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Gesundheit

Männer-Gesundheit

Kranke Superhelden

Männer erleiden doppelt so oft einen Herzinfarkt wie Frauen und sterben früher. Trotzdem fokussiert sich die Gesundheitspolitik vor allem auf Frauen.

Getty Images

Männer beim Aqua-Sport

Von und Jonas Weyrosta
Montag, 11.09.2017   12:14 Uhr

Peter Borchert (Name geändert) ist für seine 38 Jahre ganz schön angeschlagen. "Meine Beine haben einen Schiefstand, die Knie drückt es nach außen ", sagt er. Vor drei Jahren hatte er seinen ersten Bandscheibenvorfall. Schlimmer seien allerdings die psychischen Belastungen, die Trennung von seiner Frau, der ganze Stress auf den Baustellen, sagt Borchert. Borchert ist Walzenfahrer im Straßenbau.

Vor einigen Monaten merkte er, dass er mit den Nerven endgültig am Ende war. Damals rauchte Borchert 40 Zigaretten am Tag, fuhr gegenüber seinen Kindern leicht aus der Haut. Dabei litten auch sie unter der Trennung der Eltern und brauchten den Vater dringend. "Ich hatte das Gefühl, demnächst knallt's", sagt Borchert.

Seit fast drei Wochen sind er und seine beiden Kinder mittlerweile Gast im "Gesundheitszentrum am Spiegelwald" in Sachsen - zu einer Vater-Kind-Kur. Borchert macht morgens um sieben Uhr Kneipp Bäder, geht später zum Stressbewältigungstraining oder zum Nordic Walking. Die Kinder sind in der Kinderbetreuung. Regelmäßig sitzen alle außerdem bei einer Familientherapeutin, die ihnen hilft, auch über Themen zu sprechen, die sie sonst meiden.

Doppelt so viele Infarkte

Borchert sagt, die Kur sei "seine Rettung", und trotzdem sind solche Angebote für Väter rar. In Einrichtungen des 1950 gegründeten Müttergenesungswerks, zu denen auch das Gesundheitszentrum am Spiegelwald gehört, machten 2015 rund 50.000 Mütter eine Kur - und nur 1500 Väter.

So sei es in vielen Bereichen der Gesundheitsvorsorge, bemängelt die Medizinerin Doris Bardehle, die im wissenschaftlichen Beirat der "Stiftung Männergesundheit" sitzt: "Das liegt auch an einer Gesundheitspolitik, die sich bislang stärker auf die Frauen- und Müttergesundheit fokussierte."

Dabei ist die Zahl der männlichen Herzinfarkt-Patienten doppelt so hoch wie die der weiblichen. Auch die Zahl der Krebs-Neuerkrankungen ist bei Männern höher. Ihre Lebenserwartung liegt rund fünf Jahre unter der von Frauen, was sich allenfalls in Teilen genetisch erklären lässt.

"Einfach kein Platz"

Trotzdem führen laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nur rund 45 Prozent der Männer in Deutschland regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen durch, etwa zur Früherkennung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenerkrankungen oder zu Diabetes.

Frauen fänden einfach schon in jungen Jahren einen viel leichteren "Zugang zum Gesundheitssystem", sagt Anne Starker, die am Berliner Robert Koch-Institut (RKI) seit mehreren Jahren zum Thema Männergesundheit forscht. Während viele Mädchen schon in der Pubertät beginnen, regelmäßig zum Gynäkologen zu gehen, ist die Vorsorgeuntersuchung beim Urologen für Jungs weit weniger selbstverständlich.

Für das körperliche und auch für das seelische Befinden von Männern sei "in traditionellen Familienkonzepten" einfach lange "kein Platz gewesen", sagt Starker. Vor allem psychische Krankheiten passen nicht ins klassische Männerbild.

"Sehr straffer Umgangston"

Das hat dramatische Folgen, wie ein Bericht der Stiftung Männergesundheit aus dem Jahr 2013 zeigt, an dem auch die Krankenversicherung DKV beteiligt war. Die Experten hatten zahlreiche Statistiken und Studien ausgewertet und kamen zu dem Schluss, dass bei Frauen sehr viel öfter eine Depression diagnostiziert wird als bei Männern - dass Männer sich aber gleichzeitig dreimal so oft selbst das Leben nehmen wie Frauen.

Trotzdem seien die Gesundheitsangebote etwa der Krankenkasse schon "in ihrer Ansprache sehr weiblich", wie RKI-Gesundheitsexpertin Anne Starker sagt. "Für Yogakurse, zu denen man Wollsocken mitbringen soll, können sich noch immer relativ wenige Männer erwärmen."

Genau deshalb hat man sich am Gesundheitszentrum am Spiegelwald ziemlich viele Gedanken gemacht, wie man eine Eltern-Kind-Kur auch für Väter interessant gestalten könnte.

Die entwickelten Ideen scheinen teilweise lapidar zu sein, aber sie funktionieren. Auf dem Speiseplan steht mehr Fleisch, ins Sportprogramm wurde neben den üblichen Kursen ein neues Zirkeltraining aufgenommen, bei dem ein "sehr straffer Umgangston" gepflegt wird, wie ein Vater vor Ort schmunzelnd sagt. "Brüllsergeant" hätten sie den Trainer scherzhaft getauft, fügt Kurgast Borchert hinzu. Es macht ihm und seiner Kurgruppe offensichtlich Spaß, so auch mal ihre Kräfte zu messen.

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Auch die gemeinsamen Therapiesitzungen etwa zur Stressbewältigung laufen bei den Vätern anders ab als bei den Müttern, sagt Kurleiterin Barbara Jähn. "Das Warm-up ist bei den Männern viel länger und oft ein wenig anstrengend."

Frauen seien es gewöhnt, über Probleme und vor allem über Krankheiten zu sprechen, sagt sie. "Männer müssen sich erst öffnen." Dafür könne man gut mit Humor arbeiten, um die Atmosphäre aufzulockern. "Männern fällt es leichter, über sich selbst zu lachen."

Immerhin scheint das lange vernachlässigte Thema Männergesundheit inzwischen stärker in den Fokus der Politik zu rücken. 2010 erschien der erste "Männergesundheitsbericht". Ende Juni fand in Berlin dievierte Männergesundheitskonferenz statt, organisiert von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Neue Generation

Aus ihrer Forschung weiß RKI-Expertin Starker allerdings, dass sich Geschlechterrollen nicht von heute auf morgen wandeln. Dennoch ist sie zuversichtlich. "Es wächst eine Generation von Jungs und Männern heran, für die es ganz normal ist, über Krankheit und Belastung zu sprechen und damit auch zu einem Arzt zu gehen".

Auch Kurgast Borchert hat im Gesundheitszentrum am Spiegelwald gelernt, besser auf sich aufzupassen. Er hat mit dem Rauchen aufgehört und viel für seinen Rücken getan.

Das Verhältnis zu seinen Kindern ist obendrein noch enger geworden. "Ich hatte eine Heidenangst davor zu fragen, wie die beiden eigentlich die Trennung erlebt haben", sagt er. Mithilfe der Therapeutin gelang das Gespräch endlich.

Der schönste Moment in der Kur sei aber ein anderer gewesen, erzählte er dann noch. "Irgendwann fragte mich mein Sohn, ob ich wisse, wie man einen Superhelden ohne Mantel nennt." Die Antwort lautete: Papa.

insgesamt 123 Beiträge
severus1985 11.09.2017
1. Ich, männlich, 32, war noch nie zur Vorsorge...
... und ich weiß, dass das ganz schlecht ist. Daher danke für diesen Artikel, den ich mal als A***tritt begreife. Wie die Autorin schreibt, mir fehlt der Zugang zum Gesundheitssystem. Ich war seit Jahren nur zum Impfen beim [...]
... und ich weiß, dass das ganz schlecht ist. Daher danke für diesen Artikel, den ich mal als A***tritt begreife. Wie die Autorin schreibt, mir fehlt der Zugang zum Gesundheitssystem. Ich war seit Jahren nur zum Impfen beim Arzt. Ich wüsste in der Tat garnicht genau, wo ich nun zur Prostata-Vorsorge hingehen müsste... Mädchen bekommen dies von ihren Müttern beigebracht (besonders Thema Gynäkologie), bei Jungs ist das in der Tat Tabu-Thema. Ich habe keine Ahnung, ob mein Vater jemals bei der Prostata-Vorsorge war. Na klar, viel ist daran selbstverschuldet, ich könnte mich ja informieren. Aber Informationen aktiv hinterherlaufen ist nunmal das, was viele davon abhält. Da würde ich mir von unserem System doch mal wünschen, dass jeder zu seinem 30. Geburtstag ein Infoblatt bekäme, welche Vorsorgeuntersuchung denn in diesem Alter Sinn machen würde.
so-long 11.09.2017
2. Eigenverantwortung
Warum darauf warten, bis ein Gesundheitspolitiker oder eine Krankenkasse aktiv wird? Gegen 40 Zigaretten täglich ist kein Kraut gewachsen. Hier ist wirklich Eigenverantwortung gefragt! Die kann einem niemand abnehmen. Ein Vorteil [...]
Warum darauf warten, bis ein Gesundheitspolitiker oder eine Krankenkasse aktiv wird? Gegen 40 Zigaretten täglich ist kein Kraut gewachsen. Hier ist wirklich Eigenverantwortung gefragt! Die kann einem niemand abnehmen. Ein Vorteil hat die geringere Lebenserwartung vielleicht: die Entlastung der Rentenkassen. Die eigene Gesundheit ruinieren und auf Andere hoffen, die die Kohlen aus. Dem Feuer holen; das hat noch nie funktioniert.
theresarain 11.09.2017
3. An sich gutes Konzept aber auch seltsame Aussagen
Das beschriebene Konzept (neue Kurmethoden etc.) finde ich gut und, dass Männer zum Arztbesuch oft regelrecht gezwungen werden müssen, kann ich leider auch bestätigen. Vermutlich ist das tatsächlich eine Folge der Rolle, die [...]
Das beschriebene Konzept (neue Kurmethoden etc.) finde ich gut und, dass Männer zum Arztbesuch oft regelrecht gezwungen werden müssen, kann ich leider auch bestätigen. Vermutlich ist das tatsächlich eine Folge der Rolle, die sie spielen müssen/sollen (stark, hart im nehmen). Allerdings ist die Aussage, dass sich die Gesundheitspolitik auf Frauen fokussieren würde, so pauschal doch recht eigenartig. Frauen wurden doch, mit Ausnahme der klassischen Frauenheilkunde sprich alles rund um die Geburt, erst vor kurzer Zeit überhaupt in der Medizin entdeckt und die Forschung hat sich immer noch nicht völlig umgestellt, so dass viele Diagnosen, Medikamente, Medikamentenempfehlungen und sonstigen kurativen Maßnahmen bis heute auf Männer zugeschnitten sind (gut zu sehen z. B. beim Thema Herz). Wenn man nur sagen wollte, dass Frauen durch die regelmäßigen Untersuchungen beim Gyn eher an Arztbesuche gewöhnt sind als Männer, kann ich dem zustimmen. Aber dass unser Gesundheitssystem und unsere Gesundheitspolitik auf Frauen fokussiert wäre, ist einfach falsch.
andreasclevert 11.09.2017
4. Männer können das auch...
...Habe just heute morgen meinen zweijährlichen Check-Up beim Arzt gemacht. Läuft. Das mit der Prostatavorsorge ist gewöhnungsbedürfitg, aber wir Männer, wie der Artikel so schön meint, können ja auch über uns selbst auch [...]
...Habe just heute morgen meinen zweijährlichen Check-Up beim Arzt gemacht. Läuft. Das mit der Prostatavorsorge ist gewöhnungsbedürfitg, aber wir Männer, wie der Artikel so schön meint, können ja auch über uns selbst auch mal lachen. Vorsorge ist schon gut, weil es ohne Vorsorge irgendwann dann mal richtige Sorgen geben kann.
regiles 11.09.2017
5. Immer Fleisch!
Und vor allem brauchen Männer Fleisch. Jeden Tag, zu jeder Mahlzeit. Den Fleisch essen ist männlich! Vor allem das Grillen! Überspitzt, schon klar. Ernährung ist trotzdem ein ganz schwacher Punkt beim Mann. Und ein hoher [...]
Und vor allem brauchen Männer Fleisch. Jeden Tag, zu jeder Mahlzeit. Den Fleisch essen ist männlich! Vor allem das Grillen! Überspitzt, schon klar. Ernährung ist trotzdem ein ganz schwacher Punkt beim Mann. Und ein hoher Fleischkonsum ist nicht gesund. Selbst die Werbung nutzt dieses Klischee von Fleisch = männlich und scheint damit Erfolg zu haben. Also Männer: Esst nur noch halb so viel Fleisch und schon habt ihr allen geholfen: Der Umwelt, den Tieren und nicht zuletzt: Euch.
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