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Gesundheit

Studie zu Intensivstationen

Sterberisiko steigt bei Einlieferung am Wochenende

Patienten können es sich meist nicht aussuchen - aber wer am Wochenende auf die Intensivstation kommt, stirbt eher als bei Einlieferung an einem Werktag. Das zeigt eine Studie aus Österreich.

Getty Images

Behandlung auf einer Intensivstation

Freitag, 08.09.2017   12:10 Uhr

Am Wochenende sollten Patienten es möglichst vermeiden, auf eine Intensivstation eingeliefert zu werden. Denn dann ist die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Klinikaufenthalts zu sterben, höher als an Werktagen - zumindest in Österreich. Das schreiben Forscher um den Notfallmediziner Paul Zajic von der Medizinischen Universität Graz im Fachjournal "Critical Care" .

Warum das so ist, könne die Studie aber nicht im Detail klären. Mögliche Gründe für diese Art von "Wochenend-Effekt" seien schlechtere personelle Ausstattung und ein höheres Arbeitspensum.

Die österreichischen Forscher legen Wert darauf, dass ihre Ergebnisse nicht zwangsläufig auf andere Länder übertragbar seien. Ein deutscher Notfallexperte sieht bei kleineren Krankenhäusern in Deutschland aber ähnliche Probleme.

Frühere Studien hatten bereits Hinweise darauf geliefert, dass am Wochenende operierte Patienten nach dem Eingriff tendenziell häufiger sterben oder länger im Krankenhaus bleiben müssen. Zu diesem Schluss kam unter anderem eine britische Studie von 2013. Der Grund war allerdings auch hier unklar. Die Wissenschaftler vermuteten, dass reduziertes Personal oder Aushilfskräfte möglicherweise dazu führen würden, dass Patienten am Wochenende seltener gerettet werden können.

Weniger Tote am Wochenende

Das Team um Zajic hatte für seine Analyse die Daten von rund 147.000 Patienten ausgewertet, die zwischen 2012 und 2015 auf 119 österreichischen Intensivstationen behandelt wurden. Rund 57 Prozent dieser Patienten waren Männer, der Altersschnitt lag bei 68 Jahren. Rund 17 Prozent der Patienten - knapp 26.000 Männer und Frauen - kamen am Wochenende auf die Intensivstation.

Insgesamt starben knapp 14.000 der erfassten Patienten noch während ihres teils mehrtägigen Aufenthalts auf der Intensivstation. Menschen, die an einem Wochentag eingeliefert wurden, traf es dabei deutlich seltener. So waren es bei Patienten, die an einem Mittwoch aufgenommen wurden, rund acht Prozent. Bei Einlieferung an einem Samstag oder Sonntag waren es jeweils mehr als 13 Prozent.

Gleichzeitig ist der Anteil der Patienten, die am Wochenende auf der Intensivstation sterben, geringer als an Wochentagen. Das könnte den Forschern zufolge damit zusammenhängen, dass Patienten seltener am Wochenende von der Intensivstation entlassen werden. Dadurch liegen dort am Samstag und Sonntag auch Menschen, deren Sterberisiko vergleichsweise gering ist.

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Samstags und sonntags gebe es deutlich weniger geplante Operationen, berichten die Autoren. Diese OPs hatten allerdings häufiger einen tödlichen Ausgang als zwischen Montag und Freitag. "Das höhere Sterberisiko nach Eingriffen am Wochenende könnte am Fehlen von erfahrenen Mitarbeitern oder an zu wenigen Ressourcen liegen."

Ähnliche Probleme auch in Deutschland

Die Studienautoren empfehlen den Krankenhausbetreibern, ihre Strukturen zu überarbeiten. "Equipment, Expertise und Mitarbeiter müssen in derselben Quantität und Qualität an jedem Tag der Woche zur Verfügung stehen."

André Gries, der sich bei der Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin speziell mit Notaufnahmen beschäftigt, sieht ähnliche Probleme wie in Österreich auch bei kleineren Krankenhäusern in Deutschland. "In manchen Häusern gibt es zwei Aggregatzustände: Werktags und außerhalb des Werktags. Dort könnten wir auch Unterschiede aufgrund der Einlieferungszeit erkennen, denke ich."

Gries zufolge, der auch ärztlicher Leiter der zentralen Notaufnahme im Universitätsklinikum Leipzig ist, seien zwar große Krankenhäuser und Universitätskliniken zu jeder Uhrzeit gut besetzt, kleinere Häuser hätten aber häufiger mit Personalengpässen zu kämpfen. Generell seien Fach-Experten anderer Abteilungen zu Randzeiten schwieriger zu erreichen.

brt/dpa

insgesamt 44 Beiträge
spon-facebook-10000255064 08.09.2017
1. Ärztemangel
Dieses Problem triftt ebenso die Normal- und Wachstationen. Selbst in dem großen Haus in dem ich gearbeitet habe(c.a. 1000 Betten) war am Wochenende ein Internist und ein Chirurg für das gesamte Haus zuständig. Hinzu kamen noch [...]
Dieses Problem triftt ebenso die Normal- und Wachstationen. Selbst in dem großen Haus in dem ich gearbeitet habe(c.a. 1000 Betten) war am Wochenende ein Internist und ein Chirurg für das gesamte Haus zuständig. Hinzu kamen noch Ärtze die von Morgens bis Nachmittags auf einer Wach oder Intensivstation arbeiteten, dies waren häufig jeweils einer. Unter der Woche hatte man auf der Intensiv mindestens 3 Ärtze + Oberarzt gleichzeitig im Dienst, ebenso auf der Normal und Wachstation.
coroona 08.09.2017
2.
Ich habe während meiner Facharztausbildung an einem deutschen Uniklinikum gearbeitet. Davon 6 Monate auf Intensivstation. An Wochenenden war ich für 10 Intensiv-Betten alleine zuständig, unter der Woche haben wir uns [...]
Zitat von spon-facebook-10000255064Dieses Problem triftt ebenso die Normal- und Wachstationen. Selbst in dem großen Haus in dem ich gearbeitet habe(c.a. 1000 Betten) war am Wochenende ein Internist und ein Chirurg für das gesamte Haus zuständig. Hinzu kamen noch Ärtze die von Morgens bis Nachmittags auf einer Wach oder Intensivstation arbeiteten, dies waren häufig jeweils einer. Unter der Woche hatte man auf der Intensiv mindestens 3 Ärtze + Oberarzt gleichzeitig im Dienst, ebenso auf der Normal und Wachstation.
Ich habe während meiner Facharztausbildung an einem deutschen Uniklinikum gearbeitet. Davon 6 Monate auf Intensivstation. An Wochenenden war ich für 10 Intensiv-Betten alleine zuständig, unter der Woche haben wir uns immerhin zu zweit die 10 Betten geteilt, also 5 Betten je Arzt + Oberarzt/Chefarzt vor Ort. An Wochenenden hatte der Oberarzt/Chefarzt meist nur Rufbereitschaft. Bei 10 üblen Fällen kann man natürlich nicht überall sein, wenn dann mal 2-3 Alarme an den Maschinen gleichzeitig losgehen.
undutchable 08.09.2017
3. Mehr Notfall-OPs = Mehr Risiko
Wenn es am WE eigentlich nur Notfall-OPs gibt, waehrend in der Woche der Großteil der OPs geplant ist ergibt sich fuer mich automatisch eine Wahrscheinlichkeit, das das Sterberisiko aus der generellen Betrachtung der OPs am WE [...]
Wenn es am WE eigentlich nur Notfall-OPs gibt, waehrend in der Woche der Großteil der OPs geplant ist ergibt sich fuer mich automatisch eine Wahrscheinlichkeit, das das Sterberisiko aus der generellen Betrachtung der OPs am WE hoeher sein muss. Ich nehme auch an, dass dies auch fuer viele andere Bereiche der Studie gilt, dh dass die "geplanten" Intensiv-Aufenthalte weniger Risiko enthalten als die reinen "ungeplanten"Aufenthalte. Evtl sollte man das mal aufdroeseln nach reinen "Notfall"-Aufnahmen, dh nicht aus geplanten OPs kommend, sowie die Entsprechenden Verletzungs- und Patienten-relevanten Risiken (Alter, Vorerkrankungen etc) beruecksichtigt.
quark2@mailinator.com 08.09.2017
4.
Das hab ich in meiner Familie 3x erlebt. Einlieferung am Freitagabend oder am Sonnabend ... Keine Ahnung was die sich im Krankenhaus denken. Kommt etwa die Feuerwehr auch erst am Montag ? Mit so Sprüchen wie "Am Montag haben [...]
Das hab ich in meiner Familie 3x erlebt. Einlieferung am Freitagabend oder am Sonnabend ... Keine Ahnung was die sich im Krankenhaus denken. Kommt etwa die Feuerwehr auch erst am Montag ? Mit so Sprüchen wie "Am Montag haben wir dann die Laborwerte". Ich könnte mich unglaublich aufregen, weil uns das so viel fortdauerndes Leid gebracht hat. Ich fordere, daß jeder Tag in der Klinik gleich zu sein hat. Sowas wie ein Wochenende ich einfach kein Konzept in der Medizin und das muß einfach jedem, der da einsteigt klar sein. Und ja, ich halte es in meinem Beruf auch so, weil es eben nötig ist - Tag, Nacht, Weihnachten, piep-egal. Einfach unfaßbar, was ich da hilflos beobachten mußte.
kratzdistel 08.09.2017
5. nicht ein problem des ärztemangels, sondenr von spezialisten
wenn das krankenhaus nur einen Spezialisten hat, muss dieser auch mal frei machen. es gibt genug Ärzte, aber nicht genug Spezialisten. wer außerhalb der regelarbeitszeit in eine stroke unit nach einem Schlaganfall eingeliefert [...]
wenn das krankenhaus nur einen Spezialisten hat, muss dieser auch mal frei machen. es gibt genug Ärzte, aber nicht genug Spezialisten. wer außerhalb der regelarbeitszeit in eine stroke unit nach einem Schlaganfall eingeliefert wird, hat auch risiken, weil das vorhalten eines multiprofessionellen ärzteteams rund um die Uhr am mangel von experten scheitern kann.das ist nunmal so. früher gab es auch selten Neurochirurgen in größeren städt. kliniken und die kranken mussten dann weit in unikliniken transportiert werden.so gut die intensivmedizin heute ist, haben aber auch die wachkomapatienten zugenommen.

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