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Gesundheit

Ein rätselhafter Patient

Torkelnd in der Notaufnahme

Ein Mann kommt torkelnd in die Notaufnahme einer sächsischen Klinik, tags darauf hat er Beschwerden, die auf einen Alkoholentzug hindeuten. Doch der Patient ist kein Trinker; er schwebt in Lebensgefahr.

Getty Images

Schwestern untersuchen älteren Patienten (Archivbild)

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Sonntag, 10.09.2017   08:31 Uhr

Am Freitag war der 60-Jährige noch im Büro, am Samstagvormittag arbeitet er zusammen mit seiner Frau im Garten. Dann bekommt er plötzlich heftigste Kopf- und Nackenschmerzen. Sie sind so unerträglich, dass das Paar die Notaufnahme ansteuert. Der Mann setzt sich dafür selbst ans Steuer, allerdings muss seine Partnerin ihm mehrmals ins Lenkrad fassen, um Unfälle zu verhindern. Er schneidet seltsame Grimassen und macht ungelenke Armbewegungen, wie die Frau später den Ärzten erzählt. In der Klinik im sächsischen Zwickau angekommen, torkelt der Patient, als sei er betrunken.

Das schreibt ein Ärzteteam um Konrad Reinhart vom Universitätsklinikum Jena in einem Fallbericht, der demnächst im Fachblatt "Der Anästhesist" erscheinen wird und SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Bisher war der Mann gesund, er nimmt keine Medikamente, trinkt selten Alkohol und hat vor zwei Jahren mit dem Rauchen aufgehört.

Steifer Nacken

Die Ärzte stellen fest, dass der Nacken des Mannes versteift ist, ein mögliches Anzeichen einer Meningitis, einer von Bakterien oder Viren ausgelösten Hirnhautentzündung. Außerdem hat er Fieber: 39,6 Grad Celsius. Die Mediziner entnehmen Blut und Rückenmarksflüssigkeit (Liquor) für weitere Tests. Eine erhöhte Anzahl weißer Blutkörperchen in beiden Flüssigkeiten deutet auf eine Infektion hin.

Wegen des Verdachts auf Meningitis - ein akuter Notfall - erhält der Patient zwei Antibiotika sowie ein Mittel, das die Vermehrung von Viren hemmt. Auch das Fieber versuchen die Ärzte zu senken. Der Mann wird von der Notaufnahme in die Neurologie gebracht.

Doch es geht ihm zunehmend schlechter. Am folgenden Tag liegt sein Fieber über 40 Grad. Er ist phasenweise schläfrig, dann aber verwirrt und aggressiv. Er kann nicht mehr richtig sprechen und wird extrem unruhig, Arme und Beine bewegen sich ungezielt. Der Mann schlägt sogar um sich, sobald sich ihm jemand nähert.

Apathie und Aggression

Der Neurologe vermutet, der Mann durchlebe zusätzlich zur Meningitis einen Alkoholentzug mit einem dafür typischen Symptom: Beim sogenannten Delir kommt es zu starker Verwirrtheit, manche Betroffene sind apathisch, andere aggressiv. Dies passt allerdings nicht zu den Informationen aus dem Aufnahmegespräch, laut denen der Patient nur selten Alkohol trinkt.

Die Atemfrequenz des Mannes erhöht sich stetig, Tachypnoe nennen Mediziner so eine zu schnelle Atmung. Dies führt man auf das Delir zurück.

Weil der Patient auf der Station nicht mehr angemessen betreut werden kann, zieht der Nervenarzt einen Intensivmediziner zu dem Fall hinzu.

Dessen Diagnose unterscheidet sich klar von der des Kollegen.

Er wertet die Symptome als Anzeichen einer Sepsis, einer Blutvergiftung. Bei dieser lebensgefährlichen Erkrankung breiten sich Erreger im ganzen Körper aus und werden vom Immunsystem bekämpft, wodurch nach und nach Organe versagen. Die Erreger können zum Beispiel über Wunden in den Körper gelangen - aber auch über eine entzündete Lunge oder Nahrung.

Die Sepsis ist keineswegs selten. Deutsche Krankenhäuser meldeten im Jahr 2014 rund 300.000 Fälle, 69.000 der Patienten starben an den Folgen der Blutvergiftung, berichtet die Sepsis-Stiftung. Sie gehört damit zu den häufigsten Todesursachen hierzulande.

Der Blutdruck des Patienten ist zu diesem Zeitpunkt relativ niedrig, was der Arzt als Anzeichen eines beginnenden Schockzustands wertet. Diverse Blutwerte sind entgleist, seine Nieren arbeiten nicht mehr richtig.

Ein rätselhafter Patient

Der Mann wird umgehend auf die Intensivstation verlegt, intubiert und beatmet. Er erhält ein weiteres Antibiotikum. Mit mehreren Maßnahmen wird sein Kreislauf stabilisiert.

Als die Analyse der Blut- und Liquorproben zeigt, dass der Patient mit Listeria monocytogenes infiziert ist, stellen die Ärzte die Antibiotikagabe entsprechend um. Diese Bakterien zieht man sich meist durch den Verzehr kontaminierter Lebensmittel zu - zum Beispiel Milch oder Fleisch, aber auch rohes Gemüse und Salat.

Warnsignale falsch gedeutet

Kritisch merken die Fallbericht-Autoren an, dass die Symptome einer Sepsis zweimal nicht erkannt wurden. Zuerst wurden die beobachteten Wesensveränderungen des Mannes als Anzeichen eines Alkoholentzugs gewertet, obwohl es keinen Hinweis darauf gab, dass der Mann Alkoholiker sein könnte. Anschließend vermutete ein Arzt, seine zu schnelle Atmung sei eine Folge des Delirs.

"Eine weitere Verzögerung der intensivmedizinischen Behandlung hätte der Patient mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überlebt", heißt es im Fallbericht. Jede Stunde Verzögerung der richtigen Therapie senke die Überlebensrate bei Sepsis um zwei Prozent.

Zum Glück beginnt die Therapie für den 60-Jährigen zwar verspätet, aber noch rechtzeitig. Insgesamt fünf Tage muss der Mann künstlich beatmet werden. Nach zehn Tagen kann er die Intensivstation verlassen. Zu diesem Zeitpunkt ist er laut dem Bericht der Ärzte noch etwas verlangsamt, sonst aber wieder genesen.

insgesamt 97 Beiträge
tutnet 10.09.2017
1. Glück gehabt!
Wer an den falschen Arzt gerät, ist verloren.
Wer an den falschen Arzt gerät, ist verloren.
opitz2010 10.09.2017
2. Abenteuer Diagnose
Dieser Fall wurde ja relativ schnell aufgeklärt. Aber ich verfolge die Sendung "Abenteuer Diagnose" auf NDR und frage mich immer wieder, warum es in Deutschland noch passieren kann, dass drei, vier verschiedene [...]
Dieser Fall wurde ja relativ schnell aufgeklärt. Aber ich verfolge die Sendung "Abenteuer Diagnose" auf NDR und frage mich immer wieder, warum es in Deutschland noch passieren kann, dass drei, vier verschiedene Fachärzte eine unzutreffende Diagnose stellen, teilweise mehrfach unnütze Operationen vornehmen und dann oft nach Jahren, die der/die Patient/in durchleidet, nur durch irgendeinen Zufall geklärt wird, was die Ursache ist. Zugegeben, das ist nicht die Regel, aber woran liegt es? Zu enge Spezialisierung? Zu viele Routinefälle?
ruzorma 10.09.2017
3. Na
Was ein Glück, dass der Mann nich auch noch auf Reisen war.
Was ein Glück, dass der Mann nich auch noch auf Reisen war.
andreika123 10.09.2017
4. Ja, Glück gehabt
Da müssen sich die Ärzte an die Nase fassen ob sie in richtigen Beruf sind. Es war ja keine seltene Krankheit oder so was, trotzdem geben die zwei mal eine falsche Diagnose. Na ja, manche habe mit Bravour das Studium bestanden [...]
Da müssen sich die Ärzte an die Nase fassen ob sie in richtigen Beruf sind. Es war ja keine seltene Krankheit oder so was, trotzdem geben die zwei mal eine falsche Diagnose. Na ja, manche habe mit Bravour das Studium bestanden manche grade noch.
painnurse 10.09.2017
5.
Genau deshalb werden solche Artikel in Fachzeitschriften veröffentlicht, damit Fachärzte sensibel auf Symtomkonstellationen außerhalb ihres Bereiches richtig reagieren. Somit ist das übliche Ärzte-bashing extrem [...]
Zitat von tutnetWer an den falschen Arzt gerät, ist verloren.
Genau deshalb werden solche Artikel in Fachzeitschriften veröffentlicht, damit Fachärzte sensibel auf Symtomkonstellationen außerhalb ihres Bereiches richtig reagieren. Somit ist das übliche Ärzte-bashing extrem unangebracht. Der Blick über den Tellerrand kann nur hilfreich sein
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