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Gesundheit

Palliativmedizin

Gut betreut sterben

Wenn Menschen unheilbar krank sind, sollten sie palliativmedizinisch versorgt werden. Welche Angebote es gibt und wie man sie nutzt, ist für Patienten und Angehörige allerdings nur schwer zu überblicken.

Getty Images
Von Josephin Mosch
Montag, 11.09.2017   17:10 Uhr

Das Telefon klingelt und binnen Stunden versammelt sich die Familie im Krankenhaus. Die Ärzte verkünden eine schockierende Diagnose. Sie können nichts mehr für den Patienten tun, sagen sie. Hier im Krankenhaus jedenfalls nicht. Sie sprechen von Hospiz. Und nun?

Im Mittelpunkt: Lebensqualität

Im Krankenhaus ist das Ziel, Menschen mit Medikamenten oder Operationen nach Möglichkeit zu heilen. Ist das bei Schwerkranken nicht mehr möglich, sind die Patienten dort nicht mehr gut aufgehoben. Ab diesem Moment geht es nicht mehr ums Therapieren, sondern darum, die verbleibende Zeit noch so lebenswert wie möglich zu gestalten. Im Fokus stehen Lebensqualität, Zuwendung und das Lindern von Schmerzen und anderen Symptomen. Bis eine Versorgung organisiert ist, bleiben Patienten aber oft noch lange auf einer normalen Station, denn in manchen Regionen Deutschlands fehlen Hospizplätze. Alternativen herauszusuchen, kostet Angehörige Kraft und Zeit.

Hospizbewegung

Lange wurden Tod und Sterben in der klinischen Versorgung nicht ausreichend beachtet. Seit dem Ende der Sechzigerjahre entwickelte sich ausgehend von England die Hospizbewegung. Die Krankenpflegerin und Ärztin Cicely Saunders sah, dass gerade sterbende Patienten nicht ausreichend versorgt waren und vor allem an Schmerzen litten. 1967 gründete sie das erste Hospiz in London und prägte die Idee, den Patienten in seiner Gesamtheit zu sehen, also seine körperlichen, sozialen, psychischen und spirituellen Wünsche zu berücksichtigen. In Deutschland wurden die ersten palliativen Einrichtungen in den Achtzigerjahren gegründet.

Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland

Sterben war dennoch jahrzehntelang ein Tabuthema in Deutschland. Mittlerweile ist das Gesundheitssystem besser auf Sterbende eingerichtet, Ärzte und Pflegende werden gezielt für diesen Bereich ausgebildet. In den vergangenen 30 Jahren sind verschiedene Einrichtungen entstanden, die schwerkranke Menschen und ihre Angehörige in der letzten Lebensphase unterstützen. Dazu zählen etwa 1500 ambulante Hospizdienste und über 230 stationäre Hospize. Hinzu kommen Palliativstationen in Kliniken und Teams der Spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV-Teams).

Stationäre Versorgung

Welche Angebote für einen Patienten infrage kommen, ist nicht leicht zu überblicken. Normalerweise wird ein Patient mit einer bestimmten Diagnose erst im Krankenhaus behandelt. Wenn er nicht mehr geheilt werden kann, kommt er bei Bedarf auf eine Palliativstation - sofern die Klinik eine hat. Palliativstationen sind vor allem für akute Krisen zuständig, etwa wenn es Krebspatienten plötzlich sehr schlecht geht, sie starke Schmerzen haben oder schlecht Luft bekommen. Auch wenn nicht immer möglich, haben Palliativstationen als Teil eines Krankenhauses das Ziel, den Patienten wieder zu entlassen - nach Hause, ins Pflegeheim oder in ein stationäres Hospiz.

Im Unterschied zu Palliativstationen können Patienten in stationären Hospizen regelhaft bis an ihr Lebensende bleiben. Sie werden dort sehr intensiv betreut - auch durch Seelsorger, Psychologen und Ehrenamtliche.

Die Kosten übernehmen größtenteils die Krankenkassen. Hinzu kommen Spenden, um der Idee der Hospizbewegung gerecht zu werden, die Versorgung Sterbender als Aufgabe aller Bürger zu verstehen. Menschen können nicht nur ihr Geld, sondern auch ihre Zeit spenden, zum Beispiel als Ehrenamtliche.

Grundsätzlich können Patienten am Ende ihres Lebens auch gut in Pflegeheimen oder in Stationen der Kurzzeitpflege betreut werden. Das ist insbesondere dann wünschenswert, wenn der Patient bereits vorher dort war, die Pflegeeinrichtung als Zuhause betrachtet und auch dort sterben will. Im Vergleich zu Hospizen ist die Betreuung in Heimen allerdings weniger intensiv, weil der Personalschlüssel geringer ist und Pflegekräfte häufig unterbesetzt sind. Das kritisiert auch der Vorsitzende des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes Winfried Hardinghaus: "Pflegeeinrichtungen sind im Hospiz- und Palliativgesetz so gut wie vergessen worden. Aber auch dort brauchen wir entsprechend qualifiziertes Personal, um die Hospiz- und Palliativkompetenz in die Einrichtungen zu bekommen." Hinzu kommt, dass Angehörige beziehungsweise Patienten für die Versorgung im Heim je nach Pflegestufe selbst aufkommen müssen.

Versorgung zu Hause

Soweit möglich können sterbende Menschen auch zu Hause von ihren Angehörigen betreut werden. Ambulante Pflegedienste können sie in der Pflege unterstützen. Medizinisch betreut in der Regel der Hausarzt den Patienten. Reicht das nicht aus, etwa wenn die Krankheit kompliziert verläuft oder der Patient sehr starke Schmerzen oder andere Probleme hat, kann der Hausarzt eine spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) verordnen. Ein solches SAPV-Team ist rund um die Uhr erreichbar, um den Patienten intensiv zu betreuen. SAPV-Teams kommen nicht nur nach Hause, sondern auch in Pflegeheime und können dort die Pflege ergänzen. Wenn sinnvoll, koordinieren sie auch die Versorgung durch andere Berufsgruppen wie Apotheker, Physiotherapeuten, Psychologen und Seelsorgern.

Neben der medizinischen Betreuung unterstützen ambulante Hospizdienste die Angehörigen zu Hause. Wesentliches Merkmal der ambulanten Hospizdienste ist, dass Ehrenamtliche dem Patienten und seiner Familie zur Verfügung stehen. Sie leisten keine Pflege, sondern sind da, wenn die Familie über ihre Sorgen sprechen möchte oder bleiben zum Beispiel einfach beim Patienten, während Angehörige Erledigungen machen oder einkaufen gehen müssen. Ambulante Hospizdienste unterstützen Hinterbliebene auch nach dem Tod des kranken Angehörigen.

Ambulant oder stationär?

Gut Dreiviertel aller Menschen in Deutschland sterben im Krankenhaus oder im Pflegeheim. Dabei wünschen sich laut dem DAK-Pflegereport 2016 60 Prozent der Deutschen ein Lebensende in vertrauter Umgebung zu Hause.

Deshalb müsse die Pallativversorgung zu Hause weiter ausgebaut werden, fordert Hardinghaus vom Deutschen Hospiz- und Palliativverband. Dabei sollten Hausärzte stärker eingebunden werden. Im Juli dieses Jahres wurde beschlossen, neue Vergütungsziffern für die palliative Versorgung einzuführen, die nach Aussage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) dafür sorgen sollen, dass auch Hausärzte die Betreuung besser abrechnen können.

Doch offenbar ist genau das Gegenteil der Fall: Die formalen Anforderungen, die Hausärzte in Zukunft erfüllen müssten, seien vollkommen realitätsfern und unpraktikabel, kritisieren Hartmannbund und der Deutsche Hausärzteverband. Dadurch würden Hausärzte gewissermaßen aus der palliativen Versorgung gedrängt. Dabei sind Hausärzte diejenigen, die ihre Patienten oft schon lange kennen und auch gerne bis zuletzt betreuen würden. "Was wir brauchen, ist vor allem Zeit für Patienten und Angehörige, denn der Erklärungsbedarf in einer solchen Situation ist immens," sagt Ulrich Weigeldt vom Hausärzteverband.

Wenn der Patient zu Hause lebt und eine intensive pflegerische und palliative Betreuung braucht, ist die Familie manchmal trotz Unterstützung damit überfordert. Vor allem, wenn Angehörige selbst im fortgeschrittenen Alter oder berufstätig sind oder der Patient allein lebt. Dann ist eine stationäre Versorgung womöglich besser für alle Beteiligten.

"Betroffene und Angehörige haben im Hospiz oft mehr Zeit füreinander, weil sie sich nicht um den Rest kümmern müssen," meint Kirsten Hansen, Psychologin am Hamburger Hospiz im Helenenstift. "Wir können im Hospiz viel unterstützen, aber der Schmerz bleibt derselbe. Abschied nehmen tut weh, hier nicht weniger als woanders."

Situation in Deutschland

Die Versorgung in Deutschland ist heute deutlich besser als noch vor zehn Jahren. Dennoch ist der Aufholbedarf an bestimmten Angeboten je nach Region groß. Die wenigsten stationären Hospizbetten gibt es in Bayern, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Allerdings hat Bayern viele Palliativstationen, wodurch Patienten vermehrt dort versorgt werden.

Im Verhältnis zur Einwohnerzahl fehlen vor allem in Berlin und Sachsen-Anhalt Palliativstationen. Bettenbedarfspläne, wie es sie etwa für Krankenhausbetten gibt, sind für Hospize nicht vorgesehen. Das heißt, dass nicht der Bedarf pro Einwohnerzahl über die Zahl der Hospize entscheidet, sondern der freie Markt. "Theoretisch kann jeder ein Hospiz eröffnen. Dabei gibt es in Großstädten oft genügend Betten, aber in anderen Regionen fehlen stationäre Hospize," kritisiert Winfried Hardinghaus vom Deutschen Hospiz- und Palliativverband.

Er sieht aber insgesamt eine positive Entwicklung: Tod und Sterben würden nicht mehr nur verdrängt. "Man hat ein offenes Ohr für Sterbende und Kranke. Das sehen wir auch daran, dass der Staat bereit ist, finanziell mehr zu tun," meint Hardinghaus.

Durch die jüngste Änderungen des Hospiz- und Palliativgesetzes übernehmen die Krankenkassen einen noch größeren Anteil der Kosten. Und auch die Arbeit der Ehrenamtlichen wird besser unterstützt. So bezuschussen Krankenkassen nun auch die Fahrtkosten dieser Mitarbeiter.

"Für den Tod gibt es keine Generalprobe"

Wo finden Angehörige die beste Betreuung für einen kranken Angehörigen in ihrer Region? Einen Überblick über die stationären und ambulanten Angebote für Erwachsene und Kinder bietet die Suchmaske Wegweiser Hospiz- und Palliativversorgung Deutschland.

In jedem Fall sollten Angehörige, die nach dem Tod eines nahestehenden Menschen zurückbleiben, versuchen, nicht damit zu hadern, wie der Patient hätte besser versorgt werden können, rät die Psychologin Hansen: "Es gibt kein richtig und kein falsch in so einer Situation. Man versucht das Bestmögliche. Wenn Krankheit oder Tod eintreten, dann ist das gewissermaßen die Premiere, für die es keine Generalprobe gibt."


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