresonanztomografie des Mädchens: Gut sichtbar ist die Herzform der Gebärmutter mit den zwei "Hörnern". Im rechten "Horn" (1), hier links im Bild, liegt die stäbchenförmige Drainage, durch die das Blut auf dieser Seite abfließen kann.

In der Bildgebung fällt außerdem auf, dass bei dem Mädchen rechtsseitig auch keine Niere angelegt ist. Das ist nicht unüblich: Fehlbildungen der Gebärmutter gehen oft mit weiteren Organveränderungen einher. Weil die andere Niere funktionstüchtig ist, hat das Mädchen aber keine Probleme.

Nachdem die Ärzte das Blut entfernt haben, wird das Mädchen nach einer Woche erneut operiert. Dabei verbinden die Chirurgen die rechte Gebärmutter mit der Scheide. Das Mädchen erholt sich gut und hat seitdem ohne starke Bauchschmerzen regelmäßig ihre Tage.

insgesamt 10 Beiträge
roby1111 05.08.2017
1. also könnte das Mädchen später zwei Kinder parallel austragen?
.. eventuell sogar mit einem zeitlichen Versatz bei der Zeugung? Interessant! Die fehlende Niere würde mir persönlich aber Sorgen bereiten...
.. eventuell sogar mit einem zeitlichen Versatz bei der Zeugung? Interessant! Die fehlende Niere würde mir persönlich aber Sorgen bereiten...
Msc 05.08.2017
2.
Es gibt tatsächlich Berichte von zwei parallel ausgetragenen Kindern bei Menschen. Die Fachwelt spricht dann von Zwillingen. Was einen zeitlichen Versatz bei der Zeugung angeht: Das kann auch passieren, dann spricht man [...]
Zitat von roby1111.. eventuell sogar mit einem zeitlichen Versatz bei der Zeugung? Interessant! Die fehlende Niere würde mir persönlich aber Sorgen bereiten...
Es gibt tatsächlich Berichte von zwei parallel ausgetragenen Kindern bei Menschen. Die Fachwelt spricht dann von Zwillingen. Was einen zeitlichen Versatz bei der Zeugung angeht: Das kann auch passieren, dann spricht man zweeiigen Zwillingen. Entsprechendes Verhalten der Frau vorrausgesetzt, womöglich sogar von zwei Vätern. Das müsste jedoch sehr schnell hintereinander passieren und ist daher doch recht selten. Denn sollte die Frau nicht zufällig auch noch zwei Gehirne haben, dann gibt es nur eine Hormonsteuerung, die eine zweite, spätere Befruchtung verhindert.
r2d2x2 05.08.2017
3. Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom...
...eine von ca 4000 Frauen ist davon betroffen... Wenn die Ärzte erst den Bauch öffnen mussten um das zu diagnostizieren, waren es Dilettanten.... Spätestens bei festgestellter Einnierigkeit hätte ihnen ein Glöckchen läuten [...]
...eine von ca 4000 Frauen ist davon betroffen... Wenn die Ärzte erst den Bauch öffnen mussten um das zu diagnostizieren, waren es Dilettanten.... Spätestens bei festgestellter Einnierigkeit hätte ihnen ein Glöckchen läuten müssen. Einnierigkeit ist im Ultraschall deutlich erkennbar, sogar schon pränatal. Nein... die junge Frau kann nicht mit zeitlichem Versatz 2x schwanger werden. Wahrscheinlich kann sie es sogar gar nicht... Die fehlende Niere muss auch nicht beunruhigen, da die vorhandene meist doppelt so groß wie üblich ist und die Funktion der fehlenden mitträgt. Da Nierenerkrankungen ohnehin paarig auftreten, könnte man auch 4 Nieren haben ohne besser dran zu sein. Beim MRKH-Syndrom fehlt oft auch die Scheide und/oder es gibt gar keine Gebärmutter. Manchmal geht es einher mit Schwerhörigkeit oder Skelettanomalien. Oft haben die Mädchen im zarten Kindesalter beidseitig Leistenbrüche. Nicht jeder Laie mag dieses Syndrom kennen, allerdings rätselhaft sind hier eher die Diagnostiker, gewiss nicht der Patient.
b20a9 06.08.2017
4. Das kann doch nicht wahr sein ...
"Da ein MRT momentan nicht zur Verfügung steht, entschließen sich die Ärzte, das Handeln nicht zu verzögern und einen Bauchschnitt durchzuführen," Jedes Provinzkrankenhaus hat doch heutzutage ein MRT, und in einem [...]
"Da ein MRT momentan nicht zur Verfügung steht, entschließen sich die Ärzte, das Handeln nicht zu verzögern und einen Bauchschnitt durchzuführen," Jedes Provinzkrankenhaus hat doch heutzutage ein MRT, und in einem vermeintlichen Notfall sollte es doch möglich sein, einen Patienten zwischenzuschieben. Kann mir das mal ein Fachkundiger erklären?
joseferl 06.08.2017
5. Verfügbarkeit MRT
Grundsätzlich hat nicht jedes Provinzkrankenhaus in Deutschland ein MRT, gut, aber immerhin viele. Aber das heißt noch lange nicht, dass dieses dann zu jeder Tages- und Nachtzeit eingesetzt werden kann. Für die Bedienung [...]
Zitat von b20a9"Da ein MRT momentan nicht zur Verfügung steht, entschließen sich die Ärzte, das Handeln nicht zu verzögern und einen Bauchschnitt durchzuführen," Jedes Provinzkrankenhaus hat doch heutzutage ein MRT, und in einem vermeintlichen Notfall sollte es doch möglich sein, einen Patienten zwischenzuschieben. Kann mir das mal ein Fachkundiger erklären?
Grundsätzlich hat nicht jedes Provinzkrankenhaus in Deutschland ein MRT, gut, aber immerhin viele. Aber das heißt noch lange nicht, dass dieses dann zu jeder Tages- und Nachtzeit eingesetzt werden kann. Für die Bedienung eines MRT braucht es eine entsprechende Fachkraft und die einzulernen dauert deutlich länger als für Röntgen oder CT. Dann muss zusätzlich im Falle einer Kontrastmittelgabe noch während der gesamten Untersuchungsdauer ein Arzt dabei sein, den muss man aber währenddessen von woanders abziehen... ein Notfall-MRT wird tatsächlich nur extrem selten gebraucht, daher ist die Verfügbarkeit deutlich geringer. Warum also kein CT? Aufgrund der Strahlenbelastung. Bei einem 13jährigen Mädchen die Eierstöcke mal kurz zu grillen ist nicht das was man will. Trotzdem ist es ein wenig ungewöhnlich wie das passiert ist. Eine Untersuchungstechnik fehlt mir noch: ein transrektaler Ultraschall. Transvaginal ist bei virgo intacta nicht möglich.
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